DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Angst vor Rot-Rot-Grün: Deutsche Millionäre verschieben ihr Kapital in die Schweiz

24.09.2021, 15:0725.09.2021, 13:08
Oliver Hirt / Reuters

Ein möglicher Linksrutsch bei den Bundestagswahlen schreckt deutsche Millionäre auf. Kämen SPD, Grüne und Linke an die Macht, zeichnet sich die Wiedereinführung einer Vermögenssteuer und eine Verschärfung der Erbschaftssteuer ab.

«Für Superreiche ist das brandgefährlich», sagt ein Steueranwalt. «Unternehmerfamilien sind in höchstem Mass alarmiert.» Während der Wahlkampf noch tobt, rüsten sich Vermögende für Notfallmassnahmen wie eine Verlagerung von Firmenteilen oder einem Umzug in die Schweiz. Andere sind schon einen Schritt weiter und haben bereits Vermögen in die Schweiz verschoben.

Die Einlagen von deutschen Haushalten und Firmen bei Banken in der Schweiz kletterten im ersten Quartal 2021 um fast 5 Milliarden auf 37.5 Milliarden Dollar.
Die Einlagen von deutschen Haushalten und Firmen bei Banken in der Schweiz kletterten im ersten Quartal 2021 um fast 5 Milliarden auf 37.5 Milliarden Dollar.
Bild: shutterstock.com

In keinem Land der Welt lagern mehr Auslandvermögen als in der Schweiz. Die Zuflüsse haben sich 2020 beschleunigt, Nutzniesser sind grosse Banken wie die UBS, Credit Suisse und Julius Bär. Einer der Treiber: Die Angst der Reichen vor den wirtschaftlichen Konsequenzen der Corona-Krise, darunter auch Deutsche.

Einlagen von Deutschen steigen

Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zufolge kletterten die Einlagen von deutschen Haushalten und Firmen bei Banken in der Schweiz im ersten Quartal 2021 um fast 5 Milliarden auf 37,5 Milliarden Dollar – und darin sind Aktien, Anleihen oder Finanzprodukte nicht einmal enthalten.

Aktuellere Zahlen liegen zwar nicht vor. Doch Kennern zufolge haben die Zuflüsse in die Schweiz angehalten. «Ich habe in den vergangenen drei Monaten überdurchschnittlich viel Neugeld verbucht», sagt ein erfahrener Kundenberater bei einer grossen Schweizer Bank, der vor allem mit Deutschen zu tun hat.

Standbein ausserhalb Deutschlands

«Viele Vermögende, gerade Unternehmer, befürchten, dass es in Deutschland einen Linksrutsch gibt – egal wie die Wahlen ausgehen», begründet Florian Dürselen, Europa-Chef des Vermögensverwalters LGT Schweiz, die Entwicklung, die auch er wahrnimmt. «Damit würde sich das Umfeld in Deutschland aus ihrer Sicht verschlechtern, es könnte zu einer höheren Steuerlast und zusätzlichen administrativen Barrieren kommen.»

Und ein Schweizer Spitzenbanker erklärt: «Ich kenne eine Reihe von deutschen Unternehmern, die ein Standbein ausserhalb Deutschlands haben wollen, falls es dort zu rot wird.»

Der Deutschen Steuergewerkschaft bereiten mögliche Vermögensverschiebungen oder Sitzverlagerungen von Unternehmen keine schlaflosen Nächte. «Solche Androhungen sind für mich eher Teil des politischen Wahlkampfes und sollen wohl eine verbale Unterstützung in der Auseinandersetzung mit sogenannten linken Parteien sein,» erklärt ihr Chef Thomas Eigenthaler.

Höhere Steuern geplant

Falls die Sozialdemokraten am Sonntag triumphieren und ein Regierungsbündnis mit Grünen und Linken eingehen, ist die Stossrichtung allerdings vorgezeichnet. Die SPD will eine Vermögenssteuer einführen und Unternehmenserben stärker zur Kasse bitten, die Grünen grosse Vermögen ebenfalls stärker besteuern.

Zwar haben die beiden Parteien auch eine Erhöhung der Einkommenssteuern für Spitzenverdiener in ihren Wahlprogrammen, wesentlich einträglicher wäre laut dem Steueranwalt, der nicht namentlich genannt werden wollte, aber eine Substanzbesteuerung. Der Beratungsbedarf habe jedenfalls zugenommen: «Kunden wollen wissen, wie sie reagieren sollen, wenn Rot-Rot-Grün tatsächlich kommt.»

Schlaue Unternehmer schützten sich etwa, indem sie Neuinvestitionen über eine Gesellschaft in der Schweiz machten oder ihr Vermögen in eine Stiftung in Liechtenstein einbringen würden.

Barmittel einfach auf ein Schweizer Bankkonto zu transferieren bringt dagegen keinen Steuervorteil mehr. Denn das Land hat dem Schwarzgeld unter grossem internationalen Druck abgeschworen. Die Institute informieren die Steuerämter in den Heimatländern der Kunden über deren Vermögen. Der Finanzstandort Schweiz biete keinen Schutz vor Steuerhinterziehung, betont deshalb das Finanzministerium.

Steuern auf Auslandstransaktionen?

Banker Dürselen beschreibt die Überlegungen deutscher Unternehmer. Einer habe ihm kürzlich gesagt, er wolle nichts verbergen. «Er fürchtet aber, dass Deutschland dazu übergehen könnte, Auslandsvermögen oder Transaktionen ins Ausland bald hart zu besteuern. Dieser Entwicklung möchte er vorgreifen.»

Vermögende Privatpersonen würden die Schweiz immer noch als sicheren Hafen sehen und dort vermehrt Kapital platzieren. «Persönlich gehe ich davon aus, dass weiterhin beträchtliche Vermögen in die Schweiz verschoben werden.»

Der genannte Unternehmer spielt laut Dürselen auch mit dem Gedanken, dem Geld später in die Schweiz hinterherzuziehen. Er ist offenbar nicht der einzige: Einem Lokalpolitiker zufolge haben sich in den vergangenen Monaten Dutzende vermögende deutsche Unternehmer nach einem Wohnsitz in einer der Tiefsteuer-Gemeinden am Zürichsee erkundigt.

Dort wartet ein wesentlich entgegenkommenderes Umfeld: Am gleichen Tag der Bundestagswahl dürften die traditionell wirtschaftsfreundlichen Schweizer Stimmbürger einen Vorstoss der Jungsozialisten ablehnen, Reiche stärker zu besteuern. (sda/awp/reu)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das sind die witzigsten Merkel-Momente

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Den Sonntag unter einem Stein verbracht? Mit diesen 9 Punkten kannst auch du mitreden

Die SPD gewinnt die Bundestagswahl knapp vor der Union – doch können die Sozialdemokraten wirklich eine Regierung bilden? Und: Wie kommentieren heute Morgen Zeitungen die Wahlergebnisse? Der Überblick.

Die SPD hat die Bundestagswahl nach dem Ergebnis der Auszählung aller Wahlkreise gewonnen. Erstmals seit mehreren Jahren legte sie wieder zu und kam auf 25,7 Prozent, wie in der Nacht zu Montag auf der Website des Bundeswahlleiters ersichtlich war – ein Plus von mehr als 5 Prozent im Vergleich zu den Bundestagswahlen 2017. Die CDU/CSU stürzte dagegen nach 16 Jahren Regierungszeit von Kanzlerin Angela Merkel mit 24,1 Prozent auf ein Rekordtief. Die Grünen errangen mit 14,8 Prozent das beste …

Artikel lesen
Link zum Artikel