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Das Feuerwerk der FCZ-Fans sorgt in Basel für einen Spielunterbruch.
Das Feuerwerk der FCZ-Fans sorgt in Basel für einen Spielunterbruch.Bild: Claudia Minder/freshfocus

Warum die ewige Brandstifterei gegen Fussballfans viel schlimmer ist als ein paar Fackeln

Nach dem Spielunterbruch beim Klassiker zwischen Basel und Zürich kocht die Diskussion um den Umgang mit Pyrotechnik wieder auf höchster Stufe. Fackelwürfe sind zu verurteilen, die durchschaubare Polemik gegen Fussballfans aber ebenso.
13.04.2015, 16:0214.04.2015, 20:05

Die schlimmsten aller Hooligans sind wieder einmal ausser Rand und Band. Gemeint sind nicht jene emotional überhitzten Fussballfans, die am Sonntag beim Klassiker zwischen Basel und Zürich Böller und Fackeln gezündet haben. Auch nicht die, welche nach Spielschluss einen SBB-Unterbruch provoziert und damit eine Straftat begangen haben. Die Rede ist von jenen ideellen Brandstiftern, welche diese Vorfälle nutzen und nun wieder einmal zur grossen Treibjagd gegen alle Kurvenbesucher blasen. Die Medien-, Internet-, und Stammtisch-Hooligans. 

Das Geschehen auf dem Rasen verkommt zur Nebensache.
Das Geschehen auf dem Rasen verkommt zur Nebensache.Bild: KEYSTONE

Nach dem Spielunterbruch im St. Jakob-Park war abzusehen, dass sie heute wieder einmal ein «Chäferfest» feiern werden. Seit Jahren eskaliert die Diskussion nach jedem Zwischenfall im Stadion zuverlässig. Nun ist es also wieder einmal so weit.

Auch bei watson weht ein rauer Wind

Auch auf der watson-Redaktion wird am Morgen nach dem Chaos-Spiel überwiegend die Hardliner-Ansicht vertreten. Die Parolen «durchgreifen», «genug ist genug» und «ein Exempel statuieren» fallen mehrfach. Wir, die uns sonst zuverlässig auf die Seite der Schwachen oder zahlenmässig Unterlegenen schlagen und auch sonst immer so unglaublich viel Wert auf Differenzierung legen, prügeln plötzlich mit dem Mainstream auf diese ominöse Gruppe ein. Den «Mob», die «Chaoten», die «sogenannten» Fans.

Wer bestimmt eigentlich, was «sogenannte» und was «echte» Fussball-Fans sind? Sepp Blatter? Köbi Kuhn? Vreneli aus dem Emmental?

Sogar der Eismeister wechselt die Seiten

Ein Mann aus dieser Region läuft auf jeden Fall zu polemischer Hochform auf. Während der «Blick» seinem Holzhammer-Image gerecht wird, indem er gleich die komplette Aussperrung aller Gästefans fordert, überrascht Eishockey-Experte Klaus Zaugg auf unserer Seite mit seinem «Zero Tolerance»-Vorschlag für den Umgang mit den unbequemen Fussballfans.

Die Zusammenfassung seiner abenteuerlichen Theorie lautet ungefähr so: Die Schweiz müsse sich für diese Liga europaweit schämen. Der Fussball sei hierzulande Geisel eines gewaltbereiten Mobs und die Klubs unternähmen nichts dagegen. Die Lösung wäre einfach und ist in England zu finden: Eine massive Erhöhung der Eintrittspreise, totales Alkoholverbot, personalisierte Tickets, die unter Androhung von lebenslangem Stadionverbot nicht weitergegeben werden dürfen und eine komplette Abschaffung der Stehplätze. Nur so könne man die Chaoten vertreiben und in Zukunft ein «gutbürgerliches und anständiges» Publikum in die Stadien locken.

Klaus Zaugg sorgt mit seinem Vorschlag für Wirbel.
Klaus Zaugg sorgt mit seinem Vorschlag für Wirbel.bild: watson

Praktischerweise schert er bei diesem totalitären Feucht-Traum gleich alle Fussballfans über einen Kamm. Das ist ungefähr so wenig sinnvoll, wie alle Moslems dieser Welt als Terroristen zu bezeichnen – aber einfach extrem bequem.

«Schuster, bleib bei deinen Leisten», mag sich so mancher Leser bei dieser Lektüre gedacht haben. Viele von ihnen geben das auch in der Kommentarspalte kund. Denn bei allem Respekt vor der Hockey-Kompetenz des Eismeisters: Dass das englische Modell auf der Insel vielerorts zum Niedergang der Fankultur geführt hat – zu stimmungslosen Fussballstadien, in denen Grossteils nur noch Cüplitrinker und Besserverdiener höflich applaudieren, während sich die Arbeiterklasse das Spiel im Pub anschaut – das hat jeder Mensch mitbekommen. Zumindest wenn er sich schon länger mit der Thematik beschäftigt hat, als die Zeit, die es zwischen zwei Eishockey-Bullys braucht.

Wie dramatisch war die Lage wirklich?

Was ist am Sonntag im St. Jakob-Park eigentlich genau passiert? Es wurden verbotene Böller und Fackeln gezündet. Drei davon landeten auf dem Rasen hinter dem Tor. Schiedsrichter Amhof bewertete die Lage als Sicherheitsrisiko und schickte die Spieler in die Kabine. Draussen schaukelten sich die aufgeheizten Fankurven derweil gegenseitig weiter hoch. 

Bild: AP/KEYSTONE

Basel-Präsident Bernhard Heusler, der sich als einer der Wenigen persönlich um einen konstruktiven und nachhaltigen Dialog mit den Fans bemüht, wird am Spielfeldrand durch die SRF-Reporterin zu sofortigen Lösungsvorschlägen genötigt. Matchbesucher auf der Haupttribüne, die während des Unterbruchs das Stadion verlassen, werden im TV als fliehende Opfer dargestellt. Die Möglichkeit, dass sie beim Stand von 3:0 vielleicht lieber früher nach Hause kommen, um bei dem schönen Wetter noch den Grill anzuwerfen, kommt gar nicht erst in Betracht.

Doch bestand hier wirklich eine konkrete Gefahr? Im Gegensatz zum schwarzen Zürcher Derby 2011 wurden keine Fackeln auf Zuschauer geworfen. Solches Verhalten ist selbstverständlich hochkriminell und kann unter keinen Umständen gutgeheissen werden. Am Sonntag hingegen, haben lediglich drei Leute ihre Feuerwerkskörper am Spielfeldrand entsorgt. Das ist ebenfalls nicht sonderlich schlau und wohl nur mit fehlgeleiteten Emotionen zu erklären. Bloss gilt das auch für Gashis Revanchefoul auf dem Rasen – und keiner fordert für ihn ein Stadionverbot. Warum wurde die Aktion der Fackelzünder also derart dramatisch bewertet?

Was die Fackeln mit dem Marlboro-Mann gemeinsam haben

Die Erklärung ist einfach. In den vergangenen 20 Jahren hat beim Thema Pyrotechnik im Stadion ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel stattgefunden. Als der FC Basel 1994 nach einem 1:1 gegen den FC Zürich aufgestiegen ist, hat das halbe St. Jakob-Stadion gebrannt und alle, inklusive TV-Kommentatoren, fanden das grossartig. Hier der Beweis:

1994 fand das Schweizer Fernsehen Fackeln im Stadion noch ziemlich gut.video: youtube/alex dutler

Mittlerweile verkörpern die einst geliebten Fackeln für viele Menschen das pure Böse. Sie teilen damit das Schicksal anderer Rauchwaren, beispielsweise den Zigaretten. Früher war es lässig, zu paffen und zu zünden – heute stehen der Marlboro-Mann und der Fussballfan mit Fackel im gesellschaftlichen Ansehen knapp über den Kinderschändern.

Eine unheilvolle Spirale

Bloss ist die Pyrotechnik ein fester Bestandteil der Ultra-Kultur und für die Mitglieder des harten Kurvenkerns partout nicht verhandelbar. Dieses Prinzip gilt schweiz- und weltweit. Das führt zu einer systembedingten Unlösbarkeit des Konflikts. Ultras wollen zünden und finden auch immer Wege dazu. Sie schotten sich gegen alle Aussenstehenden ab und zelebrieren ihren Gruppenzusammenhalt gegen das System. Die Gegenseite macht derweil mobil, setzt dabei auch auf Gewalt, Repression und Medienhetze. So radikalisieren sich beide Gruppen gegenseitig – eine unheilvolle Spirale.

Nach den Fackeln von Basel kocht die Diskussion wieder hoch. 
Nach den Fackeln von Basel kocht die Diskussion wieder hoch. Bild: KEYSTONE

Die Quintessenz sind immer wieder aufflammende Scharmützel im und um das Stadion. Oft folgt im Anschluss eine öffentliche Diskussion auf Wild-West-Niveau. Schliesslich versickert das Thema nach wenigen Tagen wieder. Bis ein neuer Brand entfacht wird – oder einmal ein wirklich grosses Unglück geschieht.

Es wäre höchste Zeit, dass sich alle Parteien besinnen und Kompromisse anstreben. Hetze, Drohungen und Repressionen auf der einen – und trotziges Schweigen kombiniert mit Outlaw-Romantik auf der anderen Seite werden nie zu einer Lösung führen.

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Fan-Ausschreitungen bei FCB - FCZ (12.04.2015)
quelle: keystone / patrick straub
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