Gesellschaft & Politik
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Iraqi Yazidi women who fled the violence in the northern Iraqi town of Sinjar, sit at a school where they are taking shelter in the Kurdish city of Dohuk in Iraq's autonomous Kurdistan region, on August 5, 2014. Islamic State (IS) Sunni jihadists ousted the Peshmerga troops of Iraq's Kurdish government from the northern Iraqi town of Sinjar, forcing thousands of people from their homes. The Yazidis, are a small community that follows a 4,000-year-old faith and have been repeatedly targeted by jihadists who call them

Jesidinnen suchen in einer Schule in der kurdischen Stadt Dohuk Zuflucht vor dem gewaltsamen Vormarsch der IS-Miliz. Bild: AFP

Vorstoss von «Islamischer Staat» im Nordirak

Dschihadisten drohen Kurden mit Terrorherrschaft

Ein Artikel von

Spiegel Online

Immer weiter rückt die IS-Miliz im Nordirak vor, auch in kurdische Gebiete. Wer sich nicht bedingungslos unterordnet, wird hingerichtet. Nun eilt sogar Bagdad der ungeliebten kurdischen Minderheit zur Hilfe. 



hasnain kazim, istanbul / spiegel online

Die Entscheidung des irakischen Premierministers Nuri al-Maliki kam überraschend. Am Montag wies er erstmals die Luftwaffe an, die kurdischen Peschmerga-Einheiten im Kampf gegen die Terrororganisation «Islamischer Staat» zu unterstützen. Bislang hatte Maliki den Kurden bei jeder Gelegenheit vorgeworfen, den Vormarsch der Extremisten für die eigenen Zwecke zu nutzen. Für einen eigenen Kurdenstaat im Norden – vielleicht sogar in Kooperation mit IS. 

Iraq's Prime Minister Nuri al-Maliki speaks during an interview with Reuters in Baghdad in this January 12, 2014 file photo.  To match Special Report IRAQ-SECURITY/ALISULEIMAN         REUTERS/Thaier Al-Sudani/Files    (IRAQ - Tags: POLITICS)

Iraks Premier Nuri al-Maliki. Bild: THAIER AL-SUDANI/REUTERS

Doch die Ereignisse vom Wochenende haben ihn offenbar umgestimmt. Gleich mehrere Städte wurden von den Dschihadisten überrannt. Sie haben die Kontrolle über zwei Ölfelder und den grössten Staudamm des Landes, die Mossul-Talsperre, übernommen. Berauscht von diesen Erfolgen kündigten sie an, ihre Herrschaft nun auf das gesamte autonome Kurdengebiet im Nordirak auszuweiten. «Mit Hilfe von Allah, dem Allmächtigen, werden wir die ganze Region befreien», so die Ansage. 

Das Vorgehen ist immer das gleiche: Erst erobern sie einen Ort. Sofort hissen sie dort ihre schwarzen Flaggen mit dem weissen Schriftzug, um deutlich zu machen, dass sie nun das Sagen haben. Anschliessend fordern die Kämpfer die Bevölkerung auf, sich IS unterzuordnen. Alles andere dulde man nicht. Jedem Widerständler droht der Tod. 

FILE - This Oct. 31, 2007 file photo, shows a general view of the dam in Mosul, 360 kilometers (225 miles) northwest of Baghdad, Iraq. The rapid advance of the Islamic State group, which captured Iraq's second largest city of Mosul and declared a self-styled Islamic Caliphate straddling the Iraq-Syria border, has plunged Iraq into its worst crisis since U.S. troops withdrew in 2011. Experts say the strategy for capturing the dams is twofold. First, seizing dams and large reservoirs can be used as a military tactic. Flooding the terrain slows any possible encounters with military tanks and foot soldiers, giving the militants freedom of movement, if briefly. (AP Photo/ Khalid Mohammed, File)

Strategisch wichtig: Seit dem Wochenende herrscht der «Islamische Staat» über den grössten Staudamm des Landes, die Mossul-Talsperre. Berauscht von diesen Erfolgen kündigten die Kämpfer an, ihre Herrschaft nun auf das gesamte autonome Kurdengebiet im Nordirak auszuweiten. Bild: Khalid Mohammed/AP/KEYSTONE

Sich der IS-Miliz unterzuordnen bedeutet: Jeder Bürger muss sich zur radikalen Auslegung des sunnitischen Islams bekennen. Wer das nicht tut, hat zwei Möglichkeiten: Flucht oder Tod. Es traf bereits Christen, am Wochenende die kurdische Minderheit der Jesiden, aber auch immer wieder Sunniten, die sich der ebenfalls sunnitischen IS nicht anpassen wollten. 

Wo leben die Jesiden?

Die religiöse Minderheit der Jesiden stammt aus dem Irak, Syrien, der Türkei und Iran. Die Jesiden sind Kurden und leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge. Wegen der Verfolgung vor allem im Irak sind viele Anhänger der monotheistischen Religion ins Ausland geflohen. Weltweit soll es nach Schätzungen rund 500'000 bis 800'000 Jesiden geben.

Woran glauben die Jesiden?

Der wichtigste heilige Ort der monotheistischen Religion liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Iraks. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren. Jedes Jahr im Herbst kommen Zehntausende Menschen zu einer Wallfahrt in das Tal. Viele Muslime betrachten die Jesiden als «Teufelsanbeter», weil sie auch den «Engel Pfau» als zentrale Figur ihres Glaubens verehren. 

Iraqi Yazidi families who fled the violence in the northern Iraqi town of Sinjar, are given food at a school where they are taking shelter in the Kurdish city of Dohuk in Iraq's autonomous Kurdistan region, on August 5, 2014. Islamic State (IS) Sunni jihadists ousted the Peshmerga troops of Iraq's Kurdish government from the northern Iraqi town of Sinjar, forcing thousands of people from their homes. The Yazidis, are a small community that follows a 4,000-year-old faith and have been repeatedly targeted by jihadists who call them

Notverpflegung für jesidische Familien in der kurdischen Stadt Dohuk. Tausende sind auf der Flucht. Bild: AFP

Erobern, hinrichten, filmen, prahlen 

Ihr nächster Schritt: Die Kämpfer filmen Hinrichtungen, veröffentlichen ihre Videos im Internet und brüsten sich mit ihrer Grausamkeit. Damit setzen sie ein Signal, dass sie es ernst meinen. Wir sind zu allem bereit – so die Botschaft. Die Einnahme weiterer Regionen wird damit umso einfacher, aus Furcht leistet kaum jemand noch Widerstand. 

Auch die jüngste Offensive verlief nach diesem Muster. Erst nahm die Miliz die nordirakischen Städte Sindschar und Samar ein, die bislang von kurdischen Kämpfern kontrolliert wurden. Anschliessend zwangen sie die dort lebenden Jesiden, zu konvertieren oder zu flüchten. Und schliesslich tauchten im Internet Bilder von Exekutionen auf. Augenzeugen berichteten am Montag von 67 hingerichteten Männern, kurdische Medien sogar von 88 und noch mehr Getöteten. 

TOPSHOTS
Displaced Iraqis from the northern town of Sinjar head towards the autonomous Kurdistan region on August 4, 2014, as they seek refuge after Islamic State (IS) Sunni militants took control of their hometown. The Islamic State (IS) raised its black flag in Sinjar on August 3, 2014 after ousting the peshmerga troops of Iraq's Kurdish government, forcing thousands of people from their homes. AFP PHOTO / STR

Iraker aus Sindschar auf der Flucht in kurdische Gebiete, nachdem die IS-Miliz die Kontrolle über ihre Heimatstadt übernommen hatte. Bild: AFP

Auch wenn Peschmerga-Kämpfer bis Dienstag Teile der Gebiete zurückerobern konnten, verschärft der Vormarsch der Dschihadisten im Norden die Flüchtlingssituation. Mehr als 200.000 Menschen suchen nach Angaben der Uno Schutz in den umliegenden Bergen. «Sie sind ohne Essen und Wasser, einige sind schon gestorben», sagte Chodr Domli, der in der kurdischen Stadt Dohuk für die Rechte der Jesiden eintritt. Den IS-Kämpfern warf er gegen Jesiden gerichtete «ethnische Säuberungen» vor. 

Der Uno-Sondergesandte für den IRAK, Nickolay Mladenov, sprach von einer «humanitären Tragödie» in Sindschar. Man müsse sich «ernste Sorgen» um die Sicherheit der Menschen machen. Die Kurdisch sprechende religiöse Minderheit wird von den Dschihadisten als «Teufelsanbeter» verfolgt. 

epa04336674 A picture made available on 31 July 2014, shows smoke rising from the Baiji oil refinery during the clashes between the fighters of jihadist Islamic State in Iraq and the Levant (ISIL) and Iraqi forces in Baiji city, northern Iraq, on 30 July 2014. The UN Security Council expressed 'grave concern' over reports that radical militant groups the Islamic State and Jabhat al-Nusra have seized oil fields in Iraq and Syria and called on all states to refrain from engaging in oil trade with them. The council said both the Islamic State, formerly known as ISIL, and Jabhat al-Nusra, an al-Qaeda affiliate also known as al-Nusra Front, are listed as terrorist groups and engaging in oil sales with them would mean providing financial support to them.  EPA/STR

Brennende Ölquelle in Baiji in Zentralirak. Zahlreiche Anlagen befinden sich inzwischen unter IS-Kontrolle. Auch im Norden des Landes übernahmen die Dschihadisten mehrere Quellen. Bild: STR/EPA/KEYSTONE

Nun reagiert der Irak. Malikis Anordnung von Luftschlägen kann man aber auch als Eingeständnis werten. Möglicherweise bereut er, die Kurdennicht frühzeitig im Kampf gegen die Islamisten unterstützt zu haben. Selbst die USA haben die Lage im Irak trotz jahrelanger militärischer Präsenz falsch eingeschätzt. Lange war Washington der Ansicht, dass die Kurden mit ihren Forderungen nach mehr Autonomie eine grössere Gefahr für die Stabilität des Irak darstellen als IS. 

Parlament will neuen Premier bestimmen 

Die USA haben deshalb bislang Ölexporte aus den kurdischen Regionen blockiert und Waffenverkäufe an die Kurden unterbunden. Für eine Kurswechsel gibt es keine Anzeichen. Als eine kurdische Delegation zuletzt auf das Recht beharrte, Öl verkaufen zu dürfen, lehnte Washington ab. Eine Pipeline, die ins türkische Ceyhan führt, wurde am 2. Mai in Betrieb genommen. Aber unter Druck der USA kauft die Türkei kein Öl von den Kurden im Irak. Auch lehnt es die Regierung von US-Präsident Barack Obama weiterhin ab, die Peschmerga-Milizen mit Waffen zu unterstützen. 

Um die Krise in den Griff zu bekommen, wollte das irakische Parlament am heutigen Dienstag einen neuen Regierungschef bestimmen. Maliki möchte weiter im Amt bleiben, doch sunnitische und kurdische Politiker fordern seine Ablösung. Die Parteien und die religiösen Gruppierungen sind zerstritten, eine Einigung auf einen neuen Premier gilt als unwahrscheinlich. Irakische Medien meldeten, die Abgeordneten hätten ihre Sitzung auf Donnerstag vertagt. 

Doch bevor die Regierungskrise nicht beendet ist, wird auch keine überzeugende Antwort auf die Dschihadisten zu finden sein. 

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
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    Alle Leser-Kommentare
  • zombie1969 06.08.2014 10:23
    Highlight Highlight Es wird Zeit, dass die Unterdrückung der Kurden endlich aufhört. In Syrien und im Irak werden sie massiv von der IS angegriffen, im Iran werden wöchentlich junge Kurden als "Feinde Gottes" hingerichtet. Dabei sieht die Welt, dass gerade die Kurden keine Bedrohung darstellen. Sie wollen einfach in Frieden leben. Der Westen sollte nun endlich die Kurden im Kampf gegen islamistischen Terrorismus unterstützen.
  • pun 06.08.2014 00:51
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