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«Nora oder Ein Puppenhaus» nach Henrik Ibsen in Zürich



Henrik Ibsens «Nora oder Ein Puppenhaus», ein Theaterklassiker, verkommt in der Box im Schiffbau in Zürich zum Life-Chat. Ein Experiment?! Resultat: Daumen zeigt nach unten.

Er wolle dem millionenfach gespielten Klassiker keine neue Interpretation hinzufügen, gab der russische Regisseur Timofej Kuljabin im Vorfeld zur Aufführung von Ibsens «Nora» zu Protokoll. Ihm gehe es darum, die bekannte Geschichte in einer neuen Form zu erzählen.

Diesen Vorsatz hat die Regie absolut erfüllt. Dass daraus - die leeren Stühle nach der Pause sind ein sprechendes Indiz dafür - jedoch ein anstrengender, zäher und, ja, letztlich eher langweiliger und eindimensionaler Abend geworden ist, stand fast zu befürchten. Ein Besucher brachte es auf den Punkt: «Eigentlich komme ich nicht ins Theater, um fast drei Stunden lang Dialoge zu lesen. Das kann ich zuhause auf dem Sofa ebenso gut.»

Soziologische Versuchsanordnung

In der Tat, was wir hier erleben, ist eher eine soziologische Versuchsanordnung denn ein Bühnenstück; ein Experiment über ein zeittypisches Kommunikationsphänomen.

Immerhin erhebt die Regie nicht den Anspruch, weder dieses Phänomen zu erklären noch es zu werten. Was natürlich gerade bei diesem Stück naheläge, wo das fehlende Gespräch von Angesicht zu Angesicht zwischen den Ehepartnern Nora und Torvald Helmer eines der zentralen Themen darstellt.

Doch wäre es eine zu wohlfeile und zu plakative Lesart, den blossen Mitteilungsmodus anstelle des direkten Austausches als Ursache des Familiendramas anzuprangern - dieser Gefahr erliegt Kuljabin, wie gesagt, zum Glück nicht. Interessant wäre zu erfahren, ob beflissene Lehrpersonen den Regie-Ansatz nicht dennoch zur edukativen Lehre für ihre Schülerschaft der E-Generation nutzen werden.

Wie Theater dennoch sein könnte: dank toller Schauspieler wie Fritz Fenne und Lisa-Katrina Mayer als Ehepaar Torvald und Nora Helmer packend und auch in -zigfacher Wiederholung berührend und aufregend. Solche theatralische Höhepunkte, wo der Chat in reale Spielszenen kippt, erlebt man nur sporadisch. Zu selten, um durch den ganzen langen Abend zu tragen, wird doch durch dieses Konzept den Schauspielern mehrheitlich ihr ureigenstes Instrument - das gesprochene Wort - mit wenigen Ausnahmen entzogen.

So verfolgt man denn das Geschehen hauptsächlich auf den projizierten Screens der Handys der vier Protagonisten: der Helmers, von Noras Freundin Christine Linde sowie des erpresserischen Nils Krogstad (anlagegemäss bleiben Isabelle Menke und Christian Baumbach ziemlich blass).

Multi-Tasking für Schauspieler und Publikum

Vom Publikum wird Multi-Tasking verlangt: Während die SMS, Whats-App-Botschaften, angereichert mit Emojis aller Art, Scans, Pics und als Zuspitzung auch schon mal eine Audio-Message in Echtzeit eingetippt, aufgenommen und hin und her gebeamt werden, spielen sich die Situationen, in denen gechattet wird, sozusagen als Stummfilm an verschiedenen Handlungsorten ab.

Mit wenigen Bühnenelementen werden unterschiedliche Locations gekonnt suggeriert: Aerobic-Studio, Büros, Fitness-Center, Kosmetik-Salon, Modeatelier, Kita, Wohn- oder Schlafzimmer. Und das meistens gleichzeitig, was durchaus einen zeitgeistigen Groove ausstrahlt und die Chatsituation mehr oder weniger plausibel macht.

Da scheint es doch geradezu ein anachronistisches Relikt aus der guten alten Theaterepoche, dass wir, die Zuschauer, gebeten werden, unsere Handys und Smartphones während der Aufführung auszuschalten.

Verfasser: Bruno Rauch, ch-intercultur (sda)

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