Interview
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Interview

«Wir haben eine Mission: Die Verbreitung der Wahrheit» 

Wie ist es, als Journalistin in einem arabischen Land zu arbeiten? Die jordanische Reporterin Rana Sabbagh über den Zustand der Medienfreiheit, Trumps Journalisten-Bashing und den Fall Jamal Khashoggi.



Rana Sabbagh ist eine der bekanntesten Journalistinnen im arabischen Raum. Die 56-Jährige war die erste weibliche Chefredaktorin einer jordanischen Zeitung, arbeitete mehr als 10 Jahre für die Nachrichtenagentur Reuters und gründete 2005 Arab Reporters for Investigative Journalism (ARIJ) – eine unabhängige Plattform zur Ausbildung von Investigativjournalisten.

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Rana Sabbagh arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Journalistin in Jordanien. Bild: screenshot/youtube

Vor zwei Wochen wurde sie an der Buchmesse Frankfurt mit dem Raif Badawi Award geehrt. Im Gespräch mit watson wechselt sie irgendwann unvermittelt von Englisch zu Deutsch. Ihre Mutter war Deutsche, sie selber ist in Jordanien aufgewachsen. Ihre Tugenden, sagt sie, seien zur Hälfte Deutsch geprägt und zur Hälfte Arabisch: Hier der Fleiss, die Pünktlichkeit und der Hang zum Perfektionismus. Da die Fähigkeit, sich aus heiklen Situationen wortgewandt rauszuwinden. Als Journalistin in der arabischen Welt eine unverzichtbare Waffe.

Frau Sabbagh, Sie sind seit 35 Jahren Journalistin. Wie ist momentan die Lage für Medienschaffende im arabischen Raum?
Rana Sabbagh: Die letzten drei Jahre waren für mich als Journalistin und als Mensch die schwierigsten in meinem Leben. Warum? Weil der arabische Frühling alles geändert hat. Einen Augenblick lang sah es so aus, als würden sich Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit durchsetzen. Das war 2010, im Jahr der Hoffnung. Dann wurden die Daumenschrauben noch stärker angezogen als zuvor. Hier sind wir jetzt.

Mit ihrer Organisation ARIJ wollen Sie den Journalismus in arabischen Ländern stärken. Wie funktioniert das genau?
Wir sind kein Nachrichtenportal, wir sind eine Plattform, die Journalisten Hilfestellung bei Recherchen leistet, Trainings anbietet und sie im besten Fall zu Investigativreportern formt. Die Artikel selber sollten in erster Linie in lokalen Publikationen erscheinen, nur so erreichen sie auch die Menschen, die es wirklich betrifft. Bei uns werden nur die Erfahrungsberichte der Reporter zu ihrer Recherche aufgeschaltet. Nur ist das in letzter Zeit immer schwieriger geworden.

Wieso?
Weil sich viele Medienhäuser in arabischen Ländern weigern, mit uns zu kooperieren, aus Angst vor Repressalien. In Ägypten beispielsweise berief Sisi nach seiner Amtseinsetzung alle Chefredaktoren zu sich und warnte sie davor, mit uns zusammenzuarbeiten. Die offizielle Begründung war, dass wir Teil eines westlichen Spionagenetzwerks seien. Natürlich hatte Sisi keinerlei Beweise für diese Behauptung. Saudi-Arabien auf der anderen Seite bezichtigte uns als zionistische Agenten. Treffe ich diese Chefredakteure und Publizisten dann aber an internationalen Kongressen im Ausland, umarmen sie mich und bedanken sich für die wichtige Arbeit, die ARIJ leistet. Es wäre lustig, wenn es nicht so traurig wäre.

Sie arbeiten bei Ihren Recherchen auch mit internationalen Publikationen zusammen. Wer sind Ihre Partner?
BBC, Süddeutsche Zeitung, Correctiv, Al Jazeera English, und andere. Wir sind laufend daran, unser Partnernetzwerk auszudehnen.

Was machen Sie konkret, um die Journalistinnen und Journalisten vor Vergeltungsmassnahmen zu schützen?
Bei heiklen Themen empfehlen wir beispielsweise den Journalisten, unter einem Alias zu publizieren. Das kann Leben retten. Auf der anderen Seite ist es natürlich manchmal unbefriedigend, wenn man nicht den eigenen Namen unter einer preisgekrönten Recherche lesen kann. Wir Journalisten haben ja, wie alle Menschen, einen Hang zur Eitelkeit.

Sie haben den arabischen Frühling erwähnt. In diese Zeit fällt auch das Aufkommen der sozialen Medien. Was hat sich durch Facebook, Whatsapp & Co. in der Arbeit der Journalistinnen und Journalisten in arabischen Ländern geändert?
Sehr viel, die Informationen konnten auf den sozialen Medien, Whatsapp, Facebook, Twitter, etc. – zumindest eine Zeit lang – viel schneller und ungefilterter fliessen. Die Regierungen realisierten aber sehr schnell, welche Gefahr für sie von diesen Kommunikationsmitteln ausgeht. Seither versuchen sie, die sozialen Medien den Presseerzeugnissen gleichzustellen, um juristisch einfacher gegen ungeliebte Inhalte vorzugehen.

Ist es unter den gegebenen Bedingungen überhaupt möglich, unabhängig zu berichten?
Nein, effektiv nicht. Vielleicht fünf Prozent aller Medienschaffenden in den arabischen Ländern sind wirklich unabhängig.

Und der Rest?
Ist entweder tot, im Gefängnis, oder im Ausland. Die meisten aber, 90 Prozent, schreiben handzahme Gefälligkeitsberichte über die Regierung, oder üben sich in Selbstzensur.

Selbstzensur?
Die Unterdrückung der Presse findet nicht nur über Verhaftungen, Folter oder Verschwindenlassen von Journalisten statt. Viel stärker wirkt die Angst vor der Repression. Das erzeugt eine Schere im Kopf der Berichterstatter. Und das wiederum führt zu einer schöngefärbten Abbildung der politischen Lage. Trump hat in dieser Hinsicht übrigens mehr für die Eindämmung der Pressefreiheit in der Region getan, als alle Autokraten und Diktatoren der arabischen Welt zusammen.

Wieso das?
Wenn der Führer der freien Welt, der Präsident der grössten und ältesten Demokratie, zu einer Hetzjagd gegen Journalisten aufruft, liefert das Machthabern in autoritären Staaten die allerbeste Rechtfertigung für Sanktionen gegen die Presse. Sie sagen: ‹Was habt ihr denn alle? Trump macht genau dasselbe und Trump wurde demokratisch gewählt!›

Der mutmasslich ermordete Journalist Jamal Khashoggi, schreiben Sie in einer Kolumne, war auch einer, der die Nähe zur Regierung suchte.
Ich bewundere Khashoggi, er war ein ausgezeichneter Autor, ein Kämpfer für die Frauenrechte und oftmals auch ein furchtloser Kritiker des Klerus. Aber er war eben auch lange Zeit Teil des saudischen Establishments. Er schrieb für regierungsnahe Publikationen und unterhielt Beziehungen in Geheimdienstkreise. Wenn man aber als Journalist einmal auf die andere Seite gewechselt hat, kann man nicht einfach so zurückkehren. Ich verstehe die Motive von Khashoggi, das habe ich in meiner Kolumne geschrieben, er wollte ein sicheres, stabiles Leben, war Teil eines exklusiven Clubs. Jetzt musste er auf schreckliche Art und Weise erfahren, dass das saudische Regime nicht vergisst und nicht verzeiht.

Die saudische Regierung sieht sich im Fall Khashoggi heftiger Kritik ausgesetzt. Vor wenigen Monaten noch wurde Salman als grosser Reformator hochgejubelt.
Nach der Ermordung Khashoggis beginnt die Fassade jetzt langsam zu bröckeln. Was Salman und seine Vertrauten in den letzten Jahren in Saudi-Arabien veranstalteten, war eine einzige grosse Gaukelei. Die grösste Lüge in der Geschichte. Sie bekämpften Korruption und bauten nebenan riesige Palaste. Und wer profitiert von dieser Imagepolitur ausser dem Königshaus? Ein paar junge Mädchen vielleicht, die jetzt ein Fussballspiel besuchen können. Und die westlichen Staaten natürlich, die mit gutem Gewissen weiterhin die Auftragsbücher ihrer Waffenindustrie mit milliardenschweren Aufträgen füllen können.

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Und was wird jetzt passieren?
Die Saudis werden irgendeinen Sündenbock finden. Eine Erklärung, um die Verantwortung vom Königshaus abzulenken. Dabei sind die Indizien für eine Involvierung Salmans in den Fall mittlerweile erdrückend.

Der Protest aus den westlichen Ländern wird also nichts bewirken?
Nein, haben Sie je von einem arabischen Politiker gehört, der sich vor einem unabhängigen Gericht hätte verantworten müssen? Money talks, bullshit walks. Die wirtschaftlichen Interessen des Westens sind noch immer der Gradmesser für sein politisches Handeln.

Sie selber leben und arbeiten in Jordanien, einem vergleichsweise liberalen Land. Kann man pauschal über alle arabischen Länder urteilen?
Natürlich gibt es Ausnahmen. Tunesien zum Beispiel, oder der Libanon mit Abstrichen, oder eben meint Heimatland Jordanien, das uns seit 30 Jahren toleriert. Wir werden weitermachen, wir lassen uns nicht ans Gängelband irgendwelcher Regierungen nehmen und wir kümmern uns nicht um Drohungen und Einschüchterungen. Wir arbeiten legal, wir haben nichts zu verbergen und wir haben eine Mission: Die Verbreitung der Wahrheit.  

Haben Sie sich jemals überlegt, die Seiten zu wechseln und regierungstreue Berichterstattung zu machen?
Nein, nie. Obwohl ich immer wieder Gelegenheit dazu gehabt hätte. Natürlich ist es hart, aber niemand hat gesagt, dass es ein einfacher Beruf wäre. Dafür respektieren mich die Leute und ich kann mich selber im Spiegel anschauen. Ich selber wurde auch schon bedroht und eingeschüchtert, ich wurde verhaftet und drangsaliert. Meinen Posten als Chefredaktorin der Jordan Times etwa war ich los, als wir damals über einen Fall von Folter in einem Gefängnis berichtet hatten, in den ein libanesischer Minister involviert war.

Haben Sie Hoffnung für die Pressefreiheit in arabischen Ländern?
Ja, ich habe Hoffnung. Für den Journalismus und für die arabische Gesellschaft. Jede kritische Geschichte, die wir veröffentlichen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wandel passiert nicht von einem Tag auf den anderen. Denken Sie daran, wie lange Europa brauchte, um das Mittelalter zu überwinden. 

Anmerkung: Das Interview wurde geführt, bevor Saudi-Arabien am Wochenende offiziell die Tötung Jamal Khashoggis einräumte.

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Die Lösung der Lebensmittelkrise könnte aus Nigeria kommen – in Gestalt dieser Frau

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