Interview
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Interview

Beat Zemp: «Entscheide junger Lehrer werden von überkritischen Eltern hinterfragt»

Der oberste Lehrer der Schweiz, Beat Zemp, spricht im Interview über Helikoptereltern, Druck und was eine Klageflut stoppen kann.

Yannick Nock - Schweiz am Wochenende



Beat Zemp, Praesident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer LCH, lanciert zusammen mit Vertretern verschiedener Arbeitnehmerorganisationen die Initiative

Lehrerpräsident Beat Zemp. (Archiv). Bild: KEYSTONE

Herr Zemp, ist der Druck auf Lehrer vonseiten der Eltern in den letzten Jahren stark gestiegen?
Beat Zemp: Eindeutig, das höre ich von allen Seiten und über alle Kantone hinweg. Eltern streiten sich heute schneller mit Lehrpersonen als noch vor zehn Jahren. Wenn ihnen etwas nicht passt, reklamieren sie.

Was sind die Folgen?
Man muss heute viel genauer dokumentieren, wie der Leistungsstand jedes Kindes ist. Eine Prüfung wird nicht einfach korrigiert und zurückgegeben, sondern man kopiert sie und legt sie ab. Wenn eine Bewertung angefochten wird, muss schliesslich alles gut dokumentiert sein. Das führt zu deutlich mehr administrativem Aufwand.

Es ist doch gut, wenn sich Eltern um die Leistung der Kinder sorgen. 
Natürlich, dafür habe ich auch volles Verständnis, schliesslich geht es um die Schulkarriere ihres Nachwuchses. Eltern wollen wissen, wie eine Note zustande gekommen ist oder warum man einen Übertritt ans Gymnasium nicht empfiehlt. Weniger Verständnis habe ich allerdings, wenn erzieherische Massnahmen angefochten werden, sei es beim Verhalten in der Pause, Umgang mit dem Handy oder bei der Erreichbarkeit von Lehrpersonen und Schulleitern. Wir müssen den Schulbetrieb aufrechterhalten und können nicht auf alle Sonderwünsche eingehen.

Welches sind die Streitpunkte?
Oft geht es um Übertrittsentscheide an weiterführende Schulen, aber auch um einzelne Prüfungen oder Teilnahme an Klassenlagern und am Schwimmunterricht.

Eine Studie kommt zum Schluss, dass Lehrer in der Schweiz im internationalen Vergleich einen tiefen Status geniessen. Hat der Respekt abgenommen?
Ich bin seit 35 Jahren Lehrer und empfinde das persönlich nicht so. Doch gerade Entscheidungen von jungen Lehrpersonen werden von überkritischen Eltern hinterfragt oder nicht akzeptiert, auch wenn sie völlig korrekt sind. Das kann belastend sein. Vor dem ersten Elternabend haben viele Berufsneulinge schlaflose Nächte.

Sind Eltern ein häufiger Kündigungsgrund für Lehrer?
Wir machen regelmässig Umfragen zur Berufszufriedenheit. Ein entscheidender Faktor für einen Verdruss sind nörgelnde Eltern, die alles infrage stellen. Man kennt sie auch unter dem Begriff der Helikoptereltern. Sie überwachen jeden Schritt ihrer Kinder. Trotzdem sind mir diese Eltern immer noch lieber als jene, die sich gar nicht um den schulischen Erfolg ihrer Kinder kümmern.

Klingt, als machten Eltern in Ihren Augen vieles falsch.
Nein, dabei handelt es sich glücklicherweise um eine kleine Minderheit. Es gibt viele «critical friends», also Eltern, die kritisch hinschauen, aber grundsätzlich hinter dem öffentlichen Bildungssystem stehen. Sie hinterfragen Entscheide, äussern dabei aber konstruktive Kritik.

Im Kanton Zürich gab es dieses Jahr so viele Anfechtungen wegen des Übertritts ins Gymnasium wie noch nie. Wie erklären Sie sich die Entwicklung?
Ich kenne die Details nicht. In Zürich ist allerdings die Aufnahmeprüfung alleine entscheidend für den Übertritt ans Gymnasium. Vielleicht ist das ein Grund, denn es entscheidet die Leistung an einem einzigen Tag, mit allen Vor- und Nachteilen. Ich persönlich befürworte eine Kombination aus Prüfung, Vornoten und Empfehlungen der Lehrpersonen.

Der Kanton Freiburg hat die Rekursmöglichkeiten eingeschränkt. Erzieherische Massnahmen, die Ablehnung von Urlaubsgesuchen oder Noten, die nicht entscheidend sind, können Eltern nicht mehr anfechten. Eine gute Idee?
Das ist sicher eine Möglichkeit, die Flut von Rekursen einzudämmen. Allerdings muss es immer die Option für Einsprachen geben, wenn es um Übertritte und Abschlussprüfungen geht. Das ist ein wichtiges Gegenmittel zur Macht der Schule.

Welche zusätzlichen Massnahmen schlagen Sie vor?
Wir brauchen in den Kantonen unabhängige Ombudsstellen, an die sich Eltern wenden können, wenn Sie sich ungerecht behandelt fühlen. So könnten Konflikt frühzeitig gelöst und eine Eskalation verhindert werden.

Wie sollen Pädagogische Hochschulen in der Ausbildung neuer Lehrer mit den Erwartungshaltungen der Eltern umgehen?
Ein Pflichtmodul «Elterngespräch» macht in meinen Augen Sinn. Ich begrüsse es sehr, dass viele Pädagogische Hochschulen mittlerweile ein starkes Augenmerk auf die Elterngespräche legen und die angehenden Lehrer gut auf diese Situation vorbereitet werden. Auch dadurch lassen sich viele Situationen frühzeitig entschärfen. (aargauerzeitung.ch)

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    Alle Leser-Kommentare
  • nass 23.09.2018 10:56
    Highlight Highlight Gott sei dank haben wir bisher insgesamt zehn ziemlich problemlose Schuljahre mit unseren drei Kids hinter uns. Die allermeisten Lehrpersonen die wir bisher kennengelernt haben, haben einen guten Job gemacht. Aber Ausnahmen gibt es und die können einem das Leben mächtig schwer machen. Und leider ist es hier immer noch so, dass man dem ziemlich ausgeliefert ist und nicht einfach die Schule oder die LP wechseln kann. Daher Schulwahlfreiheit einführen, dann wird sich einiges ändern. Aber solange die Schule ein "geschützter Arbeitsplatz" ist wird sich nichts ändern.
  • dorfne 23.09.2018 09:59
    Highlight Highlight Als ich in den 60zigern in der Primar war, haben Lehrer Ohrfeigen gegeben. Es genügte, beim Turnunterricht aus dem Tritt zu stolpern. Der Pfarrer im Religionsunti hat geschlagen. Da wurden offen Frust und Sadismus ausgelebt. Wer in einem Fach Mühe hatte wurde nicht gefördert sondern vor der Klasse fertiggemacht und bei den Eltern mit Aussagen wie, aus dem wird nie was, oder ihr Kind hat einen schlechten Charakter zur Schnecke gemacht. Und die Eltern: Erzähl uns nie, dass der Lehrer dich geohrfeigt hat, sonst bekommst Du von uns auch noch Eins. Und heute? Von einem Extrem ins andere!
  • Matti_St 23.09.2018 00:11
    Highlight Highlight Och, ich kenne junge Lehrer, gut aussehende und südländischer Typ, die haben gar keine Probleme mit den ~Eltern~ Mütter.
    • ChlyklassSFI 23.09.2018 09:30
      Highlight Highlight Wieso soll das Aussehen wichtig sein?
    • Matti_St 23.09.2018 11:00
      Highlight Highlight Frag nicht mich, ist mir aufgefallen bei den Elternabend und durch, doch, einige Väter. Bei anderen LehrerInnen war der Elternabend oft eher ein Schlachtfeld. Bei diesen beiden war es ein gekichere.
  • Der Bademeister 22.09.2018 23:08
    Highlight Highlight Wir leben in einem Rechtsstaat dieser macht Gott sei Dank vor der Schule nicht halt.Das unabhängige Ombutsstellen bis heute in den Kantonen fehlen liegt am Widerstand der Schulleiter, Schulpflege und auch Lehrer.Das Modell „Freiburg“ wird vor dem Bundesgericht nicht gestützt werden, sollten Eltern sich dagegen wehren.
  • JackMac 22.09.2018 22:46
    Highlight Highlight Das Problem stellt sich, dass alle Lehrer und Lehrerinnen mit administrativem Schwachsinn zugedeckt werden.
    Alles muss immer nachvollziehbar sein.
    Die Eltern sollen quitieren, wenn die Schüler einen Eintrag für Nonsens wie auf Bäume klettern oder Geländer runterrutschen kriegen, alle Prüfungen unterschreiben, aber dies blind und ohne zu hinterfragen.
    Ich unterschreibe nichts, ohne den Sachverhalt geprüft zu haben. Ein Feedback ist nicht erwünscht.Führt standardisierte Notengebung ein. Es kann nicht sein, dass alles Prüfungen in der alleinigen Kopetenz der Notengebung der Lehrer liegen.
    • kafifertig 23.09.2018 00:56
      Highlight Highlight Die höchst willkürliche Notengebung an den Schweizer Schulen sind wirklich ein pädogogisches Desaster. Sie machen unser Schulwesen sehr viel schlechter als es sein könnte.
    • Chamael 23.09.2018 01:23
      Highlight Highlight Gibts bereits - nennt sich Stellwerktest und Gymiprüfung.
    • kafifertig 23.09.2018 11:52
      Highlight Highlight @Chamael
      Stellwerktest und Gymiprüfung haben mit standardisierten Prüfungen im ordentlichen Unterricht etwa soviel gemeinsam, wie ein Leichenschmaus mit einem Pausenapfel.
  • kafifertig 22.09.2018 20:17
    Highlight Highlight Zemp: «Entscheide junger Lehrer werden von überkritischen Eltern hinterfragt»

    Umkehrschluss: Zemp hält Eltern, die das Tun von Lehrern hinterfragen, für "überkritisch". Das wäre als deutlich totalitäre Haltung wenig passend im basisdemokratischen Land Schweiz.

    Lehrer, die ihre padägogischen und didaktischen Vorgehensweisen und insbesondere auch ihre Notengebung schlüssig und nachvollziehbar darlegen können, stossen fast nie auf "überkritische" Eltern, sondern auf Verständnis und Unterstützung, so meine Erfahrung.

    Dumm nur, dass die Mehrheit der Lehrer dazu nicht imstande ist.
    • Maracuja 22.09.2018 20:39
      Highlight Highlight @kafifertig: so meine Erfahrung

      Und wie breit ist denn diese Erfahrung? Waren/sind Sie Schulleiter, Schulpfleger, selbst Lehrer? Oder besteht Ihr Erfahrungsschatz nur aus den Begegnungen mit den Lehrern ihrer Kinder?
    • Stirber 22.09.2018 21:18
      Highlight Highlight @kafifertig.. Dieser Umkehrschluss kannst Du so nicht ziehen.. Denn ein paar Zeilen weiter steht, dass däfies nur die Minderheit sei, es gäbe sehr viele Eltern die grundsätzlich hinter dem Bildungssystem stehen und ihre Kritik konstruktiv formulieren.
      Für mich kam es in Interview wirklich so rüber, wie Herr Zemp nir die "überkritischen" Eltern kritisiert, also die Eltern welchen man nichts recht machen kann.. Und nich alle Eltern welche ein wenig kritisch sind!
    • FrancoL 22.09.2018 23:32
      Highlight Highlight @kafifertig; Deine Erfahrung scheint sehr singulär zu sein. Überkritische Helikoptereltern machen vor keiner Lehrperson halt, wenn sie ihre Schützlinge schützen wollen.
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