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Lorenz A. hat nächtelang im Online-Casino durchgespielt – und es allen verheimlicht.
Lorenz A. hat nächtelang im Online-Casino durchgespielt – und es allen verheimlicht.
bild: watson
Interview

Vor drei Jahren gewann Lorenz A. im Casino 50'000 Franken – dann folgte die Hölle

28.10.2019, 19:5529.10.2019, 15:18

192'000 Personen in der Schweiz zeigen ein risikohaftes Spielverhalten. Spielende im Online-Bereich gehen dabei besondere Risiken ein. Dies geht aus den neuesten Zahlen einer Studie zum Online-Glückspiel hervor.

Welch verheerende Folgen das Zocken um Geld haben kann und wie auch das Umfeld darunter leidet, zeigt der Fall von Lorenz A.* (39). In einem Online-Casino hat er 200'000 Franken verspielt. Die Sucht hatte nicht nur schwere Auswirkungen auf sein Portemonnaie, auch seine Beziehung und Gesundheit litten.

Seit Juni dieses Jahres ist Lorenz A. clean. Im Gespräch mit watson erzählt er, warum seine Frau meinte, er habe eine Affäre. Er erläutert die perfiden Tricks der Spielindustrie und gibt eine Schätzung ab, wann er wieder schuldenfrei ist.

Wie geht es Ihnen?
Lorenz A.: Es geht mir besser. Ich habe immer noch Ängste und schlafe nach wie vor nicht richtig gut. Und natürlich macht es mich etwas nervös, über das Erlebte zu sprechen. Es war die Hölle. Aber ich sehe endlich ein Licht am Ende des Tunnels.

Wann haben Sie zum letzten Mal gespielt?
Das war Ende Mai. Da war alles zu Ende, ich konnte nicht mehr. Meine 14-jährige Tochter wollte mit einer Kollegin in die Stadt und brauchte etwas Geld von mir. Aber ich hatte nichts mehr, keinen Rappen. Da wusste ich, es muss sich etwas ändern.

«Ich malte mir aus, was für ein schönes Leben ich führen könnte.»
Lass dir helfen!
Das interkantonale Programm «Spielen ohne Sucht» startet heute im Auftrag von 16 Kantonen eine digitale Sensibilisierungskampagne. Mit Kurzfilmen sollen die Risiken und das Suchtpotenzial von Online- Glücksspielen aufgezeigt werden. Für Betroffene und Angehörige steht via www.sos-spielsucht.ch ein kostenloses und anonymes Beratungsangebot zur Verfügung. (cma)

Sie haben alles verspielt und sind tief in die Schulden gerutscht. Wann hat das alles angefangen?
Das war im Jahr 2016. Ich besuchte ein grosses Schweizer Casino, hatte 2300 Franken in der Tasche. An einer Slot-Maschine verzockte ich alles bis auf 600 Franken. Doch dann landete ich plötzlich den grossen Coup. Ich gewann auf einen Schlag 50'000 Franken. Heute wünsche ich mir, ich hätte das Geld damals nie gewonnen. Wäre ich mit leeren Händen nach Hause gegangen, hätte mir dies wohl unzähliges Leid erspart.

Durch den grossen Gewinn waren Sie vermutlich vollkommen euphorisiert ...
Ja genau. Ich malte mir aus, was für ein schönes Leben ich führen könnte, wenn ich jede Woche eine solche Summe gewinnen würde.

Also kehrten Sie am nächsten Tag ins Casino zurück?
Anfangs ging ich noch einige Male ins Casino, ja. Doch wegen Zeitmangels zockte ich bald nur noch online. Noch in der selben Woche spielte ich jeweils bis zwei Uhr morgens an einer Slot-Maschine im Online-Casino. Wegen des Mega-Gewinnes konnte ich mich nicht mehr anhalten.

Und wie lief es da?
Mal habe ich gewonnen, mal verloren. Anfang 2017 war vom Gewinn dann aber nichts mehr übrig. Ich war pleite und nahm bei einer Bank einen Kredit von 50'000 Franken auf, um weiter zu spielen.

«Einmal haben die mich sogar angerufen, um mich ans Spielen zu erinnern.»

Weshalb haben Sie da nicht aufgehört?
Man verliert ja nicht nur. Ich habe online auch mal 8000 Franken mit nur einer Drehung gewonnen. Dann sagt man sich jeden Morgen: «Komm, heute schaffe ich das nochmals!» Hinzu kommt, dass die Online-Casinos einen laufend anstacheln, um weiterzuspielen.

Wie kann man sich das vorstellen?
Wenn ich mal einen Abend lang nicht spielen konnte, schickten sie mir Mails und offerierten Gratis-Runden. Einmal haben die mich sogar angerufen, um mich ans Spielen zu erinnern. Auch Push-Nachrichten habe ich bekommen.

Haben Sie immer beim selben Anbieter gespielt?
Ja, das war ein Online-Casino mit Sitz in London. Ich habe auch immer dasselbe Spiel gespielt. Es heisst «Book of Ra». Ich war völlig verrückt danach. Man gewinnt dort immer wieder Gratis-Runden, deswegen hört man nie auf. Das Spiel funktioniert wie eine Slot-Maschine im richtigen Casino.

Sie haben also einen Kredit aufgenommen, um weiter zu spielen. Wie hat Ihre Familie darauf reagiert?
Nun, meine Frau und Tochter wussten gar nicht, dass ich spiele. Ich habe ihnen erzählt, dass ich den Kredit brauche, um im Süden ein Ferienhaus zu bauen.

«Meine Frau vermutete, dass ich eine Affäre habe.»

Sie haben zehntausende Franken verspielt, ohne Ihrer Frau etwas zu erzählen?
Es war völlig verrückt. Ich führte ein Doppelleben. Morgens um fünf fuhr ich zur Arbeit und schuftete bis 13 Uhr. Danach
setzte ich mich in mein eigenes Auto und spielte auf dem Handy. Oftmals blieb ich auch in der Nacht lange wach, zockte bis um drei Uhr. Mit nur einer Stunde Schlaf schleppte ich mich dann wieder zur Arbeit.

Das muss doch irgendwann aufgeflogen sein ...
Ich habe bei der Arbeit keinen Tag gefehlt. War aber sehr müde und ausgepowert. Ich fuhr 400 Kilometer mit dem Geschäftsauto, ohne etwas zu essen, da ich das Geld fürs Online-Casino brauchte. Meine Frau vermutete, dass ich eine Affäre habe, weil ich oft weg fuhr, um auf dem Handy zu spielen. Ich war ihr und meiner Tochter gegenüber abweisend, konnte nur noch Gefühle fürs Spielen aufbringen.

Sie haben also weitergemacht.
Ja, ich wollte ja irgendwie so schnell wie möglich aus dem Minus kommen. Jeden Tag dachte ich mir: «Heute wird es klappen und ich werde einen grossen Gewinn einfahren». Es war ein Teufelskreis. Irgendwann war alles Geld aufgebraucht. Also bat ich meine Frau, einen Kredit von 56'000 Franken aufzunehmen.

Und das hat sie gemacht?
Ja, ich habe gesagt, ich brauche das Geld für das Ferienhaus. Bald sei es fertig.

«Einmal habe ich in eineinhalb Stunden 10'000 Franken verspielt.»

Vermutlich war auch dieser Kredit irgendwann aufgebraucht ...
Ja, so ist es. Anschliessend habe ich alle Möglichkeiten ausgelotet, um noch irgendwie an Geld zu kommen. Insgesamt habe ich mir neun verschiedene Kreditkarten angeschafft. Die hatten Limits von bis zu 6'000 Franken, so konnte ich noch eine Weile weiterzocken.

Wie hoch war denn Ihr Einsatz pro Runde?
Ziemlich hoch. Ich setzte 50 Franken pro Drehung. Manchmal auch 100. Nur mit einem hohen Einsatz hatte ich auch die Möglichkeit auf einen grossen Gewinn und den brauchte ich ja, um aus den Schulden zu kommen. Einmal habe ich in eineinhalb Stunden 10'000 Franken verspielt.

Sind Online-Casinos gefährlicher als reale Casinos?
Bestimmt. Man sitzt da alleine, kann schreien und sich verhalten, wie man will. Es gibt keine soziale Kontrolle. Man sieht nur Zahlen, kein Geld und verliert jeglichen Bezug zur Realität. Ausserdem kann man immer und überall spielen. Ich will nicht sagen, dass man in den richtigen Casinos in der Schweiz gut geschützt ist. Auch da habe ich mal 12'000 Franken an einem Automaten verspielt. Der Aufseher meinte nur: «Na, läuft heute nicht so.»

Irgendwann waren Sie also komplett am Ende und haben Ihrer Frau die ganze Wahrheit erzählt.
Nun ja, sie hat es eigentlich selber herausgefunden. Im Mai 2019 hat sie einen Brief von Postfinance geöffnet, dort sah sie, wohin das ganze Geld floss. Es war nicht das Ferienhaus ...

Sie blieb dennoch an Ihrer Seite?
Ja, aber die Bedingung war, dass ich mir professionelle Hilfe hole. Das habe ich auch getan.

«Ich bin zum Glück nicht kriminell geworden, obschon ich darüber nachgedacht hatte.»

Apropos Hilfe: Seit diesem Sommer dürfen nur noch Schweizer Anbieter Online-Glücksspiele anbieten. Der Bundesrat argumentierte, damit würden die Suchtgefährdeten besser geschützt. Stimmen Sie dem zu?
Nein. Die Spiele sind ja die gleichen. Im Gegenteil: Bei Schweizer Anbietern fühlt man sich als Spielender sogar noch sicherer, da man davon ausgehen kann, dass ein Gewinn auch ausbezahlt wird. Bei ausländischen Anbietern hört man ja so einiges ...

Sperren für ausländische Online-Geldspiele greifen teilweise nicht
Die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) führt eine Liste mit den Internetadressen, welche aufgrund des neuen Geldspielgesetzes gesperrt werden müssen. Von den fast sechzig Adressen sind aber fast ein Drittel noch zugänglich. Die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESKB) klärt mit den Telekomanbietern ab, wieso die Seiten noch nicht gesperrt sind, wie es beim ESKB auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA hiess. Sie setze zudem eine Frist, bis wann die Sperre durchgesetzt sein muss. (sda)

Sie selber denken gar nicht mehr daran, zu spielen?
Doch, natürlich. Immer wieder. Aber meine Frau hat mir klar gemacht: Entweder Familie oder Spielen. Das führe ich mir immer wieder vor Augen.

Wie lange wird es dauern, bis Sie wieder aus den Schulden raus sind?
Ich bin zum Glück nicht kriminell geworden, obschon ich darüber nachgedacht hatte, als ich wieder einmal kein Geld mehr hatte. Deswegen habe ich meinen Job behalten können. Jetzt bin ich bei der Schuldenberatung. Ich denke, es wird lange dauern, vielleicht drei bis fünf Jahre. Aktuell betragen meine Schulden rund 150'000 Franken. Aber das ist okay so. Ich bin zuversichtlich.

Die heute veröffentlichte Studie zeigt, dass die rund zehn Prozent Suchtgefährdeten die Hälfte aller Einsätze in den Online-Casinos zahlen. Überrascht Sie das?
Nein, überhaupt nicht. Die wollen doch genau solche Kunden wie mich ausbeuten. Deswegen haben die mich ja auch immer daran erinnert, zurückzukommen und weiterzuspielen.

Junge und Einkommensschwache weisen ein besonders problematisches Spielverhalten auf, heisst es in der Studie weiter ...
Das ist ja nur logisch. Wenn man wenig verdient, ist Ende des Monats nach Bezahlen der Rechnungen bereits alles wieder weg. Da sucht man Wege nach dem schnellen Geld. Ausgebeutet werden die Schwächsten.

Welche Massnahmen würden denn helfen?
Ich verstehe zum Beispiel nicht, weshalb Leute mit einem tiefen Einkommen so hohe Limiten bei Kreditkarten bekommen. Das kann nicht sein.

Und von Seiten der Casinos. Was können die besser machen? Leute sperren, die viel Geld ausgeben?
Das wird online ja noch weniger passieren als in den richtigen Casinos. Da ist ja kaum Kontrolle möglich. Ich wünsche mir eigentlich, auch wenn das kaum passieren wird, dass Casinos verboten würden. Da wird das Volk bestohlen, das ist reine Gaunerei. Aber das versteht man erst, wenn man nichts mehr in der Tasche hat.

*Der Betroffene will anonym bleiben, sein Name wurde geändert.

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