Gesellschaft & Politik
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Eine neue Studie liefert Zahlen zur Obdachlosigkeit in Basel-Stadt. symbolbild: shutterstock

Ja, in der Schweiz gibt es Obdachlose – und so leben sie

Man weiss, es gibt sie, man sieht sie aber kaum: Obdachlose in der Schweiz. Eine neue Studie liefert nun erstmals Anhaltspunkte darüber, wer sie sind, wie sie leben und wie man ihnen am besten helfen kann.



Sie schlafen bei Bahnhöfen, breiten ihre paar Habseligkeiten unter einer Brücke aus und wärmen sich, so gut es geht, vor Ladeneingängen: Gassenarbeiter von Genf bis Zürich sagen alle, es gebe immer mehr Obdachlose in den Schweizer Strassen. Belegen lässt sich das nicht. Die Obdachlosigkeit ist ein statistisches Niemandsland. Keiner weiss, welche Schicksale sich hinter den Personen ohne Wohnung verbergen, wie sie genau leben und wie viele es hierzulande gibt.

Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz liefert nun erste Anhaltspunkte. Die Wissenschaftler rund um Matthias Drilling, Professor für Sozialplanung und Stadtentwicklung an der Hochschule, haben die Lage in Basel-Stadt unter die Lupe genommen. Herausgekommen sind Zahlen und Hintergründe, die auch für die Obdachlosigkeit in anderen Schweizer Städten Hinweise liefern.

Hier ein Auszug der wichtigsten Erkenntnisse:

Die wichtigsten Erkenntnisse der Studie

Oft wird gesagt, dass in der Schweiz niemand auf der Strasse schlafen muss, der es nicht will. Die Betroffenen seien lediglich beschämt, Sozialhilfe zu beantragen. «Falsch», sagt Drilling: «Niemand verbringt seine Nächte auf freiwilliger Basis draussen.»

Für manche reiche das Geld vom Sozialamt nicht für eine Wohnung, andere würden keine finden, weil sie Schulden haben. Manche müssten, um ihrem Job nachzugehen, in der Notunterkunft eines Kantons schlafen, in dem sie nicht gemeldet sind. «Dort kommen sie dann nicht rein, weil das für sie 40 Franken kostet und sie es sich nicht leisten können.»

«Niemand verbringt seine Nächte auf freiwilliger Basis draussen.»

Drilling räumt mit einem verbreiteten Irrglauben auf

Menschen, die illegal in der Schweiz sind, würden auf der Strasse bleiben, weil sie in der Notschlafstelle registriert werden. Drilling: «Dann wird ihre Ausreise in die Wege geleitet.»

Das Paradoxe: Genug Betten gäbe es in den Notstellen eigentlich für alle, so Drilling. «In der Schweiz haben wir kein Mengenproblem, sondern ein Zugangsproblem.»

Armut in der Schweiz

Eine Statistik zur Obdachlosigkeit in der Schweiz gibt es nicht, wohl aber einige Zahlen zur Armut im Land:

In der Schweiz lebten im Jahr 2016 rund 615‘000 Personen unter der Armutsgrenze. Das entspricht 7,5 Prozent der Gesamtbevölkerung.

Wer weniger als 2247 Franken pro Monat zur Verfügung hat, gilt hierzulande als arm.

Für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 liegt die Armutsgrenze bei 3981 Franken pro Monat.

Die Scham spiele aber schon auch eine Rolle, räumt Drilling ein. Drilling: «Gewisse Obdachlose versuchen es zu kaschieren und holen sich möglicherweise nicht die ihnen zustehende Hilfe.» Sie kämen dann oft bei Bekannten unter. Auch deshalb sei die Obdachlosigkeit in der Schweiz für die Gesellschaft oft unsichtbar.

Manchen in der Studie befragten Personen geht es so. Sie haben zwar ihr Zuhause verloren, können aber auf dem Sofa von Freunden schlafen. Andere wohnen im Campingwagen oder im Zelt.

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Besser als gar kein Schutz: Gewisse Obdachlose verbringen die Nacht im Zelt. Hier an der Seine in Paris. bild: shutterstock

Innerhalb der Studie wurden auch Menschen in prekären Wohnsituationen interviewt. Bei ihnen läuft auch im kältesten Winter die Heizung nicht, oder die Luft in der Wohnung ist extrem feucht und die Wände voller Schimmel.

Lösungsansätze

Drilling und sein Team liefern gleich mehrere Lösungsansätze: Bedingungslose Notschlafstellen sind das eine. «Egal ob jemand die Staatsbürgerschaft hat oder im Kanton registriert ist – alle sollten Zutritt erhalten», sagt Drilling.

Eine weitere Idee: Tiny Houses. «Halb Europa gefällt derzeit der Gedanke vom genügsamen Leben in diesen kleinen Häusern – und sie könnten auch eine kurzzeitige Lösung für Obdachlose sein.» Mehrere Schweizer Städte hätten bereits Interesse angemeldet. «Irgendein Dach über dem Kopf als temporäre Lösung ist besser als gar keins.»

In this photo taken Thursday, Nov. 9, 2017, a resident walks past a row of tiny houses at a homeless encampment in Seattle where full size homes stand behind. Tiny homes could be the solution to all kinds of housing needs, offering warmth and security for the homeless, an affordable option for expensive big cities and simplicity for people who want to declutter their lives. However, that seemingly broad support fails to translate into acceptance when tiny home developers try to build next door. (AP Photo/Elaine Thompson)

In Seattle werden Obdachlosen bereits solche Mini-Häuser zur Verfügung gestellt. Bild: AP/AP

Die Gründe

Dass die Obdachlosigkeit in der Schweiz zunimmt, vermutet auch Drilling. Die Gründe sind vielfältig, unter anderem spielten die «aus dem Ruder laufenden Mietpreise» in Genf, Zürich und Basel eine Rolle. In Genf und Basel auch die Nähe zur Grenze.

Eine europäische Forschergruppe, der auch Jörg Dittmann angehört, ist nun dabei die Zahl der Obdachlosen in ganz Europa zu erfassen. Denn auch international vergleichbare Zahlen fehlen. «Es gibt in der Schweiz und ganz Europa nicht genug Menschen, die sich für die Obdachlosen einsetzen. Nicht genug ‹Lobbyismus›, könnte man sagen.» Ausserdem scheitere eine nationale Erhebung am Föderalismus: Der Bund kann keine solche Zählung in Auftrag geben. Die einzelnen Städte müssen selbst tätig werden.

Geschichten hinter der Obdachlosigkeit

Die meisten Personen rutschen nach mehreren Betreibungen in die Obdachlosigkeit ab. Weil ihnen niemand mehr eine Wohnung vermieten will. Krankheitsfälle, Trennungen, Jobverlust und andere Schicksalsschläge spielten auch oft eine Rolle. Es ist schnell passiert, wie die Geschichte von Julian* zeigt, den Matthias Drilling innerhalb der Studie kennengelernt hat.

«Julians Firma in der Metallindustrie ging Konkurs. Er hatte 30 Angestellte, die er nicht per sofort freistellen konnte. Um die Löhne zu zahlen, griff er zuerst ins eigene Portemonnaie, dann verschuldete er sich dafür und schlitterte endgültig in die Krise. Die Frau trennte sich von ihm, er verlor seine Wohnung und konnte keine finden, die er sich leisten konnte. Innerhalb weniger Monate hatte er alles verloren. Auch sein Wertgefühl und seine psychische Gesundheit.»

Manche Obdachlose würden sich ihre eigene Situation nicht eingestehen.

«Noé*, einen jungen ehemaligen Hotelier, trafen wir immer top frisiert und schick angezogen in der Notstelle. Er pflegte zu sagen: ‹Ich bin nur übergangsweise hier.› Da lebte er aber bereits seit über einem Jahr ohne festen Wohnsitz.»

*Namen geändert.

Zur Person und Studie

Matthias Drilling ist Professor für Sozialplanung und Stadtentwicklung an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er befasst sich in seinen Publikationen intensiv mit den Themen Obdachlosigkeit und Armut junger Erwachsener.

Die nun erschienene Studie hat er mit zwei weiteren Experten der Fachhochschule Nordwestschweiz im Auftrag der Christoph Merian Stiftung durchgeführt. 500 Betroffene wurden dafür in Basel-Stadt befragt.

In Basel sind rund 100 Menschen obdachlos. Etwa 50 Personen schlafen draussen, weitere 50 Personen in Notunterkünften. Eine Person übernachtet in einer Moschee, eine in einer Kirche. Rund 200 Personen haben keine eigene Wohnung. Sie schlafen in Notwohnungen der Sozialhilfe oder kommen bei Bekannten unter.

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bild: zvg

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