Die Schmerzensfrau des Pop: Sinéad O'Connors Verzweiflung im Video

08.08.17, 18:12

Mit einem verstörenden Video versetzt die berühmte Sängerin aus Irland ihre Fans in Sorge. Für Sinéad O'Connor ist die Präsentation ihres Seelenlebens Erfolgsrezept und Dilemma zugleich.

Dicke Tränen kullern der irischen Popsängerin Sinéad O'Connor über die Wangen. Die Szene stammt aus dem Musikvideo ihres grössten Hits, einer Coverversion des Prince-Songs «Nothing Compares 2 U» aus dem Jahr 1990. Die authentisch wirkende Verzweiflung der damals 23-jährigen O'Connor war eine Sensation und machte sie schlagartig weltberühmt.

Zur Zeit macht die inzwischen 50-Jährige wieder Schlagzeilen mit einem Tränen-Video, doch es ist kein Musik-Clip. Sinéad O'Connor ist seit der vergangenen Woche mit einer gut zwölfminütigen Aufnahme im Netz zu sehen, in der sie weinend von schweren psychischen Problemen berichtet.

Sie wohne in einem Motel im US-Bundesstaat New Jersey und sei dort in Behandlung. «Ich bin ganz alleine, es gibt absolut keinen, der mir nahe steht, ausser meinem Doktor», klagt die Sängerin. Ihre Familie habe sie im Stich gelassen, sie fühle sich stigmatisiert. Viele Fans äusserten sich in sozialen Medien besorgt um O'Connor.

Es ist nicht das erste Mal, dass sie wegen psychischer Probleme in die Schlagzeilen gerät. Zuletzt wurde sie im Mai 2016 während einer Velotour in den USA kurzzeitig als vermisst gemeldet. 2012 musste sie eine Welttournee wegen mentaler Schwierigkeiten abbrechen.

Markenzeichen Gefühl

Doch das öffentlich inszenierte Leiden gehört fast so sehr zu O'Connors Markenzeichen wie die kurz geschorenen Haare oder die grossen, dunklen Augen. Offen sprach sie darüber, dass ihre Mutter sie als Kind schwer misshandelt habe. Gleichzeitig litt sie unter deren frühem Unfalltod.

O'Connor wuchs in Dublin auf. Ihre Eltern trennten sich früh. Zuerst lebte sie bei der Mutter, später bei ihrem Vater. Wegen wiederholten Ladendiebstahls wurde sie zeitweise in einer Erziehungsanstalt untergebracht. Später zog sie nach London.

Schon als Jugendliche nahm sie Songs auf. Ihr erstes Soloalbum «The Lion And The Cobra» entstand, als sie hochschwanger mit ihrem ersten Kind war. Das mutige Werk kletterte in den Hitparaden nach oben, verkaufte sich gut und brachte ihr eine Goldene Schallplatte ein.

Wirklich berühmt wurde O'Connor aber erst mit ihrem zweiten Album «I Do Not Want What I Haven't Got» (1990) - und vor allem mit ihrer anrührenden Fassung der Ballade «Nothing Compares 2 U». Sie veröffentlichte später noch acht weitere Alben, doch an die frühen Welterfolge konnte sie nie wieder anknüpfen.

Hassliebe zum Glauben

O'Connor ist tief katholisch geprägt. Gleichzeitig kritisierte sie die Kirche scharf wegen der zahlreichen Missbrauchsskandale. 1992 zerriss sie vor laufender Kamera ein Foto von Papst Johannes Paul II. Auch sonst gibt sie sich gerne streitlustig - immer wieder geriet sie mit anderen Popstars aneinander oder schimpfte öffentlich über ihre Familie.

In ihrem jüngsten Video knüpft die Sängerin nun an frühere Gefühlsausbrüche an, zugleich zeigt sie sich tief verletzt über die Reaktionen ihrer Mitmenschen. Für Sinéad O'Connor, so scheint es, ist die öffentliche Präsentation ihres Seelenlebens ein Schlüssel zum Erfolg - und gleichzeitig eine Tragödie.

Verfasser: Christoph Meyer und Uli Hesse, dpa (sda/dpa)

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Brikne, 20.7.2017
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