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Martin Lueck, BlackRock

Interview

BlackRock-Ökonom Martin Lück: «Grösse wird oft fälschlicherweise mit Macht assoziiert»

Black-Rock ist der grösste Vermögensverwalter der Welt. Ist das Unternehmen eine «heimliche Weltmacht», wie Kritiker bemängeln? Chefstratege Martin Lück erklärt, wie es wirklich ist.



Die Mutter aller Fragen an den Finanzmärkten lautet derzeit: Gibt es nun einen Aktienblase oder nicht? Wie sehen Sie das?
Martin Lück: Wir haben zum Teil sehr hohe Bewertungen, aber diese Bewertungen sind differenziert. Deshalb würde ich nicht von einer Blase sprechen.

Das durchschnittliche Kurs/Gewinn-Verhältnis ist jedoch deutlich angestiegen.
Das stimmt, aber wir leben auch in einer ganz anderen Anleger-Welt, in einer Welt der extrem tiefen Zinsen. Deshalb sind Aktien so attraktiv geworden. Dank den tiefen Zinsen sind die hohen Aktienpreise auch aus finanz-mathematischer Sicht gerechtfertigt.

Die tiefen Zinsen haben auch eine gefährliche Seite. Nicht nur Amateur-Day-Trader gehen hohe Risiken ein, auch renommierte Banken, wie die CS gerade eben bewiesen hat.
Der Anreiz, nicht gerechtfertigte Risiken einzugehen, ist tatsächlich höher geworden. Der ehemalige Präsident der amerikanischen Notenbank, Alan Greenspan, hat dieses Phänomen einst als «Schaum», bezeichnet. Ich stimme dieser Einschätzung zu. Wir haben zwar keine Blase, aber Anzeichen von Schaum gibt es.

Hat dieser Schaum auch Auswirkungen auf die reale Wirtschaft?
Die extrem tiefen Zinsen beunruhigen mich als Volkswirt. Es besteht die Gefahr, dass Kapital für nicht produktive Zwecke verschwendet wird, dass es falsch alloziert wird. Es ist daher wünschenswert, dass wir bald wieder zu normalen Zeiten zurückkehren, wo die Zinsen die Kapitalknappheit regeln.

Zu den tiefen Zinsen gesellen sich nun auch die gewaltigen Corona-Hilfspakete. Verleiht dies der Blasenbildung zusätzlichen Schub?
Die Staaten schnüren Hilfspakete, die noch vor kurzem undenkbar waren. Es ist völlig klar, dass dies die Anleger-Landschaft ebenfalls verändern wird. Doch entscheidend für die Investoren bleiben die tiefen Zinsen.

«Wir werden keinen typischen Aufschwung der Wirtschaft erleben.»

Und was ist mit der Inflationsgefahr, dem Vater aller Fragen an den Finanzmärkten?
Wir werden keinen typischen Aufschwung der Wirtschaft erleben, einen, der sich langsam entwickelt. Wenn wir so etwas wie Herden-Immunität erreicht haben, dann wird die Volkswirtschaft schlagartig geöffnet und die Nachfrage explodieren. Viele Haushalte haben für ihre Verhältnisse zu viel gespart. In der zweiten Jahreshälfte rechne ich deshalb mit einem Inflationsschub, der recht massiv werden kann. Eine dauerhafte Inflation sehe ich allerdings nicht.

Die aktuelle Stimmung wird gerne mit den «Swinging Twenties», den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts verglichen, einer Zeit von überschäumendem Optimismus, Sorglosigkeit und einem absurden Börsenboom. Sehen Sie das auch so?
Bekannte Ökonomen wie Lawrence Summers fürchten eine Überhitzung der Märkte. Entscheidend wird sein, wie die Politik und die Zentralbanken auf eine solche Entwicklung – sollte sie denn auch eintreten – reagieren werden. Können die Fed, die EZB oder die SNB eine Inflation weiterlaufen lassen, auch wenn sie deutlich über das Zwei-Prozent-Ziel schiesst? Doch wie erwähnt, ich gehe davon aus, dass ein solches Überschäumen nur kurzfristig eintreten wird, wenn überhaupt.

Die Zeichen eines solchen Überschäumens sind unübersehbar geworden. Der Boom mit den Kryptowährungen, die Sache mit den GameStop-Aktien, die digitalen Bilder, die für Millionen gehandelt werden.
Das sind Auswüchse, ganz klar. Es stimmt auch, dass viele amerikanische Haushalte das Geld, das ihnen die Regierung hat zukommen lassen, für das Zocken an den Börsen verwendet haben. Dazu kommt das Phänomen, das im Englischen mit dem Begriff «Fomo» («fear of missing out») bezeichnet wird. Darunter versteht man die Angst, einen Trend verpasst zu haben. Das kann dazu führen, dass man blind auf absurde Dinge setzt. Aber diese Auswüchse sind noch nicht systemrelevant. Das Finanzsystem ist deswegen nicht in Gefahr.

Former U.S. Secretary of the Treasury and Harvard University's Lawrence Summers delivers remarks at the National Association for Business Economics Policy Conference in Arlington, Virginia February 24, 2014.   REUTERS/Gary Cameron (UNITED STATES - Tags: POLITICS BUSINESS)

Warnt vor einer Inflation: Lawrence Summers, ehemaliger Wirtschaftsberater von Barack Obama. Bild: X00044

Wie verhält sich BlackRock gegenüber diesen Auswüchsen? Bei GameStop sollen Sie einen Windfall-Profit (zufälligen Profit) von rund einer Milliarde Dollar erzielt haben.
So etwas sind tatsächlich Windfall-Profits. Die Aktien waren Teil unseres ETF-Portfolios, das wir passiv bewirtschaften. Wir kaufen diese Aktien daher weder gezielt noch spekulieren wir damit. Es würde auch überhaupt nicht im Selbstverständnis von BlackRock liegen, solche Spiele mitzumachen. Wir zocken nicht mit dem Geld, das uns unsere Kunden anvertrauen.

Was sind ETFs?

ETF ist die Abkürzung für «Exchange Traded Funds». Es handelt sich dabei um Fonds, die einen Korb von Aktien abbilden, beispielsweise den Aktienindex SMI. Im Unterschied zu normalen Fonds können ETF-Papiere wie Aktien gehandelt werden.

BlackRock zockt nicht, aber weil das Unternehmen inzwischen so gross geworden ist, beginnt es die Märkte zwangsläufig zu beeinflussen, sagen Kritiker. Stimmt das?
Grösse wird fast automatisch und fälschlicherweise oft mit Macht assoziiert. Ich würde lieber von Verantwortung sprechen. BlackRock ist ein Unternehmen, das immer noch von seinem Gründer Larry Fink geleitet wird, einem Mann, der uns seine Werte täglich vorlebt. Natürlich ist es nicht von der Hand zu weisen, dass wir als weltweit grösster Assetmanager und führender Anbieter von ETFs den Markt beeinflussen. Aber wir sollten die Relationen nicht aus dem Auge verlieren: Insgesamt sprechen wir von weniger als zehn Prozent des Gesamtmarktes. Es wäre absurd zu meinen, wir würden den Markt beherrschen.

BlackRock versucht, seine Macht für nachhaltiges Investieren einzusetzen. Das Unternehmen gibt sich neuerdings betont grün. Ist das ein Zeichen für das Verantwortungsgefühl, von dem Sie gesprochen haben – oder ganz einfach, weil es sich herumgesprochen hat, dass nachhaltig zu investieren auch die beste Rendite bringt?
Wir bei BlackRock sehen das sehr nüchtern: Klimarisiken sind auch Anlagerisiken. Unternehmen, die sich nicht klimafreundlich verhalten, werden bald grosse Probleme erhalten. Sei es, weil sie von den Regierungen mit neuen Gesetzen unter Druck gesetzt werden, sei es, weil sie von den Menschen weniger geschätzt werden. Deshalb ist es schlicht zu riskant geworden, in nicht klimagerechte Dinge zu investieren.

Und was ist mit der Rendite?
Klimagerecht zu investieren und Geld verdienen schliessen sich keineswegs aus. Klimatechnologie ist zukunftsträchtig. Klimaschäden zu bekämpfen ist auch eine Investitions-Chance. Diese Betrachtung setzt sich allmählich durch – und BlackRock hat dies früh erkannt.

Was heisst das konkret?
Wir haben einen Prozess in Richtung Nachhaltigkeit in Gang gesetzt. Und wir verfolgen sehr genau, wie sich die Entwicklung verändert, und wie wir unsere Anlagestrategien anpassen müssen. Nachhaltigkeit ist für uns weit mehr als ein Marketing-Gag.

«Klimarisiken sind auch Anlagerisiken»

Investiert BlackRock beispielsweise noch in Erdöl-Multis?
Wir handeln mit den Unternehmen Wegmarken aus, denn man kann nicht von einem Tag auf den anderen alles auf den Kopf stellen. Wir wollen Schritt für Schritt in die richtige Richtung wandern. Bei der Kohle etwa haben wir uns verpflichtet, dass wir uns von allen Anlagen – Aktien und Obligationen – von Unternehmen trennen, die mehr als 25 Prozent ihres Umsatzes aus Kohlenproduktion erwirtschaften.

Nachhaltiges Investieren ist heute das Gebot der Stunde geworden. Alle machen es. Wie unterscheiden sich BlackRock von der Konkurrenz?
Wir sind ein bisschen früher eingestiegen als die meisten und haben daher noch einen kleinen Vorsprung. Und wir haben Aladdin.

Aladdin? Können Sie kurz erläutern, was es dabei auf sich hat?
Aladdin ist eine sehr komplexe Analyse-Software, die es uns ermöglicht, unsere Portfolien auf die verschiedensten Arten zu testen. Wir können die verschiedensten Parameter eingeben und ihre Folgen erkennen. Andere Unternehmen haben das in dieser Form nicht. Dank Aladdin können wir auch andere Finanzunternehmen beraten, auch öffentliche Stellen bis hin zu Zentralbanken.

Lampe Aladdin

Aladdins Wunderlampe à la Disney. Bild: shutterstock

Imagemässig kann Aladdin für BlackRock auch ein Problem sein. Kritiker sprechen von einer riesigen Datenkrake und bezeichnen dieses technologische Wunderwerk als eine Art Big Brother der Finanzwelt. Wie begegnen Sie diesen Ängsten?
Indem wir möglichst transparent damit umgehen. Aladdin ist tatsächlich eine sehr potente, breit angelegte Software, respektive ein breites Konglomerat verschiedenster Software-Pakete, mit denen eine breite Palette verschiedenster Szenarien analysiert und stressgetestet werden kann. Dazu braucht es natürlich auch Daten. Aber das ist kein Hexenwerk. Wir gehen damit offen um, jeder kann erfahren, was er erfahren möchte. Aber die Menschen lieben Verschwörungstheorien, und im Internet verbreitet sich Unsinn wie jener von einer «schwarzen Datenkrake» schnell. Datenmissbrauch entspricht jedoch in keinster Weise unserem Unternehmensverständnis und unserem Treuhandversprechen gegenüber unseren Kunden.

Unternehmen werden zunehmend in die Politik hineingezogen. Jüngstes Beispiel Coca Cola und Delta Airlines im US-Bundesstaat Georgia. Wie geht BlackRock mit dieser Entwicklung um?
Sehr verantwortungsvoll. Natürlich sind unsere Anlageerfolge massgeblich auch von politischen Entscheidungen abhängig. Es ist kein Geheimnis, dass BlackRock im Interesse der Kunden versucht, diese Entscheide zu verstehen. Deshalb stellen wir auch entsprechende Leute ein, Philipp Hildebrand beispielsweise, der ehemalige Präsident der Schweizerischen Nationalbank, oder ein hochrangiger ehemaliger Mitarbeiter der Regierung von Barack Obama, der die geopolitischen Risiken einschätzen kann.

Will BlackRock die Politik nur verstehen, oder versuchen Sie auch, Einfluss zu nehmen?
Wir wollen auch, dass die Stimme unserer Anleger gehört wird, beispielsweise wenn es um Klimarisiken geht. Wie erwähnt, betrachten wir Klimarisiken als Anlagerisiken. Also versuchen wir natürlich auch, Regierungen auf dem Pfad der Nachhaltigkeit zu ermutigen.

«Die Menschen lieben Verschwörungstheorien, und im Internet verbreitet sich Unsinn wie jener von einer «schwarzen Datenkrake» schnell.»

Larry Fink wird nachgesagt, er wäre gerne US-Finanzminister geworden.
Larry Fink ist ein politischer Mensch. Es ist auch kein Geheimnis, dass er den Wahlkampf von Joe Biden unterstützt hat. Zuvor hatte er auch Hillary Clinton unterstützt. Ich persönlich glaube nicht an dieses Finanzminister-Gerücht, zumal die Amerikaner mit Janet Yellen die bestmögliche Finanzministerin erhalten haben.

Der Blackrock-Chef Larry Fink sorgt sich um das Klima - gleichzeitig steht Blackrock selbst in der Kritik, klimaunfreundliche Investitionen zu tätigen. (Symbolbild)

Hat BlackRock gegründet: Larry Fink. Bild: sda

Die Journalistin Heike Buchter bezeichnet in ihrem Buch BlackRock als eine «heimliche Weltmacht». Wie gehen Sie persönlich mit diesem Attribut um?
Ich habe dieses Buch auch gelesen und mich gefragt: Wo ist da nun etwas drin, das anrüchig ist? Da ist viel aufgebauscht worden. Ich fühle mich sehr wohl in einem Unternehmen, das einen klar definierten und meiner Ansicht nach auch ehrenwerten Unternehmenszweck verfolgt, nämlich: Investieren einfacher, erschwinglicher, besser und nachhaltiger zu machen. Denken Sie daran: Zwei Drittel der BlackRock-Anlagen haben mit dem Thema Altersvorsorge zu tun. Was ist falsch daran, den Lebensabend der Menschen sicherer und dabei das Verhalten der Unternehmen grüner zu machen?

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