Gesellschaft & Politik
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Es darf auch etwas mehr sein: Nicht nur Politiker tricksen mit Spesen

Weshalb die Spesen dazu verlocken, zu tricksen – und was die Abrechnungen über uns aussagen.

Annika Bangerter / ch media



Ein Restaurant, irgendwo in der Schweiz: Zwei Personen tafeln zusammen, bestellen die Rechnung. Jeder bezahlt seinen Anteil und lässt sich vom Kellner die Quittung geben. Sie sind Kollegen, arbeiten beim gleichen Unternehmen. So weit so gewöhnlich. Kurz darauf wird allerdings ein Dritter stutzig. Er ist Chefsekretär und geht die Spesenabrechnungen der Angestellten durch. Dabei fällt ihm auf: Eine der Quittungen mit dem geforderten Betrag kennt er bereits. Beide Mitarbeiter stellten nicht nur ihren Anteil des Essens in Rechnung – sondern jeweils den Gesamtbetrag.

Über Spesenabrechnungen sind in diesem Jahr nicht nur die beiden Angestellten eines mittelgrossen Unternehmens gestolpert. Die Exzesse der Genfer Stadträte trieben Bürgerinnen und Bürger auf die Strasse und weckten das Interesse der Staatsanwaltschaft – sie hat Strafverfahren wegen ungetreuer Amtsführung eingeleitet.

Untersuchungen finden auch auf der geografisch gegenüberliegenden Seite der Schweiz statt: Drei Mitarbeiter der Universität St. Gallen (HSG) werden unter die Lupe genommen. Und auch Verteidigungsminister Guy Parmelin versprach diese Woche, dass der Kräuterschnaps beim Armeekader nicht mehr gleich üppig weitersprudelt.

Ein Weisser-Kragen-Delikt

Thomas Knecht ist Leitender Arzt der forensischen Psychiatrie in Appenzell Ausserrhoden und verfasst Gutachten von Wirtschaftskriminellen. Er sagt, dass Spesenbetrug die «niederschwelligste Art der Weisse-Kragen-Delinquenz» sei. Diese wird auch Kriminalität der höheren Schichten genannt. Denn die Täter oder Täterinnen haben Kaderstellen oder hohe Posten inne. Ihre Positionen verschaffen ihnen Vertrauen – das sie schliesslich missbrauchen.

Der Hang zum Tricksen bei Spesenabrechnungen steckt allerdings auch in manchen gewöhnlichen Mitarbeitern. Ob Kader oder Belegschaft: Die Dreistigkeit nimmt in der Regel schleichend zu. Begünstigt wird diese durch ein offen formuliertes Spesenreglement und eine schwache Kontrolle. Knecht sagt: «Wer sich von der Grau- in die Tabuzone begibt und keine negativen Konsequenzen erfährt, wird mutiger.» Wer also anfänglich bei den abgerechneten Kilometerzahlen der Autofahrten trickst, führt irgendwann die Partnerin in ein Restaurant – und deklariert den Abend als Geschäftsessen. Bis der Champagnerkorken knallt ist es dann nur noch ein kleiner Schritt.

Spesen sind auch Psychogramm

Doch wie viele Mitarbeiter haben schon ihre Spesen in die Höhe geschraubt – und welcher Schaden entsteht dadurch bei Schweizer Unternehmen? «Die Anzahl Fälle von Spesenbetrug ist nicht bekannt. In der Regel werden die Fälle firmenintern untersucht und es kommt nicht zu einer Strafanzeige», sagt Claudia Brunner. Sie leitet den Studienbereich Wirtschaftskriminalistik an der Hochschule Luzern. Anhaltspunkte würden internationale Studien liefern, sagt sie: «Gemäss dem ‹Report to the Nations› macht Spesenbetrug in Westeuropa 13 Prozent der Mitarbeiterdelikte aus.»

Einem Betrug auf die Schliche zu kommen, sei nicht einfach, sagt ein Chefsekretär. «Es ist eine Minderheit, die betrügt. Aber es wird gemacht, das ist klar.» Er geht davon aus: Einige tricksen ab und zu, andere gehen systematisch vor. «Wenn man es allerdings in grossen Zügen machen will, wird es aufwendig», sagt er.

Wer wie er regelmässig die eingegebenen Quittungen prüft, kommt zum Schluss: «Anhand der Spesenabrechnung sieht man, wie einer tickt.» Er hat sie in vier Typen eingeteilt: Der Erste, chaotisch veranlagt, macht sie nie. Der Zweite ist korrekt. Der Dritte rechnet auch eine Autofahrt von drei Kilometern ab, für die er knapp zwei Franken zurückerstattet bekommt. Und der Vierte, der trickst.

Das bestätigt auch ein Geschäftsleitungsmitglied, das regelmässig die Spesen prüft. Ihm falle auf, dass die jüngeren Mitarbeitenden in der Regel sorgfältiger und pflichtbewusst abrechnen. Bei den über 40-Jährigen falle es «eher nonchalant» aus. Verstösse gegen das Spesenreglement kämen vor. Zuweilen nach dem Motto: «Rausholen, was geht». Oftmals aber auch, weil «die jeweiligen Personen nicht allzu weit überlegt haben», wie er sagt.

Als Beispiel nennt er einen Mitarbeiter, der aus beruflichen Gründen auswärts übernachten musste. Er hat sich bei einer Verwandten einquartiert, die zufälligerweise in diesem Ort wohnt. Zum Dank lud er zu einem üppigen Nachtessen. Am Schluss präsentierte er dem Unternehmen eine Rechnung über 500 Franken. Ein Hotelzimmer wäre deutlich günstiger ausgefallen.

Die eigene Inszenierung

Psychiater Knecht sagt, dass es sich bei missbräuchlichen Spesenabrechnungen oftmals nicht nur um «eine schnöde Bereicherung» handle. Gerade wenn das Geld für gesellige Anlässe ausgegeben wird. Vielmehr gehe es dabei um Selbstdarstellung. Um eine Machtdemonstration.

Die psychologische Fachwelt nennt dies den Potlatch-Effekt. Der Begriff bezeichnete ursprünglich Gastmahle, die ein indianischer Häuptling gab, um seine eigene Herrlichkeit zu zeigen. «Dieses Verhalten lässt sich bis heute beobachten. Für ausgewählte Kreise werden üppige Happenings ausgerichtet, um sich selbst als grosszügigen Gastgeber zu inszenieren», sagt Knecht. Nur: Für die Kulanz zahlen am Schluss die Firmen- oder Staatskassen. (aargauerzeitung.ch)

Nach dem Skandal nehmen auch die Spesenritter Loro & Nico ihre Ausgaben unter der Lupe:

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    Alle Leser-Kommentare
  • Leider Geil 17.11.2018 22:05
    Highlight Highlight "Der Zweite ist korrekt. Der Dritte rechnet auch eine Autofahrt von drei Kilometern ab, für die er knapp zwei Franken zurückerstattet bekommt."
    Also ich versteh den unterschied zwischen 2. und 3. nicht bzw. Was am dritten nicht korrekt sein soll? Wenn er auch 3km fährt ist das doch korrekt, dass er entschädigt wird. Und am ende sind 100 mal 3km auch 300km, auch auf längere zeit verteilt.
    Im übrigen sind 70 Rp/km üblich und bei 3km sind das 2.10 und nicht knappe 2.- bei 300km dann 210.-. Warum schenken wenn man auch nichts geschenkt bekommt?
  • Tom Scherrer (1) 17.11.2018 20:40
    Highlight Highlight Sowas kann und will ich nicht verstehen - eine absolute Frechheit.

    Jeder Arbeitnehmer hat eine Sorgfaltspflicht! Verstoss er absichtlich, bösartig, wider Treu und Glauben dagegen, so ist er ersatzpflichtig.

    Die Herren Politiker Erhalten ein anständiges Gehalt und haben sicher die Möglichkeit, den Schaden wieder zurüchzuzahlen - falls nicht auf freiwilliger Basis, dann unter Anlage stellen.

    Frechheit. meinem Kleinen würde ich bei so einer Verarsche sagen - gooots no! Hoi! - aber sowas von bullshit.
  • L4c3 17.11.2018 16:04
    Highlight Highlight Komisch, ich zähle mich zum 3. Typ und das ist meiner Meinung nach korrekter als derjenige der ab und zu was aufschreibt. Ich sehe es als Lohnbestandteil auch wenn es ab und zu pauschal mehr zurück erhält.
  • Garp 17.11.2018 13:39
    Highlight Highlight Hach ja, wenn ich da an meinen Papa denke, der hat jeden Rappen getreu abgerechnet und jeden Kilometer vom Auto und hatte dann trotzdem ständig Ärger mit dem Steueramt, bei den Abzügen, weil er das Auto beruflich brauchte.
  • Frank_Zapper 17.11.2018 13:32
    Highlight Highlight Es ist wirklich bedauerlich, wie jetzt hier versucht wird vom eigentlichen Thema abzulenken. Da bereichern sich Politiker, die die Bürger des Landes vertreten sollten. Es ist etwas total anderes, wenn sich jemand an Steuergeldern bereichert, welche aus dem Volk stammen. Damit nimmt man dem Staat die Mittel Dinge wie Autobahnen oder Kitas etc. zu bauen. Wenn hingegen ein hart arbeitender Bürger hin-und wieder versucht etwas bei den Steuern zu sparen, schadet das keinem. Auf die Politiker sollte besser geachtet werden, nicht auf den unbescholtenen Bürger.
    • Sigmund der Allwissende 17.11.2018 14:28
      Highlight Highlight Haben wir nicht genügend Autobahnen und Kitas lieber Frank? Gerade in einer Zeit, in der das Militär um jeden Franken kämpfen muss und der Schweizer Armee nur veraltete Panzer und Flugzeuge zu Verfügung stehen, sollte man doch dem VBS mehr Geld zusprechen!?
    • Garp 17.11.2018 15:10
      Highlight Highlight Autobahnen ja, Kitas nein. Ihr zwei, seid ihr dieselbe Person?
    • Brothamster 17.11.2018 16:26
      Highlight Highlight Ist der Bürger denn noch unbescholten, wenn er bei den Spesenabrechnungen schummelt?
    Weitere Antworten anzeigen
  • wolge 17.11.2018 13:28
    Highlight Highlight Gerade in den Geschäftsleitungen immer wieder azutreffen: Jedes Jahr das neuste iPhone, ein Notebook ein Pad und jegliches Zubehör. Kaum geht was verloren wird auf Firmenkosten nachbestellt etc.
    • Madison Pierce 17.11.2018 14:27
      Highlight Highlight Das ist manchmal nicht gegen das Spesenreglement. Es gibt Firmen, die einen Teil der Dividende in "Naturalien" auszahlen. Weniger Gewinn für die Firma => weniger Gewinnsteuern. Und der Mitarbeiter bezahlt weniger Einkommenssteuern. Die MWST spart man auch gleich.

      Geht aber zum Glück nur im kleinen Rahmen, da die MWST-Prüfung auf solche Fälle achtet. Kann dann teuer werden.
    • dmark 17.11.2018 15:11
      Highlight Highlight Das sind meist nur "Betriebsmittel" und gehören den Leuten eigentlich gar nicht selbst. Das ist "im Besitz der Firma". Die Leute dürfen das Zeugs nur "benutzen".
  • arpa 17.11.2018 13:14
    Highlight Highlight Und ich habe ein schlechtes Gewissen dass ich 30 franken pauschal für den zmittag auswärts bekomme und meist 20 brauche.. das geschäft will mir aber die 30 bezahlen ☺️. Bin aber in der untersten stufe des betriebs..
    • flexodietrich 17.11.2018 13:53
      Highlight Highlight Also da brauchst du nun wirklich kein schlechtes Gewissen zu haben. Ich arbeite meist im Ausland und habe 57.- zur Verfügung. Ob ich alles oder nichts ausgebe ist mir überlassen.

      Schau, dass es ein gutes Mittagessen ist und werde kein Rappenspalter 😂
    • Roman h 17.11.2018 15:46
      Highlight Highlight Wie wäre es mit mehr essen
      Das gibt zwar Bauchweh aber dafür haben Sie kein schlechtes gewissen.
  • flying kid 17.11.2018 13:11
    Highlight Highlight Nun ja, in der Privatwirtschaft ist mir das eigentlich herzlich egal.
    Aber bei Politikern sinds einfach unsere Steuern.
    Und sie wollen ja immer die Volksvertretung sein...
    • Trasher2 17.11.2018 13:29
      Highlight Highlight Die Spesentrickserei in der Privatwirtschaft ist ein Teil des Geldes, welches den Büezern nicht für Lohnerhöhungen bezahlt werden kann.
      Für mein Moralverständnis ist auch das störend.
    • remostussy 17.11.2018 14:01
      Highlight Highlight Das ist so nicht ganz korrekt. Sofern das Spesenreglement von der Steuerverwaltung abgesegnet wurde sind Spesen steuerlich abzugsfähige Aufwände. Da wir aber eher tiefe Steuersätze haben macht das nicht so viel aus. Aber in der Masse kommt vermutlich schon was zusammen.
    • w'ever 17.11.2018 14:01
      Highlight Highlight aber eigentlich darf es dir nicht egal sein.
      ich nehme mal an, dass auch du in der privatwirtschaft arbeitest. was passiert, wenn deine vorgesetzten über die strenge schlagen mit dem spesen? die personal kosten werden folglich zu hoch, und das kader, oder die über dir gestellten, werden wohl seltener gekündigt, als du und ich auf der unteren stufe.
    Weitere Antworten anzeigen
  • The Writer Formerly Known as Peter 17.11.2018 13:11
    Highlight Highlight Wenn das Geld rausgehauen wird, verdient der Staat trotzdem. Nämlich bei der Steuer der Gaststätte oder des verkaufenden Unternehmen. Ausserdem werden Arbeitsplätze gesichert.

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