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Amazons Problem: Was hinter dem Birkenstock-Boykott steckt

Weil auf der Plattform auch gefälschte Markenprodukte angeboten werden, zieht sich Birkenstock von Amazon zurück. Der Schritt erregt Aufsehen. Doch der Schuhersteller ist mit seiner Kritik nicht allein.

11.12.17, 16:19 11.12.17, 16:43

Matthias Kremp

Ein Artikel von

Zum Jahreswechsel ist Schluss. Vom 1. Januar 2018 an werde man keine Schuhe mehr über Amazon anbieten, heisst es in einem Schreiben der Birkenstock-Chefs an ihre Mitarbeiter. Der drastische Einschnitt wird damit begründet, dass Amazon nicht genug gegen den Handel mit Produktfälschungen auf seiner Plattform unternehme.

Zuvor hatte der deutsche Hersteller seine Fussbettsandalen bereits aus dem Angebot des Online-Versandhändlers in den USA entfernt. Das Unternehmen, dessen Produkte gerade so hip wie nie sind, verzichtet damit auf einen einträglichen Absatzmarkt.

Mit seiner Kritik an Amazons Umgang mit Plagiaten ist der Konzern allerdings nicht allein. In Amazons Verkäuferforen finden sich Dutzende Diskussionen, die von Ärger mit gefälschten Produkten handeln. Ein Diskussionsstrang, in dem es darum geht sogenannte Fakeverkäufer zu melden, zählt seit seiner Einrichtung im Januar 2016 mehr als 300 Beiträge.

Birkenstock sagt Nein zu Amazon Bild: EPA

Die Liste ist eine Reaktion auf Kritik an Amazons Reaktion auf Meldungen von Anbietern gefälschter Waren. Im Forum wird geklagt, «Amazon scheint das leider relativ egal» und «bei völlig offensichtlichen Plagiaten unternimmt Amazon genau nichts». Genaue Zahlen, wie viele Plagiatsmeldungen bei Amazon auflaufen, gibt es nicht. Doch hat das Online-Versandhaus für Beschwerden über Markenrechtsverletzungen ein Meldeformulareingerichtet. Besonders selten sind solche Klagen wahrscheinlich nicht.

Selbstversuch eines Herstellers

So gibt es auch immer wieder spektakuläre Meldungen über gefälschte Produkte auf Amazon. Als die Computerzeitschrift «c't» dort 2015 zwölf Originalakkus für Samsung-Smartphones bestellte, stellte sich nach einer Überprüfung heraus, dass kein einziger davon echt war. Ein Jahr später tauchten bei Amazon gefälschte Grafikkarten auf, im Sommer 2017 gefälschte Computerprozessoren.

Der Chef einer US-Firma, die Eiswürfelbehälter der Marke Tovolo herstellt, reagierte auf Berichte über Produktfälschungen mit einer skurrilen Aktion. Er machte regelmässig Testkäufe seiner eigenen Produkte, reduzierte dann seine Lieferungen an Amazon und bestellte erneut mehrere Exemplare des Tovolo-Eiswürfelbehälters. Das Ergebnis seines Tests: Sobald Amazons Lagerbestand an Originalen zurückging, wurden ihm mehr Fälschungen geliefert als sonst.

Blick in ein Amazon-Versandzentrum im deutschen Rheinberg.  Bild: EPA/EPA

Kontrollverlust im Warenlager

Der Kern des Problems: Anders als im stationären Handel haben Markenhersteller auf Amazon keine Kontrolle darüber, wer ihre Waren anbietet. Bei Ladengeschäften kann ein Unternehmen sich darauf beschränken, seine Waren über bestimmte Händler anzubieten. Bei Amazon hingegen können auch Drittanbieter, die in keiner direkten Beziehung zum Hersteller stehen, dessen Markenprodukte anbieten.

Zudem werden in Amazons Lagerhäusern alle Produkte, die den gleichen Barcode tragen, gleichberechtigt gelagert, egal, ob sie vom Hersteller oder von einem Drittanbieter geliefert wurden, berichtet das «Wall Street Journal». Die Methode helfe, die Auslastung der Lager zu optimieren und die Lieferwege kurz zu halten. Sie habe aber auch zur Folge, dass Originalware vom Hersteller und möglicherweise gefälschte Produkte gleichberechtigt gelagert und an Besteller verschickt werden, heisst es in dem Bericht weiter. So kam es dann wohl auch dazu, dass dem Tovolo-Chef Raubkopien seiner eigenen Produkte geschickt wurden.

Plagiate sofort melden

Neben den Herstellern, deren Gewinne durch Plagiate geschmälert wird und deren Ruf durch schlechten Kopien leiden kann, sind vor allem die Kunden die Leidtragenden. Sie bezahlen für ein Markenprodukt - und bekommen eine billige Kopie. Besonders viele Plagiate findet man zum einem im Textilbereich, wo in erster Linie teure Marken kopiert werden. Nicht selten sind die Kopien so gut gemacht, dass man erst nach einiger Zeit, etwa nach dem Waschen, bemerkt, dass man mangelhafte Qualität geliefert bekommen hat.

Vor Weihnachten läuft das Versandgeschäft auf Hochtouren. Bild: EPA/EPA

Ein anderer Sektor, in dem häufig Fälschungen gefunden werden, sind Elektronikprodukte. Immer wieder gibt es Berichte über gefälschte Speicherkarten und SSDs, die mit kopierten Aufklebern der Originalhersteller beschriftet sind, aber viel weniger Speicherplatz bieten als versprochen.

Und Amazon?

Weil der Online-Versender selbst nicht dazu verpflichtet ist, Produkte auf ihre Echtheit zu prüfen, gilt es für Kunden, die auf solch ein Fake-Angebot reingefallen sind, sich sofort an Amazon zu wenden. Wird dem Konzern eine Markenrechtsverletzung gemeldet, muss er dem Fall nachgehen, das Produkt im Zweifel aus dem Angebot nehmen. Und oft, so lauten Berichte aus Internetforen, zeigt sich Amazon kulant, erstattet der Kaufpreis oder liefert Ersatz.

Leisten kann der Online-Versandhändler sich das. Er scheint deshalb bei der Plagiat-Problematik eher auf einer Fall-zu-Fall-Basis zu agieren und kauft sich im Reklamationsfall heraus - statt systematisch gegen Billigkopien auf der eigenen Plattform vorzugehen. «Amazon duldet keine gefälschten Produkte, deren Angebot auf Amazon Marketplace ist laut unseren Teilnahmebedingungen nicht erlaubt», liess das Unternehmen im Fall Birkenstock in einer ersten Stellungnahme schlicht verlauten. Es klang nicht danach, als plane Amazon eine neue Offensive gegen Produktpiraterie.

Die Schweizer lieben Online-Shopping während der Arbeitszeit

Video: srf

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    Alle Leser-Kommentare
  • Haiderfroh 12.12.2017 10:25
    Highlight Birkenstock ist einfach zu faul, ein besseres Angebot zu finden, als ihre Konkurrenten haben.
    Es ist daher absolut richtig, dass sie sich aus dem Markt verschwinden.
    Wenn sich die Kopie besser verkauft, als das Original, dann hat die Kopie sich das ganz zurecht verdient.
    1 2 Melden
  • Pisti 11.12.2017 23:23
    Highlight Hätte nicht gedacht, dass Leute die Birkenstock Sandalen tragen tatsächlich bei Amazon einkaufen. 😅
    3 0 Melden
  • scheppersepp 11.12.2017 22:13
    Highlight Da macht sich doch ein großer Konzern ganz klar dem Vertrieb von gefälschter Ware schuldig. Aber da drückt die Justiz mal wieder beide Augen fest zu... es ist ja nicht so, dass der Verkäufer eine Gewährleistung zu erfüllen hat. Personal mies bezahlen, Kunden täuschen und dann noch Produktepiraterie unterstützen... Aber Hauptsache ich bekomm den Krempel den ich nicht brauch zum kleinen Preis.
    9 0 Melden
    • Haiderfroh 12.12.2017 10:20
      Highlight Kuriose Ansicht.
      Demnach macht sich die Post ebenso schuldig des Vertriebes von Plagiaten, aber auch der Geldwäsche und des Drogenhandels (durch Bargeld und Drogen in Briefen und Paketen).
      Die SBB sind nach Deiner Logik Mittätter, wenn in ihren Zügen Drogen, oder gestohlene Gegenstände transportierte werden, oder Einbruchtouristen mitfahren.
      Und die SRG macht sich schuldig der Unterstützung einer terroristischen Organisation, wenn sie in ihren Beiträgen IS-Leute zu Wort kommen lässt, oder die IS-Flagge zeigt.
      Deine Ansicht ist total lebensfremd, in Unkenntnis des geltenden Rechtes.
      0 3 Melden
  • DocM 11.12.2017 18:09
    Highlight Warum sollte Amazon eine Offensive gegen Plagiate starten? Sie würden damit nur Aliexpress stärken und weniger Geld umsetzen. Nur darum geht es den Leuten von Amazon. Ganz nebenbei werden Händler gezwungen, die Lage von Amazon zu nutzen etc. etc. Spielen die Händler nicht mit, heisst es auf einmal: Amazon rechnet damit, dass die Lagebestände nicht ausreichend sind und die Ware verspätet ausgeliefert wird. Was passiert, die Leute bestellen bei einem anderen Amazon Händler. Es gibt noch zig andere Beispiele, weshalb Amazon mit Vorsicht zu geniessen ist.
    40 1 Melden
  • Homes8 11.12.2017 16:54
    Highlight Zu "Online-Shopping während der Arbeitszeit".
    Diese Zeit wird in der Regel mit der Zeit kompensiert, bei der ich zu Hause an meine Arbeit denken muss.
    16 9 Melden
  • Dharma Bum(s) 11.12.2017 16:50
    Highlight Birkenstock. Der Dolch im Rücken jeglichen Modegeschmacks. Ich würd die Dinger nicht mal im Sarg anziehen.

    So wird die Welt enden, nicht mit einem 3. Weltkrieg, sondern mit modischem Harakiri.
    19 44 Melden
    • axantas 11.12.2017 22:39
      Highlight Dann tu es einfach nicht und vergiss sie. Ich mache das immer so mit Sachen, die ich nicht mag. Ich ignoriere sie.

      Ich rege mich auch nicht über die Sachen auf und - glaub mir - spare Zeit damit...
      10 0 Melden
    • Homes8 12.12.2017 10:40
      Highlight "Dolch im Rücken" weil Modegeschmack eben meist nichts mit Gesundheit zu tun hat. Da ich mehr aufs sein wie auf Schein achte, ist Birckenstock etwas vom Besten, wegen der besseren Durchblutung in den Füssen. Noch besser geht nur ohne Schuhe, Barfuss, oder mit Huarache-Sandalen.
      2 1 Melden
    • Dharma Bum(s) 12.12.2017 13:10
      Highlight Zum Glück paaren sich Birkenstockträger nicht, weil uhhh abtörn.

      Dann sterben die Nerd-Gene irgendwann aus ....
      1 0 Melden

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