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Gute Besserung, Herr Glarner – Geständnisse einer Gutmenschin

Bild: shutterstock

Wie gut ist Gut, Mensch?



Gestern postete ich Folgendes: «Corona hat Andreas Glarner. Ohje.»

Nicht mehr. Nicht weniger. Man kann sehr viel hinein interpretieren oder kaum etwas.

Im Rahmen einer Selbstkritik muss ich sagen: Selbstverständlich war der Post nicht komplett ohne Häme. Definitiv und aufrichtig wünsche ich Herrn Glarner keinen schweren Verlauf, einen Spitalaufenthalt oder noch Schlimmeres. Eher ging es mir beim Schreiben darum, hervorzuheben, dass es nun einmal Andreas Glarner selbst erwischt hat. Damit meine ich etwas, das – so nehme ich zumindest an – unverschuldet ist, jedoch sehr unangenehme Konsequenzen hat.

Also ein bisschen, wie wenn jemand einen ausländischen Namen hat und es wagt, eine Lehre abzuschliessen – und in der Folge Herrn Glarners Gefolgschaft zum Frass vorgeworfen wird. Oder wie wenn man eine junge Lehrerin ist, deren Nummer auf Herrn Glarners Facebook-Page publiziert und darauf «zu Rückmeldungen» aufgerufen wird. Oder wenn man Sibel Arslan heisst und von einem erwachsenen Mann als «Arschlan» betitelt wird.

Unverschuldet und unangenehm, nicht?

Nun passierte nach dem Post etwas Interessantes. Also, es passierten mehrere interessante Dinge – eins davon wäre, dass der Post wohl in gewissen Zirkeln verbreitet wurde, worauf ich kurzzeitig mit Nachrichten und Emails geflutet wurde, darunter sehr, sehr wüste mit Wünschen, ich und meine Familie mögen auf der Intensivstation landen und/oder an Corona sterben. Darauf will ich aber gar nicht erst eingehen – es ist aber der Grund, warum der Post nicht mehr auf meiner Wall zu finden ist.

Viel betrachtenswerter finde ich andere, weit weniger aggressive Reaktionen auf den Post. Ein ganzer Haufen von Leuten sagte in etwa Folgendes: «Ich mag Glarner auch nicht/finde ihn widerwärtig, aber man muss sich ja nicht auf das Niveau runterlassen.» «Das ist genau dasselbe, wie Glarner es macht.» «Du musst besser sein als das.»

Und ich möchte mich hier im Rahmen einer Selbstkritik fragen: Muss ich das?

Ich würde meinen, dass ich normalerweise wohl das bin, was das Gros als «Gutmensch» bezeichnen würde. Was bedeutet das aber? Dass man die berühmte «zweite Wange» hinhalten muss, immer, unter allen Umständen? Dass man für alles Verständnis haben soll? Dass man nie böse/giftig sein darf, auch wenn es gegen «böse» Menschen (damit meine ich Menschen, die böse/verletzend zu anderen sind) geht? Dass man immer mit dem Seidenhandschuh auf den Vorschlaghammer reagieren muss?

Muss der Gutmensch dem Wutmenschen immer zuhören oder ist es auch Teil seiner Aufgabe, das eben genau irgendwann nicht mehr zu tun? Und bedeutet nicht das «-mensch» in Gutmensch, dass man auch einmal menschlich reagieren darf, also eben nicht immer ausgeglichen und differenziert, sondern auch irgendwann mit gleicher Münze?

Das klingt jetzt etwas zu rechtfertigend, merke ich. Wie oben geschrieben, der Post war nicht ohne Schadenfreude. Je nachdem, wie man ihn auslegt, kann er auch als böse interpretiert werden. Ich könnte nun, wie Herr Glarner das beim «Arschlan»-Vorfall machte, einfach sagen, ich hätte mich verschrieben. Habe ich aber nicht. Der Post hatte, auch wenn ich mich jetzt wie ein glitschiger Tintenfisch aus jeder möglichen Schlinge winden könnte, keinen netten Grundtenor. Mea Pulpo, nöd wahr.

Politische Diskussionen treiben wohl viele von uns, unabhängig unseres Standpunkts, an den Rand der Verzweiflung – aber auch in ihrem Rahmen höre ich immer wieder: Man muss allen Menschen zuhören.

Muss man denn?

Auch wenn das Gegenüber nachweislich lügt? Wenn es Pseudoargumente braucht? Wenn es verletzend ist? Wenn es hetzt und blossstellt? Und wenn man zurückgibt, muss man immer nett bleiben, auch wenn es das Gegenüber nicht tut?

Und ist es «dasselbe Niveau»/«genau dasselbe», wenn man keinen Unschuldigen, sondern jemanden angreift, der seinerseits immer wieder Unschuldige angeht? Muss man das nicht irgendwann sogar?

Darf man irgendwann hoffen, dass etwas wie eine Coronaerkrankung, ein Ausgeliefertsein, ein Angriff, um den man nicht gebeten hat (auch wenn er durch ein Virus stattfindet), jemanden wie Andreas Glarner, der solche Dinge immer wieder bewusst und bösartig zum Vorankommen seiner politischen Karriere anderen Menschen antut, ein gewisses Mass an Demut lehrt?

Nochmal: Ich wünsche Herrn Glarner keinen schweren Verlauf. Ich wünsche mir jedoch, dass es vielleicht ein bisschen weh tut, wenn man merkt, dass es anderen gleich ist, wie es einem geht. Dass man in einer unverschuldet verletzlichen Lage nicht unterstützt, sondern gepiesackt und blossgestellt/ausgelacht wird.

Dass ich mir das wünsche, tut mir nicht leid. Würde ich den Post noch einmal absetzen? Ich glaube nicht. Dabei geht es mir aber ehrlich gesagt absolut nicht um Herrn Glarners Gefühle, sondern mehr um mich selbst. Herr Glarner gibt mir regelmässig anderes und besseres Material, auf das ich reagieren kann.

Bereue ich den Post? Nein. Aber ich weiss auch, ich kann das eigentlich besser.

Trotzdem: Manchmal entgleise ich, manchmal bin ich bitter, manchmal bin ich schadenfreudig. Manchmal habe ich keinen Bock mehr, alle und alles anzuhören. Manchmal springt das Wort Karma in meinen Hinterkopf, wenn die, die immer wieder böswillig und rücksichtslos auf anderen rumtrampeln, selbst mal auf die Nase fliegen.

Es heisst ja schliesslich Gutmensch, nicht Perfektmensch.

Herrn Glarner wünsche ich – aufrichtig – gute Besserung.

Yonni Moreno Meyer

Yonni Moreno Meyer (38) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. Sie lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn (*2019) in Zürich.
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