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Über Nacht zum CS-Präsidenten: Axel Lehmann hat noch nicht mal einen Vertrag

Seine Karriere schien vorbei – da wurde er unverhofft CS-Präsident. Axel Lehmann soll die Bank stabilisieren. Wer ist der Berner, der wie ein Gegenentwurf zu seinem Vorgänger António Horta-Osório wirkt? Und warum wird dieser zum Abschied keine Entschädigung bekommen?
18.01.2022, 05:40
Patrik Müller / ch media

Der Wechsel an der Spitze der Credit Suisse ging so schnell über die Bühne, dass der neue Verwaltungsratspräsident Axel Lehmann noch nicht einmal einen Vertrag hat – und auch keine Ahnung, was er verdienen wird. Im Gespräch mit CH Media bestätigt er dies. Er, der erst seit Oktober 2021 im Verwaltungsrat der CS sitzt, hat also ins Blaue hinaus zugesagt, in der Krise diesen Posten zu übernehmen. Lehmann wurde vom Verwaltungsrat mit sofortiger Wirkung ernannt.

Erstmals in seiner Karriere die Nummer 1: Axel Lehmann, seit Montag neuer Präsident der Credit Suisse.
Erstmals in seiner Karriere die Nummer 1: Axel Lehmann, seit Montag neuer Präsident der Credit Suisse.Bild: keystone

Wie aus Insiderkreisen verlautet, soll Lehmann weniger verdienen als sein Vor-Vorgänger Urs Rohner, der eine jährliche Vergütung von 4.7 Millionen Franken bekam. Man wolle damit ein Signal aussenden. Lehmann selbst sagt, er habe sich zu seinem Lohn noch keine Gedanken gemacht.

Keine Abgangsentschädigung wegen Abzocker-Initiative

António Horta-Osório, der gescheiterte Kurzzeit-Präsident (er begann erst im vergangenen April), wird keine Abgangsentschädigung erhalten. Die CS äussert sich dazu nicht, aber nur schon aus rechtlichen Gründen ist das in der Schweiz verboten, seit die Bevölkerung die Abzocker-Initiative von Thomas Minder angenommen hat. In früheren Fällen waren bei solch abrupten Abgängen Abgangsentschädigungen oder goldene Fallschirme die Regel.

War nicht mal ein Jahr im Amt, erhält keine Abgangsentschädigung: António Horta-Osório.
War nicht mal ein Jahr im Amt, erhält keine Abgangsentschädigung: António Horta-Osório.Bild: keystone

Die vergangenen Tage waren für das oberste CS-Gremium turbulent. Nachdem klar wurde, dass António Horta-Osório nicht zu halten war, dämmerte es dem Verwaltungsrat: Jetzt muss einer von uns ran. Aber dort sass schlicht niemand anders als das Neo-Mitglied Lehmann, der die Voraussetzungen erfüllte.

Iris Bohnet – der brillanten Schweizer Harvard-Professorin – fehlt die operative Erfahrung im Bankgeschäft. Daran mangelt es auch anderen Verwaltungsräten, von denen kaum jemand in der Schweiz vernetzt ist. Sie kommen aus Grossbritannien, China, Singapur, den USA und Brasilien.

Vizepräsident Severin Schwan seinerseits dachte nicht im Traum daran, den Posten selber zu übernehmen – sein Herz schlägt in Basel, beim Pharmakonzern Roche, wo er CEO ist.

Schwan war es, der auf den Abgang von Horta-Osório drängte, wie Insider sagen. Schon bei der Trennung von CEO Tidjane Thiam vor zwei Jahren war Schwan die treibende Kraft gewesen, hört man. Für ihn ist Integrität eine der wichtigsten Voraussetzungen für Leadership, und die war nach Horta-Osórios doppelter Verletzung von Quarantäneregeln nicht mehr gegeben.

Er hatte für die nächsten Jahre ganz andere Pläne

Der 62-jährige Axel Lehmann löste in seiner langen Karriere bei der Zurich-Versicherung und bei der UBS nie einen Skandal aus. Ist er eine Notlösung, weil es im CS-Verwaltungsrat keine Alternative gab und für die externe Suche keine Zeit blieb? Lehmann hat nun im Herbst seiner Karriere die Chance zu beweisen, dass dem nicht so ist.

Seine Laufbahn schien vorbei, ohne nach ganz oben geführt zu haben. Bei der UBS, für die er ab 2009 tätig war, schied er vor einem Jahr als Schweiz-Chef aus. Die aufstrebende Topmanagerin Sabine Keller-Busse übernahm seine Funktion. Als Konzernchef der UBS oder auch als deren Präsident war er nie gehandelt worden, obwohl beide Posten frei wurden (Sergio Ermotti) beziehungsweise werden (Axel Weber).

Auch beim Versicherungskonzern Zurich, für den Lehmann fast 20 Jahre arbeitete, schaffte er es nie nach ganz oben. Mitglied der Konzernleitung – weiter ging es nicht.

Es brauchte die Not einer Credit Suisse, die das änderte. Und zwar in einer Lebensphase, für die er andere Pläne hatte: Ein paar interessante Mandate (nebst dem CS-Verwaltungsratssitz das Helvetia-Präsidium), dazu das Engagement als Titularprofessor und Unterstützer seiner Alma mater, der Universität St. Gallen. Nun ist er einer der beiden mächtigsten Banker der Schweiz, nebst Axel Weber von der UBS.

Intellektuelle Herausforderungen interessierten Lehmann immer mehr als der Glamour der Finanzwelt. Als «grundsolide» beschreiben ihn Leute, die ihn kennen, als «vorsichtig», «zurückhaltend».

Seine Hobbys und seine Familie sind Privatsache

Lehmann scheint der Gegenentwurf zum schillernden, barocken Vorgänger zu sein, der im Privatjet in der Welt herumfliegt, VIP-Anlässe liebt und nur in den teuersten Hotels absteigt.

Den Stadtberner Lehmann aber, der in einer mittelständischen Familie aufwuchs, kann man auch mal im einfachen Restaurant «Erzhorn» in Arosa GR antreffen. Über solche Dinge redet er indes nicht gern. «Irrelevant» sei das, rein privat. Hobbys mag er keine nennen, nur dass er Sport und Jazz möge.

Lehmann scheut das Rampenlicht, vielleicht kam er darum bislang skandalfrei durchs Leben. Seine Zurückhaltung geht so weit, dass er auch die Frage nach seinen Familienverhältnissen erst nicht beantwortet. Um dann doch noch das Unspektakuläre auszusprechen: «Seit 30 Jahren verheiratet, zwei erwachsene Töchter». Er mag auch nicht darüber reden, dass er in Herrliberg ZH wohnt, in der Nähe von Christoph Blocher.

Ein Bekannter von Lehmann sagt über ihn: «Er wägt alles auf Risiken ab, ist der geborene Risk-Manager». Vielleicht ist es genau das, was die CS, zuletzt ausser Rand und Band, jetzt braucht.

Deren neue Strategie möchte er fortführen, die stimme, sagt Lehmann. Aber die Risiken, etwa im Investmentbanking, will er in den Griff bekommen. Und dazu auch die nötigen Lohnanreize setzen. Das klingt nicht nach ehrgeizigen Zukunftsplänen, aber sein wichtigster Auftrag lautet ja auch bloss: Die Bank wieder in ruhigere Gewässer führen. (saw/aargauerzeitung.ch)

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