DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

6 Fakten, die zeigen, dass Saudi-Arabien keinen Deut besser ist als der «IS» – aber die Schweiz liefert weiterhin Waffen

Auch in der Schweiz war der Aufschrei nach den Anschlägen in Paris gross. Man distanzierte sich in aller Form von den Gräueltaten des «IS». Mit Saudi-Arabien geht der Handel derweil munter weiter.



Das Ereignis füllte in den meisten Zeitungen nicht mehr als ein, zwei Spalten: Ein Transportflugzeug der saudi-arabischen Armee landete am vergangenen Mittwoch am Flughafen Zürich und verliess Kloten am Freitag Nachmittag wieder – vollbepackt mit Munition für Flugabwehrgeschütze.

Eigentlich keine grosse Meldung: Die Schweiz exportiert jährlich Kriegsmaterial im Wert von mehreren Hundert Millionen Franken. Aber seit im Jemen ein bewaffneter Konflikt ausgebrochen ist, hat der Bund ein Export-Moratorium für involvierte Staaten verhängt. Darunter fällt auch Saudi-Arabien, das die aufständische schiitische Huthi-Miliz mit durchschnittlich mehr als 125 Luftangriffen pro Tag von der Macht wegbomben will. Das Seco erklärte die Munitionslieferung an das saudische Königshaus im «Landboten» so: Geschäfte, die bereits vor Inkrafttreten des Moratoriums getätigt wurden, sind nicht von der Ausfuhrsperre betroffen.

ZUM WECHSEL VOM DEUTSCHEN EX-MINISTER DIRK NIEBEL ZU RHEINMETALL STELLEN WIR IHNEN FOLGENDES BILDMATERIAL ZUR VERFUEGUNG -Huelsenproduktion anlaesslich der Praesentation der Standortverlagerung von Zuerich nach Altdorf des Waffenherstellers Rheinmetall Defence RWM Schweiz AG am Freitag, 1. Maerz 2013, in Altdorf. Der fruehere deutsche Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel wechselt zum Ruestungskonzern Rheinmetall. Er soll den Konzernvorstand in allen Fragen und Aufgaben der internationalen Strategieentwicklung und beim Ausbau der globalen Regierungsbeziehungen unterstuetzen.(KEYSTONE/Urs Flueeler)

Patronenhülsen aus der Produktion von Rheinmetall Defence: Die fragliche Luftabwehr-Munition stammt aus den Waffenschmieden des deutschen Rüstungsunternehmen.
Bild: KEYSTONE

Die Schweiz macht Geschäfte mit Saudi-Arabien, die USA macht Geschäfte mit Saudi-Arabien, die halbe Welt macht mit dem Königshaus am Golf Geschäfte.

abspielen

Lockheed C-130 Hercules: Bereits vor einem Jahr machte ein Transportflugzeug der saudischen Luftwaffe in Kloten Halt.
YouTube/SchmidProductions

Auch im Kampf gegen den sogenannten «Islamischen Staat» ist Saudi-Arabien an vorderster Front dabei – angeblich. Seit September 2014 ist die Golfmonarchie Teil der internationalen Koalition gegen die Schlächter mit der schwarzen Fahne. Zum G-20 Treffen vergangene Woche, zwei Tage nach den Anschlägen von Paris, war auch der saudische König Salman Bin Abdulaziz al-Saud geladen.

Was man dem «Islamischen Staat» vorwirft, das kann man, in ähnlicher Form, auch Saudi-Arabien vorwerfen. Der einzige Unterschied: Saudi-Arabien gilt als unerlässlicher Partner des Westens: Wegen seines Ölreichtums und weil es Stabilitätsgarant in einer notorisch instabilen Weltgegend ist.

Ein Überblick über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem «Islamischen Staat» und Saudi-Arabien zeigt: Die Terrororganisation und die absolutistisch-salafistische Golfmonarchie sind Brüder im Geiste.

Pressefreiheit

«Die ‹IS›-Terroristen köpfen Journalisten.»

Und Saudi-Arabien?

Bild

bild: screenshot/reporterohnegrenzen

Freie Meinungsäusserung? Fehlanzeige: Saudi-Arabien belegt auf der Rangliste der Pressefreiheit Platz 164 von 180. Die NGO «Reporter ohne Grenzen» beschreibt den Zustand der Medienwelt in der Golfmonarchie so:

«Das Königreich betrachtet Medien als Propaganda- und Erziehungsinstrument; Zensur ist in Saudi-Arabien alltäglich. Verboten sind etwa Kritik an Religionsführern und ungenehmigte Berichte über Gerichtsverfahren. Lange Haftstrafen, Veröffentlichungs- und Reiseverbote sind häufig. Bestraft werden beispielsweise Berichte über die Proteste der schiitischen Minderheit oder Kritik an der Diskriminierung von Frauen. Bei Gotteslästerung – die sehr weit ausgelegt wird – droht die Todesstrafe. Rund 400'000 Internetseiten sind gesperrt.»

Der prominenteste Fall in jüngster Zeit ist derjenige des Bloggers Raif Badawi. Badawi wurde zu zehn Jahren Haft und zu 1000 Stockschlägen verurteilt. Zusätzlich droht eine Verurteilung wegen Abkehr zum islamischen Glauben. Das hätte die Todesstrafe mit Köpfung zur Folge. Am 17. November wurde zudem der Dichter Ashraf Fayadh zum Tode verurteilt.

ROG-Geschäftsführer Christian Mihr fordert. «Saudi-Arabien muss endlich alle Medienschaffenden und Aktivisten freilassen, denen nichts als öffentliche Kritik an den Behörden oder kontroverse Meinungsäusserungen zur Last gelegt werden. Vorher sollte kein ausländischer Politiker zum Tagesgeschäft mit dem Königreich übergehen.»

Justiz

«Der IS wendet archaisches Scharia-Recht an: Köpfungen, Steinigungen, Amputationen.»

Und Saudi-Arabien?

Bild

bild: screenshot/middleeasteye

Die obige Grafik zeigt: Das saudi-arabische Rechtssystem unterscheidet sich nur unwesentlich von demjenigen des «Islamischen Staates»: Auf Verrat, Blasphemie, ausgelebte Homosexualität und Mord steht in Saudi-Arabien die Todesstrafe. Ehebruch hat den Tod durch Steinigung zur Folge. Raub führt zur Amputation einer Hand und eines Fusses, Diebstahl zur Amputation der rechten Hand. 2014 wurde ein Mann gar wegen Hexerei zum Tod verurteilt. 

In einem Punkt unterscheiden sich der «Islamische Staat» und Saudi-Arabien allerdings: Das Terror-Kalifat verbreitet Aufnahmen von Hinrichtungen und Steinigungen gezielt im Netz, Saudi-Arabien vollstreckt die Gerichtsurteile zwar auch in der Öffentlichkeit, verbietet aber Aufnahmen.

Frauenrechte

«Frauenrechte werden im ‹IS› mit Füssen getreten.»

Und Saudi-Arabien?

FILE - In this Nov. 15, 2006, file photo, Saudi women walk along a suburban street in Riyadh, Saudi Arabia. A video uploaded online in July 2015 that shows two young Saudi women being harassed by several young men on a seaside promenade in the coastal city of Jiddah has sparked a rare public debate on the rights of women in this ultra-conservative Muslim country that imposes a strict segregation of the sexes. (AP Photo/Hasan Jamali, File)

Verhüllte Frauen in Saudi-Arabien: Die Golfmonarchie beschneidet die Rechte seiner Bürgerinnen drastisch.
Bild: Hasan Jamali/AP/KEYSTONE

2015 hat Saudi-Arabien seinen Bürgerinnen das erste Mal in der Geschichte des Landes das (kommunale) Wahlrecht zugestanden. Das ist aber nicht viel mehr als ein Feigenblatt. Ohne die Zustimmung eines Mannes kann die Frau keinen Pass ausstellen lassen, nicht reisen, nicht heiraten, keine höhere Ausbildung machen. Ausserhalb der eigenen vier Wände sollen Frauen den Kontakt mit Männern aufs Nötigste beschränken. Zudem verbietet der Golfstaat seinen Bürgerinnen nach wie vor, Auto zu fahren: Notabene als einziges Land der Welt. Auch in der Arbeitswelt sind Frauen auf ihre Männer, Brüder, Onkeln oder Söhne angewiesen. 

Verfolgung von Minderheiten

«Der IS verfolgt Minderheiten wie die Jesiden und gesteht ihnen keine Rechte zu.»

Und Saudi-Arabien?

FILE - In this Wednesday, Nov. 13, 2013 file photo, Saudi security forces watch Ethiopians gather as they wait to be repatriated in Manfouha, southern Riyadh. Saudi Arabia says it has deported “more than a quarter million” foreign migrant workers from the kingdom over the past three months. (AP Photo, File)

Somalier warten in einem Lager auf ihre Deportation: Zwischen Dezember und März 2014 deportierte Riad 38'164 Somalier.
Bild: Uncredited/AP/KEYSTONE

9 Millionen Gastarbeiter zählt die Golfmonarchie. Gewalt und Ausbeutung sind für viele von ihnen an der Tagesordnung. Verantwortlich dafür ist das Kafala-System, das den ausländischen (ungelernten) Arbeitnehmer an einen sogenannten Sponsoren bindet, ohne dessen Zustimmung der Arbeitnehmer weder den Arbeitgeber wechseln, noch das Land verlassen darf. Faktisch kommt das Kafala-System der Leibeigenschaft gleich. Der Sponsor darf den Pass des Gastarbeiters behalten und kann ihn so unter Druck setzen. Auch das Zurückhalten von Löhnen ist üblich.

Werden Gastarbeiter für schuldig befunden, das restriktive Arbeitsgesetz verletzt zu haben, so droht ihnen die Zwangsdeportation: Laut einem Bericht der Internationalen Organisation für Migration (IOM) wurden zwischen Juni 2013 und Juni 2014  458'911 Jemeniter des Landes verwiesen und deportiert. Das selbe Schicksal widerfuhr zwischen November 2013 und März 2014 163'018 Äthiopiern. Und zwischen Dezember und März 2014 deportierte Riad 38'164 Somalier in ihr Heimatland. Berichte über überfüllte Lager, Hungersnöte und systematische Missbräuche machen immer wieder die Runde.

Religion

«Die Islamisten beim ‹IS› folgen einer brutalen und altertümlichen Auslegung des Korans.»

Und Saudi-Arabien?

A general view shows Muslim pilgrims circling the Kaaba inside the Grand mosque in Mecca, Saudi Arabia, Friday, Dec. 5, 2008. Muslim pilgrims flooded into the holy city of Mecca in preparation for the annual hajj, beginning on Saturday. (AP Photo/Hassan Ammar)

Grosse Moschee: Jährlich pilgern Millionen von Muslime zur Hadsch nach Mekka.
Bild: AP

In Saudi-Arabien ist der ultra-konservative Wahabismus Staatsreligion. Die puristisch-traditionalistische sunnitische Strömung lehnt alle anderen islamischen Religionsströmungen als unislamisch ab. Der sogenannte «Islamische Staat», al-Kaida und andere extremistische sunnitische Gruppierungen ähneln in vielen Aspekten dem wahabitischen Islam. Kein Wunder, dass die Terrororganisationen in Saudi-Arabien viele Anhänger findet: Die Golfmonarchie, bzw. Privatpersonen innerhalb des Herrschaftszirkels sowie klerikale Kreise gehören zu den grössten Förderern und Geldgebern des «IS».

Der Autor Kamel Daoud hat in einem Beitrag für die New York Times den Einmarsch der US-Amerikaner im Irak als Mutter des «IS» bezeichnet. Der Vater aber, so Daoud, ist Saudi-Arabien und seine religiös-industrielle Propaganda. Saudi-Arabien, folgert der algerische Autor weiter, ist das, was der «Islamische Staat» zu werden hofft. 

Kriegsverbrechen

«Der ‹IS› tötet unschuldige Menschen im Ausland.»

Und Saudi-Arabien?

Smoke rises after a Saudi-led airstrike hits an army base in Sanaa, Yemen, Monday, Sept. 14, 2015. Saudi Arabia is leading a coalition of mainly Gulf nations fighting Shiite Yemeni rebels known as the Houthis, who are allied with army units loyal to former President Ali Abdullah Saleh. (AP Photo/Hani Mohammed)

Eine Rauchsäule steigt nach einem saudischen Luftangriff über der jemenitischen Hauptstadt Sanaa auf: Bombardements der saudischen Luftwaffe forderten Hunderte zivile Opfer.
Bild: Hani Mohammed/AP/KEYSTONE

Im Frühling dieses Jahres begann Saudi-Arabien, zusammen mit neun verbündeten Staaten, eine Militärkampagne gegen die aufständische schiitische Huthi-Miliz im Nachbarland Jemen. Bei den Luftangriffen kamen nach Angaben des UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) mehrere Hundert Zivilisten ums Leben. Dabei kommen unter anderem verbotene Streubomben zum Einsatz. Die von Saudi-Arabien eingeführte Seeblockade führte zu einer humanitären Katastrophe im Jemen. 

abspielen

Saudi-Arabien setzt bei den Bombardements in Jemen umstrittene Waffen ein. 
YouTube/Amnesty International

Alles zur Terrororganisation «Islamischer Staat»

«Wir sprechen hier von einem Nato-Mitglied, das Bomben auf Zivilisten abwirft»

Link zum Artikel

CIA-Todesschwadronen in Afghanistan: Die lange Liste der Kriegsverbrechen

Link zum Artikel

Drei Monate Untersuchungshaft für IS-Rückkehrer

Link zum Artikel

US-Militär veröffentlicht Video und neue Details zu Bagdadi-Angriff – und korrigiert Trump

Link zum Artikel

So verlief der Militärschlag gegen Abu Bakr al-Baghdadi

Link zum Artikel

«Er ist lieber gestorben, als sich zu ergeben – das wird der IS zu seinen Gunsten nutzen»

Link zum Artikel

Donald Trump und die Bagdadi-Tötung: Ein Erfolg mit vielen Fragezeichen

Link zum Artikel

Trumps Triumph: Der gefürchtetste Terrorist der Welt ist tot – doch Russland zweifelt

Link zum Artikel

Donald Trump: «IS-Anführer al-Bagdadi starb als Feigling»

Link zum Artikel

Carla Del Ponte zur Syrien-Invasion: «Man sollte Erdogan wegen Kriegsverbrechen anklagen»

Link zum Artikel

IS-Chef al-Bagdadi ist tot +++ Er hat sich auf der Flucht in die Luft gesprengt

Link zum Artikel

Bundesanwaltschaft klagt gegen zwei Männer wegen IS-Terrorverdacht

Link zum Artikel

Warum dieser 23-Jährige Schweizer lieber in Nordsyrien stirbt, statt nach Hause zu kommen

Link zum Artikel

Die Kurden, Trump, Erdogan und Assad: Was du über die Kriegswirren in Rojava wissen musst

Link zum Artikel

«Sie hat uns das Leben versaut»: Seine Tochter ging zum «IS» – jetzt rechnet er mit ihr ab

Link zum Artikel

USA schicken 400 Soldaten in die Schlacht um die IS-Hochburg Rakka

Link zum Artikel

Dutzende Tote: Terrormiliz Fateh al-Scham bekennt sich zu Anschlägen in Homs

Link zum Artikel

Über 100 Beamte im Tessin im Einsatz – und sie fassen EINEN mutmasslichen Islamisten

Link zum Artikel

«IS» verkündet Tod ihres Sprechers Abu Mohammed al-Adnani

Link zum Artikel

Nein, Herr Trump, Obama ist NICHT der Gründer des «IS» – aber ganz unschuldig ist er auch nicht

Link zum Artikel

«IS»-Vorwurf gegen muslimische Schüler in Therwil fällt in sich zusammen

Link zum Artikel

US-Soldaten in Syrien: Obama will Kontingent versechsfachen

Link zum Artikel

«IS» soll syrischen Piloten nach Kampfjet-Abschuss gefangen genommen haben

Link zum Artikel

Der «IS» funktioniert wie eine Sekte – das erklärt auch, warum die Terroristen so grausam sind

Link zum Artikel

Der «Islamische Staat» wirbt im Darknet – zu Besuch bei der Terror-Propaganda-Abteilung

Link zum Artikel

ETH-Sicherheitsexperte: «Es bringt dem ‹IS› nichts, Schweizer zu töten»

Link zum Artikel

Die derzeit 6 populärsten Antworten auf den Terror – und warum sie alle in die Sackgasse führen

Link zum Artikel

6 Indizien dafür, dass der IS schwächer ist, als wir dachten

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Biden reisst das Weltruder rum – Europa freut's, aber einer zittert gewaltig

Schluss mit der «Dreckslochländer»Rhetorik und zurück zum iranischen Atomvertrag: So will der neue US-Präsident Amerika auf dem Globus neu positionieren.

Vor genau vier Jahren erwartete Barack Obama hohen Besuch im Weissen Haus: Donald Trump, der frischgewählte US-Präsident, schaute vorbei, um mit seinem Vorgänger die Amtsübergabe zu regeln. Das «exzellente Gespräch» (Zitat Obama) war der Auftakt in die traditionellen «Übergabegespräche», die immer dann nötig werden, wenn ein neuer Präsident und mit ihm rund 4000 neue Beamte nach Washington ziehen. Mehrere hundert Personen arbeiten wochenlang an einer möglichst reibungslosen …

Artikel lesen
Link zum Artikel