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Flüchtlingsmädchen wird offenbar gar nicht abgeschoben: ARD unterschlägt entscheidende 3,5 Minuten des Merkel-Videos

17.07.2015, 10:2329.07.2016, 09:08

Grenzenlose Häme ergiesst sich über die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, weil sie einem palästinensischen Flüchtlingsmädchen etwas ungelenk erklärte, warum sie nicht in Deutschland bleiben darf. Der Vorfall ereignete sich im Rahmen ihres Bürgerdialogs «Gut Leben in Deutschland» an einer Schule in Rostock.

Das Problem: Bei dem Video, das auf Sozialen Medien wie wild geteilt und kommentiert wird, fehlen die ersten dreieinhalb Minuten. Auf der Internetseite der Bundesregierung sowie auf der Facebookseite der ARD-Sendung Panorama ist der vollständige Dialog zwischen Reem und der Kanzlerin einsehbar:

Die Situation präsentiert sich nun etwas komplizierter. Gleich zu Beginn des Dialogs ensteht der Eindruck, dass Reems Familie gar nicht abgeschoben wird, sondern vorläufig aufgenommen ist:

Reem: «Wir waren kurz davor, abgeschoben zu werden. Mir gings hier in der Schule auch richtig schlecht, das haben die Lehrer und Schüler mitgekriegt.»
Merkel: «Ihr solltet wieder zurück in den Libanon?»
Reem: «Ja, genau. Da gings mir richtig schlecht.»
Merkel: «Und was ist jetzt passiert?»
Reem: «Jetzt ist erst mal eine Genehmigung da. Wir waren in Berlin auf der Botschaft, haben die libanesischen Pässe geholt. Jetzt warten wir, bis von der Ausländerbehörde eine Antwort kommt.»

Angela Merkel lässt durchblicken, dass Deutschland gut integrierte Menschen wie Reem nach vier Jahren nicht zurückschickt:

«Wenn jemand vier Jahre hier ist, dann ist es halt sehr schwer zu sagen, so und jetzt hast du schön Deutsch gelernt, bist integriert, und jetzt stellen wir fest, nach vier Jahren, das ist gar kein richtiger Asylantrag. (...) Dann werden wir überlegen, wie gehen wir mit denen um, die schon viele Jahre hier sind und immer in so einem Zwischenzustand sind, da wollen wir jetzt ein beschleunigtes Verfahren machen, davon könntest du vielleicht auch profitieren.»

Merkel differenziert genau zwischen den Flüchtlingen, die aus dem Libanon kommen: Reems Familie gehört zu den palästinensischen Flüchtlingen, die dort seit Jahrzehnten in befestigten Lagern leben. «Keine sehr gute Umstände», wie die Kanzlerin einräumt, aber nicht zu vergleichen mit dem Los syrischer Flüchtlinge, die vor dem Bürgerkrieg geflohen sind und in Zeltstädten hausen. Auch Reem pflichtet bei, dass diese Vorrang haben.

In den fehlenden dreieinhalb Minuten entsteht ein deutlich nuancierteres Bild. Die Macher der Sendung Panorama schreiben denn auch in ihrem Post mit dem vollständigen Video:

Allerdings ist die ARD an dem Missverständnis selbst Schuld: Ihr Mitglied NDR brachte das verkürzte Video in Umlauf, das auch auf dem ARD-Youtube-Kanal publiziert wurde.

Wie beurteilst du Angela Merkels Rolle in dem Bürgerdialog?

Palästinensisches Flüchtlingslager im Libanon

Syrisches Flüchtlingslager im Libanon

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