DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
In Kirchlindach lassen Gamer ihre Finger über die Tastaturen flitzen – hier Jung Ji Hoon, Son Sukhee, Vorstandsmitglied Remo Blaser und Stefan Mott (v.l.).
In Kirchlindach lassen Gamer ihre Finger über die Tastaturen flitzen – hier Jung Ji Hoon, Son Sukhee, Vorstandsmitglied Remo Blaser und Stefan Mott (v.l.).bild: Tomas Wüthrich
Beruf: Profi-Gamer

Diese Gamer-WG verdient Geld und zieht Profis aus der ganzen Welt an

In einem Dorf im Kanton Bern haben vier Studenten eine Wohngemeinschaft für Profi-Gamer eingerichtet. Damit locken sie sogar Spitzenspieler aus Südkorea an, die dort für Game-Turniere in Europa trainieren.
23.12.2014, 17:3727.12.2014, 19:11
Timon Richner / nordwestschweiz
Ein Artikel von
Aargauer Zeitung
No Components found for watson.rectangle.

«Wer hat so lange geduscht? Es hat kein Warmwasser!», schreit der neuseeländische Profi-Gamer Makenzie «Patraeus» Smith durch die WG. Angesichts eines leeren 600-Liter-Boilers muss man das vielbemühte Klischee des ungepflegten Gamers schon einmal relativieren.

Überhaupt könnte man beim Betreten der alten Käserei in Kirchlindach denken, es sei die Unterkunft von vier disziplinierten Chemiestudentinnen. Es ist perfekt aufgeräumt. Der Duft von Dosentomaten ist wahrlich nicht penetrant und doch verbreitet er sich subtil in der Wohnung – später wird in der Stube selbst gemachte Lasagne gegessen. Auf der Terrasse mit Wintergarten-Ambiente gibt es Sitzsäcke, auf denen man gerne einmal den Tag ausklingen lässt. Eigentlich eine total normale WG, wenn da nicht das Obergeschoss wäre. Dort befindet sich ein Raum, der mit acht Computern ausgerüstet ist. Professionelle Computerspieler üben hier ihren Beruf aus.

Die WG mit den Pro-Gamern.
Die WG mit den Pro-Gamern.bild: facebook

Wie Schach, nur schneller

Die WG ist das Herzstück des Vereins «mYinsanity» (mein Wahnsinn). Die Studenten Cedric Schlosser, Remo Blaser, Jan Hagedorn und Andreas Megert sind gute Freunde und haben ihr Hobby bis an die Grenze zur Professionalität ausgebaut. Alles begann damit, dass die Hobby-Gamer beim Spielen bei sich ein ausgeprägtes Wettkampfdenken entwickelten. Die vier Berner entdeckten daraufhin, dass es für Gamer Turniere gibt – da war es um sie geschehen.

Der Koreaner Son Sukhee spielt ebenfalls in der WG. 
Der Koreaner Son Sukhee spielt ebenfalls in der WG. bild: myinsanity
Der Schweizer Stefan Mott ist ein «Starcraft 2» Profi.
Der Schweizer Stefan Mott ist ein «Starcraft 2» Profi.bild myinsanity

Doch Gamen auf Topniveau ist mehr als eine einfache Freizeitbeschäftigung. Nur wer Talent und genügend Zeit für Training aufwendet, kann es zu den Besten schaffen. Blitzschnelle Entscheidungsfähigkeit, Konzentrationsfähigkeit über Stunden und bedingungsloser Ehrgeiz sind Merkmale eines Spitzensportlers. Genau diese Fähigkeiten braucht auch ein Spitzen-Gamer.

Den Plan, selbst Spitzen-Gamer zu werden, mussten die vier Freunde bald ad acta legen. Der Zug an die Spitze war bereits abgefahren. Zum Trainieren hatten sie mitten in der Ausbildung zu wenig Zeit. Das Quartett beschloss, einen Verein für Spitzenspieler zu gründen, so in die Szene hineinzufinden und weiterhin nur hobbymässig Tastaturen und Mäuse zu behämmern. Spezialisiert haben sie den Verein auf das Strategiespiel «Starcraft 2», bei dem möglichst schnell eine Armee aufgebaut werden muss. Wie beim Schach muss man danach mit verschiedenen Angriffstaktiken den Gegner ausrotten. Gespielt wird in Echtzeit, so hat man kaum Bedenkzeit für Entscheidungen.

Fürs Gamen werden die jungen Talente der WG bezahlt. Seit der Gründung im Jahr 2009 können die Jungunternehmer Sponsorengelder ins Bernbiet leiten. Computerzubehör-Hersteller, Software-Entwickler und Hersteller für Kleidung speziell für Gamer liefern die nötigen Mittel. «Für diese Firmen ist es gut, wenn wir als weltweit konkurrenzfähiges Team ihre Produkte nutzen», führt Remo Blaser aus, «für Nike ist es auch gut, wenn Ronaldo ihren Schuh trägt».

«Jeder Koreaner möchte einmal die Schweiz mit den Alpen besuchen. Das ist für uns ein Trumpf»
Remo Blaser, myinsanity

Der Verdienst der Spieler setzt sich aus zwei bis drei Bestandteilen zusammen. Von den Sponsorengeldern des Vereins erhalten manche Spieler einen Lohn, weitere 200 bis 600 Franken im Monat verdienen sie über Twitch, eine Internetplattform, auf der Zuschauer Geld bezahlen, um Gamern beim Spielen zuzusehen. Ausserdem reisen die Profis von Kirchlindach aus an Turniere in Europa, wo es Preisgelder zu gewinnen gibt. So kann es ein Spieler monatlich auf etwa 2500 bis 4000 Franken bringen.

Auch von den Verhältnissen in der WG profitieren die Spieler. «Unsere WG ist attraktiv, weil die Spieler sich hier auf das Gamen konzentrieren können», erklärt Blaser. Zudem unterhielten sich die Gamer hier direkt mit ihren Mitspielern, um Fehler zu verbessern und neue Tricks zu lernen. Und Europa biete sehr attraktive, weil hochdotierte Turniere. Deshalb gelingt es dem Verein immer wieder, ausländische Topspieler in die WG zu holen – etwa aus Südkorea.

Auch eine Kamera bringt die Gamer nicht aus der Ruhe.
Auch eine Kamera bringt die Gamer nicht aus der Ruhe.bild: facebook
Jetzt auf

Gamen im Stadion

Dort ist Computer spielen eine Art Nationalsport. Stadien werden regelmässig gefüllt und die Wettkämpfe im Fernsehen übertragen. Da kommt es dem Verein «mYinsanity» sehr entgegen, dass Südkoreaner die Schweiz lieben. «Jeder Koreaner möchte einmal die Schweiz mit den Alpen besuchen. Das ist für uns ein Trumpf», erzählt Blaser mit schelmischem Lächeln. Ein Südkoreaner sei einmal, nachdem er in Kloten gelandet war, in einen Souvenirshop gestürmt und habe mit grossem Stolz ein Taschenmesser gekauft.

Die Studenten haben keinen genauen Plan, wie sie ihr Start-up weiterentwickeln wollen. Denkbar sei vieles: in Deutschland eine weitere WG eröffnen, sich auch noch in anderen Games an die Spitze zu arbeiten oder den Verein dereinst in eine Firma umwandeln. Sie hoffen auch, dass sie dazu beitragen, Gamen als Sport in der Schweiz tiefer zu verankern.

Das sind die enttäuschendsten Games aller Zeiten

1 / 12
Das sind die enttäuschendsten Games aller Zeiten
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Themen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

7 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
The Destiny // Team Telegram
24.12.2014 07:37registriert Mai 2014
Falsch, um den Gamern auf Twitch zuzuschauen muss man kein Geld bezahlen, es wird ledigentlich Werbung zugeschaltet wie bei YT.
Es ist aber möglich Gamer durch spenden zu unterstützen. Mit einem kleinen Betrag kann man den Kanal Abonnieren was ein paar zusätzliche Features freischaltet diese unterscheiden sich aber von Kanal zu Kanal.

sry Anglizismen
253
Melden
Zum Kommentar
avatar
Zeit_Genosse
24.12.2014 03:47registriert Februar 2014
Cooles Konzept made in switzerland. Die Game-Industrie ist attraktiv. Die WG gehört von weiteren Sponsoren unterstützt.
235
Melden
Zum Kommentar
7
Taliban beschweren sich über «zu brutales» Videospiel – und verbieten auch Tiktok
Die Taliban sind nicht dafür bekannt, vor übermässiger Gewaltanwendung zurückzuschrecken. Doch nun geht die islamistische Terrororganisation gegen ein vermeintlich «zu brutales» Videospiel vor.

Seit die Taliban vergangenes Jahr im August die Macht in Afghanistan übernommen haben, krempeln sie das Land ihren Vorstellungen nach um. Dieser kulturellen Säuberung fällt jetzt auch das Spiel «PlayerUnknown's Battlegrounds» (PUBG) zum Opfer. Innerhalb der nächsten 90 Tage soll der Mehrspieler-Shooter im ganzen Land verboten werden.

Zur Story