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Peter Wippermann am 11. Europäischen Trendtag des Gottlieb Duttweiler Institute (GDI).
Peter Wippermann am 11. Europäischen Trendtag des Gottlieb Duttweiler Institute (GDI).Bild: gdi

Trendforscher Peter Wippermann: «Die zerstörerische Kraft von Uber wird total unterschätzt» 

Was macht das Internet mit unserer Gesellschaft und warum sind Unternehmen so dermassen überfordert? Trendforscher Peter Wippermann über die zerstörerische Kraft von Uber und die Illusion einer Privatsphäre, die wir längst verloren haben.
13.03.2015, 11:4714.03.2015, 07:51

Beim 11. Europäischen Trendtag des Gottlieb Duttweiler Institute spricht der deutsche Trendforscher Peter Wippermann über «digitale Aggression» und darüber, dass die meisten Firmen den Wandel total verschlafen haben. Was er damit genau meint:

In Ihrem Vortrag reden Sie von «digitaler Aggression». Was verstehen Sie darunter? 
Peter Wippermann: Es geht darum, dass die zerstörerische Kraft gewisser Businessmodelle total unterschätzt wird. Das sieht man zum Beispiel daran, dass in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland 85 Prozent der grossen Firmen keine neuen Businesskonzepte entwickelt haben. Es gibt das Internet jetzt seit 20 Jahren und die Unternehmen behandeln dieses Instrument immer noch wie eine Art Serviceabteilung, ähnlich wie die Hauspost.

Mit zerstörerischen Businessmodellen meinen Sie zum Beispiel Uber. Stehen Sie diesem Unternehmen negativ gegenüber? 
Nein, ich bin demgegenüber ziemlich neutral. Uber ist nur ein Beispiel dafür, dass es heute nicht mehr darum geht, innerhalb von einzelnen Branchen innovativ zu sein. Es geht nicht mehr um einzelne Produkte oder Services, sondern darum, Beziehungen zu kapitalisieren. Und wer diese Beziehungen am besten handeln kann, der kann auch alles andere anbieten.

«Bei solchen Änderungen fallen immer Arbeitsplätze weg, die dann später wieder aufgebaut werden.»

Strukturwandel gab es aber doch schon immer. 
Ja natürlich. Damals war es eine radikale Veränderung von der Agrargesellschaft hin zur Industriegesellschaft. Von der Industriegesellschaft zur Netzgesellschaft ist jetzt der nächste Schritt. Bei solchen Änderungen fallen immer erstmal Arbeitsplätze weg, die dann später wieder aufgebaut werden. Das wird auch jetzt wieder der Fall sein. In diesem Fall handelt es sich aber um einen globalen Wandel, bei dem ein Wettbewerb zwischen den etablierten Staaten und den Schwellenländern entsteht.

Wer wird gewinnen? 
Es werden unterschiedliche Märkte und Gesellschaftssysteme entstehen. Interessant ist einfach, wie der Staat für seine Bürger eintritt. In Europa haben wir einen ganz anderen Freiheitsbegriff als in den USA. Im amerikanischen Recht ist Information mehr Wert als die persönliche Freiheit und das wird dann auch unser geltendes Recht. Und das würde ich auch als eine Art von Aggression sehen.

Zahlreiche Vertreter aus der Wirtschaft lauschen dem deutschen Trendforscher.
Zahlreiche Vertreter aus der Wirtschaft lauschen dem deutschen Trendforscher.Bild: gdi

Durch all die technischen Entwicklungen sind wir in den letzten Jahren immer produktiver geworden. Die Löhne steigen jedoch nicht mit. Nicht alle. 
Es entsteht eine immer grössere Kluft. Der Mittelstand kann nicht mehr mithalten und das liegt daran, dass im Mittelstand die ganzen Verwaltungsberufe wiederzufinden sind. Wenn man aber an Airbnb oder an Uber denkt, dann ist es einfach so, dass die Kunden die Verwaltungsarbeit dort selbst übernehmen. Und in dem Moment, in dem Privatleute ihre Privatautos weitervermieten – so wie Airbnb das bereits mit Wohnungen macht – haben auch die Autohersteller schlechte Karten.

«Das Service-Proletariat wird total anschwellen.»

Kommt man nicht auch viel günstiger durchs Leben in dem Moment, in dem so eine Art Tauschgesellschaft entsteht? 
Das schon, es wird aber auch einen grossen Teil der Gesellschaft geben, der nur noch ganz wenig Geld verdient. Das Service-Proletariat wird total anschwellen. Das sieht man heute schon daran, dass manche Menschen mehrere Berufe haben. Mit der Industrialisierung ist die Regelmässigkeit der Arbeit gross geworden – und nun wird sie wieder eher dynamisch und flexibel.

Nichtsdestotrotz machen all diese Apps unser Leben doch aber auch viel einfacher. Irgendwann drucken wir uns unser Essen selbst, das Auto bringt uns von allein ans Ziel und die gewonnene Zeit können wir nutzen, um unsere sozialen Kontakte zu pflegen oder Sport zu machen. 
Genau, sonst würde sich das ja auch nicht durchsetzen. Bequemlichkeit ist der Schlüssel zum Erfolg dieser Angebote und die Nebenwirkungen werden einfach akzeptiert. Wenn man beispielsweise Online-Banking macht, investiert man einen Teil der eigenen Zeit, um Verwaltungsarbeit abzunehmen, die eigentlich die Bank erledigen würde. Und gleichzeitig gibt man seine Daten her.

Gemäss Peter Wippermann ist die Privatsphäre zu einer Illusion geworden.
Gemäss Peter Wippermann ist die Privatsphäre zu einer Illusion geworden.Bild: gdi

Häufig heisst es deswegen ja auch: «Pass auf, sonst hat Apple irgendwann all deine Daten!» Wenn ich das vermeiden wollte, dürfte ich meinen Laptop wahrscheinlich nicht mal mehr einschalten. 
Das glaube ich auch. Man muss heute nicht mehr ins Internet gehen, um ausspioniert zu werden. Die Bildanalyse-Softwares sind so gut, dass Menschen überall und ständig identifiziert und beobachtet werden.

«Sie haben einfach keine Privatsphäre!» 

Wenn ich ehrlich bin, habe ich dennoch nicht das Gefühl, dass meine Privatsphäre dauernd eingeschränkt wird. 
Ich würde auch nicht sagen, dass Ihre Privatsphäre eingeschränkt wird. Sie haben einfach keine Privatsphäre!

Aber es fühlt sich trotzdem so an. 
Ja, weil wir ein romantisches Bild der Privatsphäre haben, als wenn es das Internet nicht gäbe. Ich finde das immer so süss, wenn die Leute in ihren Autos getönte Scheiben haben, um die Privatsphäre zu schützen. Und dank Google Maps und Co. weiss trotzdem jeder, wo wir gerade sind. Und jeder weiss, dass so ein iPhone von aussen zuschaltbar ist und jederzeit geortet werden kann. Aber das ignorieren wir einfach alles.

Glaubst du, dass du noch eine Privatsphäre hast?

In Ihrem Vortrag sagten Sie, dass digitale Aggression auch beinhaltet, dass die Privatsphäre dahinschwindet. Was kann ich denn dagegen tun?
Als Individuum kann man praktisch nichts dagegen tun. Die Gesellschaft könnte aber sehr wohl was tun, indem Regeln eingeführt würden. Genau so wie irgendwann festgelegt wurde, wann ein Autofahrer für einen Fussgänger anhalten muss und wann nicht. In Bezug auf das Internet gibt es so etwas aber weder national noch global. Und nötig wären Regeln auf globaler Ebene im nationalen Interesse.

Aber ist das überhaupt machbar? 
Natürlich ist das machbar. Handelsabkommen werden ja auch international geregelt, Chemiewaffen sind verboten worden, mit Atomwaffen geht man anders um als früher.

Sie sagten aber selbst, dass die Technologie immer einen Schritt voraus ist und die Politik deswegen überfordert ist. 
Genau das ist das Problem. Wir haben eine Anpassungsträgheit, die uns unheimlich schadet. Die Nicht-Beschäftigung mit der technologischen Veränderung macht es möglich, dass diejenigen, die die Technologie vorantreiben, einfach die Gesellschaft verändern. Mir fällt auf, dass dieses Thema politisch kaum diskutiert wird. Und wenn es in den Medien diskutiert wird, dann nur im Feuilleton.

Über Uber wird aber durchaus in den Wirtschaftsrubriken der Medien geschrieben. 
Naja, Uber bekommt natürlich immer Schläge, weil der Travis Kalanick so ätzend ist, aber das Geschäftsmodell wird ganz sicher noch in vielen anderen Variationen auftreten.

Uber ist also nicht schuld, Uber profitiert einfach? 
Uber nutzt die Vernetzung von Privatleuten zu Privatleuten. In den USA ist es schon lange nicht mehr nur ein Mitfahr-Service, dort bietet Uber jetzt auch einen Catering-Service an und ein anderer Mitfahrdienst koppelt das Ganze an einen Dating-Service. Der soziale Aspekt wird kapitalisiert. Das kann man gut oder schlecht finden – in jedem Fall ist es aber eine totale Innovation.

«Es wird so getan, als würde man Fortbildungsprogramme für 50-Jährige machen, in Wirklichkeit ist das ökonomisch gesehen ineffektiv.»

Die Generation meiner Grosseltern ist mit der heutigen Technik total überfordert. Selbst das Handy verstehen sie nicht mehr. Meine Generation wächst aber mit der Technik mit. Das ist doch super, oder nicht? 
Mediensozialisation spielt eine gigantische Rolle. Der Digital Gap zwischen den Generationen wird noch massiven Einfluss auf die Arbeitswelt nehmen. Wir haben eine Überalterung der Arbeitnehmerschaft. Und es ist eine Illusion zu glauben, dass man die Älteren in ihren Jobs lassen könnte. Da kommen jüngere Leute, die viel effizienter sind. Da redet aber keiner drüber. Es wird so getan, als würde man Fortbildungsprogramme für 50-Jährige machen, aber in Wirklichkeit ist das ökonomisch gesehen ineffektiv.

Wann und wo wird das besonders spürbar sein? 
Das Thema Mobile Payment köchelt ja im Moment so vor sich hin. Meine Vermutung ist die folgende: In dem Moment, in dem sich Apple-Pay ähnlich durchsetzt wie in den USA, werden wir hier im Bereich des Handels eine ganz starke Rationalisierung haben.

Kann uns das Internet in Ihren Augen denn überhaupt noch Gutes tun?
Natürlich, es liefert uns den Zugang zu Informationen, zu Wissen, zu Serviceleistungen und auch zu Menschen. Es verändert aber die Gesellschaft radikal. Und das fällt den Leuten – vor allem auch in der Schweiz – total schwer zu begreifen.

Warum gerade hier? 
Sie haben hier Firmen, die als Weltmarktführer digitale Sicherheitsanlagen verkaufen. Und gleichzeitig ist der E-Commerce in der Schweiz nur bei 5 Prozent, also völlig unbedeutend. Im Alltag behält man also das Gefühl, dass das alles gar nicht existiert und dass uns das nicht berührt. Und das ist eine grosse Gefahr. Wenn man immer an den alten Strukturen festhält, dann kann es sein, dass jemand, den man gar nicht im Blickfeld hat, einem plötzlich in kreativer Zerstörungsart das Geschäftsfeld wegnimmt.

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