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11.12.2015; Bern; Eishockey NLA - SC Bern - HC Ambri-Piotta; 
Trainer Lars Leuenberger (Bern)
 (Urs Lindt/freshfocus)

Lars Leuenberger: Er hat das Problem des «ewigen Assistenten».
Bild: freshfocus

Eismeister Zaugg

Was wäre, wenn Lars Leuenberger doch ein grosser Trainer ist?

Ob Lars Leuenberger (40) ein guter oder ein weniger guter Trainer ist, wissen wir immer noch nicht. Aber eines ist sicher: Er ist der meistunterschätzte Bandengeneral der Liga.



Um die Situation des SCB-Trainers besser verstehen zu können, stellen wir uns vor, er würde in Kloten an der Bande stehen. Und Sean Simpson wäre der Nothelfer beim SC Bern. In diesen Tagen spielt ja Kloten gleich zweimal hintereinander gegen die Berner.

In Bern und Kloten wären die Meinungen gemacht. In Kloten würde von den Chronisten und Fans vehement die Entlassung des Trainers gefordert. Mit einer einleuchtenden Begründung: Lars Leuenberger habe die Mannschaft letzte Saison übernommen und in der Abstiegsrunde versenkt. Und jetzt sei er wieder auf dem besten Wege, die Play-offs zu verpassen. Trotz grossen Investitionen auf dem Transferbasar. Mit einer der teuersten Mannschaften der Liga.

Es gäbe eine einleuchtende fachliche Begründung: Es sei doch klar zu erkennen, dass er die Spieler nicht mehr richtig erreiche. Eigentlich sehe man das wahre Kloten nur noch in den Derbys gegen die ZSC Lions – aber für diese Partien seien die Spieler so oder so immer motiviert. Kloten spiele zu wenig inspiriert und leidenschaftlich und zu wenig konstant. Ein sicheres Zeichen, dass der Cheftrainer die Spieler weder richtig motivieren noch taktisch disziplinieren könne. Kein Wunder, dass bei diesem wenig attraktiven Hockey die Zuschauer ausbleiben. Wenn das so weitergehe, werde aus Kloten noch das neue Rapperswil.

11.12.2015; Kloten; Eishockey NLA - Kloten Flyers - ZSC Lions; Die Klotener Spieler feiern den Sieg gegen den ZSC
(Steffen Schmidt/freshfocus)

Jubelt Kloten immer weniger auf dem Weg zum «neuen Rapperswil»?
Bild: freshfocus

Aber das sei ja logisch. Lars Leuenberger nehme doch keiner ernst. Er habe einfach zu wenig Charisma um eine Mannschaft mit vielen erfahrenen und auch grossen Spielerpersönlichkeiten zu führen. Wie denn auch? Er habe ja als langjähriger SCB-Assistent mit Ausnahme eines kurzen Intermezzos als Nothelfer kaum Erfahrung als Cheftrainer. Und immer wieder käme die Forderung: Wann handeln die neuen Klubbesitzer endlich? Es sei geradezu fahrlässig, diese Mannschaft einem «ewigen Assistenten» zu überlassen, der zwar aus der Ostschweiz komme, aber durch einen viel zu langen Aufenthalt im Bernbiet die Mentalität der Zürcher nicht mehr verstehe. Wann bekommt Kloten endlich einen richtigen, einen grossen Trainer?

Viele Gründe für den ausbleibenden Erfolg – aber der Trainer ist nicht schuld

Doch solche geradezu ketzerischen Gedanken kommen bei keinem Chronisten auf. Bei den Kloten Flyers steht mit Sean Simpson einer der grossen europäischen Bandengeneräle an der Bande. Meister mit Zug, Meister mit München, Gewinner der Champions League, Triumphator über die Chicago Black Hawks und WM-Silberschmied von 2013. Wahrlich ein grosser, charismatischer Trainer. In Kloten gibt es viele Gründe für den ausbleibenden Erfolg – aber keiner davon ist der Trainer.

Was wäre, wenn in Bern Sean Simpson als Nothelfer für den gefeuerten Guy Boucher engagiert worden wäre? Die Chronisten wären des Lobes voll und würden den Kanadier als charismatischen Bandengeneral feiern.

Der SCB habe sich seit der Amtsübernahme von Sean Simpson auf geradezu wundersame Art und Weise gewandelt. Die taktischen Fortschritte seien klar zu erkennen. Man denke nur an die meisterhaft herausgecoachten Siege in Lausanne (1:0) und Fribourg (3:1)!

Sean Simpson verstehe es aber auch meisterhaft, seine Jungs zu motivieren. Mit ihm seien die Spielfreude und Leidenschaft zurückgekehrt. Das habe man bei den wilden Partien in Zug (6:5) oder gegen die ZSC Lions (6:5 n. P.) auf eine begeisternde Art und Weise gesehen! Da sehe man einfach, dass ein grosser Klub wie der SCB einen grossen Trainer vom Format eines Welttrainers wie Sean Simpson brauche!

Kloten Flyers Cheftrainer Sean Simpson, Mitte, spricht waehrend seinem Timeout zu seinen Spielern waehrend dem Eishockey-Meisterschaftsspiel der National League A zwischen den Kloten Flyers und dem EV Zug am Mittwoch, 23. Dezember 2015, in der SWISS Arena in Kloten. (KEYSTONE/Patrick B. Kraemer)

Niemand zweifelt, dass Sean Simpson die Kloten-Spieler noch erreicht.
Bild: KEYSTONE

Beunruhigender Fatalismus beim Niedergang Klotens

Natürlich gäbe es auch Kritik. Das 5:6 n. P. im eigenen Tempel gegen die SCL Tigers oder die Heimniederlagen gegen Lausanne (2:3 n. P.) und Ambri (3:5) seien eigentlich unverzeihlich. Aber der Trainer käme nicht in die Kritik. Was könne denn der Trainer dafür, wenn er mit einem Lottergoalie wie Janick Schwendener leben müsse? Und die taktischen Unzulänglichkeiten seien ja sicher nicht das Problem von Sean Simpson. Es brauche eben Zeit, um die Spieler nach der «Ära Guy Boucher» offensiv wieder laufen zu lernen und die Balance zwischen Offensive und Defensive zu finden. Mit Sean Simpson habe der SCB endlich den richtigen Trainer gefunden und sei auf dem richtigen Weg.

Tja, so wäre es. Aber die Wirklichkeit sieht ganz anders aus.

Sean Simpson ist in Kloten ganz und gar unbestritten. Niemand zweifelt daran, dass er seinen Vertrag (bis 2018) erfüllen wird. Niemand stellt den Silberschmied von 2013 in Frage. Nicht einmal Philipp Muschg, der Sohn des Schriftstellers Adolf Muschg. Der grosse Zürcher Hockey-Chronist, der auf so meisterhafte Art und Weise mit der Kunst der feinen Ironie medial zu fechten versteht und, anders als sein Vater, nicht in Schachtelsätzen schreibt, nimmt den Niedergang der Flyers mit beunruhigendem Fatalismus zur Kenntnis.

Der ewige Assistent

In Bern steht Lars Leuenberger hingegen ständig im Zentrum der Kritik. Er hat zwar nur einen Vertrag bis Saisonende. Aber regelmässig wird gefragt, ob er am Saisonende noch an der Bande stehen wird. Er kann tun und lassen, was er will und Sieg an Sieg reihen – es hilft nichts: er bleibt für die Berner «der kleine Lars». Der einstige Flügelfloh (172 cm) wird einfach nicht als grosser Trainer wahrgenommen. Sondern als ewiger Assistent, der seit seinem Amtsantritt als SCB-Assistenztrainer (2011) seinen Job vor allem der Protektion seines grossen Bruders Sven verdankt, dem soeben durch Alex Chatelain abgelösten SCB-Sportchef.

18.11.2015; Bern; Eishockey NLA - SC Bern Medienkonferenz; 
Ex-Spotchef Sven Leuenberger (R, Bern) und der neue Sportchef Alex Chatelain (Bern) an der Medienkonferenz
 (Urs Lindt/freshfocus)

Alex Chatelain (l.) löste Sven Leuenberger als Sportchef ab – endet damit das Glück für Bruder Lars Leuenberger?
Bild: freshfocus

Und hat er denn nicht Ende Januar 2014 seinen Job als Nothelfer (er hatte das Team für den gefeuerten Antti Törmänen übernommen) noch so gerne Guy Boucher überlassen? Der SCB brauche einfach einen grossen Trainer. In Madrid oder Barcelona oder München sei es ja auch noch niemandem eingefallen, die Fussball-Mannschaft dauerhaft einem Assistenten zu überlassen.

Ja, so ist das. Die Hockeywelt ist halt schon ein wenig ungerecht. Was, wenn Lars Leuenberger doch ein grosser Trainer ist? Diese Frage muss der Gerechtigkeit halber gestellt werden.

Die erstaunliche Arbeit von Lars Leuenberger

Lars Leuenberger hat in Bern erstaunliche Arbeit geleistet. Als langjähriger Assistent eine Mannschaft zu führen, ist ein verdammt schwieriger Job – und den hat er bisher auf geradezu meisterhafte Art und Weise gemeistert. Der Ehemann der TV-Moderatorin Nicole Berchtold hat kein «Napoléon-Syndrom» (kleine Männer neigen oft zu übertrieben zur Schau gestellter Autorität). Er pflegt vielmehr eine in diesem Geschäft eher seltene Gelassenheit und Selbstironie. Sein Coaching ist tadellos und die Mannschaft hat seit der Entlassung von Guy Boucher in allen Bereichen grosse Fortschritte gemacht.

Alles in allem hat es bis heute in der Beurteilung des Trainers Lars Leuenberger keine Gerechtigkeit gegeben. Ein grosser Dichterfürst hat einmal gesagt, was gerecht sei, erkenne nur das Herz. Er hat Marc Lüthi nicht gekannt. Sonst hätte er gesagt, Gerechtigkeit erkenne nur der Geschäftssinn.

epa04379105 CEO Marc Luethi of Swiss Ice Hockey club SC Bern during a press conference during the season media day of the SC Bern, 01 September 2014, Bern, Switzerland.  EPA/ANTHONY ANEX

Marc Lüthi: Keiner rechnet so schlau wie der SCB-Boss.
Bild: EPA/KEYSTONE

Marc Lüthi kann rechnen. Wenn es Lars Leuenberger diese Saison gelingt, den SCB in die Play-offs zu bringen, dann ist der Hockey-Himmel das Limit. Der SCB kann nämlich ausser Davos und den ZSC Lions im Viertel- und Halbfinale jeden Gegner kippen.

Der SCB spart dank Leuenberger eine halbe Million

Wenn Lars Leuenberger ins Halbfinale kommt, wird der Pragmatiker Marc Lüthi folgende Rechnung aufmachen: Der Lars kostet mich nicht viel mehr als 200'000 Franken brutto. Ein grosser ausländischer Trainer wie der Kari Jalonen aber mindestens 700'000 Franken brutto. Aber eine Garantie, dass es besser kommt, habe ich auch mit einem grossen Namen nicht. Und sind wir denn 1958 nicht mit Ernst Wenger in die NLA aufgestiegen und dann auf Anhieb als Neuling 1959 zum ersten Mal Meister geworden?

Okay, der «Aschi» Wenger hatte als Ausbildner an der städtischen Polizeikaserne eine pädagogische Bildung und die Zeiten waren damals anders. Aber fest steht: Wir können auch mit einem Schweizer Trainer Meisterschaften gewinnen. Die Rechnung ist also einfach: Ich mache Lars Leuenberger auch für die nächste Saison zu unserem Cheftrainer und spare eine halbe Million.

Und der boshafte Chronist reibt sich die Hände, ist ein Schelm und denkt: Wenn der «Larsli» SCB-Trainer bleibt, dann haben wir im Dezember 2016 schon wieder ein wunderbares SCB-Trainertheater.

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