DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Sektenblog

Sektenführer wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung verurteilt

Sektenbosse von Colonia Dignidad haben Kinder missbraucht und Regimegegner gefoltert und umgebracht.



Radikale Glaubensgemeinschaften und Sekten sind politisch häufig am rechten Rand angesiedelt oder haben faschistoide Haltungen und Tendenzen. Das ist keine Überraschung, sondern ist eine logische Konsequenz ihrer Heilslehre und Strukturen. Denn autoritäre Systeme laufen stets Gefahr, rechtsradikale Züge zu entwickeln.

Konkret: Sie werden in der Regel von machtbesessenen Führern oder Gurus gegründet und sind rückwärts gewandt, weil sie ihre reaktionären Ideen konservieren wollen. Der Scientology-Gründer Ron Hubbard zum Beispiel wollte in seinem Machtrausch die ganze Welt scientologisch machen und die Demokratie abschaffen.

Das Phänomen ist auch beim Opus Dei, einer Art Geheimloge, auszumachen. Die reaktionäre katholische Bewegung im Rang eines Bistums möchte das Rad der Zeit zurückdrehen. Auch die Zeugen Jehovas sind eine autoritäre Freikirche, die den geistigen Spielraum ihrer Gläubigen einengt.

Weiter vertreten viele esoterische Gruppen und Bewegungen ein reaktionäres Gedankengut, das teilweise aus der Wiedergeburt- und Karmatheorie resultiert. Nicht von ungefähr sprechen Fachleute von der „braunen Esoterik“.

Ein besonders krasses Beispiel ist die christliche Polit-Sekte Colonia Dignidad (Kolonie der Würde), durch deren Geschichte sich eine Blutspur zieht. Nach jahrzehntelangen Vertuschungen und politischem Protektionismus sind nun endlich fünf ranghohe Exponenten der deutschen Sekte zu je fünf Jahre Haft verurteilt worden. Der oberste chilenische Gerichtshof warf den drei deutschen Sektenführern Kurt Schnellenkamp, Gerhard Mücke und Karl van den Berg sowie zwei ehemaligen chilenischen Geheimdienstmitgliedern die Bildung einer kriminellen Vereinigung vor.

Colonia Dignidad hatte unter dem Regime von Diktator Augusto Pinochet mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet. Die vom deutschen Prediger Paul Schäfer 1961 in Chile gegründete Sekte diente dem Geheimdienst des Diktators als Folterzentrum.

Aber auch Sektenmitglieder wurden im getarnten Sektenzentrum körperlich gezüchtigt und teilweise sexuell missbraucht. Schnellenkamp und Mücke sind wegen solcher Verbrechen bereits in Chile in Haft. Etliche Sektenanhänger konnten sich aber der Justiz entziehen.

Bild

Geschundene Sektenmitglieder im Gruppenbild. bild Keystone

Vor zehn Jahren waren 18 Sektenanhänger und Geheimdienstmitglieder angeklagt worden. Sechs Angeklagte starben im Laufe der Verhandlungen, drei flüchteten nach Deutschland. So auch der Sektenarzt Hartmut Hopp, der bereits zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden war.

Hopp versteckte sich jahrelang, und die deutsche Justiz legte wenig Eifer an den Tag, ihn zu fassen. Seit er enttarnt worden ist, prüft nun das Landgericht Krefeld, ob es das Urteil aus Chile vollstrecken kann.

Sektenführer Schäfer war 2006 zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er unter anderem Kinder verschleppt und sexuell missbraucht hatte. Vier Jahre später starb er im Alter von 88 Jahren.

Bild

Verhaftung des Sektenführers Paul Schäfer.

Schäfer, ein untersetzter Mann mit Glasauge, hatte 1961 seine abgelegene Kolonie 400 Kilometer südlich von Santiago aufgebaut. Das kleine, herausgeputzte Dorf mit den landwirtschaftlichen Musterbetrieben und den weiten Feldern wirkte wie ein Freilichtmuseum. Heute ist es ein Feriendorf.

Sektenführer Paul Schäfer entführte Knaben oder stahl sie einheimischen Familien

Der fromme Deutsche war ein Päderast und flüchtete damals vor der deutschen Justiz nach Chile. Im abgelegenen Sektenzentrum konnte er seine sexuelle Neigung an den Söhnen der Sektenmitglieder ausleben.

Wenn er „Nachschub“ brauchte, entführte er Knaben oder stahl sie einheimischen Familien. Immer wieder, so berichten ehemalige Bewohner der Kolonie, seien Babys, die gratis in der Sektenklinik behandelt wurden, für tot erklärt und in der Kolonie versteckt worden.

Bild

Mordopfer der Sekte Colonia Dignidad. bild Keystone

Für Schäfers Anhänger war die Kolonie vor allem ein Arbeitslager, das von Stacheldraht umzäunt war. Sie schufteten unter einem strengen Regime 16 Stunden am Tag auf den Feldern, Lohn gab es keinen, Kontakt nach aussen war untersagt. Es gab keine Zeitungen, kein Radio, und das Lesen von Büchern war verboten.

Die Anhänger des pädophilen Sektenführers mussten fromm, unterwürfig und angepasst sein und ihre Triebe unterdrücken. Familien wurden auseinandergerissen, Knaben und Mädchen wuchsen getrennt auf.

Umerziehung mit Elektroschocks und Psychopharmaka

Wer die Sektenregeln verletzte, wurde mit Züchtigung umerzogen: Mit Elektroschocks und Psychopharmaka wollte Schäfer Temperament und Charakter seiner Anhänger umpolen.

Schäfer war ein Vertrauter von Pinochet. Der Diktator liess seine Gegner teilweise im Sektenzentrum umbringen, wie später entdeckte Massengräber bewiesen.

Paul Schäfer war nach dem 2. Weltkrieg als Jugendbetreuer bei der evangelischen Kirche in Bayern tätig. Erste Anzeigen von Kindsmissbrauch wurden bereits 1946 registriert, doch Schäfer wurde erst fünf Jahre später entlassen. Nun zog er als Laienprediger durch Deutschland, richtete 1956 ein Kinderheim ein und nahm Waisen auf. Als er mit 250 Anhängern nach Chile flüchtete, entführte er auch Kinder, die ihre Eltern nie mehr sahen.

Der Sektenboss floh nach Argentinien

Nach dem Sturz von Pinochet dauerte es noch viele Jahre, bis die neue Regierung die Verbrechen im Sektendorf zu untersuchen begann. Schäfer entkam 1997 der Razzia und floh nach Argentinien. Nach acht weiteren Jahren wurde er verhaftet und nach Chile ausgeliefert.

Dass der Sektenarzt Hartmut Hopp, der massgeblich an den Verbrechen beteiligt war, sich auch heute noch frei in Deutschland bewegen kann, ist nur einer der verstörenden Aspekte dieser dramatischen Sektengeschichte.

Hugo Stamm; Religionsblogger

Hugo Stamm

Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

Du kannst Hugo Stamm auf Facebook und auf Twitter folgen.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Sektenblog

Wenn die Abkehr vom Glauben die grosse Befreiung wird – ein ehemaliger Pastor erzählt

Thomas Klepsch war jahrzehntelang ein eifriger Gläubiger einer Freikirche. Heute nennt er sich Atheist.

Wer in einer sektenhaften Gruppe aktiv ist, taucht in eine mentale Parallelwelt ab. Denken, Handeln und Fühlen ändern sich oft radikal, die geistige Welt ebenfalls – meist begleitet von einer erheblichen Wesensveränderung.

Wie gravierend die Indoktrination durch sektenhafte Gruppen sein kann, zeigt sich, wenn Anhänger die Gruppe verlassen. Sie fallen meist in ein Loch, erleben Angstzustände und Gewissensbisse, sind einsam, kämpfen gegen psychische Probleme und haben Schwierigkeiten, sich …

Artikel lesen
Link zum Artikel