Review
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Review

«The Irishman» – oder: Wie Scorsese dem Mafia-Genre seine Liebe gesteht

Robert De Niro. Joe Pesci. Al Pacino. Martin Scorsese. Das alles in einem Film, der als Scorseses Herzensangelegenheit gilt. Kinoseele, was willst du denn mehr? Nicht viel, wie sich zeigt.



Die Handlung von «The Irishman»

Der Film erzählt das Leben des Frank Sheeran (De Niro) –aus seiner eigenen, reflektierten Sicht – der im Amerika der Nachkriegszeit für den Mobster Russell Bufalino (Pesci) in New York die Drecksarbeit erledigt. Die Beziehung wird enger, er wird zur geschätzten rechten Hand Bufalinos, was ihm die Tür zum Gewerkschaftler Jimmy Hoffa (Pacino) öffnet. Doch Sheeran steht schon bald zwischen den Fronten. Der Film ist an das Buch «I Heard You Paint Houses» von Charles Brandt angelehnt, das auf wahren Begebenheiten basiert.

Ich erinnere mich an die Tage als Filmwissenschaftsstudent, als ich immer und immer wieder auf der Film-Datenbank IMDB die bevorstehenden Projekte meiner cineastischen Lieblinge durchscrollte. Pacino, Pesci, De Niro, Scorsese – unter anderem, versteht sich. Am Tag X (es muss etwa im Jahr 2015 gewesen sein) stand bei diesen Vieren unisono «The Irishman» zuoberst. Innere Ekstase, der Kinohimmel schien der Welt gütig gestimmt.

Dann aber lange nichts. Weder Updates, noch Drehstarts oder sonst welche Termine. Rückblickend lässt sich dies einfach erklären: Produzent Fábrica de Cine sprang 2016 aufgrund der steigenden Produktionskosten ab, was bedeutete, dass auch Paramount Pictures die Reissleine zog.

Grund dafür waren die horrenden Kosten für CGI (Computer Generated Imagery), die dafür verwendet wurden, die Haudegen De Niro, Pacino und Co. für die erste dramaturgische Hälfte des Dekaden-umspannenden Films visuell jünger zu machen. 2017 sprang Netflix in die Bresche, stellte Scorsese jegliche finanzielle Mittel zur Verfügung und rettete so Scorseses Projekt. Zum Glück?

Dipping bread in wine, known as Intinction, speaks to the shared Catholic traditions of Russell Bufalino (Joe Pesci) and Frank Sheeran (Robert De Niro). © 2019 Netlfix US, LLC. All rights reserved.

CGI-Effekte lassen Russell Bufalino (Joe Pesci) und Frank Sheeran (Robert de Niro) jünger wirken. Bild: netflix

Scorsese übt sich in diesem Film am multidimensionalen Sezieren. Er seziert Figuren. Er seziert das ganze Phänomen des organisierten Verbrechens. Und er seziert Stimmungen. Insbesondere das ist grandios, auch wenn es Zeit braucht.

Der Film ist mit einer Laufzeit von dreieinhalb Stunden verhältnismässig lang. Doch die Laufzeit ist nun mal kein Kriterium, solange die Zeit genutzt wird. Oder um in der obigen Metapher zu bleiben: Ein Chirurg, der am offenen Herzen operiert – in Scorseses Fall wirkt es, als wäre es sein eigenes – soll nicht auf die Zeit achten müssen.

Messerscharfe Charakterstudien ohne filmisches Skalpell

Organisiertes Verbrechen ist Scorseses Steckenpferd. Dieses Genre verlangt eigentlich nicht nach einer facettenreichen Psychologisierung der Figuren. Eigentlich. In diesem Film jedoch schien es Scorsese am Herzen zu liegen, die Geschichte sauber, beinahe klinisch aufzubauen und zu erzählen.

Die Dekaden, in denen der Zuschauer dem «Irishman» Frank Sheeran durch die Hintertüren der Mafia und an die Spitze der grössten Gewerkschaft folgt, fliessen subtil ineinander über. Es gibt kaum überstilisierte turning points, die einen plötzlichen Sinneswandel der Figuren erklären wollen, keine peaks, die als solche deklariert werden und ein baldiges Ungemach implizieren.

Es ist eine aufwändige, langwierige Form des filmischen Erzählens, die auch für die Schauspieler anspruchsvoll ist. Neben den eindrücklichen CGI-Effekten (die Technologie macht einem beinahe etwas Angst) passen De Niro, Pesci und Pacino ihr Schauspiel kontinuierlich und bemerkenswert nuanciert dem subtilen Wandel ihrer Figuren an. Kleinigkeiten, die dem Zuschauer beinahe zu viel Mühe abverlangen, um sie wahrzunehmen.

Die im Film zentralen zwischenmenschlichen Beziehungen werden behutsam skizziert. Sei es jene zwischen Sheeran und Russell Bufalino, zwischen Sheeran und Hoffa oder zwischen Bufalino und Hoffa. Sie verändern sich stetig, sie leben, atmen, sind am Ende nicht mehr dieselben wie zu Beginn. Doch die Übergänge dieser Veränderungen sind derart meisterlich verblendet, dass der Finger kaum auf einen spezifischen Zeitpunkt gelegt werden kann.

Auch auf eine klare Abgrenzung und Deklarierung der zeitlichen Episoden wird verzichtet. Wie viele Jahre zwischen verschiedenen Episoden genau verstreichen, ergibt sich höchstens aus dem Kontext. Dies schafft eine organische, authentische Qualität, die auch dazu führt, dass die Laufzeit des Films eher dahinschwindet als mühselig abläuft.

Frank Sheeran (Robert De Niro) is both defender and confidante to Jimmy Hoffa (Al Pacino). © 2019 Netlfix US, LLC. All rights reserved.

bild: netflix

Ohne auch nur einmal das filmische Skalpell anzusetzen und Ecken und Kanten mutwillig hervorzuheben, gelingt Scorsese dank (endlich wieder einmal) brillanten Hollywood-Koryphäen und einem kaum je dagewesenen Sinn für filmisches Erzählen eine bemerkenswerte Charakterstudie.

Die Mafia ganz klassisch, ganz anders

Schiessereien, spektakuläre Faustkämpfe, protzige Mafia-Feten, klischeehafte Hochzeiten, femmes fatales, steinharte Cops, bilderbuchmässig korrupte Politiker, Saus, Braus und Trallala – all das sucht man vergeblich in «The Irishman». Der Film lebt viel von der Atmosphäre, die stets dicht, aber nie überladen (geschweige denn gesucht) wirkt.

Am besten zeigt sich dies am Sounddesgin. Damit ist nicht die Filmmusik gemeint, die unscheinbar (aber nicht unwichtig) im Hintergrund bleibt. Die Musik, die sich bei der jüngeren Generation von Regisseuren oft exhibitionistisch in den Vordergrund drängt, bleibt hier sehr zurückhaltend. Sie überlässt dem sogenannten Atmoton die Bühne. Kleine Geräusche, nicht spezifisch herausgearbeitet oder stilisiert, sondern einfach da. Der Film lebt.

Die zwielichtigen Gestalten der New Yorker Unterwelt – dass jede und jeder von uns wahrscheinlich ein ähnliches Bild im Kopf hat, spricht Bände bezüglich der filmischen Darstellung solcher Figuren – sind in «The Irishman» in erster Linie einfach Menschen, die sich auch mal in sinnlosen, beinahe situationskomischen Dialogen verlieren.

Russell Bufalino (Joe Pesci) and Frank Sheeran (Robert De Niro) talk business. Photo Credit: Niko Tavernise. © 2019 Netlfix US, LLC. All rights reserved.

bild: netflix

Natürlich verzichtet Scorsese nicht gänzlich auf die Klischees, wie die leeren Restaurants, in denen die ganz unheimlichen Pakte geschlossen werden, Schmiergeldzahlungen an Beamte oder das eine oder andere Kleidungsstück. Doch der Mafia-Mief kommt dabei selten auf, weil nicht die Drahtzieher alleine, sondern die Beziehung der rechten Hand Frank Sheeran zu diesen Personen im Vordergrund steht. Ein angenehmer Perspektivenwechsel, der neuen Elementen des mafiösen Treiben Platz verschafft.

Die komplette Abwesenheit eines allfälligen Machtanspruchs von Sheeran ermöglicht es zudem, das Treiben rund um Schutzgeld, Erpressungen, Bestechungen und Mordaufträge etwas distanzierter, nüchterner zu betrachten. Das Subtile macht den Ton, das Offensichtliche sorgt pointiert für Rhythmuswechsel. Es ist ein Atmofilm über eines der lautesten filmischen Sujets.

Jimmy Hoffa (Al Pacino) and Frank Sheeran (Robert De Niro) debate Hoffa’s next move. © 2019 Netlfix US, LLC. All rights reserved.

bild: netflix

Scorseses bester Film?

Beim breiten Publikum wird der Film vermutlich nicht auf grenzenlose Begeisterung stossen. Nicht alle haben Lust und Zeit sich einer solch feinschneidigen filmischen Wucht mit der nötigen Geduld zu widmen. Ein Film halt, der die eher schwer verdauliche Aura eines Meilensteins hat. Und in meinen Augen ist es auch nicht Scorseses bester Film (auch wenn es bis hierhin so geklungen haben mag).

Dazu fehlt dem Film in meinen Augen phasenweise etwas Tempo, etwas Direktheit, eine Prise Frechheit und ja, auch gewisse Spannungsmomente. Wer Scorsese mag, der wird den Film jedoch lieben – ungeachtet der Tatsache, dass es (vielleicht) nicht Scorseses grösster Wurf ist. Denn eines ist er ganz bestimmt: Scorseses persönlichster Film.

Die oben angetönte Liebe, mit der Scorsese Schicht um Schicht, Jahr um Jahr abträgt, ist nichts anderes als ein Liebesflim; ein Liebesfilm von Scorsese an das Mafia-Filmgenre. Respektvoll, nüchtern und mit liebevollem Augenzwinkern liefert er ein audiovisuelles Stillleben des organisierten Verbrechens. Nicht, als würde Scorsese das organisierte Verbrechen gutheissen. Er ist lediglich seinem cineastischen Charisma erlegen. Nun scheint die Zeit gekommen, dieser innigen Liaison zu huldigen.

Martin Scorsese directs Robert De Niro and Joe Pesci in a scene from The Irishman. Photo Credit: Niko Tavernise.© 2019 Netlfix US, LLC. All rights reserved.

Bild: netflix

Wer für Unterhaltung, Bespassung und Action ins Kino geht, wird hier nicht fündig und wird sich dreieinhalb Stunden lang den Hintern taub sitzen. Wer aber den schönsten, differenziertesten (Meta-)Liebesfilm eines Grossmeisters an sein Genre sehen will, der ist hier genau richtig.

Release-Datum: «The Irishman» läuft ab dem 14. November 2019 in ausgewählten Schweizer Kinos. Voraussichtlich erscheint er ab dem 27. November auch auf der Streaming-Plattform Netflix.

Unsere 18 Streaming Tipps für den November

«Filme sind eine Verblödung der Gesellschaft!»

Play Icon

Abonniere unseren Newsletter

19
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
19Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • mr.mot 14.11.2019 19:14
    Highlight Highlight Ich war heute Nachmittag im Kino und kann die Kritik von Jodok vorbehaltlos unterschreiben. 👍
    Meines Erachtens ist "The Irishman" für Fans von Mafia-Filmen ein Muss, aber eigentlich auch für alle, die einfach gute Filme mögen. Man muss sich halt einfach auf dreieinhalb Stunden Dialog einlassen können. Ich habe diese Zeit genossen und freue mich, dass noch solche Filme produziert werden - notabene von Netflix. Welch Ironie...
    Scorsese gebührt für seine vorzügliche Regie mindestens eine Oscar-Nominierung und auch Al Pacino sehe ich als Oscar-Kandidat.
  • julibrise 14.11.2019 16:47
    Highlight Highlight Eines der besten Filmreviews, die ich je gelesen habe. Hervorragend geschrieben. Bravo!
  • lincoln_rhyme 14.11.2019 11:03
    Highlight Highlight Am Samstag ist es soweit :)
  • asapsmallz 14.11.2019 08:17
    Highlight Highlight Spielt Joe Pesci wieder eine ähnliche Figur wie in GoodFellas oder Casino?
    • asapsmallz 14.11.2019 12:03
      Highlight Highlight und*
  • Once upon a time... 13.11.2019 22:13
    Highlight Highlight Zur Info:
    Der Film läuft ab 14.11 in den KITAG Kinos. Kanns kaum erwarten..🍿
  • Couleur 13.11.2019 19:23
    Highlight Highlight Besser wie Good Fellas wird er kaum sein, denn dem können wenige Filme das Wasser reichen. Der gehört für mich zu den besten Filmen aller Zeiten und ist aus meiner Sicht Scorseses bester.
    • Team Insomnia 14.11.2019 04:49
      Highlight Highlight Besser „als“ Good Fellas... nicht wie....
    • Mia_san_mia 14.11.2019 05:14
      Highlight Highlight Ach Insomnia, nims doch easy 👐🏻
    • greeZH 14.11.2019 07:41
      Highlight Highlight Casino > Good Fellas
    Weitere Antworten anzeigen
  • R10 13.11.2019 18:40
    Highlight Highlight Warum kann nicht schon der 27. November sein 😫😫

    Oder weiss zufällig jemand, in welchen Kinos der Film morgen bereits läuft?
    • Biggie Smalls 13.11.2019 20:43
      Highlight Highlight www.netflix.com/title/81008957?s=i&trkid=13747225 (trailer)

      der film wird (sollte) folgen
    • Tomlate 13.11.2019 21:33
      Highlight Highlight ❤️
    • Once upon a time... 13.11.2019 22:22
      Highlight Highlight Ja, Kitag Cinemas. Bitteschön ;)
    Weitere Antworten anzeigen

Review

Nicht nur Curdin Orlik spricht über sein Coming-out

Lernen, was Freiheit bedeutet: Der Basler Regisseur Boris Nikitin hat sein eigenes Coming-out und das Sterben seines Vaters in einem berührenden Text verwoben.

Es ist ein sehr kleines Buch. Bloss 46 Seiten Text und die auch überaus locker bedruckt. Es ist ein Ein-Mann-Stücktext, mit dem sein Autor, der 40-jährige Basler Regisseur Boris Nikitin, gerade um die Welt tourt.

Es ist ein sehr grosses Buch. Eines, das auf wenigen Seiten fragt, was Freiheit bedeuten kann. Es ist ein sehr persönliches, geradezu intimes Buch. Die Geschichte der beiden Freiheiten von Boris Nikitin und seinem Vater. Boris Nikitin ist schwul. Sein Vater ist tot. Und was hat das …

Artikel lesen
Link zum Artikel