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Corona-Lage in Türkei ausser Kontrolle – und niemand spricht (offiziell) darüber

20.12.2020, 20:50

Schutzkleidung wird in Istanbul inzwischen für alle Begräbnisse angelegt – als Vorsichtsmassnahme. «Schliesslich können wir nicht sicher sagen, wer an Corona gestorben ist und wer nicht», sagt Ayhan Koc, Leiter des Friedhofsamts in Istanbul.

Koc ist für die rund 570 Friedhöfe der Millionenmetropole zuständig. Zurzeit hätten sie jeden Tag etwa 400 Begräbnisse in der gesamten Stadt – doppelt so viel wie in normalen Zeiten. «Es ist eine aussergewöhnliche Situation», sagt er.

Die Corona-Fallzahlen in der Türkei steigen seit Wochen. Im Frühjahr schien die Türkei die Pandemie gut im Griff zu haben – inzwischen gehört sie zu den am stärksten betroffenen Ländern weltweit. Ärztevertreter schätzen die Lage in den Krankenhäusern als besorgniserregend ein. Intensivstationen seien überfüllt. Die Kliniken müssten aus Platzmangel immer wieder Notfallpatienten ablehnen, berichtet die Vorsitzende der Vereinigung der Intensivkrankenschwestern, Ebru Kiraner.

Die Kapazitäten auf den Intensivstationen reichen nicht mehr aus.
Die Kapazitäten auf den Intensivstationen reichen nicht mehr aus.
Bild: keystone

Der Generalsekretär der Istanbuler Ärztekammer, Osman Kücükosmanoglu zeichnet ein ähnliches Bild:

«Die Situation ist ausser Kontrolle geraten.»

Ärzte und Opposition, sie alle fordern zusätzlich zu schon bestehenden Ausgangssperren noch strengere Massnahmen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen. Und sie verlangen vor allem Transparenz. Denn mit den Zahlen in der Türkei ist es so eine Sache.

Rund 30'000 Neuinfektionen mit dem Coronavirus registriert die Türkei zurzeit täglich – etwas mehr als in Deutschland bei fast gleicher Einwohnerzahl (rund 83 Millionen). Eine regionale Aufschlüsselung der Fallzahlen wird nicht bekanntgegeben. Am Mittwoch meldete Gesundheitsminister Fahrettin Koca mit 240 Todesfällen an einem Tag im Zusammenhang mit dem Coronavirus einen neuen Höchststand. Doch die Opposition und die Ärztevereinigung gehen davon aus, dass täglich deutlich mehr Menschen an oder mit dem Virus sterben.

Friedhofschef Koc führt für Istanbul darüber Statistik. Sein Büro liegt im Viertel Zincirlikuyu auf dem Gelände einer der grössten Friedhöfe der Stadt. Hinter seinem überdimensionalen Schreibtisch hängt ein Bild des türkischen Republikgründers Atatürk. Noch vor einem Jahr habe er selbst als Intensivmediziner gearbeitet, dann habe der oppositionelle Bürgermeister Ekrem Imamoglu ihn gebeten, die Leitung des Friedhofsamts zu übernehmen.

In dieser Sektion des Blaklaci Friedhofes in Instabul werden an Covid-19 Verstorbene begraben.
In dieser Sektion des Blaklaci Friedhofes in Instabul werden an Covid-19 Verstorbene begraben.
Bild: keystone

Als Todesursache werde Covid-19 nicht offiziell verzeichnet, die Verstorbenen würden auf dem Totenschein unter der Kategorie «Infektionskrankheiten» eingetragen, führt Koc aus. Das sei ein weites Feld. Von Cholera bis zur Grippe gehörten alle mögliche Krankheiten dazu. Um einen Eindruck darüber zu bekommen, wie viele Menschen in Istanbul mit Covid-19 gestorben seien, habe er die Sterberaten verglichen: In den Jahren 2016-2019 seien in Istanbul im November durchschnittlich rund 6000 Menschen gestorben, also etwa 200 pro Tag. Im November diesen Jahres waren es demnach 11'500 - also fast doppelt so viel.

Es habe weder ein Erdbeben noch eine andere grassierende Infektionskrankheit neben Covid-19 gegeben. Die Regierung müsse die hohen Todeszahlen erklären und transparent sein, fordert Koc. Die «nebulöse» Politik im Umgang mit der Pandemie führe zu Fragezeichen und Misstrauen bei den Menschen.

Der Zweifel an den Zahlen kommt nicht von ungefähr. Schon im Sommer war die Ärztevereinigung alarmiert, weil die von der Regierung veröffentlichte Anzahl der Neuinfektionen nicht mit ihren eigenen Erhebungen übereinstimmte. Sie sollte Recht behalten. Gesundheitsminister Koca gab im September zu, dass monatelang nur die Infizierten mit Symptomen als Corona-Fälle veröffentlicht wurden. Als Konsequenz hob die Bundesregierung eine Ausnahmeregelung für vier der beliebtesten türkischen Urlaubsregionen, darunter Antalya, auf und erklärte wieder für die gesamte Türkei eine Reisewarnung. Anfang November gab Ankara dann die vollständigen Fallzahlen bekannt.

Durch inkorrekte Zahlen hätten sich die Bürger in falscher Sicherheit gewogen, kritisiert Nursel Sahin, Vorsitzende der Ärztekammer von Antalya. Die Urlaubsregion gehört inzwischen zu den am meisten vom Virus betroffenen Regionen im Land. Nach Erhebungen der Kammer gebe es zurzeit etwa 1500 tägliche Neuinfektionen in Antalya.

Präsident Erdogan bei einem Auftritt am vergangenen Montag.
Präsident Erdogan bei einem Auftritt am vergangenen Montag.
Bild: www.imago-images.de

Die Regierung weist jegliche Vorwürfe zurück. Präsident Recep Tayyip Erdogan betonte am Montag, man handhabe die Pandemie transparent und gemäss internationalen Standards. Die Ärztevereinigung ist ihm ohnehin ein Dorn im Auge. Im Oktober hatte er sie scharf attackiert und ihre Regulierung angekündigt. Gesundheitsminister Koca wehrte sich erst kürzlich und sichtlich aufgebracht im Parlament gegen Kritik. Das Gesundheitssystem stehe im internationalen Vergleich gut da und die Regierung erhöhe ständig die Kapazität von Intensivbetten. «Seid stolz auf die Türkei», ruft er den Kritikern entgegen.

Nach ihrem ersten offiziellen Corona-Fall im März hatte die Türkei schnell reagiert, unter anderem Bars geschlossen, Auslandsflüge eingestellt und Reisebeschränkungen sowie Ausgangssperren erlassen. Ab Juni dann wurden die Beschränkungen aufgehoben – pünktlich zur Urlaubssaison. Die ohnehin angeschlagene türkische Wirtschaft war auf Devisen aus dem Ausland angewiesen.

Zu früh und zu umfassend, kritisiert die Ärztekammer-Chefin in Antalya Sahin die Lockerungen. Der Kolumnist Murat Yetkin nennt es eine «Kette falscher Entscheidungen» seit Sommer. Als Beispiel nennt er die umstrittene Eröffnung der Hagia Sophia als Moschee am 24. Juli, an der nach Regierungsangaben 350'000 Menschen teilnahmen.

Die neu eröffnete Moschee Hagia Sophia in Instanbul.
Die neu eröffnete Moschee Hagia Sophia in Instanbul.
Bild: keystone

Zum Opferfest Ende Juli – einer der höchsten religiösen Feiertage im Land – habe es keinerlei Beschränkungen gegeben und sich das Virus so im Land verbreiten können, kritisiert Yetkin. Wie in Deutschland an Weihnachten kommen zum Opferfest die Familien zusammen.

Eine Drohnenaufnahme zeigt Instanbul während des Lockdowns am 6. Dezember.
Eine Drohnenaufnahme zeigt Instanbul während des Lockdowns am 6. Dezember.
Bild: keystone

Die Regierung hat die Corona-Restriktionen inzwischen wieder verschärft: Restaurants sind geschlossen, Ausgangssperren gelten abends und am Wochenende und über Silvester. Zu spät und zu wenig, kritisiert auch hier die Ärztevereinigung. Die Kammer in Antalya erklärte kürzlich: Wenn nichts unternommen werde, «wird unser Gesundheitssystem zusammenbrechen. Wir werden mehr Verluste und unerwünschte Konsequenzen haben.» (saw/sda/dpa)

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