Italien
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Italien will Geburtenrate steigern und kopiert Dänemark – das Resultat ist ein Debakel



Warum neu erfinden, was andere erfolgreich vormachen? Das muss sich die italienische Regierung gedacht haben, als sie Ende August eine Fruchtbarkeits-Kampagne lancierte. Dänemark hatte seine Bürger vergangenes Jahr in mehreren vielbeachteten Videos ermutigt, mehr Kinder zu haben. Prompt wurden diesen Sommer 1200 Babys mehr geboren als im Jahr zuvor.

Do it for Denmark!

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Video: YouTube/Spies Rejser

Do it for Mom!

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Video: YouTube/Spies Rejser

Es braucht keine hellseherischen Fähigkeiten um vorherzusagen, dass die folgende Kampagne in Italien, dem Land mit einer der geringsten Geburtenrate Europas, zu keinem Babyboom führen wird:

«Schönheit ist zeitlos, Fruchtbarkeit nicht.»

«Lasst eure Spermien nicht in Rauch aufgehen.»

Die Reaktionen waren so heftig, dass das Gesundheitsministerium die Twitter-Kampagne nach wenigen Tagen stoppte.

«Die Sanduhr, der Slogan, wer ist nur auf diese Idee gekommen? Das nervt wirklich, ist erniedrigend, aufdringlich, respektlos.»

Eine Twitter-Userin brauchte denn auch nicht mehr als 140 Zeichen, um auf den wahren Hintergrund der niedrigen Geburtenrate Italiens hinzuweisen, der nichts mit Fruchtbarkeit zu tun hat:

«Ja schon, aber wenn man mit 30 knapp tausend Euro pro Monat verdient, dann ist das vielleicht der Grund, warum man keine Kinder hat, oder?»

Und dann:

«Tausend? Schön wärs!!!»

Erschwerend kommt in Italien dazu, dass weder Arbeitgeber noch der Staat viel unternehmen, um junge Eltern zu unterstützen. Sehr im Gegensatz zu Dänemark, das sehr grosszügige Mutter- und Vaterschaftsgesetze hat.

«Es gibt nichts zu feiern»

Die Kampagne des italienischen Gesundheitsministeriums fiel auch bei Premierminister Matteo Renzi durch. Dieser erklärte am Radio, keiner seiner Freunde habe Kinder gehabt, weil sie eine Werbung gesehen haben. Der Todesstoss kam von der bekannten Journalistin Vittoria Iacovella. Diese war über die Kampagne so genervt, dass sie ihrem Ärger auf Facebook Luft machte. Der Post, eigentlich ein offener Brief an Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin, ging im Gegensatz zum Hashtag #fertilityday viral:

Darin beschreibt die 37-Jährige und zweifache Mutter, wie schwierig es ist, in Italien Kinder zu haben. Ein Beispiel: Als sie damals zwei Stunden früher nach Hause ging, um zu stillen, wurde ihr dies vom Gehalt abgezogen. Die HR-Chefin (40+, kinderlos) habe ihr zudem vom Stillen abgeraten, um Konflikte mit der Arbeit zu minimieren. Stattdessen könne ja eine Babysitterin das Kind stillen.

Und das Geld für die missratene Twitter-Kampagne hätte die Ministerin besser der 10-jährigen Tochter Iacovellas gegeben: Als kürzlich am Frauentag die Lehrerin in der Schule die Errungenschaften der Frauenbewegung aufzählte, habe diese geantwortet: «Es gibt nichts zu feiern, wenn Mütter nicht die Arbeit tun können, die sie wollen. Es gibt noch viel zu tun.» 

Ministerin Lorenzin antwortete auf Facebook, die Kampagne sei nie als Aufforderung zum Kindermachen gemeint gewesen und verteidigte ihr Engagement für die Mütter. Die Einführung des Kindergelds sei ihre Initiative gewesen. Aber da sie erkannt habe, dass die Kampagne die Leute irritiert, habe sie beschlossen, sie zu stoppen. Das nächste Mal, werde man es besser machen.

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