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Züriputsch: Der 6te Herbstmonat 1839 in Zürich.

Blutiger Kampf auf dem Zürcher Paradeplatz: Während des Züriputschs 1839 stiessen Regierungstruppen zu Pferd und aufständisches Landvolk in der Stadt zusammen. Im Hintergrund: Das Hotel «Baur en Ville» und das Fraumünster. Bild: Wikimedia Commons

Mit Mistgabeln gegen die Obrigkeit: Wie Wutbürger im Züriputsch die Regierung stürzten

Am 6. September 1839 zogen tausende Bauern mit Morgensternen, Hellebarden, Mistgabeln und Prügeln bewaffnet aus dem Zürcher Oberland in die Kantonshauptstadt, um die Regierung zu stürzen. Es war einer der blutigen Höhepunkte des Konfliktes zwischen Liberalen und Konservativen in den wilden 1840er-Jahren.

18.09.17, 19:59 19.09.17, 07:50

Alexander Rechsteiner / Schweizerisches Nationalmuseum



Beflügelt von der Julirevolution in Frankreich wurden 1831 im Kanton Zürich, wie auch in mehreren weiteren Kantonen, die alten Eliten entmachtet und eine liberale Verfassung eingeführt. Volkssouveränität, Bildung, persönliche Leistung und Wettbewerb waren die Maxime der liberalen Bewegung. 

Hier bloggt das Schweizerische Nationalmuseum

Drei Museen – das Landesmuseum Zürich, das Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis sind unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums vereint.
Im Blog veröffentlichen Mitarbeiter des Nationalmuseums und renommierte Gastautoren Beiträge zu aktuellen Themen. watson übernimmt in loser Folge ausgesuchte Perlen daraus. 
Der Beitrag «Züriputsch» erschien am 6. September 2017. Mehr historische Artikel auf: blog.nationalmuseum.ch

Im Kanton Zürich hatten die Liberalen gemeinsam mit den Radikalen ab 1832 im Regierungsrat die Mehrheit. Getreu dem liberalen Geist wurden Zollschranken abgeschafft, Strassen gebaut und in einer Bildungsoffensive die Kirche aus den Schulzimmern und -büchern verbannt. Das alles geschah mit wenig Rücksicht auf die Befindlichkeiten der konservativ-bäuerlichen Landbevölkerung. 

Während Unternehmer, Juristen und Lehrer vom neuen Regime profitierten, sahen sich Kleinbauern, Heimarbeiter und Vertreter der alten Eliten als Verlierer. In dieser angeheizten Stimmung kam es 1839 in der Stadt Zürich zum Zusammenstoss. 

Der «Straussenhandel»

Das Fass zum Überlaufen brachte der Entscheid des Zürcher Erziehungsrates, den aufgeklärten Theologen David Friedrich Strauss (1808–1874) zum Professor an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich zu wählen. Strauss sollte Zürich in eine neue Reformation führen, im Sinne eines freien, rationalen und von Vernunft geleiteten Christentums. Der Theologe hatte wenige Jahre zuvor sein aufsehenerregendes Werk «Das Leben Jesu, kritisch bearbeitet» veröffentlicht, das die Evangelien als mythische Erzählungen dekonstruierte. 

Der umstrittene Theologe David Friedrich Strauss (1808–1878).

Der umstrittene Theologe David Friedrich Strauss (1808–1878). Bild: Wikimedia Commons

Gegen die Berufung von Strauss formierte sich sofort eine Opposition. Mit Strauss hatten die Konservativen ein einigendes Feindbild erhalten. Der sogenannte «Straussenhandel» nahm seinen Lauf: In Anbetracht des drohenden Aufstands zogen die Liberalen die Berufung eilig zurück und pensionierten Strauss noch vor seinem Antritt auf Lebenszeit. 

Die zwei Karikaturen von 1839 aus der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums thematisieren den «Straussenhandel» aus gegensätzlichen Positionen. 

Während der Teufel mit dem Strauss direkt in die Hölle reitet, ziehen rechts die Konservativen in den Kampf gegen die liberale Regierung. Der lodernde Haufen liberaler Schriften im Vordergrund nimmt das Schicksal des Straussenvogels vorweg. Den mit Lanze, Schild und Helm bewaffneten Konservativen weist eine Siegesgöttin den Weg. Sie hat sich die Rechtfertigung des Angriffs auf die Fahne geschrieben: für die «Religion unserer Väter». Auf der mit einem goldenen Strauss bestückten Fahne der Liberalen prangt eine Schere in Anspielung auf den Erziehungsrat Ignaz Thomas Scherr (1801–1870). Die konservative Karikatur sieht den Theologen Strauss als Antichristen und den Kampf gegen die liberale Regierung als Verpflichtung gegenüber den Vorvätern.

Während der Teufel mit dem Strauss direkt in die Hölle reitet, ziehen rechts die Konservativen in den Kampf gegen die liberale Regierung. Der lodernde Haufen liberaler Schriften im Vordergrund nimmt das Schicksal des Straussenvogels vorweg. Den mit Lanze, Schild und Helm bewaffneten Konservativen weist eine Siegesgöttin den Weg. Sie hat sich die Rechtfertigung des Angriffs auf die Fahne geschrieben: für die «Religion unserer Väter». Auf der mit einem goldenen Strauss bestückten Fahne der Liberalen prangt eine Schere in Anspielung auf den Erziehungsrat Ignaz Thomas Scherr (1801–1870). Die konservative Karikatur sieht den Theologen Strauss als Antichristen und den Kampf gegen die liberale Regierung als Verpflichtung gegenüber den Vorvätern. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Der Strauss hält eine Öllampe im Schnabel, deren aufklärerisches Licht das gemeine Volk im Hintergrund zu erleuchten droht. Dagegen wehrt sich die Kirche mit allen Mitteln. Der Papst, zu erkennen an der dreistufigen Mitra, sitzt auf dem Löschwagen und schreit nach Wasser. Flüssigen Nachschub bringen drei Bäuerinnen (eine fromme, eine robuste und eine hässliche). Der Priester, geblendet vom Licht der Aufklärung, versucht die Lampe zu löschen. Im Hintergrund predigt ein Pfarrer von der Kanzel zu Bauern, Aristokraten und Eseln. Mit seinem Mantel schirmt er das Licht ab. Die Karikatur wirft der Kirche vor, das Volk dumm und unmündig zu halten. Den Theologen David Friedrich Strauss zeigt sie als Bringer der von der Kirche gefürchteten Aufklärung.

Der Strauss hält eine Öllampe im Schnabel, deren aufklärerisches Licht das gemeine Volk im Hintergrund zu erleuchten droht. Dagegen wehrt sich die Kirche mit allen Mitteln. Der Papst, zu erkennen an der dreistufigen Mitra, sitzt auf dem Löschwagen und schreit nach Wasser. Flüssigen Nachschub bringen drei Bäuerinnen (eine fromme, eine robuste und eine hässliche). Der Priester, geblendet vom Licht der Aufklärung, versucht die Lampe zu löschen. Im Hintergrund predigt ein Pfarrer von der Kanzel zu Bauern, Aristokraten und Eseln. Mit seinem Mantel schirmt er das Licht ab. Die Karikatur wirft der Kirche vor, das Volk dumm und unmündig zu halten. Den Theologen David Friedrich Strauss zeigt sie als Bringer der von der Kirche gefürchteten Aufklärung. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Das Landvolk zieht in die Stadt

Die Reaktion der liberalen Regierung kam zu spät. Wegen der Affäre Strauss hatte sich die Opposition formiert und arbeitete bereits auf einen politischen Umsturz hin. Als auf dem Land Gerüchte die Runde machten, die Regierung wolle befreundete liberale Kantone um militärische Hilfe bitten, formierte sich am 5. September 1839 in Pfäffikon ZH ein Protestzug, dem sich bald auch Bewohner anderer Gemeinden anschlossen. Die Menge war auf circa 1500 bis 2000 Mann angewachsen, als der Zug am nächsten Morgen um 7 Uhr in Zürich eintraf. 

Der Augenzeuge Otto Werdmüller, ein damals 21-jähriger Medizinstudent, war an jenem Tag in Zürich und beobachtete die Geschehnisse: 

«‹Sie kommen, Sie kommen› tönte es aus allen Ecken und im Sturmschritt eilte ich auf den Quai […]. Und wirklich: Sie kamen in unabsehbaren Massen, in Glieder geordnet, je zu 6 Mann, die Marktgasse herab. Nur etwa 200 waren mit Flinten bewaffnet und in anständigem Aufzug, die übrigen, circa 8000 [sic!], schofle, hudelige Leute von allen Altern, trugen Morgensterne, Hellebarden, aber auch Mistgabeln, Sensen, Dreschflegel, gewaltige Prügel und andere zu Morithaten geeignete Instrumente. Sie sangen Mark und Bein erschütternd: Diess ist der Tag, den Gott gemacht und zogen nun in hübschem Trab unter Anführung von Pfarrer Hirzel über die untere Brücke auf den Münsterhof, um sich dann mit der ersten Abtheilung zum Sturm auf das Postgebäude, wo die Regierung sass, zu vereinigen.»

Erinnerungsblatt an die am 6. September 1839 Gefallenen. Neben den Namen der Verstorbenen wird auch die Todesursache aufgelistet.

Erinnerungsblatt an die am 6. September 1839 Gefallenen. Neben den Namen der Verstorbenen wird auch die Todesursache aufgelistet.  Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Anführer der Meute war Bernhard Hirzel (1807–1847), Pfarrer in Pfäffikon ZH. Kirchenlieder singend zogen die Landleute in die Stadt und trafen auf dem Münsterplatz auf das Militär. Die Regierung hatte sich im Posthof verschanzt. Plötzlich fielen Schüsse, die Lage eskalierte. 14 Putschisten blieben tot liegen.

Das 15. Opfer war Regierungsrat Johannes Hegetschweiler (1789–1839), der den Befehl zum Einstellen des Feuers hatte überbringen wollen. Noch einmal der Augenzeuge Otto Werdmüller: «Ich füge noch bei, dass während des Kampfes die Regierung sich auflöste und die Glieder derselben in feiger Flucht durch die Fenster sprangen und nebst vielen anderen Radikalen nach Baden flüchteten.»

Der Erzählung nach soll Oberst Sulzberger, Kommandant der Zürcher Truppen, nach dem erfolgreichen Züriputsch in Frauenkleidern nach Baden geflüchtet sein. Diese Lithografie zeigt den Oberst, mit Schnauz und markanter Nase, im Wagen sitzend.

Der Erzählung nach soll Oberst Sulzberger, Kommandant der Zürcher Truppen, nach dem erfolgreichen Züriputsch in Frauenkleidern nach Baden geflüchtet sein. Diese Lithografie zeigt den Oberst, mit Schnauz und markanter Nase, im Wagen sitzend. Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Mit der faktischen Auflösung der Regierung herrschte Chaos in Zürich. In dieser Situation nahm Stadtpräsident Karl Eduard Ziegler (1800–1882) das Heft in die Hand. Er schaffte es, die Demonstranten zu beruhigen und einen provisorischen Staatsrat auf die Beine zu stellen. Die Politik im Kanton Zürich wurde wieder in ruhigere – und vorübergehend traditionellere – Bahnen gelenkt. Nachhaltig blieb die konservative Wende nicht. Auf eidgenössischer Ebene führte der Konflikt zwischen Konservativen und Liberalen zum Sonderbundskrieg und schliesslich zur Gründung des Bundesstaats. 

Der Züriputsch hat noch heute einen Einfluss auf unseren Alltag. Mit dem Ereignis gelangte das ursprünglich schweizerdeutsche Wort «Putsch», für «Knall», «Stoss», in den gesamten deutschen Sprachraum und bedeutet heute allgemein einen Umsturz(versuch) einer kleinen Gruppe zur Übernahme der Staatsgewalt. 

Ehrendegen für Zürcher Putschisten

>>> Weitere historische Artikel auf: 
blog.nationalmuseum.ch

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    Alle Leser-Kommentare
  • Theor 19.09.2017 07:32
    Highlight "Saudumm, das Volk" denk ich mir und frage mich im nächsten Atemzug, was dereinst die Leute der Zukunft über mich und meinesgleichen lästern werden.
    13 4 Melden
  • ubu 18.09.2017 23:13
    Highlight Grossartig, dass Texte vom Nationalmuseums-Blog übernommen werden. Danke dafür!
    18 2 Melden
  • Kronrod 18.09.2017 22:58
    Highlight Erst gerade erschienen zum Thema ist das äusserst lesenswerte Buch "Revolten und Demokratie". Darin wird deutlich, dass wir unsere direkte Demokratie zu einem grossen Teil solchen konservativen Protesten zu verdanken haben, während die städtische liberale Elite Volksabstimmungen und Landsgemeinden gegenüber skeptisch eingestellt war.
    https://www.swissinfo.ch/ger/direktedemokratie/populismus-vs--demokratie_copy-of--dd-story-vorlage/43182862
    38 5 Melden
  • DieRoseInDerHose 18.09.2017 22:42
    Highlight Super Artikel! Und danke für die Verlinkung auf den Blog des Nationalmuseums - kannte ich bis anhin noch nicht! 👍🏽
    48 0 Melden

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