DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Gabriela Morf, Patricia Tschannen und Liridona Dizdari (v.l.n.r.) freuen sich über das eindeutige Ja zur Pflege-Initiative.
Gabriela Morf, Patricia Tschannen und Liridona Dizdari (v.l.n.r.) freuen sich über das eindeutige Ja zur Pflege-Initiative. bild: watson/van

«Kann es noch gar nicht richtig fassen» – so gross ist die Freude bei Pflegefachpersonen

Das Ja zur Pflegeinitiative wurde am Sonntag in Bern mit Champagner begossen. Drei Pflegefachfrauen erzählen, was die Abstimmung für sie bedeutet.
29.11.2021, 08:5530.11.2021, 07:08

Historisch, grossartig, ein wichtiger Entscheid: Begleitet von klingenden Champagnergläsern fliegen Begriffe des Lobes durch das Berner Lokal «Grosse Schanze». Am Abstimmungssonntag haben sich dort die Unterstützerinnen und Unterstützer der Pflegeinitiative versammelt. Die meisten von ihnen arbeiten selbst im Pflegeberuf. Für sie ist das Resultat besonders bedeutend, wie drei Pflegefachfrauen erzählen.

«Es ist wie ein Signal für uns, dass wir nur noch ein bisschen länger durchhalten müssen. Das tut gerade wahnsinnig gut», sagt Patricia Tschannen.
«Es ist wie ein Signal für uns, dass wir nur noch ein bisschen länger durchhalten müssen. Das tut gerade wahnsinnig gut», sagt Patricia Tschannen. Bild: Watson/van

Es ist kurz nach 15 Uhr. Liridona Dizdari, Gabriela Morf und Patricia Tschannen stehen draussen an der frischen Luft. Schneeflocken sinken sanft zu Boden. Es ist ruhig, die Feiergeräusche im Lokal dringen nur dumpf durch die Fenster. Die drei Frauen brauchen kurz eine Pause vom Tumult. Sie müssen verdauen, was das Schweizer Stimmvolk heute entschieden hat: Die Pflegeinitiative ist durchgekommen. «Ich kann es noch gar nicht richtig fassen», sagt Tschannen und schüttelt lächelnd den Kopf. «Seit ich in der Pflege arbeite, demonstriere ich gegen die schlechten Arbeitsbedingungen.» Das seien nun schon über 20 Jahre.

Für Liridona Dizdari wäre ein Nein unhaltbar gewesen. «Ich weiss nicht, wie lange ich dann noch im Beruf geblieben wäre», sagt die 28-Jährige. Seit ihrer Ausbildung vor 13 Jahren arbeite sie beim Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. «Mit dem Ja ist für mich klar: Ich werde bleiben. Dieses Abstimmungsresultat hat mir neue Hoffnung gegeben.»

«Mit dem Ja ist für mich klar: Ich werde im Job bleiben. Dieses Abstimmungsresultat hat mir neue Hoffnung gegeben.»
Liridona Dizdari, Pflegefachfrau

Gabriela Morf stimmt nickend zu. Ihr Gesicht kennt man von den vielen Ja-Plakaten an den Bahnhöfen, Strassenrändern und Gebäudewänden. Den ernsten Blick und die bodenständige Ausstrahlung hat sie auch im Gespräch. «Wenn die Initiative abgelehnt worden wäre, hätte ich mir echt überlegen müssen, zu gehen. Ich war schon einmal ausgebrannt.»

Gabriela Morf war auf zahlreichen im Land verteilten Plakaten zu sehen.
Gabriela Morf war auf zahlreichen im Land verteilten Plakaten zu sehen. Bild: keystone

Wieder drinnen in der Wärme setzen sich die drei Frauen auf eine Sofagruppe. Hinter ihnen, am Fenster, hängt das Ja-Plakat. Gabriela Morf betrachtet ihr Foto. Dass sie für die Kampagne Model stand, hätte ihre Arbeitgeberin, die Zürcher Universitätsklinik, nicht gestört, erzählt die 44-Jährige. Allgemein sei sie sehr überrascht gewesen von der ausschliesslich positiven Resonanz. «Ich hätte mit einem grösseren Shitstorm gerechnet», sagt Morf.

«Wenn die Initiative abgelehnt worden wäre, hätte ich mir echt überlegen müssen, zu gehen. Ich war schon einmal ausgebrannt.»
Gabriela Morf, Pflegefachfrau

Seit sie 18 Jahre alt sei, arbeite sie als Pflegefachfrau. Das ist jetzt gut 25 Jahre her. «Ich kenne nichts anderes und eigentlich ist es ein toller Beruf. Die Umstände sind einfach extrem schwierig. Es arbeiten zu wenige Leute am Patienten und die Pflegeleistungen werden nicht angemessen entgolten.» Morf ist zuversichtlich, dass sich das jetzt ändern wird. «Das Ja ist ein Lichtblick.»

«Das Ja ist ein Lichtblick.»
Gabriela Morf

Patricia Tschannen ergänzt: «Jetzt wissen wir auch, dass das Volk hinter uns steht. Es ist wie ein Signal für uns, dass wir nur noch ein bisschen länger durchhalten müssen. Das tut gerade wahnsinnig gut.» Die 43-Jährige arbeitet in einer Langzeitklinik in Bern. Bei einem Nein hätte sie zwar den Job nicht an den Nagel gehängt. «Aber ich hätte mich meiner Arbeit moralisch sicher weniger verpflichtet gefühlt.» Es könne nicht sein, dass man unter dem Motto «Die Pflege ist doch eine Berufung» alle Probleme ignoriert.

Liridona Dizdari ist stolz über das klare Ja des Schweizer Stimmvolks.
Liridona Dizdari ist stolz über das klare Ja des Schweizer Stimmvolks. Bild: Watson/van

Endlich seien die Pflegenden für sich selber eingestanden, sagt Liridona Dizdari. Das mache sie besonders stolz. «Für uns Pflegende stehen immer andere Menschen im Vordergrund. Es ist gut und wichtig, dass wir dieses Mal für uns selber eingestanden sind», so die Pflegefachfrau.

«Es ist wie ein Signal für uns, dass wir nur noch ein bisschen länger durchhalten müssen. Das tut gerade wahnsinnig gut.»
Patricia Tschannen, Pflegefachfrau

Aber fertig sei der Kampf noch nicht. «Es ist ganz wichtig, dass Bund und Kantone die Punkte aus der Initiative nun umsetzten.» Die Ausbildungsoffensive und die direkte Abrechnung bei den Krankenkassen seien bereits fixfertig geplant. «Ich habe Hoffnungen, aber auch Erwartungen», sagt Dizdari. «Die Politikerinnen und Politiker müssen jetzt an ihre Schreibtische sitzen und endlich Gesetze ausarbeiten, die die Pflege stärken.»

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Putzen im Covid-Spital

1 / 8
Putzen im Covid-Spital
quelle: ch media / sandra ardizzone
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

«Es verlassen zu viele den Beruf» – der Alltag von Pflegefachkräften

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

78 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Beat 69,3
29.11.2021 09:08registriert Februar 2015
Bitte Bitte haltet durch und bleibt im Job.
Das Volk steht hinter euch und hat eure Anliegen gehört. Jetzt ist der Bundesrat am zug.
Wir haben ein Auge darauf!
1339
Melden
Zum Kommentar
avatar
Kerzenständer
29.11.2021 09:13registriert Juni 2021
Ich hoffe, dass es jetzt nicht noch eine Initiative brauch damit die Politiker in die Gänge kommen und Tatsachen schaffen.
Und vielleicht haben sie auch betreffend anderen Themen daraus gelernt. Man muss nicht immer warten bis es knallt. Man darf auch vorher zuhören und die Probleme ernsthaft angehen.
845
Melden
Zum Kommentar
avatar
Sarkasmusdetektor
29.11.2021 09:37registriert September 2017
Ich würde mit dem Champagner ja warten, bis tatsächlich etwas umgesetzt wird. Ich bin ja eher pessimistisch, dass wir das noch erleben werden. Wahrscheinlich folgen da bestenfalls ein paar symbolische Massnahmen, Hauptsache die Aktionäre der Spitalfirmen werden nicht zu sehr belastet. Vielleicht sollte schon mal jemand einen Durchsetzungsinitiative vorbereiten...
6211
Melden
Zum Kommentar
78
Schürt die Pflegeinitiative falsche Hoffnungen? Der Berufsverband widerspricht vehement
Die Befürworter werben mit besseren Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen. Doch sind die Versprechen mehr als heisse Luft? Ein Streit über die Umsetzung.

In der Pflege fehlt Personal. Die Teams sind überlastet. Die physisch und psychisch anspruchsvolle Arbeit wird auf immer weniger Schultern verteilt. Die Personaldecke ist zuweilen so dünn, dass Krankheitsfälle kaum aufgefangen werden können. Also müssen Pflegende Überstunden schieben und an ihren freien Tagen einspringen. Für viele ist Stress ein Grund, den Beruf an den Nagel zu hängen - oder zumindest das Pensum zu reduzieren. Da beisst sich die Katze in den Schwanz: Der Personalmangel verschärft sich.

Zur Story