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Long Covid kann auch bei Kindern auftreten.
Long Covid kann auch bei Kindern auftreten.
Bild: Shutterstock

Wie oft tritt Long Covid bei Kindern auf? Das ist der Stand der Forschung

23.08.2021, 06:1124.08.2021, 14:51

In einigen Kantonen wie Zürich oder Luzern beginnt heute die Schule, in anderen sind die Sommerferien schon länger zu Ende. Zugleich steigt derzeit die Zahl der Neuansteckungen mit SARS-CoV-2 – getrieben vornehmlich durch die infektiösere Delta-Variante – wieder an, und zwar besonders bei den unter 30-Jährigen.

Covid-Fälle Schweiz und Liechtenstein

Laborbestätigte Fälle nach Altersklassen (15.02.2021 bis 15.08.2021), pro 100'000 Einwohner.
Laborbestätigte Fälle nach Altersklassen (15.02.2021 bis 15.08.2021), pro 100'000 Einwohner.
Grafik: BAG

Dies dürfte unter anderem an der höheren Impfquote bei den älteren Altersgruppen liegen. Kinder unter 12 Jahren sind zurzeit noch gänzlich ungeimpft.

Die Zunahme der Neuinfektionen bei den jüngeren Altersgruppen beunruhigt Epidemiologen nicht zuletzt auch aufgrund des Phänomens Long Covid. Darunter versteht man eine Vielzahl von Symptomen, die auch nach mehr als vier Wochen nach einer Covid-Infektion anhalten (siehe Box unten). Long Covid ist noch nicht eingehend untersucht.

Long Covid …
… ist ein Überbegriff für die Symptome, die ab 4 Wochen nach einer akuten Covid-19-Infektion andauern oder auftreten. Leitsymptome sind Erschöpfung und Belastungsintoleranz, doch es gibt ein breitgefächertes Spektrum von weiteren Symptomen, die ebenfalls auftreten können, etwa Schlafstörungen, Kopf-, Bauch-, Muskel- und Gliederschmerzen, neurokognitive Symptome wie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Licht- und Lärmempfindlichkeit, daneben auch Kreislaufprobleme, Störungen der Wärmeregulation oder grippale Symptome, zum Beispiel Halsschmerzen und geschwollene Lymphknoten. Die grosse Mehrzahl der Patienten ist nur leicht im Alltag beeinträchtigt und nicht so stark, dass eine medizinische Behandlung in Anspruch genommen wird. Die Ursachen dieser Multisystemerkrankung sind nicht geklärt.

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Eine nicht repräsentative und von Laien durchgeführte Umfrage des Vereins Long Covid Schweiz unter 400 Betroffenen bestätigt laut der Nachrichtenagentur SDA, dass zahlreiche Symptome zu den Spätfolgen einer Covid-Erkrankung gehören können. Die häufigsten Beschwerden waren aber auch hier anhaltende Erschöpfung (91 % der Befragten), Belastungsintoleranz (84 %), Konzentrations- und Gedächtnisprobleme (75 %), Kurzatmigkeit sowie Atemnot bei Belastung (71 %), Kopfschmerzen (70 %), Schlafstörungen (67 %) und Muskelschmerzen (64 %).

Die Umfrage ergab weiter, dass 43 % der Befragten wieder voll arbeiten, 28 % ihr Arbeitspensum reduzierten und 20 % arbeitsunfähig sind. 7 % benötigen gar Pflege oder externe Unterstützung. Viele der Befragten fühlen sich zudem hilflos, weil ihnen nicht geholfen werden könne und sie zum Teil gar nicht ernst genommen würden. Laut Long Covid Schweiz könnte das daran liegen, dass sich die Diagnose wegen diffuser Symptome und fehlender diagnostischer Tests schwierig gestalte.

Tessiner Schulkinder im März bei einem freiwilligen Covid-19-Speicheltest.
Tessiner Schulkinder im März bei einem freiwilligen Covid-19-Speicheltest.
Bild: keystone

Noch wenig erforscht ist insbesondere das Risiko von Kindern, an Long Covid zu erkranken – was gerade im Zusammenhang mit dem Schulanfang von Interesse wäre. Die Datenlage dazu ist aber nach wie vor sehr limitiert. Klar ist, dass die grosse Mehrheit der Kinder, die an Covid erkranken, nur leichte Symptome hat. Aber auch von ihnen leiden einige an langanhaltenden Beschwerden unterschiedlicher Art, die ihr Leben schwer beeinträchtigen können.

Studien zum Long-Covid-Risiko bei Kindern kommen zu unterschiedlichen Resultaten. Sicher ist dabei jedoch, dass es selbst bei den optimistischsten – also niedrigsten – angenommenen Werten zu zehntausenden Fällen in der Schweiz kommen müsste, jedenfalls bei einer Durchseuchung aller Kinder (beispielsweise wenn auf eine Impfung dieser Altersgruppe verzichtet wird).

Hospitalisierte Kinder weisen doppelt so häufig anhaltende Symptome auf

Zu einem vergleichsweise hohen Wert von 6 % der mit SARS-CoV-2 infizierten Kinder, die noch drei Monate nach einer Infektion Long-Covid-Symptome entwickeln, kam eine noch laufende kanadische Studie der Epidemiologin Anna Funk und ihres Teams an der University of Calgary (Alba), deren vorläufige Ergebnisse auf dem 31. European Congress of Clinical Microbiology & Infectious Diseases präsentiert wurden.

Die Wissenschaftler werteten die Daten von mehr als 10'500 Kindern aus, die zwischen März 2020 und Juni 2021 in verschiedenen Ländern in eine Notfallambulanz kamen und positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden. 3100 Kinder wurden dabei 14, 30 und 90 Tage nach dem Test untersucht, wobei Atembeschwerden sowie neurologische und psychologische Probleme im Vordergrund standen.

Von 1884 Kindern, die eine Nachuntersuchung nach 90 Tagen abgeschlossen hatten, waren 447 ins Krankenhaus eingeliefert worden. Diese beschrieben mehr als doppelt so häufig anhaltende Symptome als Kinder, die nur ambulant betreut worden waren. Atemwegsbeschwerden traten in 2 % der Fälle auf, Müdigkeit oder Fieber ebenfalls bei 2 %, neurologische Beschwerden – etwa Kopfschmerzen oder anhaltender Geschmacks- oder Geruchsverlust – bei 1 % und psychische wie Depression ebenfalls bei 1 %.

Ältere Kinder haben ein höheres Risiko

Eine russische Studie von Daniel Munblit und einem Forschungsteam an der Sechenov University kam sogar zum Schluss, dass ein Viertel der Kinder langfristige Probleme aufwies – allerdings handelte es sich durchwegs um Kinder, die zuvor in ein Krankenhaus eingewiesen worden waren. Die Wissenschaftler hatten Telefoninterviews mit den Eltern von 518 Kindern im Alter von 0 bis 18 Jahren durchgeführt. Alle Kinder waren zwischen April und August 2020 in ein Moskauer Krankenhaus eingewiesen und positiv auf das Coronavirus getestet worden. Die Befragungen fanden in einem Zeitraum von etwa acht Monaten nach der Entlassung aus dem Krankenhaus statt.

Es zeigte sich, dass ältere Kinder und solche mit allergischen Vorerkrankungen tendenziell ein höheres Risiko hatten, an Long Covid zu erkranken. Die von den Eltern benannten Beschwerden waren hauptsächlich Müdigkeit, Veränderungen des Geschmacks- oder Geruchssinns und Schlafprobleme. Etwa 10 % der Kinder wiesen anhaltende Symptome mit zwei oder mehr Organen oder Organsystemen auf.

Der hohe Wert von 25 % darf allerdings nicht verallgemeinert werden, da sämtliche betroffenen Kinder zuvor hospitalisiert waren. Studienleiter Munblit warnte denn auch: «Es ist wichtig, zu beachten, dass die Ergebnisse der Studie nicht auf alle Kinder extrapoliert werden sollten, die Covid hatten, da nur die schwersten Fälle im Krankenhaus landen, und dies war eine Studie mit solchen Kindern.» Auch die Kinder in der zuvor erwähnten kanadischen Studie hatten häufiger langanhaltende Symptome, wenn sie hospitalisiert worden waren.

Keine neurologischen Ausfälle

Entwarnung gibt hingegen eher eine Preprint-Studie von Erika Molteni und ihrem Team am King's College London, die Anfang August im Fachmagazin «Lancet – Child & Adolescent Health» veröffentlicht wurde. Sie analysierten den Krankheitsverlauf bei 1734 Kindern im Alter von 5 bis 17 Jahren, die sich zwischen März 2020 und Februar 2021 mit dem Coronavirus angesteckt hatten.

Die Beobachtung begann nach Bekanntwerden der Infektion mittels PCR-Test, aber vor Auftreten der Symptome. Sie dauerte bis zur Genesung. Der Stand der akuten Infektion wurde mit PCR-Tests erhoben, während Eltern und Kinder die Symptome täglich in einer App dokumentierten.

Rund ein Viertel der Kinder zeigte gar keine Symptome, die restlichen hatten vornehmlich Kopfschmerzen, Fieber, Halsschmerzen und – bei den älteren Kindern – Riechstörungen. Die meisten Kinder erholten sich innerhalb einer Woche. Bei 4,4 % bestanden Symptome auch über die vierte Woche hinaus. Spätestens nach acht Wochen sank der Anteil der Betroffenen auf 2 % bei den über Zwölfjährigen und 1,3 % bei den unter Zwölfjährigen. Die Spätfolgen schienen überdies bei Kindern milder auszufallen als bei Erwachsenen: So gab es keine neurologischen Symptome wie Konzentrationsstörungen, Angstzustände oder kognitive Ausfälle.

Der Anteil der von Long Covid Betroffenen ist demnach bedeutend niedriger als bei Erwachsenen. Die Wissenschaftler hatten zuvor Daten von Erwachsenen anhand der ZOE COVID Symptom Study analysiert und waren zum Schluss gekommen, dass einer von 7 Erwachsenen länger als 4 Wochen an Covid-Symptomen litt, einer von 20 sogar 8 Wochen oder länger. Allerdings gilt es zu beachten, dass im Erhebungszeitraum der Studie die Delta-Variante des Virus noch nicht dominierte.

Nach diesem Video verstehst auch du, wie Covid-Impfungen funktionieren

Video: watson/jah/lea

Studie der Universität Zürich kommt nur auf 2 % Häufigkeit

Auch eine Schweizer Preprint-Studie, die in der Zeitschrift «Jama» erschienen ist, hat sich mit der Frage befasst, wie hoch das Risiko für Long Covid bei Kindern ausfällt. Die Wissenschaftler um Susi Kriemler und Milo Puhan von der Universität Zürich analysierten die Daten aus der Ciao-Corona-Studie und legten eine erste Berechnung zur Häufigkeit in der Schweiz vor.

Ciao-Corona-Studie
Die Studie «Ciao Corona» der Universität Zürich erforscht mit einem Langzeit-Monitoring der Antikörper-Entwicklung, wie sich SARS-CoV-2 unter Schülerinnen und Schülern ausbreitet.
Es wurden jeweils ca. 2500 Schulkinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 17 Jahren an 55 zufällig ausgewählten Schulen im Kanton Zürich in bisher drei Phasen auf Antikörper getestet: im Juni/Juli 2020, im Oktober/November 2020 und im März/April 2021. Via Online-Fragebogen beantworten die getesteten Personen zudem alle zwei Monate Fragen zu Symptomen, Gesundheitszustand, präventivem Verhalten, Lebensstil und Lebensqualität. Die Teilnahme ist freiwillig.

Um die Häufigkeit von Long Covid abzuschätzen, verglichen die Forscher Kinder und Jugendliche mit einem positiven Antikörpertest – dies ist ein Nachweis einer zurückliegenden Infektion – mit Kindern und Jugendlichen mit einem negativen Antikörpertest. Diese zweite Gruppe diente dabei als Kontrollgruppe.

Insgesamt 1355 Kinder zwischen 6 und 16 Jahren wurden befragt und über sechs Monate hinweg nach dem Antikörpertest im Oktober/November 2020 begleitet. 109 von ihnen hatten sich infiziert, jedoch alle mit milden Symptomen. Hospitalisiert werden musste keines der Kinder, weder aufgrund einer Corona-Infektion noch aufgrund von Spätsymptomen.

Von den Kindern und Jugendlichen mit Antikörpernachweis, die also eine Infektion durchgemacht hatten, berichteten nach vier Wochen 9 % über mindestens ein Spätsymptom; dabei wurden Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und erhöhtes Schlafbedürfnis am meisten genannt. Allerdings klagten auch 10 % in der Gruppe derjenigen ohne Antikörpernachweis über mindestens ein Spätsymptom. Die entsprechenden Werte nach 12 Wochen waren 4 % bei der Gruppe mit Antikörpernachweis und 2 % bei der Kontrollgruppe. Daraus berechnen die Wissenschaftler eine Häufigkeit von Long Covid bei Kindern und Jugendlichen von lediglich 2 %.

Auch diese Studie wertete freilich Daten aus, die erhoben wurden, bevor die Delta-Variante dominant wurde. Zudem war die Gruppe der Kinder und Jugendlichen mit Antikörpernachweis verhältnismässig klein, und sämtliche Krankheitsverläufe waren mild. Dafür konnte die Studie diese Gruppe mit einer Kontrollgruppe vergleichen – was bei anderen bisher zu diesem Thema publizierten Untersuchungen bemängelt wurde.

Es zeigt sich, dass die hier berücksichtigten Studien sowohl bei den Resultaten wie auch beim Studiendesign differieren. So liegen die Werte bei jenen Studien, die lediglich hospitalisierte Fälle analysierten, naturgemäss höher. Insgesamt dürfte das Long-Covid-Risiko für Kinder eher klein sein – aber die unbefriedigende Tatsache bleibt vorderhand bestehen, dass die Häufigkeit von Long Covid bei Kindern noch nicht verlässlich erfasst werden kann.

Auch PIMS kann eine Spätfolge sein

Als Spätfolge einer Corona-Infektion kann nicht nur Long Covid auftreten, sondern es kann in sehr seltenen Fällen auch das sogenannte PIMS vorkommen. In der zweiten Coronawelle ist dieses Syndrom häufiger aufgetreten.

PIMS
Das Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) ist eine schwere Entzündungsreaktion des Immunsystems, deren Ursache nach wie vor unklar ist. Kinder und Jugendliche können in der Regel drei bis vier Wochen nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 (auch bei asymptomatischen Verläufen) daran erkranken. Die Symptome sind hohes Fieber, Magen-Darm-Beschwerden, Bauchschmerzen und Hautausschläge, aber auch vorübergehende Herz-Kreislauf-Insuffizienz. Die meisten Fälle müssen hospitalisiert werden, etwa die Hälfte benötigt intensivmedizinische Behandlung, teilweise bis hin zur maschinellen Beatmung.

In Deutschland sind seit Beginn der Pandemie bis zum 1. August 2021 knapp 400 Fälle erfasst worden. Keiner dieser Patienten ist verstorben. In der Schweiz sind bis jetzt rund 100 Fälle bekannt; alle Betroffenen haben sich mittlerweile wieder erholt, werden aber nachbeobachtet. Kinderarzt Christoph Berger, der die Eidgenössische Kommission für Impffragen (Ekif) präsidiert, sagte der WOZ Mitte August, dass es mit den steigenden Infektionszahlen aufgrund der Delta-Variante vermutlich auch zu mehr PIMS-Fällen kommen könnte. Abgesehen davon betrachte er Kinder und Jugendliche als nicht sonderlich gefährdet.

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