Ringmeister Zaugg
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epa06563583 Silver medalists of Team Germany during the medal ceremony after the Men's Ice Hockey Gold Medal Game between the Olympic Athlete from Russia (OAR) and Germany at the Gangneung Hockey Centre during the PyeongChang 2018 Winter Olympic Games, in Gangneung, South Korea, 25 February 2018.  EPA/LARRY W. SMITH

So seh'n Sieger Finalverlierer aus: Deutschland jubelt über Silber. Bild: EPA

Ringmeister Zaugg

Wenn je ein Spiel ein Drama war, dann war es dieser Olympia-Final

Die Erde bleibt eine Kugel und wird nicht zum Puck. Es gibt doch noch ein oben und unten. Russland wird Olympiasieger. Aber Deutschland hat erst in der Verlängerung verloren. Die grösste Sensation aller Zeiten war so nah.

Klaus Zaugg, Pyeongchang



Alles, was war, verblasst. Beinahe auch das «Miracle on Ice». Der goldene Triumph der US-College-Boys 1980 nach einem Sieg über die Sowjets. Aber nur beinahe. In der Verlängerung gewinnt doch noch Russland 4:3. Ach, Deutschland war so nah am ewigen Triumph!

Entscheidung in der Verlängerung: Kirill Kaprisow schiesst Russland zum Titel.

Eine Mannschaft aus der DEL unterliegt Russland erst in der Verlängerung. Wenn es je eine ehrenvolle Niederlage gegeben hat, dann diese. Wenn es je ein Eishockey-Drama gegeben hat, dann war dieser olympische Final ein Drama. Eine Mischung aus wagnerianischer Oper, Hitchcock und Ballett.

Grösste Leistung, die je einem Aussenseiter geglückt ist

Deutschland, nur besiegt von Russland, das auf einer «heiligen Mission» war. Nach all den Wirren und Demütigungen konnte nur dieses olympische Gold die Schmach ein wenig lindern. Eishockey ist der «heilige Sport» der Russen. Weil er ihrer Seele am meisten entspricht. Die Russen waren weder überheblich noch hatten sie die Deutschen unterschätzt. Es ist ganz einfach so, dass die Deutschen die grösste Leistung gezeigt haben, die je einem Aussenseiter im olympischen Turnier geglückt ist. Sie haben noch mehr aus ihrem Talent gemacht als damals 1980 die Amerikaner. Nur der finale Triumph ist ihnen von den Hockeygöttern verwehrt worden.

Alle bisherigen Erkenntnisse sind ausgehebelt. Es galt als ausgeschlossen, dass ein Team überhaupt das Finale erreichen könnte, das ein zusätzliches Spiel bestreiten musste. Anders als die Russen vermochten sich die Deutschen nicht direkt fürs Viertelfinale zu qualifizieren. Und selbst nachdem die Deutschen das Finale geschafft hatten, gegen Weltmeister Schweden und den olympischen Titelverteidiger Kanada, galt als sicher: Die Kraft reicht nicht mehr. Das Endspiel wird eine klare Sache.

epaselect Kirill Kaprizov of Olympic Athletes of Russia (OAR) (C, number 77) s surrounded by his teammates after scoring the winning goal as the team and coaches (background) jubilate their win in the Men's Ice Hockey gold medal match between Olympic Athlete of Russia (OAR) and Germany at the Gangneung Hockey Centre during the PyeongChang 2018 Winter Olympic Games, in Gangneung, South Korea, 25 February 2018.  EPA/KIMIMASA MAYAMA

Menschenknäuel in Rot: Russland feiert. Bild: EPA

«Dieses Drama entschädigt für alles, was ein Chronist je in Eishallen zu erdulden hatte.»

Unser manchmal leidgeprüfte Chronist

Und doch ist es am Ende kein Wunder, dass wir da atemlos geschaut haben. Eishockey bedeutet ja auch, dass die Namen auf dem Dress nur aufgenähte Buchstaben sind. Und genau so war es. Namen zählten in diesem Final nicht mehr. Vergangener Ruhm auch nicht. Alles was zählte, war die Gegenwart. Die Leidenschaft, die Kampfkraft, der Mut, die Zuversicht, die Disziplin, die Kaltblütigkeit der Stunde. Und, wie immer, ein starker Torhüter.

Nur möglich, weil die NHL-Stars fehlten

Dieses Drama entschädigt für alles, was ein Chronist je in Eishallen zu erdulden hatte. Wir haben alles gesehen. Ein Tor 0,5 Sekunden vor Ablauf des ersten Drittels (0:1 für Russland), kluges Defensivspiel, aufopfernde Leidenschaft, Härte. Aber auch Dynamik, Technik, Tempo. Und eines ist klar: Wären die NHL-Profis hier gewesen, wäre ein solches Spiel, wäre ein solch verrücktes Turnier nicht möglich gewesen.

Drei Minuten vor dem Ende bringt Jonas Müller die Deutschen mit 3:2 in Führung.

Wir können auch sagen: Wir brauchen die NHL-Stars beim olympischen Turnier nicht. Wenn die besten der Welt alle dabei sind, bleibt die Hierarchie gewahrt. Weil nach wie vor die Grossen am meisten NHL-Stars in ihren Reihen haben. Und die haben dafür gesorgt, dass die Grossen bei der Verteilung von Titeln und Medaillen weiterhin unter sich geblieben sind. Mit einer Ausnahme: 2013 erreichte die Schweiz den WM-Final. Aber auch da spielten die NHL-Stars bei uns eine zentrale Rolle.

Nun fehlten die NHL-Stars. Oder noch einfacher gesagt: Die 700 besten Spieler der Welt. Und siehe da: das Eishockey ist wieder ein Spiel auf rutschiger Unterlage geworden. Unberechenbar, unvorhersehbar, dramatisch.

Wer holt sich das Momentum?

Ja, die Abwesenheit der NHL-Stars hat den Aussenseitern eine Jahrhundertchance geboten. Die Frage war nur, wer diese unverhoffte Gelegenheit am besten nützen würde. Die Schweiz? Deutschland? Oder würde Finnland endlich seinen ewigen Traum vom Olympiasieg wahr machen? Ein entscheidender Faktor kam bei dieser Ausgeglichenheit dem «Momentum» zu. Dem emotionalen «Kickstart», der eine Mannschaft in einem so kurzen, intensiven Turnier auf ungeahnte Höhen tragen kann.

Jonas Muller (41), of Germany, celebrates with teammates after scoring a goal during the third period of the men's gold medal hockey game against the Olympic athletes from Russia at the 2018 Winter Olympics, Sunday, Feb. 25, 2018, in Gangneung, South Korea. (AP Photo/Jae C. Hong)

196 Sekunden vor dem Ende des Finals geht Deutschland mit 3:2 in Führung. Um ein Haar hätte es die ganz grosse Sensation gegeben. Bild: AP

Dieser «Kickstart» blieb den Schweizer verwehrt. Ja, sie hatten erst einmal ein Schockerlebnis, das sie, wie wir im Rückblick erkennen, nicht mehr überwinden konnten: Der Titan Leonardo Genoni wurde von den Kanadiern mit vier frühen Toren gestürzt. Jonas Hiller sollte sich zwar als würdiger Ersatz erweisen. Aber der Schock durch den missglückten Start sass zu tief und wurde durch den Sieg in der zweiten Partie gegen Korea (8:0) nicht gemildert. Das dritte Spiel gegen Tschechien ging wieder verloren (1:4), wie gegen Kanada waren wir chancenlos. Auch wenn die drei Vorrundenspiele im Grunde bedeutungslos waren – noch schied niemand aus – so ist doch die psychologische Bedeutung nicht zu unterschätzen.

Die Deutschen bauten ihre Form in diesen drei Partien nach und nach auf, justierten ihr Spielsystem, verloren zweimal (2:5 gegen Finnland, 0:1 gegen Schweden) und siegten zum Abschluss gegen Norwegen (2:1 n.P). Diese letzte Partie war die Generalprobe.

Deutschlands Türöffner war der Sieg gegen die Schweiz

Die Mutter aller Partien, das Spiel mit den grössten Auswirkungen auf den weiteren Verlauf des Turniers, war ausgerechnet … die Auseinandersetzung zwischen der Schweiz und Deutschland. Ein Sieg in dieser Partie zwischen den zwei aussichtsreichstenvAussenseitern konnte zum «Momentum» führen, das eine Sensation möglich macht. Die Deutschen triumphierten in der Verlängerung in einer Partie, die über weite Strecken von den Schweizern dominiert worden war.

Ein neues Mitglied im im Triple-Gold-Club: Pawel Dazjuk

Eine alternative olympische Geschichtsschreibung (was wäre gewesen, wenn …) hat durchaus ihren Reiz. Ein Sieg über Deutschland hätte vielleicht – aber nur vielleicht – auch die Schweiz in finale Höhen tragen können. Oder zu einem «normalen» Turnier führen können: ein anschliessendes Scheitern der Schweizer gegen die Schweden, gegen die sie noch nie eine Playoffpartie gewonnen haben, wäre logisch gewesen. Und dann wären die Grossen für die Ausmarchung der Medaillen unter sich gewesen. So wie fast immer: Schweden, Kanada und Russland.

Im Spiel Schweiz gegen Deutschland ist entschieden worden, ob es ein grosses, ein dramatisches oder ein gewöhnliches Turnier mit einem allseits erwarteten Ausgang werden würde. Die vermeintlich Grossen überschätzten gegen die Deutschen ihre spielerische Klasse. Sie reichte nicht mehr aus, um einen gut organisierten, mutigen, leidenschaftlich kämpfenden vermeintlichen Aussenseiter zu stoppen. Die ganz grossen «Game Breaker» fehlten, die Offensivspieler, die auf diesem Niveau vorwärts eine Wende erzwingen können. Weltmeister Schweden (3:4 n.V) und Olympiasieger Kanada (3:4) büssten mit dem Ausscheiden und olympischer Entthronung. Und um ein Haar wäre auch Russland gescheitert.

Nach dem Scheitern bleibt der Spott

Für die Schweizer bleibt eine bittere Erkenntnis, denn der Sieger hat immer recht. Die Schweizer begannen das Turnier mit einer Episode: mit dem Klagen über zu harte Betten in der olympischen Herberge im Rahmen einer offiziellen Medienkonferenz.

Players of Switzerland react after the men ice hockey play-off qualification match between Switzerland and Germany in the Kwandong Hockey Center in Gangneung during the XXIII Winter Olympics 2018 in Pyeongchang, South Korea, on Thuesday, February 20, 2018. (KEYSTONE/Alexandra Wey)

Die Schweizer Spieler verlassen Südkorea nach dem Aus gegen Deutschland als Versager. Bild: KEYSTONE

Hätten sie dann für eine positive Überraschung gesorgt wie die Deutschen, so wäre dies als Beweis für ihre Professionalität gewürdigt worden: Sieger kümmern sich eben um jedes Detail. Doch jetzt, nach dem Scheitern, bleibt der Spott über die, die weicher liegen wollten und hart auf dem Boden der Realität gelandet sind. Gerecht ist das nicht. Aber halt die Wirklichkeit. Wir werden für immer einer einmaligen Gelegenheit zum Eishockey-Weltruhm nachtrauern.

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10Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • HCAP Ducky Book 25.02.2018 21:52
    Highlight Highlight Gratuliere Deutschland zum tollen Turnier. Am Schluss gewann die individuelle Klasse. Mit NHL Spielern wäre dies meiner Meinung nach nicht möglich gewesen. Aber solche Geschichten schreibt das Eishockey und das ist gut so.
  • Frances Ryder 25.02.2018 14:31
    Highlight Highlight Ach bitte jetzt mal nicht übertreiben, selbst wenn sie gewonnen hätten, wäre das nicht mal annähernd am miracle on ice dran gewesen. Damals gewann eine Mannschaft aus Amateuren gegen die absolute Weltspitze. Die Deutschen sind weder Amateure, noch war irgendeine Mannschaft an diesen Spielen absolute Weltspitze.
    • welefant 25.02.2018 17:10
      Highlight Highlight danke!
      gebe dir zu 1000 % recht!
  • Hugo Wottaupott 25.02.2018 13:59
    Highlight Highlight Beinahe ein Operettenligaolympiasieger.
    • Dynamischer-Muzzi 25.02.2018 19:51
      Highlight Highlight Aber dafür eine OperettenligaNationaligabesiegerMannschaft 😋
  • Coffey 25.02.2018 13:52
    Highlight Highlight Wenn jetzt noch die Erkenntnis reifen würde, dass es diese „einmalige Gelegenheit“ für die Schweizer Nationalmannschaft gar nie gab, weil sie dazu schlicht nicht gut genug ist, wäre das eventuell noch heilsam.
  • Goon 25.02.2018 12:18
    Highlight Highlight Auch wenn Schland gewonnen hätte, wäre es die kleinere Sensation als 1980 gewesen
    • Fibeli 25.02.2018 12:37
      Highlight Highlight das sehe ich auch so.. waren ja noch mehrheitlich teenager dabei:)

      wir sehen an der viel besser besetzten wm dann wer noch alles eine rechnung offen hat ;)
  • navigator 25.02.2018 11:36
    Highlight Highlight Wunderbare wahre Geschichte, merci Klaus. Dazu der herrliche Satz vom weicher liegen wollen mit der harten Landung, true words 👑 🤓🇨🇭😅
  • Tikkanen 25.02.2018 11:34
    Highlight Highlight ...verdienter Sieg der Sbornaja, Top Leistung der Schwoben👍🏻Ende gut, alles gut u jetzt hantli heicho Chlöisu, denn churzum heisst es wieder:
    Noch 12 bis🐻🏆🍻

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