Motor
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
epa08591224 Swiss Moto2 rider Thomas Luethi of Liqui Moly Intact GP team before the free practice of the Motorcycling Grand Prix of the Czech Republic, 08 August 2020. The race will take place on 09 August 2020.  EPA/MARTIN DIVISEK

Tom Lüthi kommt weiterhin nicht auf Touren – liegt es am Cheftechniker? Bild: keystone

Tom Lüthi – die Fortsetzung einer Misere mit Maske und Maulkorb

Seit die Scheidung von seinem Team verkündet ist, quält sich Tom Lüthi (34) als grimmig entschlossener Einzelkämpfer durch den Rest der Saison. Er hat in Aragon soeben einen enttäuschenden 12. Platz herausgefahren. Mehr und mehr kommt nun ans Licht, wie Misstrauen im Team und fachliche Inkompetenz der Techniker seine Titelchancen ruiniert haben.



Teamchef Jürgen Lingg hat die mediale Kritik an der technischen Betreuung als einen Grund für die Trennung von Tom Lüthi per Ende Saison genannt. «Das hat mich doch sehr erstaunt» sagt Tom Lüthis Freund und Manager zu dieser seltsamen Begründung. «Tom und ich sind verdächtigt worden, Informationen an Sie weitergegeben zu haben. Weil anders Ihre kritischen Analysen nicht zu erklären seien. Das ist Unsinn und hat uns auch irritiert.»

Es gibt allerdings schon eine Erklärung: der Motorradrennsport hat in Deutschland praktisch keine Medienpräsenz. Das öffentlich-rechtliche Farbfernsehen überträgt – anders als bei uns – keine Rennen. Deutsche GP-Piloten geniessen ein Leben in der Anonymität. Es kümmert in einer breiteren Öffentlichkeit niemanden, ob sie siegen oder – was meistens der Fall ist – hinterherfahren. Die Fachzeitschriften drucken freundlich den Inhalt der offiziellen Medienmitteilungen. Eine kritische Auseinandersetzung findet nicht statt. Aber die ist mit einem Fahrer wie Tom Lüthi unvermeidlich, der in der Schweiz zu den bekanntesten Einzelsportlern zählt.

Immer mehr zeigt sich: Es fehlt in diesem Team nicht am theoretischen Wissen. Aber an der Kompetenz zur praktischen Umsetzung. An der Flexibilität. An der Fähigkeit, sich an veränderte Situationen anpassen zu können. Und an der Kommunikation zwischen Pilot und Techniker. Was auf Tom Lüthi zukommen wird, hat sich bereits vor mehr als einem Jahr angedeutet. Er gewinnt das dritte Saisonrennen in Texas vor seinem Teamkollegen Marcel Schrötter. Der Cheftechniker regt sich hinterher auf, weil er nach einem Sieg mit einer ganzen Liste von Verbesserungsvorschlägen kommt.

Kleine Veränderungen haben in einer so extrem ausgeglichenen Klasse wie der Moto2-WM (gleiche Motoren und Reifen für alle) grosse Auswirkungen. Dunlop liefert nach diesem Sieg in Texas neue Einheitsreifen – und Tom Lüthis Techniker gelingt die Anpassung erst gegen Ende der Saison. Und als es diese Saison nach den Tests erneut andere Reifendimensionen gibt, ist Tom Lüthi wieder verloren.

Was darf der Emmentaler über die Situation im Team erzählen? Was nicht? Wir treffen uns vor seiner Abreise im «Aemme Fit». In diesem Fitness-Center im Gotthelfdorf Lützelflüh trainiert er oft. Die Erleichterung über den Trennungsentscheid und die Klärung seiner Zukunft ist ihm gut anzumerken. Es ist eine Befreiung. Nun weiss er, dass die zwei nächsten Jahre gesichert sind. Er wird im Team des Spaniers Eduardo «Edu» Perales fahren.

An Kampfgeist wird es ihm in den verbleibenden Rennen nicht fehlen. Aber eben: Was darf er erzählen? Maskenpflicht besteht im Fahrerlager schon. Einen Maulkorb hat er bisher freiwillig getragen. Und über Monate gute Miene zum weniger guten Spiel gemacht und geschwiegen. Geschwiegen über die sich immer mehr verschlechternde Stimmung, über Misstrauen im Team. Über technische Schwierigkeiten, die ihn jedes Rennen kosten, bevor es begonnen hat: Wer zu weit hinten starten muss, hat den Kampf ums Podest schon verloren, bevor er losfährt.

«Das hat mich sehr getroffen. Weil ich mit der Sache wirklich nichts zu tun habe.»

Tom Lüthi

Zu den letzten fünf Rennen musste Tom Lüthi in der vierten Reihe oder noch weiter hinten starten, soeben in Aragon aus der 4. Reihe. Wahrlich, die Fortsetzung eine Misere in Maske und Maulkorb.

Auf Dauer eigentlich eine unhaltbare Situation. Tom Lüthi ist 34. Kann er nicht mehr um Sieg und Podest mitfahren, kommt schnell die Kritik, er sei eben zu alt, um die jungen Wilden im Schach halten zu können. Spricht er öffentlich über die Situation im Team, werden Stimmung und Resultate noch mieser. Und so wählt er einen Mittelweg. Er bestätigt die Aussagen Daniel Epps und des Teamchefs über die Probleme rund um Kritik an den teaminternen Zuständen. «Das hat mich sehr getroffen. Weil ich mit der Sache wirklich nichts zu tun habe. Ich bot dem Teamchef an, Sie in meiner Gegenwart anzurufen und die Frage nach dem Informanten zu stellen. Damit für ein und allemal das Misstrauen ausgeräumt ist. Aber das wollte er dann doch nicht.»

Und so versucht Tom Lüthi das Beste aus einer völlig verfahrenen Situation zu machen. Inzwischen ist er in der WM auf Rang 9 immerhin der bestklassierte Fahrer ohne Podestplatz. Obwohl er zwei «Nuller» in der Statistik hat. Seit dem Saisontiefpunkt mit dem 17. Platz in Brünn hat er nun nacheinander die Ränge 7, 5, 6, 9, 11, 5 und soeben 12 in Aragon erreicht. Das ist aufs Eishockey übertragen ungefähr so, wie wenn der SCB ständig ausserhalb der Playoffränge klassiert wäre.

Der Wechsel ins Team von Eduardo «Edu» Perales ist allerdings Tom Lüthis letzte Chance. Wenn er wieder den falschen Cheftechniker erwischt, riskiert er den definitiven Karriere-Knick. Voraussichtlich wird er die technische Crew übernehmen, die sich diese Saison im Team um Remy Gardner kümmert. Der Australier wechselt auf nächste Saison zu KTM.

epa08755168 British Moto2 rider Sam Lowes of EG 0,0 Marc VDS team celebrates his win on the podium at the motorcycling Grand Prix of Aragon at Motorland circuit in Alcaniz, Spain, 18 October 2020.  EPA/Javier Cebollada

Sam Lowes: Mit neuem Cheftechniker läuft es plötzlich wieder. Bild: keystone

Wie wichtig der Cheftechniker ist, mag ein Beispiel zeigen: Sam Lowes taumelte durch die letzte Saison auf den 16. WM-Schlussrang. Nun kümmert sich neu Gilles Bigot als Cheftechniker um den Briten. Sam Lowes ist mit zwei Punkten Rückstand auf WM-Leader Enea Bastianini ein ganz heisser Titelkandidat.

Tom Lüthi hatte seine beiden besten Jahre in der Moto2-WM 2016 und 2017 mit 16 Podestplätzen (6 Siege) und zwei zweiten WM-Schlussrängen. Sein Cheftechniker damals: Gilles Bigot. Die Beziehung zum Franzosen ist 2018 am missglückten Abenteuer MotoGP zerbrochen.

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Die Schweizer Töff-Legende Stefan Dörflinger

Elektrotöff Im Buro

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

3 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
3

Nach Hilferuf: Corona-Leugner attackieren Spital Schwyz mit negativen Google-Bewertungen

Das Spital Schwyz wandte sich letzte Woche mit einem emotionalen Video-Appell an die Bevölkerung und bat darum, die Hygienemassnahmen einzuhalten. Das passte den Corona-Leugnern nicht und sie fuhren die Krallen aus: in Form von negativen Google-Rezensionen.

Weil die Infektionszahlen des Kantons Schwyz in den letzten Wochen rasant anstiegen, hatte sich das Spital Schwyz mit einem Youtube-Video an die Bevölkerung gewandt.

Der Chefarzt der Inneren Medizin und die Spitaldirektorin rufen die Schweizerinnen und Schweizer dazu auf, die Corona-Massnahmen einzuhalten. Es sei wichtig, dass die Bevölkerung jetzt reagiere. Der Corona-Ausbruch in Schwyz sei einer der schlimmsten in ganz Europa.

Der Zentralschweizer Hilferuf schallte bis über die Landesgrenzen …

Artikel lesen
Link zum Artikel