Brexit
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Britain's Prime Minister Theresa May leaves Downing Street in London, Friday, Nov. 16, 2018. May appealed directly to voters to back her Brexit plan Friday as she braced for a potential leadership challenge from rivals within her party. (Dominic Lipinski/PA via AP)

Von allen Seiten unter Druck: Theresa May ist eine politische Überlebenskünstlerin. Bild: AP/PA

Aufstand gegen Mays EU-Deal: Das musst du über das Brexit-Chaos wissen

Die EU und Grossbritannien wollen am Sonntag den Austrittsvertrag unterzeichnen. Ob das britische Parlament ihm zustimmen und Premierministerin Theresa May politisch überleben wird, ist alles andere als sicher. Die wichtigsten Fragen und Antworten.



Nach zähem Ringen haben sich die Europäische Union und die britische Regierung auf einen Vertrag geeinigt, der einen geordneten Austritt des Vereinigten Königreichs am 29. März 2019 ermöglichen soll. Unterzeichnet werden soll das Dokument an einem Brexit-Sondergipfel in Brüssel am kommenden Sonntag. Ob der Deal in Kraft treten wird, bleibt aber fraglich.

Premierministerin Theresa May ist von zwei Seiten unter Beschuss: Die Brexit-Hardliner in ihrer konservativen Partei lehnen den «Scheidungsvertrag» vehement ab. Gleiches gilt für die nordirische Unionistenpartei DUP. Ohne deren Stimmen verfügt May über keine Mehrheit im Unterhaus. Das Schicksal des Brexit hängt somit weiter in der Schwebe. Worum geht es?

Brexit-Referendum

Was steht im Vertrag?

Der Brexit-Deal umfasst 585 Seiten. Wichtigster Punkt ist der vorläufige Verbleib Grossbritanniens in einer Zollunion mit der EU. Damit sollen Kontrollen an der irischen Grenze vermieden werden. Die endgültigen Modalitäten des britischen EU-Austritts sollen während einer bereits vereinbarten Übergangsfrist bis Ende 2020 ausgehandelt werden. Eine Verlängerung dieser Frist ist möglich.

Für viele Briten ist dieser Vertrag eine Kapitulation, doch die 27 verbleibenden EU-Mitgliedsländer standen während den Verhandlungen einmütig hinter Chefunterhändler Michel Barnier. Nun gibt es kritische Stimmen. Spanien will den Vertrag nur unterschreiben, wenn der Status von Gibraltar ausgeklammert wird. Beobachter glauben aber nicht, dass der Sondergipfel daran scheitern wird.

Warum rebellieren die Hardliner?

Für die so genannten Brexiteers hat Theresa May den Entscheid des Stimmvolks vom Juni 2016 verraten. Sie interpretierten das Ja zum Austritt als Auftakt zu einem goldenen Zeitalter, in dem das von den EU-«Fesseln» befreite Königreich mit der ganzen Welt Freihandelsverträge abschliessen kann. Bei einem Verbleib in der Zollunion ist dies jedoch nicht möglich, weil der Abbau von Zöllen ein wesentlicher Bestandteil solcher Verträge ist.

Die EU-Kritiker in der konservativen Partei fordern, dass Grossbritannien zumindest die Vereinbarung zu Nordirland einseitig aufkündigen kann. Das aber lehnt die EU ab. Die zuständigen Minister betonten bei einem Treffen am Montag in Brüssel, dass Nachverhandlungen nicht in Frage kommen. Solche hatte etwa der zurückgetretene Brexit-Minister Dominic Raab verlangt.

In seinem Fall dürfte verletzte Eitelkeit im Spiel sein, denn die Verhandlungen waren primär von May und ihren engsten Mitarbeitern geführt worden. In einem Interview mit der «Sunday Times» behauptete Raab im Stil eines Verschwörungstheoretikers, in der EU-Kommission seien «dunkle Mächte» am Werk. Er forderte einen Austritt notfalls ohne Abkommen, also einen «harten» Brexit.

Was fordert die DUP?

A motorist makes their way North along the old Belfast to Dublin road on the Irish border between Northern Ireland and the Irish Republic close to the town of Newry,, Northern Ireland, Thursday, Nov. 15, 2018. Brexit Secretary Dominic Raab and Work and Pensions Secretary Esther McVey sensationally walked out of the Government the morning after Cabinet agreed a draft EU withdrawal agreement in a stormy five-hour meeting. In his letter to the Prime Minister, Mr Raab said the deal represented a

Plakat von Brexit-Gegnern an der irischen Grenze. Bild: AP/AP

Die protestantischen Unionisten wollen den Kuchen haben und ihn gleichzeitig essen, wie die Analogie zu unserem «Fünfer und Weggli» im Englischen lautet. Sie wollen keine Kontrollen an der Grenze zur Republik Irland und verteidigen gleichzeitig eisern die Einheit des Königreichs. Die DUP fürchtet, dass Nordirland am Ende allein in der Zollunion verbleiben wird.

Parteichefin Arlene Foster ist vehement gegen eine solche «Annexion» durch die EU. Als «Warnschuss» an die Adresse von May enthielt sich die DUP in der Budgetdebatte vom Montag im Unterhaus der Stimme und votierte bei einzelnen Anträgen sogar mit der oppositionellen Labour-Partei. Die nordirische Wirtschaft, darunter der DUP-nahe Bauernverband, unterstützt jedoch Mays Brexit-Deal.

Wird Theresa May gestürzt?

Pro-Brexit, Conservative lawmaker Jacob Rees-Mogg gestures as he speaks to the media outside the Houses of Parliament in London, Thursday, Nov. 15, 2018. A pro-Brexit group of Conservative lawmakers says one of its leaders, Jacob Rees-Mogg, is formally calling for a vote of no-confidence in Prime Minister Theresa May. Two British Cabinet ministers, including Brexit Secretary Dominic Raab, resigned Thursday in opposition to the divorce deal struck by Prime Minister Theresa May with the EU — a major blow to her authority and her ability to get the deal through Parliament.(AP Photo/Matt Dunham)

Jacob Rees-Mogg führt die Revolte gegen Theresa May an. Bild: AP/AP

Die Brexit-Hardliner streben ein Misstrauensvotum gegen die Premierministerin in der konservativen Unterhausfraktion an. Ein solches müssen 48 Abgeordnete beantragen. Den Anfang machte letzte Woche der exzentrische Brexiteer Jacob Rees-Mogg. Am Dienstag musste er am Rande einer Veranstaltung einräumen, dass er die nötigen Stimmen bislang nicht beisammen hat.

Dem Antrag müsste eine Mehrheit der 315 Tory-Abgeordneten zustimmen. Das schreckt die May-Gegner ab. Der für das Misstrauensvotum zuständige Parlamentarier Graham Brady glaubt nicht, dass die Hardliner Erfolg haben werden. Hauptgrund ist die Furcht vor einem «grauenvollen Chaos» nach einer Absetzung der Regierungschefin, vor dem Aussenminister Jeremy Hunt am Montag warnte.

Abschreckend auf die Tory-Rebellen wirkt auch, dass sie bei einem Misserfolg ein ganzes Jahr warten müssten, bis sie erneut einen «Putschversuch» lancieren könnten. Sie müssten auf einen «freiwilligen» Rücktritt der Premierministerin hoffen. Jacob Rees-Mogg warnte am Dienstag, wenn May jetzt nicht gestürzt werde, werde sie «die Konservativen in die nächsten Wahlen führen».

Wie geht es weiter?

Der Brexit-Vertrag muss im Dezember vom Unterhaus gebilligt werde. Eine Mehrheit ist angesichts des Widerstands der Brexiteers und der DUP derzeit nicht in Sicht. Was bei einem Nein geschieht, ist völlig unklar. Vermutlich werden Grossbritannien und die EU alles unternehmen, um ein Chaos nach dem 29. März 2019 zu verhindern. Trotzdem ist ein Ja nicht ausgeschlossen.

Theresa May ist eine Überlebenskünstlerin. Sie könnte darauf spekulieren, dass ein Teil der Labour-Abgeordneten für den Vertrag stimmt. In deren Reihen hat sich zuletzt der Ärger über den sturen Pro-Brexit-Kurs des EU-skeptischen Parteichefs Jeremy Corbyn verstärkt. May könnte auch versuchen, die Torys mit der Furcht vor Neuwahlen und einem Labour-Sieg auf Linie zu bringen.

Möglich wäre auch eine zweite Brexit-Abstimmung. Die Premierministerin ist jedoch kategorisch dagegen, und auch Corbyn hält wenig davon. Unklar ist, ob ein anderes Ergebnis resultieren würde. In einer neuen Umfrage des Instituts Yougov geht eine Mehrheit davon aus, dass die Briten für einen Verbleib in der EU stimmen würden. Doch das muss nichts bedeuten.

Das könnte dich auch interessieren:

17 katastrophale Tinder-Chats, die definitiv niemanden antörnen

Link zum Artikel

Mit diesen 21 Fakten kannst du beim kommenden «Game of Thrones»-Marathon angeben

Link zum Artikel

Wie rechte Ideologen den Brand von Notre-Dame für ihre Zwecke instrumentalisieren

Link zum Artikel

Vergiss Tinder! Hier erfährst du, welches Potenzial deine Fassade hat 😉

Link zum Artikel

«SRF Deville» verkündet Pfadi-Putsch in Liechtenstein – diese finden's gar nicht lustig

Link zum Artikel

Schluss mit Lügen! So lässt sich die ganze Welt allein mit grüner Energie versorgen

Link zum Artikel

Fotograf schiesst DAS Foto der Notre-Dame und muss sich nun gegen Fake-Vorwürfe wehren

Link zum Artikel

Brauchen wir einen Green New Deal, um eine Rezession zu vermeiden?

Link zum Artikel

Vermisst und wieder aufgetaucht – 9 Fälle von Kindern, die verschwunden waren

Link zum Artikel

Das grösste Verdienst von Tesla sind nicht die eigenen Autos

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen

Abonniere unseren Newsletter

9
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
9Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Domino 21.11.2018 19:07
    Highlight Highlight May hätte besser auf Trump gehört und alle wären zufrieden.
    - schnelle Verhandlungen und Austritt.
    - mehr verlangen und dann sich auf einen guten Kompromis einigen.

    Nun steht sie mit dem Rücken zur Wand und alle machen Panik.
    • Fabio74 22.11.2018 07:05
      Highlight Highlight Der austritt kommt so oder so.
      Um zu schnell zu verhandeln muss man wissen was man will und einen Gegenseite haben die diese Forderungen akzeptiert
      Und dies ist halt komplexer als des Trumps kleine Welt der 140 Buchstaben
    • Amboss 22.11.2018 07:13
      Highlight Highlight Ich verstehe deinen Kommentar nicht. Und ich glaube, du verstehst die Thematik nicht so ganz. Insofern eine Übereinstimmung mit Donald Trump...

      Es steht den Briten frei, einfach auszutreten. Sie möchten den Deal, nicht die EU.

      Jetzt hat sie sich ja genau mit der EU auf einen Kompromiss geeinigt, also genau das, was du schreibst, was ist denn jetzt nicht gut daran?


    • Domino 22.11.2018 08:09
      Highlight Highlight Beide wollen einen Deal, sonst würden sie keinen gegenseitigen Vertrag machen....
    Weitere Antworten anzeigen
  • Nasenbohren für Fortgeschrittene 21.11.2018 18:11
    Highlight Highlight Lange genug standen die Briten am Abgrund. Wird Zeit einen Schritt weiter zu gehen. Den sie wissen nicht was sie tun. Nicht nur die Briten übrigens
  • Klebeband 21.11.2018 17:26
    Highlight Highlight Danke!
  • Markus97 21.11.2018 16:17
    Highlight Highlight Die Hardliner machen mich echt wütend. Da überrascht May die ganze Welt mit einem den Umständen entsprechend gar nicht mal so schlechten Deal, und das passt ihnen trotzdem nicht. Selber Verantwortung übernehmen kommt aber nicht in Frage, andere schlecht machen ist schliesslich das einzige was sie können. Warum ist Johnsonn nicht selber Premier geworden? Die Unterstützung hätte er gehabt. Man könnte meinen sie wollten Grossbrittanien absichtlich schaden, nur um Leute scheitern zu sehen.
    • DemonCore 21.11.2018 16:44
      Highlight Highlight In England und etwas weniger stark im Rest des vereinigten Königreichs gibt es den selben stumpfen Hass auf die EU wie in der Schweiz. Diese Leute sehen lieber Rauch über den Innenstädten und Blut in den Strassen, als eine Einigung mit der EU. Professor Dougan hat es gut gesagt: Noch nie in der Geschichte hat eine Bevölkerung demokratisch entschieden Rechte aufzugeben und ihre wirtschaftliche Entwicklung zu sabotieren. Brexit wird das VK noch teuer zu stehen kommen, auch innenpolitisch.

Jetzt erkennen die Briten langsam den Brexit-Irrsinn – Panik kommt auf

Der Brexit wird für die britische Wirtschaft zunehmend zum Albtraum. So will der Autohersteller Nissan ein neues Modell nicht auf der Insel bauen. Die Regierung erwägt grenzwertige Massnahmen.

Die Industriestadt Sunderland im Nordosten Englands hat 2016 mit 61 Prozent klar für den Brexit gestimmt. In Sunderland befindet sich auch die mit Abstand grösste Autofabrik Grossbritanniens. Der japanische Hersteller Nissan produzierte dort letztes Jahr 442'000 Fahrzeuge. 7000 Personen arbeiten in der Fabrik, weitere 28'000 Arbeitsplätze sind von ihrem Wohlergehen abhängig.

Umso grösser war der Schock, als Nissan-Europachef Gianluca de Ficchy am letzten Sonntag ankündigte, die nächste …

Artikel lesen
Link zum Artikel