DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Die meisten geretteten Migranten der «Sea-Watch 3» konnten das Schiff erst nach mehr als zwei Wochen verlassen. 13 Personen wurden vorher aus medizinischen Gründen von Bord geholt.
Die meisten geretteten Migranten der «Sea-Watch 3» konnten das Schiff erst nach mehr als zwei Wochen verlassen. 13 Personen wurden vorher aus medizinischen Gründen von Bord geholt.bild: Selene Magnolia, Till M. Egen/2019 Sea-Watch e.V
Interview

«Wollten von Bord springen»: Crew-Mitglied berichtet, was auf der «Sea-Watch 3» passierte

Die Anspannung auf der «Sea-Watch 3» sei jeden Tag gestiegen, sagt Haidi Sadik. Sie hat sich an Bord um die Geflüchteten gekümmert und schildert, was passiert ist.
02.07.2019, 13:5302.07.2019, 15:16
Simone Gaul / Zeit Online
Ein Artikel von
Zeit Online

Die «Sea-Watch 3», das Schiff der deutschen Hilfsorganisation Sea-Watch, ankert vor Lampedusa und ist dort festgesetzt. Die Kapitänin des Schiffs, Carola Rackete, war am Samstag festgenommen worden, weil sie trotz eines Einfahrverbots in den italienischen Hafen eingelaufen war. Ihr droht eine Gefängnisstrafe. An Bord der «Sea-Watch 3» war auch Haidi Sadik, sie ist Teil der Crew und war vor allem dafür zuständig, die Geretteten zu betreuen. Sie sagt, Rackete habe keine andere Wahl gehabt, als die Menschen endlich an Land zu bringen.

Ihre Kapitänin Carola Rackete hat ihre Entscheidung, trotz Verbots in den Hafen von Lampedusa einzufahren, mit ihrer Sorge davor begründet, dass sich einige Menschen an Bord etwas antun könnten. Wie war die Stimmung auf der Sea Watch 3, als die 40 Passagiere noch an Bord waren?
Haidi Sadik: Jeden Morgen um 10 Uhr haben wir den Geflüchteten ein Update gegeben: Wie hat sich die politische Lage in Italien entwickelt? Gibt es Neuigkeiten? Können wir heute an Land gehen? Und mit jedem Tag, an dem nichts passierte, wuchs ihre Verzweiflung. Ein Mann sagte mir, er sei seinem Heimatland entflohen, habe einen Höllentrip überstanden und habe die Hoffnung gehabt, in Europa gebe es Sicherheit und Respekt. Inzwischen fürchte er, das sei eine Lüge.

Hoffnungslosigkeit machte sich breit, auf die natürlich jeder anders reagiert. Einige wollten nicht mehr aufstehen, haben nur noch geschlafen. Andere haben immer weniger gegessen. Manche haben gedroht, von Bord zu springen. Und wieder andere äusserten explizit suizidale Gedanken. Diese Gespräche finden natürlich im Vertrauen statt, aber das mussten wir der Brücke melden. Die Kapitänin ist für das Leben der Crew und der Geretteten verantwortlich. Sie hatte keine andere Wahl. Sie musste die Menschen an Land bringen.

Haidi Sadik ist Teil der «Sea Watch»-Crew und war vor allem dafür zuständig, die Geretteten zu betreuen.
Haidi Sadik ist Teil der «Sea Watch»-Crew und war vor allem dafür zuständig, die Geretteten zu betreuen.

Warum konnten die Suizidgefährdeten nicht als medizinische Notfälle von Bord? Vorher durften ja auch einzelne Menschen mit dieser Begründung an Land.
Stimmt, das kam dreimal vor. Das erste Mal durften drei Tage nach der Rettung zehn Menschen von Bord, darunter Frauen, Kinder und medizinische Notfälle. Etwa eine Woche später wurde ein weiterer medizinischer Notfall vom Schiff geholt, vor wenigen Tagen dann noch einmal zwei Menschen. Und natürlich können auch psychische Probleme medizinische Notfälle sein. Aber wir haben keine Psychologen an Bord, die eine offizielle Diagnose hätten stellen können. Also haben wir die Kapitänin alarmiert.

Wer entscheidet, was ein medizinischer Notfall ist?
Wir hatten zwei Ärzte an Bord, die die Menschen betreut haben. Sie entschieden das. Wir sind zwar ein bisschen besser ausgestattet als ein Krankenwagen, aber wir können zum Beispiel keine Operationen durchführen. Und es gibt Fälle, da weiss der Arzt, wenn diese Person nicht sofort in ein Krankenhaus kommt, kann es sehr gefährlich werden.

Die, die nicht von Bord dürfen, bringt das aber jedes Mal in eine unglückliche Situation. Sie fragen sich, wie schlecht muss es mir eigentlich gehen, dass ich von Bord darf? Muss ich erst kurz davor sein zu sterben?

In welchem Zustand waren die Menschen, als Sie sie auf Ihr Schiff geholt haben?
Wir haben das Schlauchboot am 12. Juni fast 50 Seemeilen vor der libyschen Küste aufgegriffen. Die Rettung selbst verlief ohne grössere Zwischenfälle, die Menschen waren ihren eigenen Aussagen nach wohl circa zwölf Stunden auf dem Wasser gewesen. Sie waren erschöpft, hungrig, einige waren krank. Als sie uns sahen, waren sie aufgeregt. Die erste Frage war: «Wer seid ihr?» Als wir es ihnen erklärten, waren sie erleichtert. Sie dachten, sie hätten es jetzt geschafft.

Die Flucht übers Mittelmeer

1 / 10
Die Flucht übers Mittelmeer
quelle: epa/ansa / franco lannino
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Die libysche Seenotleitstelle in Tripolis ist seit einem knappen Jahr für Seenotfälle innerhalb der libyschen SAR-Zone zuständig. Sie sollen die Einsätze koordinieren und einen sicheren Hafen für die Geretteten zuweisen. Hat Ihre Crew die Libyer kontaktiert und auf deren Anweisung gewartet?
Ja, wir haben uns an alle Regeln gehalten. Die libysche Seenotleitstelle funktioniert aber nicht gut. Sie sind nicht 24 Stunden erreichbar, wie es vorgeschrieben ist. Oft antworten sie auf Arabisch, dabei müssten sie Englisch sprechen. Und manchmal bekommt man plötzlich Anweisungen von der Leitstelle in Rom, «im Auftrag der libyschen Leitstelle». Die Libyer haben jedenfalls erst mal gar nicht reagiert, wir haben die Rettung daher alleine durchgeführt. Anschliessend kamen sie mit einem Schnellboot vorbei – und die Geflüchteten hatten plötzlich wieder Angst. Aber die Küstenwache hat dann gar nichts unternommen und uns auch nicht aufgefordert, ihnen die Geretteten zu übergeben. Sie haben nur den Motor des Schlauchboots abmontiert und mitgenommen. Dann sind sie wieder gefahren. Ob sie das Boot zerstört haben, habe ich nicht gesehen. Eigentlich werden Schlauchboote aufgeschlitzt und markiert, damit andere Schiffe nicht nach Überlebenden suchen. Und damit die Boote nicht erneut von den Schleppern verwendet werden können.

Hat die libysche Küstenwache Ihnen einen sicheren Hafen zugewiesen?
Sie haben uns Tripolis als sicheren Hafen genannt. Aber Tripolis ist kein sicherer Hafen. Die Menschen werden dort sofort wieder in die Lager gesteckt und landen erneut in dem Kreislauf aus Ausbeutung, Folter und Menschenhandel, dem sie mit ihrer Flucht übers Meer entkommen wollten. Wissen Sie, die Menschen fliehen an diesem Punkt ihrer Flucht in erster Linie vor den Libyern. Alles andere ist zweitrangig. Deshalb ist auf dem Wasser ihre grösste Angst, dorthin zurück zu müssen. Manche wollen lieber sterben.

Ihre Crew kannte die Aussagen und die Drohungen des italienischen Innenministers Matteo Salvini. Wieso ist die Sea Watch 3 trotzdem nach Lampedusa gefahren und hat keinen Hafen in einem anderen Land angesteuert?
Wir handeln nach geltendem Seerecht. Und das schreibt uns vor, gerettete Menschen in den nächsten sicheren Hafen zu bringen. Hintergrund ist, dass sie so schnell wie möglich in eine stabile Situation kommen sollen. Und der nächste Hafen ist nun mal Lampedusa. Würden wir einfach nach Griechenland oder Frankreich fahren, würden wir uns ja selbst nicht an das Gesetz halten, dessen Einhaltung wir die ganze Zeit fordern. Trotzdem hat unsere Kapitänin, als wir vor Lampedusa warteten, auch andere Häfen angefragt. Aber Malta zum Beispiel hat uns die Einfahrt ebenfalls verboten.

Was passiert jetzt mit der Sea Watch 3?
Wir ankern immer noch vor Lampedusa und warten auf Informationen von den Behörden. Wir vermuten, dass wir bald nach Sizilien gebracht werden, da dort der Prozess stattfinden soll. Und wissen Sie was? Seit wir hier ankern, haben wir gesehen, wie eine Gruppe von Geflüchteten es alleine in einem Holzboot bis nach Lampedusa geschafft hat, die durften dann auch in den Hafen. Und die NGO Open Arms hat eine Rettung näher an der italienischen Küste durchgeführt und durfte die Migranten ebenfalls in Lampedusa an Land bringen.

Jetzt auf

Wieso war das bei Open Arms kein Problem?
Open Arms hat die Flüchtlinge innerhalb der italienischen Search-and-Rescue-Zone aufgenommen, also in dem Gebiet, für das Italien ganz offiziell zuständig ist. Open Arms haben dann Lampedusa als sicheren Hafen angesteuert und auf dem Weg kam ihnen ein Boot der italienischen Behörden entgegen und hat die Menschen übernommen und nach Lampedusa gebracht. So, wie es eigentlich immer passieren sollte.

Dieser Artikel wurde zuerst auf Zeit Online veröffentlicht. Watson hat eventuell Überschriften und Zwischenüberschriften verändert. Hier geht’s zum Original.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Sea Watch: Ein Fischkutter als Rettungsschiff

1 / 10
Sea Watch: Ein Fischkutter als Rettungsschiff
quelle: ruben neugebauer / jib collectiv / sea watch
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Sie wollen die Migration Richtung Europa stoppen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

73 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Snowy
02.07.2019 14:45registriert April 2016
Ihre Crew kannte die Aussagen von Salvini. Wieso sind sie trotzdem nach Lampedusa gefahren und haben keinen Hafen in einem anderen Land angesteuert?

„Wir handeln nach geltendem Seerecht. Und das schreibt den nächsten sicheren Hafen vor. Hintergrund ist, dass die Geretteten möglichst schnell in Sicherheit sind. Und der nächste Hafen ist nun mal Lampedusa.“

Das ist nachweislich eine Falschaussage.
Der nächste sichere Hafen wäre in Tunesien (Zarzis) gelegen. Ein Hafen wo auch europäische Kreuzfahrtschiffe anlegen und gemäss den auswärtigen Ämtern aller europäischen Staaten ein sicherer Ort ist
12658
Melden
Zum Kommentar
avatar
AquaeHelveticae
02.07.2019 15:04registriert September 2018
"Wissen Sie, die Menschen fliehen an diesem Punkt ihrer Flucht in erster Linie vor den Libyern. Alles andere ist zweitrangig."
Und die Migranten wandern freiwillig durch die Sahara um an diesen schrecklichen ort zu kommen?

Aber klar, ob tripolis ein sicherer Hafen ist darüber lässt sich streiten. Aber was ist mit der Urlaubsdestination Tunesien? Die haben sogar zugesagt die migranten aufzunehmen. Wenn man manche Kommentare zu diesem Thema liest könnte man meinen Nordafrika besteht lediglich aus libyen.
8432
Melden
Zum Kommentar
avatar
America is back. But is it really??
02.07.2019 14:58registriert März 2019
Also ich möchte all die beruhigen welche glauben das die Rettung von Menschen vor dem Ertrinken aufgehört hat. Im Gegensatz zu Sea-Watch 3 wurden am:
24.06 2019 in einem Boot mit 117 Menschen nördlich von Zliten gerettet
25.06 2019 in einem Boot mit 45 Menschen nord/östlich von Al Kuhms gerettet
27.06 2019 wurden in einem Boot mit 97 Menschen nördlich von Qarabulli gerettet
27.06 2019 wurden in einem Boot mit 132 Menschen nördlich von Al Kuhms gerettet
Total 391 inklusiv 11 Frauen und 5 Kinder
Sie wurden sicher nach AL-Khums gebracht medizinisch versorgt und anschliessen DCIM übergeben
379
Melden
Zum Kommentar
73
Wir haben «Midnight Suns» angespielt – ein Fest für Marvel-Fans!
Du liebst Tactical-RPGs wie «Xcom» oder bist ein grosser Fan von Comic-Helden? Selbst, wenn nur eins davon zutrifft, darfst du dir «Marvel's Midnight Suns» keinesfalls entgehen lassen. Wir haben das Superhelden-Abenteuer mehrere Stunden bei Entwickler Firaxis angespielt.

Ob mit «Civilization» im Sektor der 4X-Games, Wirtschaftssimulationen wie «Railroads» oder dem Freibeuter-Abenteuer «Pirates» – Freunde von Strategie-Spielen kommen um die Werke von Firaxis Games unmöglich herum. Zwei seiner grössten Hits hatte das US-Studio, das seit 2005 Teil von 2K Games ist, 2012 mit dem Rundentaktik-Spiel «Xcom: Enemy Unknown» und dem vier Jahre später veröffentlichten «Xcom 2». Damit erregte Firaxis jedoch nicht bloss die Aufmerksamkeit unzähliger Spieler, sondern weckte auch das Interesse von Marvel. Denn vor rund vier Jahren trat der Comic-Konzern auf das Studio von Entwickler-Ikone Sid Meier mit dem Wunsch zu, ein Spiel innerhalb des berühmten Superhelden-Universums zu entwickeln.

Zur Story