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Was hinter den Abgastests an Affen und Menschen der Autokonzerne steckt

Deutsche Autounternehmen liessen Abgase testen - an Tieren und Menschen. Dafür gründeten sie sogar eine eigene Forschungsinitiative. Was bezweckten VW, Daimler und BMW damit? Der Überblick.

29.01.18, 22:41

Alexander Preker



ARCHIVBILD ZU DEN NEUEN REKORDWERTEN VON CO2 IN DER ATMOSPHAERE, AM MONTAG, 30. OKTOBER 2017 - Abgase aus dem Auspuff eines Personenwagens in Zuerich, aufgenommen am 19. Maerz 2007. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Exhaust gas streams out of an exhaust pipe of an automobile in Zurich, Switzerland, pictured on March 19, 2007. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Nicht gesund: Autoabgase. Bild: KEYSTONE

Ein Artikel von

Die Autoindustrie soll Versuche in Auftrag gegeben haben, um zu belegen, wie unschädlich die angeblich sauberen Dieselmotoren sind. Vergangene Woche hatte die «New York Times» unter Berufung auf Gerichtsunterlagen und Regierungsdokumente erstmals von Tests an Affen mit Stickstoffdioxid (NO2) berichtet. Mehrere Autokonzerne bezahlten zudem auch für ein Experiment, bei dem Menschen dem Reizgas ausgesetzt wurden.

Was untersuchen die Studien?

Für den Versuch mit Menschen haben an einem Institut des Universitätsklinikums Aachen 19 Männer und sechs Frauen mehrere Stunden lang Stickstoffdioxid eingeatmet, in unterschiedlichen Konzentrationen. Es wurden Blut, Lungenfunktion und Auswurf der Probanden untersucht. Ergebnis: Die Körperfunktionen der gesunden Testpersonen seien nicht signifikant beeinträchtigt worden, heisst es.

Im Fall des Affenversuchs hatte die Industrie laut «New York Times» das Lovelace Respiratory Research Institute beauftragt, um zu beweisen, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung erheblich abgenommen hat - Volkswagen sei dabei federführend gewesen. Dafür seien 2014 zehn Tiere in Albuquerque vier Stunden lang in Räumen mit Auspuffgasen eines VW Beetle eingesperrt gewesen.

Wer steckt hinter den Studien?

Finanziert wurden beide Versuche von der «Europäischen Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor» (EUGT). Auch die sieben am Test mit Menschen beteiligten Forscher geben das in ihrem Papier an.

epaselect epa06483813 An exterior view of the University Hospital (Uniklinik) RWTH, in Aachen, Germany, 29 January 2018. According to German media, the European Research Association for Environment and Health in the Transport Sector (EUGT), founded by the corporations VW, Daimler and BMW, is said to have promoted a 'short-term inhalation study with nitrogen dioxide in healthy people'. Accordingly, 25 persons were examined at Aachen University Hospital after inhaling nitrogen dioxide (NO2) at different concentrations for several hours each. The car companies wanted to question the actual harmfulness of diesel exhaust emissions, the reports said. Previously, animal testing in the test of diesel exhaust already triggered considerable outrage. German Environment Minister Barbara Hendricks said 29 January 2018 she was 'horrified' upon hearing of the tests.  EPA/SASCHA STEINBACH

Bild: EPA/EPA

Das EUGT setzte sich vor allem aus gut vernetzten Autofunktionären zusammen. Der Verein war eine von Volkswagen, Daimler und BMW finanzierte Lobbyinitiative - sie hatten jeweils eigene Vorstandsposten und arbeiteten dort zusammen. Auch ein Vertreter vom Flughafendienstleister Fraport sass in dem Gremium. Vorstandsvorsitzender war Gunter Zimmermeyer, der zuvor bereits für den Automobilverband VDA als technischer Geschäftsführer arbeitete und später für Bosch arbeitete. Geschäftsführer Michael Spallek war Umweltarzt für den VW-Konzern. Ein Forschungsbeirat aus sieben Wissenschaftlern unterstützte das EUGT, das grossspurig mit dem Albert-Einstein-Zitat für sich warb: «Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.»

Nach eigener Darstellung wollte der Mitte 2017 aufgelöste Verein den «aktuellen Wissenstand zu umweltmedizinisch relevanten Auswirkungen des Verkehrs» dokumentieren - und wissenschaftliche Publikationen in dem Bereich unterstützen. Ausser zu Abgasen förderte das EUGT auch wissenschaftliche Beiträge zur Wirksamkeit von Umweltzonen in Städten.

Sollten mit den Studien Abgasmanipulationen vertuscht werden?

Die Affen sollen laut «Times» den Emissionen eines mit manipulierter Abgastechnik ausgestatteten Beetle ausgesetzt worden sein. Als Vergleichsmodell soll ein alter Ford-Diesel-Truck aus dem Modelljahr 1999 gedient haben. All das legt den Verdacht nahe, dass der VW-Konzern mit den Tests seine Tricksereien an Dieselmotoren unterfüttern wollte. BMW und Daimler wollen nichts von diesem Test gewusst haben. Dabei hatte das EUGT in seiner Broschüre bereits ausführlich über den Test mit Affen «in einer umwelttypischen Situation mit direkten Dieselabgasen aus den Fahrzeugmotoren» geschrieben. Schwerpunkt der Untersuchung auf dem Rollenprüfstand sollten laut dem Lobbyverein die Kurzzeitwirkungen auf Lunge und Herzkreislaufsystem sein.

Forscher sollen Abgase an Menschen getestet haben

Video: srf

Beim Menschentest streitet der zuständige Institutsleiter Thomas Kraus von der Universität Aachen eine Verbindung zum Abgasskandal ab. Die Studie von 2013 habe sich mit dem Stickstoffdioxidgrenzwert am Arbeitsplatz befasst. Weil der Grenzwert herabgesetzt worden sei und es keine Studien zu Menschen gegeben habe, habe man die Studie unternommen. Die Ethikkommission habe die 2016 veröffentlichte Studie als vertretbar bewertet. Die Forscher seien «in keinster Weise» beeinflusst worden, sagte Kraus.

Was bedeuten die Vorwürfe für die Autoindustrie?

Falls sich die Autoindustrie tatsächlich die Abgaswerte anhand solcher Tests schönrechnen lassen wollte, sei das «jenseits von Gut und Böse», sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisberg-Essen. Die Branche stecke bereits seit Jahren in einer Vertrauenskrise, dabei sei sie für die Zukunft von Elektromobilität und autonomen Fahren auf das Vertrauen der Menschen angewiesen. In Richtung des Chefs des Verbands der Automobilindustrie sagte Dudenhöffer: «Jetzt ist Matthias Wissmann gefordert, offenzulegen, was bei seinem Verband und seinen grossen Mitgliedern vorgeht.» Wissmann sagte in einer ersten Stellungnahme: «Technik und Wissenschaft müssen sich grundsätzlich im Rahmen des gesellschaftlich und ethisch Verantwortbaren bewegen.»

Wie reagieren die Konzerne?

Volkswagen räumt angesichts der öffentlichen Empörung ein, es wäre besser gewesen, auf eine solche Untersuchung von vornherein zu verzichten. «Wir entschuldigen uns für das Fehlverhalten und die Fehleinschätzung Einzelner», heisst es.

epa06483532 epa06181128 (FILE) - A cutout of a painted car with a message reading 'clean cars instead of polluted air' is displayed during a Greenpeace protest in front of the Ministry of Transportation in Berlin, Germany, 02 August 2017 (Re-issued on 29 January 2018).  In the exhaust gas scandal, the experiments with diesel pollutants on animals and people in Germany cause outrage. According to German media, the European Research Association for Environment and Health in the Transport Sector (EUGT), founded by the corporations VW, Daimler and BMW, is said to have promoted a 'short-term inhalation study with nitrogen dioxide in healthy people'. Accordingly, 25 persons were examined at Aachen University Hospital after inhaling nitrogen dioxide (NO2) at different concentrations for several hours each. The car companies wanted to question the actual harmfulness of diesel exhaust emissions. Previously, animal testing in the test of diesel exhaust already triggered considerable outrage. German Environment Minister Barbara Hendricks said 29 January 2018 she was 'horrified' upon hearing of the tests.  EPA/CARSTEN KOALL

Bild: EPA/EPA

Daimler erklärte, man habe eine Untersuchung eingeleitet, um die Hintergründe der umstrittenen Studie aufzuklären. «Wir halten die Tierversuche in der Studie für überflüssig und abstossend.»

BMW äusserte sich in einem Statement ähnlich - der Konzern führe keine Tierversuche durch und habe an der Studie nicht mitgewirkt. «Details wie Ablauf oder Umfang können wir entsprechend nicht kommentieren.»

Was sagt die Politik?

Die deutsche Regierung verurteilt die Diesel-Schadstofftests. «Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen», sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. «Die Empörung vieler Menschen ist absolut verständlich.» Den Aufsichtsräten der Auftraggeber der Tests komme nun eine besondere Verantwortung zu, kritische Fragen auch zur Zielsetzung der Tests zu beantworten. Die Autokonzerne hätten Schadstoffemissionen zu begrenzen und Grenzwerte einzuhalten - und nicht die vermeintliche Unschädlichkeit von Abgasen zu beweisen.

Der geschäftsführende CSU-Bundesverkehrsminister Christian Schmidt forderte Konsequenzen. «Es zeigt sich, dass damit weiter das Vertrauen in die Unternehmen und in die Automobilindustrie gestört worden ist», sagte Schmidt. Die Untersuchungskommission seines Ministeriums zum Abgasskandal solle die Vorwürfe in einer Sondersitzung prüfen.

Dabei waren Abgastests an Tieren dem Untersuchungsausschuss zum VW-Abgasskandal wiederum womöglich schon lange bekannt. Der Münchner Toxikologe Helmut Greim - früher Forschungsbeiratsvorsitzender des EUGT - berichtete bereits vor eineinhalb Jahren davon. Keiner der dort anwesenden Politiker habe daran jedoch Anstoss genommen, schreibt das «Handelsblatt» unter Berufung auf das stenografische Protokoll der Sitzung.

Dem Büro des Grünen-Abgeordneten Oliver Krischer zufolge gingen die Untersuchungsausschussmitglieder davon aus, dass Greim von bereits bekannten Studien berichtet habe. «Dass der Beiratsvorsitzende des Lobbyvereins, Prof. Greim, der die Tier- und Menschenversuche verantwortet, der Sachverständige der Grossen Koalition im Abgasuntersuchungsausschuss war und auch dort die Gefahr von Stickoxiden klein redete, spricht für sich», sagte Krischer. Dies sei auch in den Abschlussbericht der Grossen Koalition eingegangen.

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • mogad 30.01.2018 09:25
    Highlight Gasversuche an Tieren und Menschen! Das und der Diesel-Bschiss sind nur die Spitze des Eisberges. Wer in einem entfesselten globalen Markt Die Nr. 1 der Welt sein will, muss zu dreckigen Mitteln greifen, weil die Konkurrenten mindestens so gut sind wie man selber ist. Dazu gehört auch das Thema "Staatsdoping" - der Staat befiehlt seinen Sportlern sich zu dopen und vertauscht die Dopingproben. Und was passiert, nachdem das aufgeflogen ist? Nichts. Bald, bald ist wieder Olympia.
    1 0 Melden
  • Hugo Wottaupott 30.01.2018 01:12
    Highlight Gasversuche von deutschen Autobauern... wers mag...
    10 1 Melden
  • kleiner_Schurke 29.01.2018 23:40
    Highlight Ach diese Tests hätte die sich sparen können. In New Delhi leben 16 Millionen Menschen permanent in einem furchtbaren Abgasklima. Man riecht es schon im Flugzeug wenn man ca. 1000m über dem Boden ist. Aber auch das ist schon fast wieder Landluft im Vergleich zu Ulaanbaator.
    9 0 Melden
  • seventhinkingsteps 29.01.2018 23:35
    Highlight > Ein Forschungsbeirat aus sieben Wissenschaftlern unterstützte das EUGT, das grossspurig mit dem Albert-Einstein-Zitat für sich warb: «Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom.»

    Albert Einstein war Sozialist...
    4 3 Melden
  • tzhkuda7 29.01.2018 23:32
    Highlight Bei den Menschen, naja, wenn das nicht welche in Geldnot waren muss dem ja keiner zustimmen. Bei Geldnot finde ich es doch sehr verwerflich
    Die Tiere aber, die sich nicht wehren können und schon gar keine Belohnung dafür bekommen, naja, bestätigt meine These das es der Erde vielleicht gut tun würde mal komplett die gesamte Menschheit wegzufegen ^^
    8 1 Melden
    • mogad 30.01.2018 09:19
      Highlight Das wird sie auch. Der Giftcocktail von Bevölkerungsexplosion, Umweltvergiftung und Klimawandel wird es richten.
      0 1 Melden
  • Calisthenics 29.01.2018 23:09
    Highlight Das so etwas in diesem Jahrzehnt noch möglich ist zeigt mir, dass offenbar mit allem gerechnet werden muss.

    Leider sind Konzerne wie VW offenbar too big to fail, sonst müssten solchen Firmen doch das Handwerk gelegt werden.
    12 0 Melden

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