DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Kommentar

Vagina, Vulva, Hauptsache Italien? Frauen, lernt die Namen für eure Geschlechtsteile!

11.08.2018, 15:5812.08.2018, 11:08
Gunda Windmüller / watson.de

Als Mädchen haben wir «untenrum» gesagt. Vielleicht auch «Mumu», oder «Scheide». Doch mittlerweile sind wir nicht nur erwachsen geworden, wir sind auch aufgeklärt. Wir sagen also ganz selbstbewusst «Vagina», wenn wir unsere Geschlechtsteile meinen.

Doch das ist leider falsch.

Es ist aus biologischer Sicht falsch. Und es ist auch falsch, weil die Art und Weise, wie wir über unsere Geschlechtsorgane reden, unser Selbstverständnis beeinflusst.

Im Biologieunterricht mögen wir noch die unterschiedlichen Bezeichnungen für unsere Geschlechtsteile gelernt haben, aber mittlerweile verallgemeinern wir meistens und nennen unser sexuelles Gesamtpaket einfach nur noch «Vagina». Das ist in der Umgangssprache so, in den Medien, und auf Social Media.

Ein Beispiel: Was hier zu «sehen» ist, ist nicht die Vagina. Sondern die Vulva.

Die Vagina ist von aussen nur als Öffnung sichtbar – denn mit «Vagina» wird lediglich die Verbindung zwischen den äusseren und inneren Geschlechtsteilen, also dem Muttermund, der Gebärmutter und den Eierstöcken, bezeichnet.

Die Vulva ist der äusserlich sichtbare Teil unserer Geschlechtsorgane. Schamhügel, Schamlippen und Klitoris.

Es gibt also viele verschiedene Teile und doch werfen wir sie alle zusammen. Dabei ist die Vagina eben nur ein Teil, eine Verbindung. Und sie ist von aussen nur als Öffnung sichtbar.

Okay, okay, mögt ihr jetzt denken. Ist ja gut, es ist falsch. Aber ist es denn so wichtig? Schliesslich wissen wir doch alle, was gemeint ist.

Aber: Indem wir die Vulva in der Umgangssprache ausklammern, wird sie unsichtbar. Sie wird zur Leerstelle.

Darauf weisen Feministinnen schon seit Jahrzehnten hin.

  • Die Psychologin Harriet Lerner hat bereits in den 70er-Jahren auf die Fehlbenennung der weiblichen Geschlechtsteile aufmerksam gemacht. Wenn Schamlippen und Klitoris verschwiegen werden, so Lerner, könnten junge Mädchen auf die Idee kommen, dass etwas falsch mit ihnen sei. Denn das, was sie sehen, hat dann keinen Namen.
  • Die Autorin Mithu M. Sanyal hat das Problem in ihrem Buch über die Vulva beschrieben:
«Dadurch bleibt von dem sichtbaren weiblichen Genital nur ein Loch übrig.»
Mithu M.Sanyal: «Vulva: Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts»

Es ist wichtig, darüber zu reden. Und zwar aus drei Gründen.

  1. Wir würden auch nie auf die Idee kommen, den Penis einfach «Hoden» zu nennen. Weil es eben anatomisch nicht korrekt wäre. Warum gestehen wir den männlichen Geschlechtsteilen Differenzierung zu und den weiblichen nicht?
  2. Was keinen Namen hat, existiert auch nicht. Sprache schafft Welt. Sie schafft auch Gefühle. Das weiss jeder, der schon mal eine Liebeserklärung bekommen hat. Oder beleidigt wurde. «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt», so hat es der Philosoph Ludwig Wittgenstein formuliert. Und das zeigt sich eben auch, wenn wir Dingen keinen Namen geben. Oder den Namen nicht benutzen. Es sind in der Regel Dinge, vor denen wir Angst haben. Dinge, für die wir uns schämen. Und dann landen wir beim «Du weisst schon, was ich meine».
  3. Wer «Vagina» sagt, schliesst die Klitoris aus. Und wir wissen alle, was passiert, wenn wir die Klitoris nicht beachten ... Die Klitoris ist unser wichtigstes Sexualorgan. Die Klitoris ist Teil der Vulva. Wenn wir immer nur von «Vagina» reden, zeigt das, was wir an der weiblichen Sexualität priorisieren. Nämlich einen Teil der Anatomie, der hauptsächlich für Männer bei penetrativem Sex interessant ist.

Bücher wie das von Mithu M. Sanyal sollen der Vulva zu ihrem Namensrecht verhelfen, aber es zeigt sich, dass es noch viel mehr Aufklärung braucht, um endlich durchzusetzen, was gemeint ist.

Vor zwei Jahren hat «The Eve Appeal», eine britische Krebshilfeorganisation, eine Umfrage unter 1000 Frauen durchgeführt. Die Befragten sollten die weiblichen Geschlechtsteile, wie z.B. Vagina und Uterus, korrekt benennen. Nur die Hälfte der Frauen konnte die Vagina auf einer Grafik korrekt identifizieren. Doch nach der männlichen Anatomie befragt, konnten 70 Prozent der Frauen Vorhaut, Penis und Testikel richtig zuordnen.

In einer Folgestudie wurden 2000 Briten, halb Männer, halb Frauen, befragt und auch von den Männern konnten nur 50 Prozent die Vagina korrekt zuordnen.

Ganz schön erschütternd, oder?

Denn wenn wir das, was uns Lust bereitet, sprachlich ausgrenzen, machen wir auch unsere Lust unsichtbar. Wer keinen Namen hat, der hat keine Rechte. Keine Ansprüche. Wenn wir für etwas keinen Namen haben, bleibt es diffus. Wir können uns keine Bilder machen. Und ohne Bilder keine Vorstellungen und ohne Vorstellungen keine Handeln. Keine gute sexuelle Kommunikation. 

Noch ein Beispiel: Es gibt eine sehr eindrucksvolle «Sex and the City»-Folge, in der Miranda einer Affäre zu besseren Liebhaber-Qualitäten verhelfen will. Der Dialog geht wie folgt:

«Weisst du, wie die Klitoris funktioniert?»

«Ja.»

«Weisst du, wo sie ist?»

«Ja.»

«Sie ist ungefähr 5 Zentimeter weiter, als du denkst.»

Wir sollten wirklich anfangen, unsere Geschlechtsteile richtig zu benennen. Das, was an unseren Geschlechtsteilen sichtbar ist, hat einen Namen. Es ist nicht die Vagina.

Es ist die Vulva. 

Hand auf's Herz: Hättest Du es gewusst?

Andersrum untenrum: 83 Begriffe für Penis

Video: watson

Frauen-Themen, Feminismus, Sexismus, Gesellschaft

Alle Storys anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Brauchst du eine Djane für deine nächste Party? Salome kommt sicher gerne
«Wein doch!» – das Format, in dem sich Leute betrinken und dabei ihr Leid von der Seele reden dürfen. Diese Woche beklagt sich Salome über DJ-Druck. (Also den Druck, der entsteht, wenn du verantwortlich für die Musik an einer Party bist. Nicht irgendein DJ, der DJ-Druck heisst. Wie sollen wir das sonst nennen? Musikauswahlverantwortlichkeitsdruck?)
Zur Story