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Ryan Busse mit seinem ersten Gewehr, das er als Junge von seinem Vater geschenkt bekam.
Ryan Busse mit seinem ersten Gewehr, das er als Junge von seinem Vater geschenkt bekam.bild: rieke havertz

National Rifle Association: Das Geschäft mit der Angst

Auf jeden Amoklauf in den USA kennt die mächtige Waffenlobby NRA nur eine Antwort: mehr Waffen. Ryan Busse verkaufte mehr als zwei Millionen davon. Bis ihm Zweifel kamen.
25.12.2021, 21:2326.12.2021, 01:32
Rieke Havertz, kalispell (montana) / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Diesen einen Moment gab es nicht. Es war nicht der eine furchtbare Angriff auf Schulkinder oder Kinobesucher zu viel, der für Ryan Busse alles veränderte. Überzeugungen lassen sich nicht einfach so ablegen, noch viel weniger, wenn man an ihnen fast ein ganzes Leben lang festgehalten hat. Und Waffen waren schon immer Teil von Busses Leben.

Sie sind es heute noch. In seinem Haus in Kalispell im US-Bundesstaat Montana steht mitten im Wohnbereich eine grosse, weisse, ausgestopfte Bergziege, die Familie nennt sie «Hairy». Busse hat sie selber geschossen. Genau wie die anderen Trophäen, die im Haus und vor allem in der Garage an den Wänden hängen. Dort steht zwischen Skistiefeln und Rucksäcken auch der grosse Tresor, in dem Busse seine Gewehre und Pistolen aufbewahrt. Wie viele genau, das kann er gar nicht sagen, etwa 30. Das erste Gewehr, das Busse noch als Junge von seinem Vater auf einer Farm in Kansas geschenkt bekam, ist darunter. Ein Browning BL22, voll funktionsfähig, er kann damit immer noch auf die Jagd gehen. Aber auch Pistolen der Marke Kimber liegen in dem gut gesicherten Tresor.

Es sind die Waffen, die Ryan Busse jahrzehntelang sehr erfolgreich verkauft hat. Mehr als zwei Millionen, darunter auch Pistolen für die taktische Eingreiftruppe der Polizei Los Angeles. Busse wächst als Junge vom Land in Kansas auf, stellt nie infrage, dass er etwas anderes sein könnte als ein Republikaner. In seinem Leben sind Waffen so selbstverständlich wie die Natur – und beides ist gut. Als die Republikaner unter George W. Bush anfangen, Naturschutzgebiete auszubeuten, kommen die ersten Zweifel. Und dann hören die Attentate einfach nicht auf. Columbine, Sandy Hook, Parkland, Virginia Tech, Kinosäle, Konzerte, Nachtclubs. Die einzige Antwort der mächtigen Waffenlobby NRA, unterstützt von den Republikanern, ist: mehr Waffen.

Für Ryan Busse hat das nichts mehr mit seinem Weltbild zu tun. «Die NRA und die Waffenindustrie duldeten Angriffe auf etwas, das mir so heilig war, dass ich mich erschreckte», sagt Busse heute. Leicht ist die Abkehr von seinem beruflichen Leben jedoch nicht.  

«Ich habe nie ein AR-15 verkauft»

Busse, gut gestutzter Bart, die Halbglatze unter einer Basecap verdeckt, Funktionsweste über Karohemd, war gut in seinem Job. Überzeugt davon, ein gutes Produkt zu verkaufen. An Menschen, die auf die Jagd gehen, Sportschützen sind, aber auch eine Waffe als Sicherheit im Haus haben wollen. Bürger, die verantwortlich damit umzugehen wissen.

Als am 20. April 1999 zwei Abschlussschüler zwölf Schülerinnen und Schüler sowie einen Lehrer an der Columbine High School erschossen, wartete Busse in seinem Büro in Montana während des gesamten Horrors vor allem auf eine Nachricht: Welche Waffen die Täter benutzt hatten. Es waren keine Kimber dabei. «So habe ich es rationalisiert», sagt Busse 22 Jahre später. «Ich habe mir gesagt, dass meine Firma anders ist. Ich habe in meinem Leben nie ein AR-15 verkauft.» Das halbautomatische Gewehr AR-15 ist in den USA zu einem Symbol geworden für Waffengewalt, für Amokläufe und Attentate. Das Gun Violence Archive zählte allein im vergangenen Jahr mehr als 600 «mass shootings» – wenn vier oder mehr Menschen verletzt oder getötet werden.

Achtjährige besitzt 23 Waffen – und schiesst scharf

Video: watson/nfr

Kyle Rittenhouse hatte ein AR-15 dabei, als er im Sommer 2020 nach Kenosha in Wisconsin fuhr, um während der Antirassismusproteste das Eigentum anderer vor Plünderungen zu schützen, wie er selbst sagt. Mit seinem Gewehr erschoss er zwei Menschen und verletzte einen weiteren. «Der Fall Kyle Rittenhouse, das ist kein Ausrutscher, es ist die Spitze des Eisberges», ist Busse überzeugt. «Diese Menschen mit ihren Waffen glauben zwar nicht, dass sie Amateure sind, aber sie sind es.» Und die Industrie nehme das alles billigend hin. Weil es die NRA so wolle. 

Die National Rifle Association ist die mächtige Waffenlobby des Landes. Sie nutzt jedes Massaker, jeden Amoklauf, jeden Protest, um eine der ideologischsten Debatten des Landes zu dominieren: das im zweiten Zusatz der US-amerikanischen Verfassung festgeschriebene Recht auf eine Waffe.

Das Aufrüsten geht weiter

In der Garage von Ryan Busse, in dem auch der Waffentresor steht, hängen viele seiner Jagdtrophäen.
In der Garage von Ryan Busse, in dem auch der Waffentresor steht, hängen viele seiner Jagdtrophäen.bild: rieke havertz

Ihr Credo: «Das Einzige, was einen Bösewicht mit einer Waffe aufhalten kann, ist ein guter Mensch mit einer Waffe.» Es ist eins der berüchtigsten Zitate von Wayne LaPierre, der prägenden Figur der NRA der vergangenen Jahrzehnte. Er sagte es, kurz nachdem Adam Lanza an der Sandy Hook Grundschule in Newtown im Bundesstaat Connecticut 20 Kinder, sechs Angestellte und später seine Mutter erschoss. Er hatte vier Waffen bei sich, unter anderem ein halbautomatisches Sturmgewehr. 

Geschätzt sind unter den etwa 330 Millionen Bürgerinnen und Bürgern der USA mehr als 390 Millionen Waffen im Umlauf, weit mehr als in jedem anderen Land der Welt. Eine präzise Zahl gibt es nicht, weil nicht alle Waffen registriert sind, nicht alle Käufe und Verkäufe dokumentiert werden. Was man aber weiss: Das Land rüstet weiter auf. 

Das National Instant Criminal Background Check System registriert die Hintergrundüberprüfungen für Waffenkäufe in den Vereinigten Staaten. Es liefert zumindest einen Eindruck davon, wie viele Waffen verkauft werden. Zu Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 wurden demnach binnen eines Monats so viele Waffen im Land verkauft wie nie zuvor, knapp 3.7 Millionen. Als George Floyd von einem Polizisten im Mai vergangenen Jahres getötet wurde, stiegen die Zahlen noch einmal drastisch. Und der März 2021 liess den Rekordwert vom Vorjahr plötzlich klein aussehen: Nach mehreren Attentaten und Amokläufen und einem demokratischen Präsidenten im Weissen Haus registrierte die Behörde fast 4.7 Millionen Background Checks

«Demokratische Präsidenten sind gut fürs Geschäft», sagt Ryan Busse. Dann kann die NRA besser mit der Angst spielen, die sie zu ihrem Hauptverkaufsargument gemacht hat und dem die Industrie gerne folgt: Demokratische Präsidenten nehmen aufrechten Bürgern die Waffen weg. Als Barack Obama Präsident war, wurden 75 Prozent mehr Waffen verkauft als in den acht Jahren der Bush-Regierung zuvor. «Ich konnte die Angst damals richtig spüren, die Angst vor den anderen», sagt Busse. «Für uns oder gegen uns, diese Erzählung hat die NRA perfektioniert und Donald Trump hat diese Blaupause übernommen.»

Am Rande eines Bürgerkriegs

Zynisch, aber auch das gehört zur Realität: Dass George Floyd von einem Polizisten brutal getötet wurde, kam für die NRA zum für sie perfekten Zeitpunkt. Mit Trump im Weissen Haus waren die Waffenfreiheiten im Land nicht in Gefahr. Damit gingen zwar auch die Käufe zurück. Doch als es überall im Land zu Antirassismusprotesten und auch zu Ausschreitungen kam, war es für Trump ein idealer Moment, seine Anhänger aufzuwiegeln – und für die Industrie, wieder mehr Waffen zu verkaufen. «Wir werden niemals unsere Polizei oder unseren grossartigen zweiten Verfassungszusatz abschaffen, der uns das Recht gibt, Waffen zu besitzen und sie zu tragen», sagte Trump in seiner Rede zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli 2020.

Aber es bewaffnen sich nicht mehr nur die vermeintlich klassischen Waffenbesitzer im Land. Auch immer mehr Frauen, Schwarze und andere Minderheiten kauften 2020 zum ersten Mal eine Waffe. Ganz wie Wayne LePierre es sich wünschen dürfte, spitzt sich der Kampf zu: Die Guten mit den Waffen gegen die Bösen mit den Waffen. Nur funktionieren die einfachen Schubladen mit gut und böse schon lange nicht mehr, je nach Perspektive wähnt sich in diesem Kampf jeder auf der «richtigen» Seite. «Wollen wir wirklich in einem Land leben, das am Rande eines Bürgerkrieges steht mit genug Waffen, um uns alle umzubringen? Ich will das nicht», sagt Ryan Busse. Sein Kaffee ist kalt geworden über einem Gespräch, das die einfache Ebene des Für und Wider von Waffenbesitz lange verlassen hat.

Im vergangenen Sommer hat Busse seiner Firma und der Industrie den Rücken gekehrt, ein Buch geschrieben über seine Zeit dort und die Mechanismen der NRA. Es sind seltene Eindrücke, denn hinter die Kulissen kann kaum jemand schauen. Auf 28 Jahrestagungen der NRA war Busse Ansprechpartner für die Führungsebene des Lobbyverbands genauso wie für Donald Trump Jr., als der für seinen Vater als Präsidentschaftskandidaten warb. Trump war später der erste Präsident seit Ronald Reagan, der während seiner Amtszeit bei der NRA auftrat.

Columbine, Sandy Hook, Parkland

Der Blick aufs Tal von Kalispell in Montana, eine kurze Wanderung von Ryan Busses Haus entfernt.
Der Blick aufs Tal von Kalispell in Montana, eine kurze Wanderung von Ryan Busses Haus entfernt.bild: rieke havertz

Warum aber so lange Teil von etwas bleiben, das schon lange keinen Sinn mehr hatte? «Ich wollte die Industrie zu einer Industrie nach meinen Vorstellungen machen, es war doch auch meine Industrie», sagt Busse. «Ausserdem hatte ich eine Glaubwürdigkeit innerhalb der Branche, die ich nicht aufgeben wollte.» 2005 ist er bei der NRA-Jahrestagung als einer von dreien als «Person des Jahres» nominiert worden, eine der wichtigsten Auszeichnungen, dann hat man es geschafft. Doch als Einzelkämpfer bei allem Einfluss Glaubenssätze einer ganzen Branche zu verändern, das scheint naiv. Und das weiss auch Busse. Seine Frau Sara fragt ihn immer wieder, wann er geht, wann es genug ist. 

Es ist dann genug, als Ryan Busse seine Idee von einer anderen Waffenindustrie aufgibt, als er einsieht, dass er keine Unterstützung erfahren wird von anderen in der Branche. Heute sind alle Freunde und Verbindungen aus seiner Zeit als Waffenverkäufer weg, niemand will mehr etwas mit ihm zu tun haben, das Sozialleben der ganzen Familie hat sich verändert. «Ich werde jetzt in eine Ecke gestellt.» Als er und seine Frau mit den Söhnen auf eine Black-Lives-Matter-Demonstration in ihrer Heimatstadt Kalispell gehen, werden sie offen angefeindet. Unterstützung kommt nun von anderen. «Ich kriege so viele Rückmeldungen von Menschen, die sagen, sie seien nicht ‘solche Waffenbesitzer’, wie Trump und die NRA sie sehen. Sie leiden unter all den Shootings genauso wie unter den Bildern vom Sturm aufs Kapitol.»

Eine kleine Wanderung hinter dem Haus der Busses führt zu einem Ausblick über Kalispell. Die Stadt ist konservativ, Kimber hat einen seiner Firmensitze nach wie vor hier. Busse schaut über die Ebene, die Jagdhunde Teddy und Aldo an seiner Seite. Verlassen will er die Stadt nicht, sie ist jetzt seine Heimat, die Nähe zur Natur nichts, was er und seine Familie aufgeben wollen. Den Bruch mit seiner Vergangenheit bereut er nicht. Traurig macht es ihn dennoch. Sein Leben ist ein anderes.

Jetzt auf
Ryan Busse mit seinen Jagdhunden Aldo und Teddy.
Ryan Busse mit seinen Jagdhunden Aldo und Teddy.bild: rieke havertz

Vom Waffenverkäufer ist er zum Waffenfeind geworden – so würden es zumindest seine ehemaligen Freunde sagen. «Es ist in diesem Land nicht mehr möglich, einfach eine andere Sichtweise auf Dinge zu haben», sagt Busse. Er ist kein Waffenfeind. Er glaubt nicht, dass Amerika ein Waffenproblem hat. Er glaubt, dass das Land ein Kulturproblem hat. Natürlich braucht es flächendeckende Hintergrundüberprüfungen ohne Ausnahmen, sagt Busse. Als Anfang für Waffengesetze im Land, die wirklich etwas verändern können. 

Gerade geht es der NRA nicht gut, in New York laufen Ermittlungen gegen sie wegen Betrugs und Missbrauchs. Auch für Busse ist das Motivation, weiterzumachen auf der anderen Seite, auf der er jetzt steht. Aber die NRA, ihre Anhänger und damit auch ein Grossteil der Republikaner, die das Geld der Lobbyisten gern annehmen, werden immer dagegenhalten. Und die Angst der einen gegen den Glauben der anderen ausspielen, dass ein kleiner Schritt alles verändern könnte.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

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25 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Fisherman
25.12.2021 21:25registriert Januar 2019
NRA ist eine terroristische Vereinigung.
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John Galt
25.12.2021 21:59registriert November 2014
Die USA, ein Land in dem man zu 110 Jahren Gefängnis verurteilt wird, wenn man einen tödlichen Unfall mit einem LKW mit defekten Bremsen verursacht, aber freigesprochen wird wenn man einen unbewaffneten m mit einer illegal erworbenen Waffe und ohne Erlaubnis sie zu tragen erschiesst.
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LisaSimpson
25.12.2021 21:35registriert Juli 2015
Europa kauft in der Pandemie WC-Papier, die USA Waffen.

Was für ein schöner Artikel von der Redaktion zur Weihnachtszeit 😳😳😳
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