Coronavirus
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Warum Hass und Hetze gegen Wissenschafter immer mehr zunehmen

Gegen Drohungen geht die Virologin Isabella Eckerle gerichtlich vor. Hatespeech im Internet hat sich mit Corona zugespitzt.

bruno knellwolf / ch media



Bild

Eine Demonstration auf dem Bundesplatz gegen die Coronamassnahmen des Bundes. bild: ch media

Der Ton in der Corona-Diskussion hat sich deutlich verschärft. Die Virologin Isabella Eckerle vom Universitätsspital Genf hat genug. Nach ihrem Auftritt in der ZDF-Talksendung «Maybrit Illner» vom vergangenen Donnerstag hat die deutsche Wissenschafterin auf Bedrohungen reagiert und auf Twitter erklärt:

«Ich möchte alle Absender beleidigender & mir drohender Emails darauf hinweisen, dass dies in Deutschland & Schweiz einen Strafbestand darstellt & jeder Angriff dokumentiert & an unsere Rechtsabteilung weitergeleitet wird. Mit Konsequenzen ist zu rechnen».

Eckerle ist im deutschen Sprachraum auf vielen medialen Ebenen aktiv, besonders auch auf Twitter. Dort warnt sie schon seit geraumer Zeit vor unterschätzten Covid-19-Gefahren. Noch am Freitag macht sie auf einen Schweiz-kritischen Artikel in der «New York Times» aufmerksam, auf den die Schweiz nicht stolz sein könne.

Und am Samstag spricht sie sich für das Tragen von Masken aus und zeigt sich erschrocken, «wie viele anfeindende Nachrichten ich dafür bekomme. Ich sorge mich, dass die Ernsthaftigkeit der Lage noch nicht ausreichend kommuniziert & verstanden ist». Einen Tag später tweetet sie ihre Strafandrohungen. Nun will Isabella Eckerle in nächster Zeit weitere Medienanfragen vermeiden, wie sie erklärt: «Wir sind auch wegen der steigenden Fallzahlen im Moment im Labor sehr eingespannt».

Keine homogene Gruppe von Skeptikern

Breit exponiert sich auch der Epidemiologe Marcel Tanner von der Task Force des Bundes. Zum einen in den Medien aber auch an Podiumsdiskussionen in der ganzen Schweiz. Bedroht fühlt er sich dabei nicht, auch wenn einigen der Anstand in der Diskussion fehle. «Corona-Reflektierer sind keine homogene Gruppe. Die einen richten sich einfach fundamentalistisch gegen den Staat. Mit den einen kann man gut reden, mit den anderen weniger», sagt Tanner.

Vor ein paar Tagen war der Epidemiologe mit dem ehemaligen «Mister Corona» Daniel Koch an einer Veranstaltung in Brig. Auch dort wurde er mit der «Maskenlüge» konfrontiert. Er dramatisiert das nicht. «Wenn die Rufe oder Mails beleidigend oder fanatisch sind, muss nicht darauf eingehen. Stellen die Leute mit Anstand kritische Fragen, bekommen sie auch gerne eine Antwort».

Bilder der Corona-Demo in Berlin

Eine deutliche Minderheit

Menschen die Hatespeech verteilen seien eine Minderheit. «Sie gehen von Podium zu Podium wie Protesttouristen». Natürlich sei der Ton zur Zeit des Lockdowns und während der Öffnungen weniger aggressiv gewesen. «Mit jedem Anstieg der Infektionszahlen werden Tausend neue Experten geboren», sagt der frühere Direktor des Schweizerischen Tropeninstituts. Trotzdem würde er nie mit Gericht drohen. Wichtiger sei mit guter Kommunikation, die nicht beleidigt, Antworten zu geben.

Dass Wissenschafter nun plötzlich handzahm würden, verneint Tanner vehement. «Wir berichten, was wir wissen und auch nicht wissen. Nur so kann man auch Gegnern sachlich begegnen. Besonnen heisst nicht zahm, sondern einfühlend die Wissenschaft der Bevölkerung und auch der Politik verständlich machen», sagt der Epidemiologe.

Nicht alle Wissenschafter sind von Hate Speech betroffen. Pietro Vernazza, Chefarzt an der Klinik für Infektiologie des Kantonsspitals St.Gallen, hat keine persönlichen Angriffe erlebt. Für seine seit Beginn der Krise generell eher liberale Haltung hat er in den vergangenen Wochen viel Zustimmung erhalten. Die Einteilung von Menschen in Pro und Contra, die er in den Medien beobachtet, gefällt dem Infektiologen nicht, er hält sie in der Diskussion für kontraproduktiv.

Nach der Solidarität folgten Hass und Wut

Generell zeigt eine Untersuchung der Forschungsstelle Sotomo in Zusammenarbeit mit der Frauenorganisation Alliance F, dass sich das Phänomen Hatespeech durch Corona zugespitzt hat. «Im Lockdown kam es zu einer Solidaritätswelle. Nach den ersten Lockerungen nahmen Wut und Hass im Internet zu», sagt Sophie Achermann von Alliance F, die ein Projekt gegen Hatespeech lanciert hat.

Es sei ein interessantes Phänomen, dass Menschen nun über die Coronaskepsis auf die Schiene der Verschwörungstheorien gelangten. Das geschehe aber nicht von heute auf morgen, sagt Achermann. Meistens gelangten diese über Hasskommentare in normalen Medien auf spezifische Seiten, auf denen Verschwörungstheorien zu finden seien. «Unser Projekt Hatespeech soll deshalb auch eine gewisse Prävention im Internet bewirken, um eine Radikalisierung durch Corona zu verhindern.»

Nichts zu unternehmen, hat auch nichts genützt

Wenn man Zielscheibe von Hass sei, brauche das viel Energie. Nichts gegen Hater zu unternehmen, habe die Situation im Internet aber nicht verbessert. Deshalb ist ihr die Aktion von Eckerle sympathisch. «Eigentlich sollte man an die ganze Bevölkerung appellieren, sich dagegen zu stellen. Zu sagen, in diesem Ton diskutiert man nicht. Unabhängig von Meinungen und Fakten», sagt Achermann.

Dann würde den Leuten mit der Zeit klar, dass diese Hater einen viel zu grossen Platz einnähmen im Internet, aber eigentlich doch nur wenige seien. «Mit unserem Projekt wollen wir die Zivilcourage wecken, um gegen Hass im Netz vorzugehen», sagt Achermann.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Keine Schutzmaske? Hier 20 lustige Alternativen

Was haben Sex und das Maskentragen gemeinsam?

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Aktuelle Zahlen zum Coronavirus in der Schweiz und der internationale Vergleich

Die Corona-Zahlen für die Schweiz steigen im Moment rapide. Deshalb findest du hier einen Überblick zu allen neuen sowie aktuellen Fallzahlen für die Schweiz und einen Vergleich zu internationalen Daten zu Neuansteckungen mit dem Coronavirus.

Das Coronavirus hält die Schweiz weiterhin in Atem. Die Zahl der Neuansteckung steigt nach neuesten Entwicklungen in den unterschiedlichen Kantonen seit dem August wieder, die zweite Welle in der Schweiz und Europa ist da.

Damit du den Überblick über die sich stetig verändernde epidemiologische Lage behältst, zeigen wir dir hier alle relevanten Statistiken zu den Neuansteckungen, Positivitätsrate, Hospitalisierungen und Todesfällen in den Schweizer Kantonen sowie im internationalen Vergleich:

Am …

Artikel lesen
Link zum Artikel