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Eine Fussball-Welt voller Messis fände Peter Schmeichel langweilig.
Eine Fussball-Welt voller Messis fände Peter Schmeichel langweilig.
Bild: KEYSTONE
Interview

United-Legende Peter Schmeichel: «Die Basler werden über sich hinauswachsen»

Torhüterlegende Peter Schmeichel gewann 1999 mit Manchester United die Champions League. Bevor am Dienstag der FCB im Old Trafford antritt, spricht er über Basels Chancen und erklärt, warum er Tacklings mag.
11.09.2017, 19:39
sébastian lavoyer / Aargauer Zeitung

Peter Schmeichel, wie viele Instrumente spielen Sie eigentlich?
Peter Schmeichel:
Mehrere. Mein Vater war Jazz-Musiker, da passiert das fast wie von selbst.

Alex Frei und Marco Streller stürtzten Manchester United 2011 aus der Champions League.
Alex Frei und Marco Streller stürtzten Manchester United 2011 aus der Champions League.
Bild: KEYSTONE

Und wer wird in der Gruppe A der Champions League für Musik sorgen?
Manchester United, hoffe ich. Aber das ist alles andere als ein Selbstläufer. Viele Leute sprachen nach der Auslosung von Losglück. Aber wir haben mit jedem Gegner eine Vorgeschichte. Benfica hat uns im Old Trafford geschlagen. ZSKA schaffte zweimal ein Unentschieden. Und gegen Basel ...

... hat United zuletzt auch nicht gerade brilliert.
Basel hat uns rausgeworfen! Man erwartet, dass es ein Spaziergang wird für uns. Aber das wird es nicht: Manchester wird in jeder Partie das Maximum abrufen müssen, sonst wird's richtig schwierig.

«Eine Gruppe mit Barca, Juve und Tottenham wäre einfacher.»
Peter Schmeichel

Im Ernst?
Ich glaube, es wäre für uns einfacher in einer Gruppe mit Barcelona, Juventus und Tottenham. Da hat man Top-Qualität. Da weiss man, dass man jedes Mal sein absolut Bestes geben muss, um zu gewinnen.

Und gegen Basel?
Für sie ist das Spiel gegen Manchester United etwas sehr, sehr Spezielles. Die Basler werden über sich hinauswachsen. Für United dagegen ist es ein Spiel, in dem jeder einen Sieg erwartet. Ein Pflichtsieg.

Sie sagen also, dass die Konstellation ein Vorteil für Basel ist?
Sagen wir es so: Ich habe beide Seiten erlebt und ich weiss, dass ein kleines Team in solchen Momenten unglaubliche Kräfte entwickeln kann. Das macht es ungemein schwierig für den Favoriten.

Peter Schmeichel in Aktion.
Peter Schmeichel in Aktion.
Bild: EPA
Jetzt auf

Wann waren Sie denn in der Aussenseiterposition?
Anfang der 90er-Jahre hatten wir mit Bröndby ein äusserst erfolgreiches Jahr im UEFA-Cup. Wir schlugen Frankfurt zu Hause mit 5:0. Das war damals ein Topteam der Bundesliga. Wir stiessen bis in den Halbfinal vor. Im Vergleich zum Liga-Alltag spielten wir in jeder dieser Partien eine Klasse besser. Das passiert, wenn Teams wie Basel gegen United spielen.

Sie wechselten danach für 500'000 Pfund zu Manchester United.
Ja, ich war damals richtig teuer (lacht).

Wenn Sie die Transfersummen betrachten, die heute bezahlt werden, zum Beispiel die 220 Millionen für Neymar, was denken Sie da?
Was derzeit abgeht, ist komplett verrückt. Das muss aufhören. Die Fifa und die Uefa müssen einschreiten. Es braucht Regeln.

«Statt Berater zu bezahlen, könnten wir alle Spieler medizinisch versichern.» 
Peter Schmeichel

Warum?
Weil nur noch ein exklusiver Kreis von Klubs die absoluten Top-Spieler kaufen kann. Für mich aber ist Fussball ein Wettbewerb, der auf dem Platz entschieden werden soll. Nicht mit Geld allein. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich begrüsse es, dass so viel Geld in den Fussball fliesst, dass die Spieler genug verdienen, um nach der Karriere glücklich zu leben. Aber derzeit eskaliert es. Und was mir völlig widerstrebt, ist die Tatsache, dass ein Spielerberater mit einem Transfer 35 Millionen Pfund einstreichen kann.

Warum ist das falsch?
Weil man so viel Gutes machen könnte für den Fussball mit diesem Geld. Ganz unten, beim Nachwuchs, der Ausbildung. Wir könnten alle Fussballer medizinisch versichern. Viele kriegen nach ihrer Karriere Probleme mit alten Verletzungen – und dann haben sie keine Ansprüche mehr.

Peter Schmeichel stemmt 1999 den Pokal der Champions League als Captain von Manchester United in die Höhe.
Peter Schmeichel stemmt 1999 den Pokal der Champions League als Captain von Manchester United in die Höhe.
Bild: AP/PA

Bevor Sie Profi wurden, arbeiteten Sie in verschiedenen Jobs. Unter anderem als Reinigungskraft. Wie hat Sie das geprägt?
Ich bin überzeugt, dass ich profitiert habe. Es hat mir eine andere Perspektive gegeben. Heute werden die besten Fussballer so früh verpflichtet, dass sie keine Chance haben, irgendwann mal einen normalen Job zu machen. Das ist schon speziell.​

Muss man diese Erfahrung machen?
Natürlich nicht. Aber manchmal schaut man sich einen Spieler an, einen mit sehr viel Talent, sehr gutem Lohn und fragt sich, warum er keine Leistung liefert. Wer nur ein bisschen etwas vom Leben gesehen hat, hätte vielleicht den nötigen Kampfgeist in einer solchen Situation, den Biss.

«Den Fussballern von heute fehlt die Demut.»
Peter Schmeichel

Die Zeiten haben sich geändert.
Das können Sie laut sagen. Heute ist es nicht einmal mehr erlaubt, dass die Junioren die Schuhe der Spieler der ersten Mannschaft putzen. Das war in England gang und gäbe. David Beckham hat mir erzählt, dass er als Bub zu den Schuhen von Bryan Robson Sorge tragen musste. Jeden Morgen hat er dem Captain die sauberen Schuhe gebracht. Wenn er ein Lob bekam, platzte er fast vor Stolz.

David Beckham musste früher Schuhe putzen.
David Beckham musste früher Schuhe putzen.
Bild: EPA/EPA

Was lehrt einen das?
Demut.

Und die fehlt den Fussballern der Gegenwart?
Ja, das glaube ich.

Hat sich der Fussball in England unter all den Trainern vom Festland eigentlich verändert?
Ja. Und wie ich finde, nicht zum Guten. Aber das ist meine ganz persönliche Meinung. Ich liebe nun mal die Körperlichkeit des Fussballs. Mich entzückt ein schönes Tackling. Wenn nur noch Messis spielen würden, fände ich das langweilig.

Warum?
Come on! Das ganze Ballgeschiebe, dieses ewige Hin und Her? Irgendwann muss doch irgendetwas passieren.

All die Guardiolas, Klopps und Contes haben dem englischen Fussball also die Physis geraubt?
Nein, das nicht. Aber viele kamen mit einer Idee, wie das Spiel zu funktionieren hat. Sie haben sich nicht angeschaut, was hier für eine Fussball-Kultur herrscht, welche Spieler sie im Kader haben, welche Qualitäten, sondern sie versuchten einfach, ihr Schema auf die Mannschaft zu drücken. Aber so geht das nicht im Fussball.

Glauben Sie, dass Manchester bald so stark ist wie in früheren Zeiten?
Der geglückte Saisonstart stimmt mich optimistisch.

Sir Alex Ferguson kriegte nicht nur eine Statue, er hinterliess auch grosse Fusstapfen.
Sir Alex Ferguson kriegte nicht nur eine Statue, er hinterliess auch grosse Fusstapfen.
Bild: AP PA

Nach dem Meistertitel 2013 und dem Rücktritt von Alex Ferguson als Trainer fiel Manchester United in ein tiefes Loch. Waren die Fussstapfen von Ferguson zu gross?
Natürlich war sein Schatten gross. Aber viele Leute scheinen zu vergessen, dass mit ihm auch David Gill als Vorstandsvorsitzender zurücktrat. Er hat die Transfers gemacht. Sein Nachfolger, Ed Woodward, hatte vom Business keine Ahnung, als er anfing.

Und die Folgen?
Als David Moyes Trainer wurde, war da niemand, der ihm Spieler kaufen konnte. Der einzige Neuzuzug in dieser Transferperiode war Fellaini.

Ist das tragisch?
Wenn man ein Team nicht in jeder Transferperiode verstärkt, fällt man zurück. Und Moyes hätte zu Beginn die besten Spieler gebraucht, die man sich vorstellen kann. Aber so nahm die Geschichte einen anderen Lauf.

Manchester United verlor einen Teil seines Glanzes, schaffte zweimal die Qualifikation für die Champions League nicht.
Man kann seinen Ruf schnell verlieren. Unter Moyes verlor United sieben Mal im Old Trafford. Das spricht sich rum unter den Gegnern, wir haben viel von dieser natürlichen Überlegenheit eingebüsst. Auch deshalb war der gute Start diese Saison so wichtig. Die Gegner müssen ins Old Trafford kommen mit dem Wissen, dass es nichts zu holen gibt. Gar nichts. Das müssen wir ihnen in die Köpfe hämmern.

Die jährlich höchsten Transfersummen im Fussball seit 1980

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