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Veganismus & Co.: 100 oder 0 - Eine Anspruchshaltung macht uns krank

Bild: Shutterstock

Fleischkonsum, ökologischer Fussabdruck, Konsumverhalten, Essen, Sport: Ist man nicht zu 100% konsequent, folgt oft die gesellschaftliche Ächtung. Doch wer ist schon überall konsequent? Und was ist mit der Lebensqualität als Faktor? Bringt ein Shaming in eine Lebensweise, die nur noch unangenehm ist, uns als Gesellschaft wirklich weiter? Ein Text über Schuld und Verantwortung.



Dieses Thema begleitet mich in Gedanken schon länger, doch fehlte mir bisher der richtige Einstieg. Vor ein paar Tagen fand ich ihn nun. Ich las seit Langem wieder einmal eine spezifische Aussage, die ich x-fach in meinem Leben gelesen und die mich stets irgendwie gestört hatte, die aber oftmals grossen Zuspruch erntete.

Es handelt sich um die Aussage, wer im Fastfood-Laden ein Menü bestelle, mache sich lächerlich, wenn er eine Cola Light dazu bestelle. Für mich machte das nie Sinn.

Mittlerweile lässt sich dieses Prinzip auf viele Auseinandersetzungen in Bezug auf den Alltag anwenden, worauf ich in dieser Kolumne eingehen möchte.

Aber zurück zum Ursprung und der Logik der Aussage, wenn man schon zum Fastfood-Shop gehe, sei es lachhaft, eine Cola Light zu bestellen. Die Tatsache, dass gewisse Menschen Cola Light oder Zero schlicht lieber haben als normale Cola (ich gehöre zu diesen Menschen), lasse ich aus der Argumentation absichtlich weg.

Gehen wir also von einem Klassiker-Menu beim goldenen M aus. Ein Menu medium enthält 5 Deziliter Softdrink. Wählt man eine reguläre Cola, enthält diese 210 Kalorien. Ein künstlich gesüsstes Pendant wie Light oder Zero hat hingehen 0 Kalorien. Der Burger hat 500 Kalorien, medium Pommes 450 Kalorien. Menu mit normaler Cola = 1160 Kalorien, Menu mit Cola Light = 950 Kalorien. Das sind knapp 20% weniger Energiezufuhr.

Was daran soll nun bitte lächerlich sein?

Jaja, ich höre bereits die Stimmen «Cola Light ist genauso schädlich wie normale Cola» oder «Man geht halt eben gar nicht in einen Fastfood-Laden». «Man» darf genau DAS machen, was «man» will. Was du sagen willst, ist dass DU nicht in einen Fastfood-Laden gehst.

Und hier komme ich bereits zur Verallgemeinerung des Beispiels. Die öffentliche Debatte (die ich an sich für etwas sehr Gutes halte) leidet hier unter zwei Einflüssen: Einerseits dem Glauben der Beteiligten, andere Menschen sollten das gleiche Lebensmodell wie sie leben, andererseits an einer schädlichen Form des Whataboutismus.

Schreibt jemand «Ich esse nur noch sehr wenig Fleisch», kommt «Du solltest GAR kein Fleisch essen». Schreibt er «Ich esse nun vegetarisch», kommt «Du solltest vegan essen». Ist es nicht gut, dass jeder dort Einbussen macht, wo es ihm möglich ist? Wenn jemand komplett vegan leben möchte, finde ich das grossartig. Da bin ich – selbst Fleischfresserin – anderer Meinung als viele meiner Genossen: Wenn es um die moralische Debatte um Fleischkonsum geht, wird der Veganer immer gegen mich gewinnen. Genauso, wie jemand, der ein Auto hat, in der Auto vs. ÖV-Debatte gegen mich (strikte ÖV-Benutzerin) verlieren wird.

Trotzdem: Ist denn nicht jeder Schritt ein guter Schritt? Ist nicht jede Einschränkung eine gute Einschränkung, wenn sie zur Gesundheit der Gesellschaft und des Planeten beiträgt? Manchmal dünkt es mich, als gebe es für gewisse Leute nur den totalen Hedonismus und die totale Askese. Aber halt nur in den Bereichen, in denen sie sich «clean» verhalten. Sich selbst hinterfragen sie selten, denn niemand (!) lebt komplett ohne irgendeinen Fussabdruck. Ich habe mich schon selbst dabei ertappt, wie ich Menschen bei der Kritik an meiner Lebensweise nach dem Gerät fragte, auf dem sie diese Kritik verfassten, nur um zu beweisen, dass «DU IMFALL AU NÖD PERFÄKT BISCH!!!».

Letztendlich bringt dieser Whataboutismus niemandem auch nur das kleinste bisschen. Genauso wie es nichts bringt, in der Diskussion über Massentierhaltung mit irgendwelchen «Aber was ist mit …?»-Phrasen daher zu kommen. Meist kommen ebensolche nämlich von Menschen, die sich ertappt fühlen (siehe ich, oben).

Ein sorgsamer Umgang mit der Welt ist – so glaube ich – immer gutzuheissen.

Dazu kommt meines Erachtens auf der anderen Seite die Komponente der Lebensqualität für das Funktionieren einer Gesellschaft. Die Zufriedenheit wird als Faktor oft ausgeblendet, dabei glaube ich, dass positive zwischenmenschliche Dynamiken sehr wohl zu einem besseren Gesellschaftsklima beitragen – und letztendlich wahrscheinlich sogar zur Bereitschaft, die Welt mittels gesünderem Verhalten zu pflegen (für diese These habe ich aber keinerlei Belege). Menschen in ein Lebensmodell hinein zu «shamen», das sie komplett unglücklich macht, bringt uns als Gesamtheit letztendlich wahrscheinlich wenig weiter (das merkt man auch den Debatten an, in denen ob des drohenden Verlusts des wöchentlichen Grillgüggelis der emotionale Supergau stattfindet).

Ich würde mir wünschen, dass wir die Menschen bewundern, die sich für eine bessere Welt bewusst einschränken. «Aber diese Veganer, die sind so penetrant». Jaja, es gibt welche, die das sind. Und es gibt auch Fleischfresser, die penetrant anti-vegan sind. Ich kann nur nochmal sagen, rein ethisch haben die Veganer recht. Vielleicht lohnt es sich, zu hinterfragen, wie viel unserer Abwehrreaktion (damit meine ich auch mich) mit dem tatsächlichen Penetrant-Sein zusammenhängt und wie viel damit, dass wir uns ertappt fühlen. Auch hier glaube ich, dass es weder vollumfänglich das eine, noch das andere ist.

Wie ich schon einmal schrieb: Schuld gibt man, Verantwortung übernimmt man. Also beginnt man am besten bei der eigenen Nase, was das Zuschieben des einen und die Übernahme des anderen angeht.

Schuld: Ich werde mich immer freuen, wenn jemand den Zug nimmt und das Auto zuhause lässt. Ich werde andererseits niemanden angreifen, der das Auto nimmt, weil er so eine halbe Stunde Zeit spart. Und selbst wenn er gar keine Zeit gewinnt und es einfach bequemer findet: Vielleicht macht er anderswo willentlich Einbussen, die ich nicht mache. Und mein Büechli ist ganz ehrlich nicht rein genug, um ihm wegen seiner Bequemlichkeit Vorwürfe zu machen.

Verantwortung: Ich habe mir meinerseits vorgenommen, immer öfter auf Fleisch zu verzichten und Alternativen auszuprobieren (wenn man, wie ich, in jedes Gericht haufenweise Chnobli, Zwiebeln und Chili schmeisst, macht das bei gewissen Menus gar keinen so grossen Unterschied mehr). Ich habe mir vorgenommen, praktisch vollständig aufs Fliegen zu verzichten. Ich kaufe Leder nur noch Second-Hand, wenn überhaupt.

Sie sehen, es geht mir hier um eine gesunde Herangehensweise an ein vielschichtiges gesellschaftsgesundheitliches Problem: Anstatt den anderen in den Bereichen anzugreifen, die er nicht im Griff hat, und mich mit Gegenschlägen zu verteidigen, indem ich die Bereiche unterstreiche, die bei mir «clean» sind, wünsche ich mir Lob für Einschränkungen anderer in Bereichen, die bei mir kranken, und gleichzeitig, diese krankenden Teile selbst zu erkennen und vielleicht kleine Babyschrittchen zu machen, da ein bisschen besser zu werden.

So dass wir alle noch immer nicht perfekt sind, aber ein aufrichtiges Interesse daran vermitteln, besser zu werden. So dass wir noch immer geniessen können, wo uns das wichtig ist, uns jedoch da und dort an Orten einschränken, wo es zwar unbequem, aber machbar ist.

Letztendlich sind wir alle Mischungen. Niemand ist durchwegs gut oder durchwegs schlecht.

Darauf stosse ich an. Mit einer Cola Zero.

Yonni Moreno Meyer

Yonni Moreno Meyer (38) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn (*2019) in Zürich.
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