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Dolgopolov schildert seine Erlebnisse aus dem Russland-Ukraine-Krieg.
Dolgopolov schildert seine Erlebnisse aus dem Russland-Ukraine-Krieg.bild: screenshot eurosport

Ex-Tennis-Profi Dolgopolov kämpft in der Ukraine: «Ich bin es mir schuldig, hier zu sein»

18.03.2022, 14:48

Alexandr Dolgopolov war im Tennis-Zirkus jahrelang der Mann mit dem Haarreif und den vielen Slice-Bällen. Der heute 33-jährige Ukrainer schaffte es trotz seines unkonventionellen Spielstils bis auf Rang 13 der Weltrangliste, gewann drei ATP-Turniere und besiegte insgesamt zweimal den Grand-Slam-Rekordhalter Rafael Nadal. Mit sieben Millionen US-Dollar an gewonnenem Preisgeld trat Dolgopolov vor rund einem Jahr wegen einer hartnäckigen Handgelenksverletzung zurück.

Sein ursprünglicher Plan war, sich nach einer längeren Auszeit ein neues Standbein in der Finanzwelt aufzubauen. Doch nun hat ihn die weltpolitische Aktualität eingeholt: Um sein Heimatland im Krieg gegen Russland beizustehen, ist Dolgopolov dem Beispiel vieler anderer berühmter, ukrainischer Persönlichkeiten gefolgt und hat sich bei der Armee gemeldet. Aktuell ist er in Kiew stationiert. In ausführlichen Interviews mit «Eurosport» und der «Equipe» erklärte der ehemalige Tennis-Profi, was ihn dazu bewegt hat, freiwillig in den Krieg zu ziehen.

Dolgopolov ...

... warum er sich freiwillig zum Militärdienst gemeldet hat:

«Die Ukraine ist mein Heimatland, mein Zuhause. Jemand muss es verteidigen. Ich bin es mir schuldig, hier zu sein. Ich konnte nicht länger tatenlos zusehen. Niemand möchte, dass ich jetzt hier bin. Aber das ist die Realität, es herrscht Krieg. Was können wir denn tun? Niemand von unseren Leuten möchte sterben oder in diesem Krieg sein, aber es geht um unser Land.

Ich glaube, es ist wichtig, dass prominente Menschen zeigen, dass die ukrainische Bevölkerung die Armee unterstützt, auch wenn sie nicht in der ersten Reihe kämpft. Geld auftreiben, in den Medien sprechen, Lebensmittel und Medizin beschaffen – was immer jemand tun kann, ist hilfreich.»

... warum er sich nicht schon früher gemeldet hatte:

«Ich habe die Ukraine zunächst verlassen, weil ich mich unwohl gefühlt habe. Ich musste an meine Mutter und meine Schwester denken, sie irgendwie aus dem Land bringen. Meine Freundin und unsere gemeinsame Tochter wurden beschossen, als sie Kiew verlassen wollten. Direkt vor ihnen wurde ein Auto zerstört. Gott sei Dank gelang es ihnen noch, das Land zu verlassen. Zusammen mit der Familie zog ich es danach vor, ausserhalb der Ukraine zu bleiben. Mein Gedanke war: Wenn etwas passiert, kann ich über die sozialen Medien wirklich helfen, weil ich viele Follower auf der ganzen Welt habe.»

... warum er sich umentschieden hat:

«Nach ein paar Tagen waren die Kämpfe besser einzuschätzen, man konnte sehen, wo es gut für uns läuft und wo nicht. Daraufhin habe ich angefangen, meine Rückkehr zu planen.»

... wie er den Umgang mit der Waffe gelernt hat:

«Ich habe in der Türkei eine Woche lang Schiessen gelernt, weil ich vorher noch nie eine Waffe angerührt hatte. Ein ehemaliger Soldat brachte es mir bei. Ich kann jetzt mit einer Waffe umgehen und mit guter Präzision auf ein Ziel schiessen. Ich bin in der Lage, eine Person sicher zu treffen und bin also bereit, auf einen Russen zu schiessen. Im normalen Leben würde ich das nie tun. Aber das hier ist Krieg. Wenn du ihn nicht erschiesst, wird er dich töten.»

... wie er nach Kiew gekommen ist:

«Ich habe ein paar Jungs gefunden, die ebenfalls zurückwollten. Wir haben uns irgendwo in Europa getroffen und ein paar Sachen gekauft, die unsere Armee brauchen kann: Wärmebildoptik, ein Fernglas, Zielaufsätze für die Scharfschützengewehre, solche Dinge. Wir hatten auch Geld gesammelt und sind dann in Zagreb aufgebrochen. Über Zwischenetappen in Kroatien, Ungarn und Slowenien nach Polen. In Polen habe ich die Grenze überquert und traf meinen Vater auf der ukrainischen Seite. Einen Tag blieben wir an einem sicheren Ort, dann habe ich einen Zug nach Kiew genommen.

Wer hier auf der Strasse unterwegs ist, könnte für einen Russen gehalten werden, also musste ich meine Freunde bitten, mich bewaffnet abzuholen und in die Wohnung zu bringen. Sonst hätte ich in der U-Bahn-Station bleiben müssen. Dort wollte ich nach meiner Reise aber nicht 24 Stunden lang ausharren.»
Von fünf Duellen gegen Federer hat Dolgopolov kein einziges gewinnen können.
Von fünf Duellen gegen Federer hat Dolgopolov kein einziges gewinnen können.Bild: AP/AP

... wie die Lage in Kiew ist:

«Ich habe noch nicht viele Schäden gesehen, weil ich im Zentrum war und vor allem Ziele getroffen wurden, die irgendwo in den Aussenbezirken liegen. Ein paar zerstörte Autos und sehr, sehr viele Angehörige unserer Armee. Man spürt natürlich, dass hier Krieg ist, es gibt nicht einen einzigen Menschen oder ein Auto auf der Strasse. Kiew ist wie eine verlassene Stadt. Wir standen direkt neben dem Haus meines Freundes, als am Himmel eine Rakete vorbeiflog. Ich weiss also genau, wo ich hier bin.»

... was seine Aufgaben sind:

«Ich werde mit einem Freund herumreisen und mit kugelsicheren Westen und Lebensmitteln aushelfen. Es stehen alle Arten von Freiwilligenarbeit an – und dann gibt es noch etwas, was wir vorhaben, worüber ich aber nicht sprechen kann. Natürlich werde ich in diesen Tagen auch mit der Presse reden, wenn ich die Zeit dazu habe. Vor allem aber werde ich mit Menschen Kontakt aufnehmen, die ich kenne und die auf dem Schlachtfeld sind. Um was immer sie mich bitten – ich werde versuchen, es zu erfüllen. Das ist mein Hauptziel und meine Rolle für die nächste Zeit. Wie lange das so sein wird? Ich weiss es nicht.»

... was er über die Sanktionen gegen russische Tennisprofis denkt:

«Um eines klarzustellen: Das alles ist keine Politik, sondern Krieg. [...] Meiner Meinung nach muss Russland isoliert werden wie Nordkorea. Es ist so weit gekommen, dass jeder Russe für das, was passiert, verantwortlich ist. Es reicht nicht aus, zu sagen, dass man gegen den Krieg ist. Das kann ich von der Miss Universum oder bei den Oscars hören. Schöne Worte, aber hier sterben jeden Tag Menschen, darunter Kinder. Die einzige Möglichkeit, das zu stoppen, ist, dass die Russen ihre Regierung stürzen [...] meiner Meinung nach ist der Tennissport ziemlich weich und zu neutral.

Wir sehen, was der Fussball gemacht hat. Man hat einfach alle russischen Mannschaften verbannt. Der Fussball und viele andere Sportarten haben das getan, und das ist auch richtig so. Natürlich verstehe ich, dass die Tennisspieler nichts dafür können – aber angesichts der Zahl der Opfer dieses Krieges ist jeder Russe verantwortlich, solange er seinen Präsidenten nicht aufhält.»

(pre)

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3 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Sir Konterbier
18.03.2022 18:17registriert April 2017
Es ist schon beeindruckend wie Leute, die ganz woanders sein könnten, ihr Leben riskieren für ihre Ideale und Dinge die ihnen etwas bedeuten.

Wenn ein Präsident, zwei Hall-of-fame Boxer und Multimillionäre, Profi-Tennisspieler und Parlamentarier ihr Leben riskieren wage ich zu bezweifeln dass es der Rest der Bevölkerung nicht tut.

Dieser Krieg kann unter diesen Umständen nur von der Ukraine gewonnen werden, die Frage ist nur, wie lange dieses Massaker noch andauern wird…
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*Butterfly*
18.03.2022 16:53registriert Februar 2022
Mutiger Mann!
Er hätte ja auch einfach ausser Land bleiben können und nicht zurückkehren müssen.
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