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Anhänger der Schwarzenbach-Initiative: Als Wilhelm Tell gegen die Ausländer.<br data-editable="remove">
Anhänger der Schwarzenbach-Initiative: Als Wilhelm Tell gegen die Ausländer.
Bild: KEYSTONE

Die Schweiz und ihre Ausländer: Als die «Tschinggen» auf dem Pausenplatz verprügelt wurden

Die Schweiz tut sich traditionell schwer mit ihren Ausländern. Besonders ausgeprägt war dies während der Einwanderungswelle nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall. Damals schlug ihnen teilweise blanker Hass entgegen.
16.02.2016, 13:3217.02.2016, 18:22

Den Schimpfreim haben viele Menschen italienischer Abstammung bis heute in den Ohren: «Tschingg-a-la-mora, Dräck-a-de-Schnorra» wurde ihnen als Kind nachgerufen, auf dem Schulweg, auf dem Pausenplatz. Tschingg kommt von Cinque (Fünf) und Mora ist ein italienisches Zählspiel ähnlich wie Schere-Stein-Papier, nur dass man die Zahl der Finger erraten muss. Der Ausdruck «Tschingg» wurde zur abschätzigen Bezeichnung für Italiener.

Bereits im 19. Jahrhundert waren viele in die Schweiz gekommen, häufig als Arbeiter in den Tunnels, die durch die Alpen gebohrt wurden. Die starke Zuwanderung – darunter auch viele Deutsche – erzeugte Unbehagen. Der Begriff «Überfremdung» tauchte in der politischen Debatte auf, und mit ihm die Bezeichnung Tschingg.

Am Albulatunnel ins Engadin (Aufnahme von 1903) arbeiteten viele Italiener mit.<br data-editable="remove">
Am Albulatunnel ins Engadin (Aufnahme von 1903) arbeiteten viele Italiener mit.
Bild: KEYSTONE

Widerspruch gab es durchaus: «Heute verlangen die in der deutschsprachigen Schweiz lebenden Italiener mit vollem Recht das Ausmerzen dieses Spottnamens und dessen Abarten aus dem Sprachgebrauch», hiess es in einem Leserbrief, der im September 1940 in der NZZ veröffentlicht wurde. Die Zeit dafür aber war nicht reif, im Gegenteil: Der «Tschingg» wurde in den folgenden Jahren erst richtig salonfähig.

Die Geburtenquote der Italiener liegt bedeutend höher als jene der Schweizer. Der heutige Anfangsbestand an Italienern genügt, um die Schweiz ohne einen Schuss zu erobern. Geburtenregel? Die ist doch für den dummen Schweizer, da lacht der Italiener.
Mitteilungsblatt der Nationalen Aktion (1967)

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die verschonte Schweiz erneut im grossen Stil «Gastarbeiter» zu rekrutieren, um den wirtschaftlichen Nachholbedarf zu befriedigen. Zwischen 1950 und 1970 stieg die Zahl der Ausländer von 300'000 auf rund eine Million. Sie stammten zum grössten Teil aus Italien und arbeiteten als «Saisonniers» auf dem Bau oder in anderen anstrengenden Berufen.

Die Einheimischen «dankten» es ihnen, indem sie sie in lausige Baracken pferchten, die abseits der Wohnquartiere lagen. Man wollte mit ihnen nichts zu tun haben und klammerte sich an die Hoffnung, sie würden irgendwann wieder gehen. Häufig blieb es nicht bei verbalen Anfeindungen gegen die «Gastarbeiter» und ihren Nachwuchs. Sie wurden angepöbelt und sogar verprügelt, weil sie anders waren, Ausländer, Italiener.

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Einen Eindruck des damaligen Klimas lieferte der langjährige «Blick»-Journalist und Schriftsteller Arthur Honegger: Am Stadtfest seines Wohnortes Bülach im Zürcher Unterland seien «Tschinggen» unerwünscht gewesen. «Denen stellen wir eine Gulaschkanone beim alten Sekundarschulhaus auf. Da können sie ihre Spaghetti fressen», entschied man. Tauchten sie trotzdem am Fest auf, wurden sie angerempelt und beschimpft: «Haut ab, wir wollen euch nicht!»

James Schwarzenbach (l.) und sein Mitstreiter Valentin Oehen, mit dem er sich später überwarf.<br data-editable="remove">
James Schwarzenbach (l.) und sein Mitstreiter Valentin Oehen, mit dem er sich später überwarf.
Bild: KEYSTONE

Der Hass manifestierte sich in der Politik: 1961 wurde die «Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat» (NA) gegründet. Der Bundesrat goss Öl ins Feuer, als eine von ihm eingesetzte «Expertenkommission zum Studium der Ausländerproblematik» 1964 zum Schluss kam, die Schweiz befinde sich «im Stadium einer ausgesprochenen Überfremdungsgefahr». Die «übermässige Zunahme der fremden Einflüsse» gefährde «unsere nationale Eigenart und damit die wichtigste Grundlage unserer staatlichen Eigenständigkeit».

«Soll unser Land wegen der Gewinnsucht und Profitgier einzelner Betriebe zu einer italienischen Kolonie werden à la Südtirol? Der Vatikan frohlockt, weil dann unser Land mehrheitlich katholisch sein wird. Auch die Russen reiben sich die Hände, denn ohne ihr geringstes Zutun werden wir eine Million Kommunisten im Land haben. Wie leicht ist es dann für sie, eine Revolution zu entfachen.»
Leserbrief im «Tages-Anzeiger» (1970)

Nun schlug die Stunde eines ebenso schillernden wie rätselhaften Demagogen: James Schwarzenbach. Er entstammte einer schwerreichen Zürcher Textildynastie, mit der er sich überworfen hatte, weil er zum Katholizismus konvertiert war. Trotzdem hatte er genug Geld, um ein sorgenfreies Leben als Journalist, Autor und Verleger zu führen. Der distinguierte Grossbürger Schwarzenbach trat der NA bei und eroberte 1967 ein Mandat im Nationalrat.

1969 lancierte die NA ihre Volksinitiative «gegen die Überfremdung». Sie verlangte eine Reduktion des Ausländeranteils in der Bevölkerung von 17 auf 10 Prozent. Eine halbe Million «Gastarbeiter» hätte die Koffer packen müssen. Der Abstimmungskampf verlief emotional, das Motto hiess «Alle gegen einen», genauer gegen James Schwarzenbach, nach dem die Initiative schon bald benannt wurde. Fast täglich trat er an einem Podium auf und dominierte als brillanter Redner die Debatte, sogar in der Westschweiz, wo er mit seinem Französisch beeindruckte.

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Die Abstimmung am 7. Juni 1970 endete mit einem Schock: Obwohl die Gegner eindringlich vor den wirtschaftlichen Folgen gewarnt hatten, erreichte die Initiative bei einer Rekord-Beteiligung von 75 Prozent (allerdings nur Männer) einen Ja-Anteil von 46 Prozent. Für Schwarzenbach war es ein ideales Ergebnis. Als Industriellensprössling war er sich der Konsequenzen seines Begehrens durchaus bewusst, gleichzeitig hatte er sich definitiv als Player in der Schweizer Politik etabliert.

Es ist noch nicht allzu lange her, da stellten Staatsbetriebe keine Schweizer ein, welche nicht militärdiensttauglich waren und über einen tadellosen Leumund verfügten. Heute arbeiten schon massenhaft Fremdarbeiter in diesen Betrieben, ohne nur eine dieser Bedingungen erfüllen zu müssen. Was würde unser General Guisan dazu sagen? Ist der berühmte Rütli-Rapport schon vergessen? Heil dir, Helvetia! Schweizer, wann kommst Du zur Besinnung?
Leserbrief im «Tages-Anzeiger» (1970)

War Schwarzenbach aber wirklich fremdenfeindlich? Er äusserte ungeniert Sympathien für autoritäre und faschistische Strukturen. Andererseits erklärte Helmut Hubacher, der spätere Präsident der SP Schweiz und einer seiner damaligen Hauptwidersacher, die Initiative sei für Schwarzenbach ein Mittel zur Befriedigung seines Geltungsdrangs gewesen. «Es war die Chance seines Lebens, berühmt zu werden», sagte Hubacher in einem SRF-Dok-Film.

Schwarzenbach überwarf sich bald mit der NA und gründete eine neue Partei, die Republikaner. Als Sekretär amtierte ein gewisser Ulrich Schlüer. Sie eroberten bei den Wahlen 1971 (an denen erstmals die Frauen teilnehmen durften) auf Anhieb sieben Sitze im Nationalrat. Die Nationale Aktion schaffte «nur» vier. Doch James Schwarzenbach blieb ein ausgesprochener Einzelkämpfer. Ende der 70er Jahre zog er sich aus der aktiven Politik ins Engadin zurück, wo er 1994 starb.

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Seine Saat aber war aufgegangen. Helmut Hubacher erhielt Einblick in Schwarzenbachs Spenderliste und musste zu seinem Schrecken feststellen, dass viele «einfache Leute» den Kämpfer gegen die «Überfremdung» mit kleinen, aber auch grösseren Geldbeträgen unterstützt hatten. Es war für die Linke ein Knackpunkt: Sie machte sich stark für eine weltoffene Schweiz und verlor einen grossen Teil der Arbeiterschaft für immer an die nationalkonservative Rechte.

Das Schweizervolk sieht untätig zu, wie den betagten eigenen Landsleuten von Spekulanten die Wohnung herzlos gekündigt wird, um vitalen Italienerfamilien Platz zu machen.
Mitteilungsblatt der Nationalen Aktion (1967)

Das Klima gegenüber den Ausländern aber entspannte sich. Die offene Fremdenfeindlichkeit verschwand zunehmend. Zwei Faktoren trugen dazu bei, darunter paradoxerweise das Ende der jahrelangen Hochkonjunktur. Als die Wirtschaft 1973 in eine schwere Rezession stürzte, wurden Tausende Ausländer einfach nach Hause geschickt. Die Personenfreizügigkeit existierte damals noch nicht. Auch die gesellschaftliche Öffnung in den 60er Jahren wirkte sich positiv aus.

Zwei weitere «Überfremdungs»-Initiativen kamen 1974 und 1977 zur Abstimmung und wurden klar abgelehnt. Die zunehmende Akzeptanz wurde auch auf dem Pausenplatz spürbar, was ich als Primarschüler selbst erlebte. Als ein Klassenkamerad einen italienischen Mitschüler als «Tschinggeli» verspottete, nahmen wir anderen ihn uns zur Brust: «So etwas sagt man nicht!».

Die Schweiz holte Gastarbeiter und erhielt Mitbewohner: Geschichte einer schwierigen Beziehung
Das Saisonnier-Statut demütigte die Arbeiter und entriss sie ihren Familien
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Die Szene ereignete sich in einem Dorf im Zürcher Unterland, in dem ich aufgewachsen bin und das nur wenige Kilometer von jenem Bülach entfernt liegt, wo die Italiener rund zehn Jahre zuvor angepöbelt und beschimpft worden waren. Nun wandelte sich ihr Image, und auch der Umgang mit Ausländern wurde ziviler. Die Wörter Tschingg, Gastarbeiter und Überfremdung verschwanden aus dem allgemeinen Sprachgebrauch.

Heute gibt es nur selten Übergriffe verbaler und körperlicher Art auf Ausländer, obwohl ihr Anteil auf 25 Prozent angestiegen ist und mehr als ein Drittel der Bevölkerung einen Migrationshintergrund besitzt. Verschwunden aber sind die Vorbehalte und Ängste nie. Heute manifestieren sie sich im Internet – und im Ja zu diversen SVP-Initiativen. Und die nächste Abstimmung steht unmittelbar bevor.

Die Zitate im Text stammen aus einem Artikel, der 2000 im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» erschienen ist. Eine weitere Quelle ist die von der Historikerin Isabel Drews verfasste Studie «Schweizer erwache!» über James Schwarzenbach.

[pbl, 16.02.2016] Durchsetzungs-Initiative

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