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Nicht alle Personen erhalten in der Schweiz einen Platz auf der Intensivstation. (Symbolbild)
Nicht alle Personen erhalten in der Schweiz einen Platz auf der Intensivstation. (Symbolbild)bild: shutterstock

Vor einer Woche erlitt W. einen Herzinfarkt – seither geht er durch die Hölle

In der Schweiz werden aktuell zahlreiche Operationen verschoben, um Platz auf den Intensivstationen zu machen. Was das für die betroffenen Patienten bedeutet, zeigt das Beispiel von W*.
23.12.2021, 07:13

Am Dienstag vor einer Woche verspürte W.*, 82 Jahre alt, Schmerzen in der Brust. Gesundheitliche Probleme hatte er zuvor selten bis nie. Trotz seines fortgeschrittenen Alters geht er zwei Mal pro Woche ins Fitness. Gegen das Coronavirus liess er sich drei Mal impfen. «Er war kerngesund, stand voll im Leben», erzählt Jacqueline A.*, die Tochter von W.s Lebenspartnerin.

Er wurde in das Notfallzentrum der Klinik St. Anna in Luzern gebracht. Die Diagnose: Herzinfarkt. Geschlagene 24 Stunden musste W. auf der Notaufnahme ausharren. «Der Arzt hat gesagt, er müsse um jedes Bett kämpfen», sagt Jacqueline A.

Die Spitäler in der Zentralschweiz sind seit Wochen am Limit. «Die aktuelle Entwicklung in der Covid-19-Pandemie hat dazu geführt, dass zahlreiche Spitäler zusehends an ihre Belastungsgrenze stossen und bereits heute mancherorts eine Triage erforderlich wird», warnten die Zentralschweizer Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (ZGDK) bereits vor zwei Wochen. «Wer einen Unfall erleidet, einen Herzinfarkt hat etc., muss inzwischen damit rechnen, dass die optimale Pflege nicht mehr gewährleistet werden kann.»

W. wird nach Zürich verlegt

Was dies konkret bedeutet, mussten W. und seine Familie schmerzlich erfahren. «Nach mehreren Untersuchungen wurde klar, dass eine grössere Herzoperation notwendig sein würde», berichtet Jacqueline A. «Am Donnerstag, 16. Dezember, hiess es im Spital, er könne nicht in Luzern operiert werden, die Intensivstationen seien voll. Er müsse nach Zürich verlegt werden.»

Vergangenen Samstag wurde W. nach Zürich in die Klinik Hirslanden verlegt. «In Zürich erklärten ihm die Ärzte, dass er Bypasse bekommen würde. Die Operation war auf Montag geplant», so Jacqueline A. W. müsste nach dem Eingriff zwei bis drei Tage auf der Intensivstation bleiben.

Das wird ihm zum Verhängnis. Denn die Intensivstationen sind nicht nur im Kanton Luzern, sondern auch im Kanton Zürich voll. Aktuell befinden sich in Zürich 52 Personen wegen Covid-19 auf den Intensivstationen. Rund 85 Prozent sind ungeimpft.

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Immense Belastung für die Familie

«Am Montagmorgen hiess es, es gäbe eine Verzögerung mit der Operation. Am Nachmittag hiess es, die Operation müsse auf Dienstag verschoben werden», erzählt Jacqueline A. Doch auch am Dienstag wurde es nichts mit der Operation.

Für W. sei die Belastung «immens», sagt Jacqueline A. Nachhause könne er nicht. «Sie müssen ihn stabil behalten im Spital und überwachen. Jetzt muss er dort einfach warten.» Seit über einer Woche sei er im Spital und es passiere nichts. «Es wühlt ihn jedes Mal auf, wenn die Ärzte ihm mitteilen, dass er nicht operiert wird.»

Nicht nur für W. ist die Situation äusserst aufreibend. Auch für seine Angehörigen. Am Sonntag sei zunächst die Angst vor der Operation gewesen, sagt Jacqueline A. «Das war ganz schlimm. Auch für meine Mutter. Sie konnte nicht schlafen.» Am Montag sei ihre Mutter dann früh am Morgen nach Zürich gefahren, um ihrem Partner alles Gute für die Operation zu wünschen. Nach 5 Stunden am Bett warten, dann die Absage.

Die Klinik Hirslanden in Zürich kann zum Fall W. konkret keine Stellung nehmen, da die Patientendaten vertraulich sind. Es sei aber in der Tat so, dass derzeit mehrere Operationen verschoben würden, sagt Medienspercher Patric Bürge zu watson.

Dies ist im Sinne des Bundesrates. Erst vergangenen Freitag forderte Berset die Kantone mit Nachdruck dazu auf, nicht dringende Operationen in den Spitälern zu verschieben.

Auf der Website des Bundes werden zwar nach wie vor 20 Prozent freie Intensivbetten in der Schweiz angegeben. Das Problem sind aber nicht die Betten, sondern das fehlende Personal, wie es aus allen Ecken des Landes heisst.

Kein Operationstermin in Sicht

Auch als wir am Mittwochmorgen mit Jacqueline A. sprechen, ist keine Operation in Sicht. «Es könnte noch Tage oder Wochen dauern, bis er einen Platz in der Intensivstation erhalten wird», sagt sie. «Sein Herz benötigt dringend die Operation und die Pflege auf der Intensivstation und trotzdem erhalten alle Covid-Patienten den Vortritt.»

Jacqueline A. kritisiert die aktuellen Triage-Richtlinien und schlägt vor, dass die Ungeimpften nur noch dann einen Platz auf der Intensivstation erhalten sollen, wenn die Situation nicht derart angespannt ist wie jetzt. «Wenn das Verhalten von ungeimpften Personen dazu führt, dass geimpften Personen ihr Recht auf medizinische Versorgung nicht mehr gewährleistet wird, dann stimmt doch etwas nicht.»

Verzweifelt hofft sie, dass W. bald doch noch einen Operationstermin erhält und sagt: «Das müsste doch alles nicht sein. Lasst euch doch einfach impfen! Oder verzichtet auf den Platz auf der Intensivstation.»

* Die Namen sind der Redaktion bekannt. Da die Situation aber äusserst belastend ist, will die Familie nicht, dass sie veröffentlicht werden.

Diese Medikamente braucht ein Covid-Patient auf der Intensivstation

Video: watson/Emily Engkent
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486 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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HerrKnill
22.12.2021 19:23registriert Juni 2016
Leider kein Einzelfall. Mein Schwager (voll geimpft) mit Hirnblutung muss ebemfalls 'hinten anstehen'.
Und das nur, weil zu Viele auf ihr 'Recht' und ihre 'Freiheit' pochen.
Und was ist mit dem Recht meines Schwagers?
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Kaoro
22.12.2021 19:11registriert April 2018
Es wird Zeit konsequent durchzugreifen. Für Ungeimpften sollte eine max Quote für Belegungen auf der IPS eingeführt werden.
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Maria Cardinale Lopez
22.12.2021 19:16registriert August 2017
Impfpflicht jetzt
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Die Corona-Sommerwelle ist da – so unterschiedlich sind die Massnahmen in der Schweiz
848 Coronapatienten waren am Dienstag hospitalisiert – das sind 42 Prozent mehr als in der Vorwoche. Dennoch halten sich die Behörden mit neuen Massnahmen zurück. Nur Branchenverbände verschärfen die Empfehlungen zum Maskentragen.

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