Analyse

Das Fliegen lässt ihn nicht los: Ammann peilt die sechste Olympia-Teilnahme an. Bild: AP

Die Wundertüte Simon Ammann ist bereit für ein letztes Ausrufezeichen

Wäre Simon Ammann ein Schweizer Fussballer, die Pfiffe des Publikums würden ihm gelten. Doch das kümmert den vierfachen Olympiasieger nicht. Bei seiner vermeintlichen Abschiedstournee träumt die Skisprung-Legende noch einmal von einer Medaille.

17.11.17, 19:30 18.11.17, 12:23

Rainer Sommerhalder

Für Simon Ammann wird es die letzte Saison sein. Selbst wenn der erfolgreichste Schweizer Winterolympionike solcherlei Ankündigungen in der Öffentlichkeit tunlichst vermeidet, im Interview mit der «Berner Zeitung» sogar darüber philosophiert, welche Voraussetzungen für eine Fortsetzung der Karriere notwendig sind – tief in seinem Herzen dürfte der Entscheid gefallen sein. Oder zumindest seiner russischen Ehefrau Yana so versprochen.

Doch der 36-Jährige will sich im Hier und Jetzt keinesfalls mit dem Thema Rücktritt auseinandersetzen. Er definiert die heute im polnischen Wisla beginnende Saison nicht als Abschiedstournee, sieht sich weder als Ladenhüter im Winterschlussverkauf noch als verstaubte Legende fürs Sportmuseum.

Olympia-Gold Nummer 1 und 2: Ammann bei den Spielen von Salt Lake City 2002. Bild: KEYSTONE

Die Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit tendiert gegen null

Er will in Gedanken angreifen und nicht abtreten. Auch wenn man im letzten Winter angesichts seiner ungenügenden Leistungen beim Rauschen des bissig kalten Hangwinds an der Schanze gelegentlich ein leises «Aufhören!» herauszuhören glaubte. Wäre Simon Ammann ein Schweizer Fussballer, die Pfiffe würden ihm gelten.

Der Toggenburger Bauernsohn liess sich weder von fehlender Weite noch von gnadenlos tiefen Haltungsnoten und erst recht nicht von beissender Kritik beirren. Er bereitet sich mit bewundernswerter Leidensfähigkeit auf seine sechsten Olympischen Spiele vor.

Die Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit tendiert gegen null. Wer einen weiteren Exploit des vierfachen Olympiasiegers voraussagt, wird ausgelacht oder im besten Fall für seinen schrägen Humor gelobt.

Ammann hat noch Steigerungspotenzial

Simon Ammann ist der Weltcup-Auftakt der Skispringer im polnischen Wisla nicht wunschgemäss geglückt. Der Toggenburger schaffte zwar mit der mässigen Weite von 115 m und den schwachen Stilnoten (3 Mal die 17) die Qualifikation für den Wettkampf. Mit einer solchen Leistung würde es ihm am Sonntag allerdings nicht für Weltcuppunkte reichen. Mit dem 36. Rang war er gleichwohl bester Schweizer.

Im Herzen überzeugt

Genauso wenig wie Simon Ammann derzeit über einen Rücktritt spricht, plaudert er über einen Medaillengewinn in Pyeongchang. Er müsse zuerst wieder konkurrenzfähig werden, sagt der zweifache Familienvater kurz angebunden.

Olympia-Gold Nummer 3 und 4: Ammann bei den Spielen von Vancouver 2010. Bild: KEYSTONE

Doch Ammann hat längst Blut geleckt. Bereits am Ende der frustrierenden letzten Saison fand der 36-Jährige für sich Antworten, wie er auf der Schanze wieder auf Weite kommen kann.

Beim Sommer-Grand-Prix präsentierte er seine Fortschritte auch bei der Telemark-Landung. Die Punktrichter belohnten diese mit einem Noten-Upgrade von durchschnittlich 16.0 auf 18.0. Und in den Trainings demonstrierte er zuletzt die schmerzlich vermisste Entschlossenheit. Mit dieser erinnert er langjährige Mitstreiter wie Andreas Küttel oder Berni Schödler an den Simon Ammann aus erfolgreichen Zeiten.

Der alte Kumpel Küttel (rechts) stiess als Berater zurück zum Team. Bild: AP

Es wird offensichtlich: Simon Ammann will in Pyeongchang nicht primär Geschichte als sechsfacher Olympiateilnehmer schreiben, sondern ein letztes Ausrufezeichen hinter seine Karriere setzen. Der Ehrgeiz ist ungebrochen, seine Detailbesessenheit legendär. «Simi» hat einen Medaillengewinn bei Olympia als realistisches Ziel vor Augen.

Und im Gegensatz zu den letzten zwei Wintern, als er mit seinem Zweckoptimismus ein einsamer Rufer in der Wüste blieb, bestätigen Bezugspersonen die Legitimation der wiedererwachten Ambitionen. Selbst Österreichs erfolgsverwöhnten Topspringer staunten dem Vernehmen nach über Ammanns Leistungen beim gleichzeitigen Trainingskurs in Oberstdorf.

Im Skispringen geht es bisweilen rasend schnell

Selbstverständlich wäre es vermessen, den Schweizer Skisprung-Evergreen in seiner 21. Saison nun zum Olympiafavoriten hochzustilisieren. Zu eklatant war sein Rückstand auf die Weltspitze im letzten Winter. Doch in der Psychosportart Skispringen geht es manchmal schnell, ist der Weg vom Überflieger zum Hinterherhüpfer so kurz wie in keiner anderen Disziplin.

Die Lust ist ungebrochen, die Suche nach der Vollendung treibt Ammann an. Bild: KEYSTONE

Dutzende von einschneidenden Regeländerungen trugen das ihre dazu bei, die Ranglisten in regelmässigem Abstand neu zu schreiben. Ammann ist bei weitem nicht der einzige Topspringer, der sich vorübergehend ins Nirgendwo verabschiedet hat. Aber vergessen wir nicht: Sein letzter Sieg im Weltcup liegt erst drei Jahre zurück.

Bei Simon Ammann scheint jederzeit alles möglich. Genau das macht ihn im Schweizer Sport einzigartig. Also geniessen wir seine Abschiedstournee – so oder so.

Neuer Modus

Die gewichtigste Änderung betrifft in dieser Saison für einmal nicht das Material, sondern den Modus. Neu sind die Top Ten des Weltcup-Zwischenklassements nicht mehr automatisch für den Wettkampf qualifiziert. Jeder hat zur Qualifikation am Vortag anzutreten, um sich die Startberechtigung mit einer Klassierung unter den besten 50 holen. Diese Änderung wird die Besten insbesondere während der Vierschanzentournee nerven. Die Möglichkeit, einen Ruhetag einzuschalten, entfällt. (sda)

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