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«Love Hotel»-Dokumentarfilmer im Interview

«Hier können Menschen alles ausleben und ihren Fantasien freien Lauf lassen»



Jan Knüsel

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Trailer: «Love Hotel». Video;: YouTube/Alternativkino

Täglich besuchen 2,5 Millionen Menschen eines der 37’000 Love-Hotels in Japan. Die Love-Hotels sind keine Bordelle, sondern die einzigen Orte, wo Paare, Geliebte und selbst Einsame aus der strukturierten Gesellschaft ausbrechen können. Hier lebt die japanische Gesellschaft ihre Liebe, Wünsche, Fantasien und Geheimnisse diskret und anonym aus. 

Der Dokumentarfilm «Love Hotel» gewährt einen bislang nie dagewesenen Zugang hinter die Kulissen dieser Branche mit ihren grellen, kitschigen Fassaden und verspielt eingerichteten Zimmern. Die Filmemacher Phil Cox und Hikaru Toda haben während eines Jahres Stammkunden des Angelo Love-Hotels in Osaka begleitet. Entstanden ist ein feinfühliges und tiefgründiges Porträt über die verborgene Seite der japanischen Gesellschaft. 

«Love Hotel» 

Der Dokumentarfilm feiert am 14. September im Zürcher Alternativkino Schweizer Premiere. Am 21. September gibt es eine Zusatzvorstellung.

Dieses Interview mit Regisseur Phil Cox wurde von Jan Knüsel für Asienspiegel.ch durchgeführt. 

In einem japanischen Love Hotel Dokumentarfilm

Regisseur Phil Cox. Bild: Native voice films

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, einen Film über die japanischen Love-Hotels zu machen, Phil Cox?
Es war 2011, als ich in meinem kleinen Londoner Büro anfing, mir Gedanken zu machen, einen Film in Japan zu drehen. Zusammen mit der jungen und talentierten japanischen Filmemacherin Hikaru Toda gingen wir verschiedene mögliche Themen durch, bis wir schliesslich auf das Phänomen Love-Hotel stiessen. In Japan besuchen täglich 2,5 Millionen Menschen ein Love-Hotel. Das ist eine beeindruckende Zahl. Trotz allem hatte noch kein Filmemacher Zugang zu dieser anonymen und privaten Welt. 

Ist das im Rotlichtmilieu nicht immer schwierig?
Man darf die Love-Hotels auf keinen Fall mit Bordellen verwechseln. Es sind vielmehr Orte, wo man für kurze Zeit aus dem Alltag entfliehen und seine Fantasien ausleben darf. Dabei geht es nicht nur um Sex. In den Love-Hotels singt man Karaoke, verkleidet sich, feiert Partys oder man ist einfach ganz alleine. Als Filmemacher interessierte mich besonders, dass es an einem Ort, in einem einzigen Gebäude zahlreiche intime Geschichten gibt, wo reich und arm, alt und jung alle für einen kurzen Moment Seite an Seite sind. Ein Love-Hotel ist ein Fenster zur japanischen Gesellschaft.

In einem japanischen Love Hotel Dokumentarfilm

In einem Love-Hotel.  Bild: Native Voice Films

Wie haben Sie sich Zugang zur intimen und versteckten Welt der Japaner verschaffen können?
Das war keine einfache Aufgabe. Eine wichtige Voraussetzung für einen Dokumentarfilmer ist viel Geduld sowie die Fähigkeit, mit Menschen in Kontakt zu treten und eine Vertrauensbasis zu schaffen. Wir haben viele Personen angefragt und natürlich war die Antwort nicht selten ein knappes «Nein». Aber andere zeigten sich wiederum offen für einen Dokumentarfilm, der sich der Liebe und Intimität in einem Hotel annimmt.

Wie sind Sie auf die Besucher zugegangen?
Wir kommunizierten immer sehr offen und klar unsere Vorstellungen. Sobald wir im Love-Hotel drin waren, sprachen die Porträtierten jeweils sehr offen mit uns über ihre Gefühlswelt. Hier fühlt man sich in Japan nur schon aus kulturellen Gründen entspannter und offener. Das ist ja auch die Essenz des Love-Hotels. Es ist in vielerlei Hinsicht ein psychologischer Freiraum, wo die Menschen alles ausleben und ihren Sehnsüchten und Fantasien freien Lauf lassen. Mit einigen Porträtierten pflegten wir einen jahrelangen Austausch. Daraus sind auch gute Freundschaften entstanden. 

Und wie haben die Leute auf die Filmidee reagiert?
Einige der Protagonisten, wie das verheiratete Paar, hielten den Film für sehr wichtig. Sie nutzten ihn sogar, um ihre Beziehung zu vertiefen. Andere, wie das homosexuelle Paar, wollten gefilmt werden, um dem Publikum ohne Vorurteile und Verzerrung zu zeigen, wie sie wirklich sind. Als Filmemacher hatten wir die grosse Verantwortung all diese Menschen mit Feingefühl und Einfühlungsvermögen zu porträtieren. Aufgrund der bisherigen Reaktionen der Zuschauer glaube ich, dass uns dies gelungen ist.

In einem japanischen Love Hotel Dokumentarfilm

«Ohne Vorurteile und Verzerrung» – Szene aus «Love Hotel». Bild: Native Voice Films

Weshalb sind Ihrer Meinung nach die Love-Hotels so populär in Japan?
Weil der Mensch einen Ort braucht, wo er sich ausleben kann und Spass haben darf. In Japan herrschen ein rigides Arbeitsethos, eine tief konformistische Kultur und sehr enge Wohnräume vor. All dies führt zum Wunsch nach einem Raum, wo Privatsphäre, Intimität und Spiel gelebt werden können. Genau dies bieten die Love-Hotels. Ich denke, dass sie sehr wichtige und progressive Orte sind. In einer Geschichte im Film geht es um ein Paar, das seit zwanzig Jahren verheiratet ist und täglich so hart arbeiten muss, dass die einstige Leidenschaft füreinander verloren gegangen ist. Mit den gemeinsamen Love-Hotel-Besuchen versuchen sie den Spass und das Verspielte in ihrer Beziehung wieder zu entdecken. Das Love-Hotel hat ihre Ehe gerettet. Viele westliche Gesellschaften leiden unter denselben Problemen der Überarbeitung und der verlorenen Zeit für Intimität. Wir haben aber im Gegensatz zu den Japanern keinen Ort, wo wir diesen Stress abbauen können.

Co-Regisseurin Hikaru Toda (links) während der Dreharbeiten. Bild: Native Voice Films

Glauben Sie, dass das Love-Hotel-Konzept in Europa funktionieren würde? 
Ich glaube nicht. Love-Hotels sind keine Bordelle. Gerade diese Tatsache verstehen viele Europäer nicht. Die europäische Kultur hat aufgrund ihrer Geschichte eine ganz andere Beziehung zu Sinnlichkeit und Sex. Es ist eine, die von Religion und auferlegter Moral dominiert wird, was dazu geführt hat, dass bei uns Scham und Schuldgefühl eng mit Sinnlichkeit und sexueller Freiheit einhergehen. Japan hingegen war während vieler Jahrhunderte eine isolierte Insel, die von westlichen Einflüssen abgeschnitten war. Dadurch wurde das Land nicht so stark von unseren sexuellen Moralvorstellungen beeinflusst. Natürlich ruft das Gesprächsthema Love-Hotel auch in Japan gelegentlich Gelächter und Verlegenheit hervor. Aber nur schon die täglich 2,5 Millionen Love-Hotel-Besucher beweisen, dass es in Japan diesbezüglich keine moralische Vorbelastung gibt, wie es an vielen Orten in Europa womöglich der Fall wäre. 

Love Hotel Japan Dokumentarfilm Phil Cox

«Keine moralische Vorbelastung». Bild: Native Voice Films

Was waren die grössten Schwierigkeiten während der Filmarbeiten? 
Geduldig zu bleiben, sich den Terminplänen der Kunden anzupassen und eine gute Beziehung mit dem Management des Hotels aufrecht zu erhalten. Wir mussten im Hotel arbeiten, ohne dessen Geschäft zu behindern. Das bedeutete, dass wir als Filmemacher fast unsichtbar bleiben mussten. Natürlich gab es auch sprachliche und kulturelle Hürden. Zusammen mit Hikaru Toda, meiner japanischen Co-Regisseurin, konnten wir jedoch viele Probleme bewältigen.

Domina Rika, Erzählerin von «unglaublichen Geschichten». Bild: Native Voice Films

Welchen Protagonist im Film mögen Sie am meisten? 
Alle Porträtierten waren sehr speziell auf ihre Art und Weise. Da gibt es den Pensionär Tanaka-san mit seiner Ehrlichkeit und seinem Humor, die Domina Rika mit ihren unglaublichen Geschichten, das Ehepaar Sakamoto und ihre zärtlichen Versuche, die Ehe zu retten. Sie alle sind zu meinen Freunden geworden und haben mir gezeigt, was es bedeutet, Mensch zu sein.

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Ozawa-san, Manager des Angelo Love Hotels. Bild: Native Voice Films

Wie waren die bisherigen Reaktionen auf Love Hotel? 
Die Zuschauerreaktionen waren bislang fantastisch. Ich glaube, dass viele nicht genau wissen, was sie erwartet. «Ist es ein pornographischer oder gar ein reisserischer Film?», fragen sich wohl viele. In Wahrheit ist es ein warmherziger Film mit viel Humor und Feingefühl. Der Film spricht die Zuschauer an. Sie können sich mit den Charakteren und deren Problemen identifizieren. «Love Hotel» wurde bislang in Nordamerika, Frankreich und Australien vor ausverkauften Häusern gezeigt. Und ich hoffe, dass wir ihn bald auch in anderen Ländern in Europa und Asien zeigen dürfen.

«Pornographisch oder reisserisch?» Mitnichten. Bild: Native Voice Films

Würden Sie noch gerne etwas hinzufügen?
«Love Hotel» war für mich in vielerlei Hinsicht ein gefährliches Filmprojekt. Meine grösste Angst war es, einen voyeuristischen Film aus einem westlichen Standpunkt zu machen, der die Japaner als verrückt und schräg mit Sexszenen in Love-Hotels darstellen würde. «Love Hotel» ist nicht ein klischierter «Lost in Translation»-Film geworden. Wäre er so geworden, dann hätte ich versagt. Dank meiner japanischen Co-Regisseurin hatten wir die richtige Balance, um den Blick von aussen und innen wiederzugeben. Wir waren entschlossen, viel Zeit aufzuwenden, um die Intimität und Tiefe der Porträtierten zu erfassen, damit die Zuschauer eine Beziehung zu ihnen herstellen und sich selbst auf der Leinwand wiedererkennen können. 

Und wie stehen Sie selbst zu Love-Hotels?
Ich sehe die Institution der Love-Hotels als etwas Wichtiges und Progressives an. Wir Menschen bestehen alle aus vielschichtigen Wünschen, Emotionen und Frustrationen. Diese einfach zu unterdrücken oder als schlecht anzusehen ist nicht immer gesund. In diesem Sinne sind die Love-Hotels in Japan sichere und private Orte, wo wir Intimität und Spiel finden und unsere Fantasien ohne Vorurteile ausleben können – dies kann nur eine gute Sache sein!

In einem japanischen Love Hotel Dokumentarfilm

«Ein sicherer und privater Ort.» Bild: Native Voice Films

(Interview: Jan Knüsel für Asienspiegel.ch)

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