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France players react disappointed after the Euro 2020 soccer championship round of 16 match between France and Switzerland at the National Arena stadium in Bucharest, Romania, Tuesday, June 29, 2021. (Robert Ghement/Pool via AP)

Der grosse Favorit aus Frankreich muss bereits nach dem Achtelfinale die Segel streichen. Bild: keystone

Trainer-Experte erklärt das frühe Ausscheiden von Favoriten wie Frankreich und Deutschland

Lukas Grybowski / watson.de



Rekord-Europameister Deutschland, der amtierende Weltmeister Frankreich, Vize-Weltmeister Kroatien, Europameister Portugal und auch die Niederlande – für gleich fünf Top-Favoriten auf den EM-Titel ist das Turnier nach dem Achtelfinale bereits wieder früh beendet.

Besonders auffällig: Auch vermeintlich kleinere Teams wie die Schweiz und Tschechien setzten sich gegen die Top-Nationen Frankreich und die Niederlande durch. Mannschaftliche Geschlossenheit und absolute Willensstärke besiegten das fussballerische Talent der Top-Nationen. Das musste auch das DFB-Team bei der 0:2-Niederlage gegen England erfahren.

«Das Zauberwort bei dieser EM heisst Intensität. Wir müssen wegkommen von diesem ganzen Systemquatsch.»

Profi-Trainer und ZDF-Experte Peter Hyballa

«Der Unterschied ist, dass es für diese Teams ganz besondere Spiele sind. Für die Spieler der Top-Nationen sind es auch besondere Spiele, aber sie haben häufiger diese besonderen Partien», sagt Profi-Trainer und ZDF-Taktikexperte Peter Hyballa gegenüber watson.

«Länder wie Spanien, Frankreich, Deutschland, England sind immer einen Tick weiter als die Mannschaften darunter. Natürlich gibt es bessere und schlechtere Fussballnationen, aber in einem Spiel kann einfach alles passieren», erklärt Hyballa.

epa09306019 Czech players celebrate their second goal  during the UEFA EURO 2020 round of 16 soccer match between the Netherlands and the Czech Republic in Budapest, Hungary, 27 June 2021.  EPA/Zsolt Szigetvary HUNGARY OUT - (RESTRICTIONS: For editorial news reporting purposes only. Images must appear as still images and must not emulate match action video footage. Photographs published in online publications shall have an interval of at least 20 seconds be

Neben der Schweiz schafften auch die Tschechen den überraschenden Viertelfinaleinzug. Bild: keystone

Taktik ist nicht entscheidend

Und das zeigten eben vor allem die Schweiz und Tschechien mit ihren Siegen über Frankreich und die Niederlande. Für Hyballa liegt das nicht an einer Dreier- oder Viererkette, sondern an der körperlichen Einstellung. Und auch das englische Team wirkte gegen Deutschland in den Zweikämpfen wacher und vor dem gegnerischen Tor einfach zielstrebiger.

«Das Zauberwort bei dieser EM heisst Intensität. Wir müssen wegkommen von diesem ganzen Systemquatsch. Die Frage ist, wie du dich in den Räumen bewegst, ob du es schnell machst, ob du sprintest oder einen schnellen Direktpass spielst.» Und genau das machte das englische Team. Die «Three Lions» spielten ihre Tore mit schnellen, direkten Pässen über die Aussen viel energischer heraus. So mussten Raheem Sterling (75.) und Harry Kane (86.) den Ball nur aus wenigen Metern über die Linie bringen.

«Du bekommst auf dem Niveau nur ein, zwei hochkarätige Chancen und die musst du nutzen.»

U-21-Nationaltrainer Stefan Kuntz

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Die Highlights des Spiels England gegen Deutschland. Video: YouTube/SRF Sport

Das deutsche Team agierte offensiv oft zu zaghaft, bei möglichen Konterchancen liefen nur zwei oder drei Spieler mit nach vorn, wodurch die Angriffe im Nichts verliefen. Die beste Konterchance hatte noch Thomas Müller, der in der 81. Minute vollkommen frei auf den englischen Torhüter Pickford zulief. Doch aus elf Metern schob er den Ball am Tor vorbei und verpasste so seinen ersten Treffer bei einer EM.

Kimmich kann Tränen nach Aus nicht zurückhalten

«Du bekommst auf dem Niveau nur ein, zwei hochkarätige Chancen und die musst du nutzen. Wer das erste Tor schiesst, ist einfach im Vorteil», sagte U-21-Nationaltrainer Stefan Kuntz nach dem Spiel bei der ARD.

Peter Hyballa

Peter Hyballa arbeitete als Junioren-Trainer unter anderem bei Borussia Dortmund. Bild: IMAGO / Newspix

Und eine hohe Intensität könnten die vermeintlich individuell schwächeren oder nicht so spielstarken Teams auch leisten. «Die Schweiz und Tschechien sind den Top-Teams auf die Nerven gegangen und mannschaftlich gut zusammengeblieben», analysiert Hyballa. «Das hat einfach was damit zu tun, ob ich mich quälen kann, und nicht mit Taktik.» Und diesen Willen, sich zu quälen, hatten die Engländer über 90 Minuten einfach ein Stück mehr als die DFB-Elf.

Der gewohnt ehrgeizige Joshua Kimmich konnte nach dem Aus seine Tränen auch nicht zurückhalten. «Wir sind natürlich alle masslos enttäuscht.» In der Kabine herrschte laut Löw eine «Totenstille». Dann fügte er hinzu: «Es muss jetzt schon noch die ein oder andere Stunde vergehen, um das zu verarbeiten.»

Bild

Die Enttäuschung über das schnelle EM-Aus bei Joshua Kimmich (M.) war riesig. Bild: screeenshot ard

Für Jogi Löw war es das letzte Spiel als Bundestrainer:

Frankreich verspielt 3:1-Führung

Zur Erinnerung: Frankreich überstand die schwerste Gruppe des Turniers vor Deutschland, Portugal und Ungarn ziemlich souverän. Sie spielten aber nicht den berauschenden Offensivfussball, den man von internationalen Top-Stars wie Benzema, Mbappe, Griezmann und Pogba erwartet. Es wirkte so, als würde das Starensemble nur das wirklich Nötigste tun, um zum Erfolg zu kommen. Frei nach Motto: «Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss.»

Nach dem frühen 0:1-Rückstand gegen die Schweiz machten die Franzosen kurz Ernst und führten nach Toren von Benzema und Pogba prompt mit 3:1. Nur um in den letzten sechs Minuten noch zwei Gegentreffer zu kassieren und schlussendlich im Elfmeterschiessen zu verlieren.

epa09309453 Paul Pogba (L) of France celebrates after scoring his team's third goal during the UEFA EURO 2020 round of 16 soccer match between France and Switzerland in Bucharest, Romania, 28 June 2021.  EPA/Daniel Mihailescu / POOL (RESTRICTIONS: For editorial news reporting purposes only. Images must appear as still images and must not emulate match action video footage. Photographs published in online publications shall have an interval of at least 20 seconds between the posting.)

Nach dem 3:1 waren Torschütze Paul Pogba (l.) und Presnel Kimpembe siegessicher. Bild: keystone

«Entweder müssen sie noch ein Tor schiessen und mit 4:1 den Sack zu machen oder defensiv so gut stehen, dass sie kein Tor mehr bekommen», sagt Hyballa. Doch Seferovic (81.) und Gavranovic (90.) sorgten für den Ausgleich. Im Elfmeterschiessen behielten alle Schweizer Schützen die Nerven – Frankreichs Superstar Kylian Mbappe scheiterte als fünfter Schütze am Schweizer Schlussmann Yann Sommer.

Der Trend zu «hässlichen Toren»

Vize-Weltmeister Kroatien und Spanien holperten eher durch die Gruppenphase und qualifizierten sich beide als Gruppenzweite für das Achtelfinale. Der letztendlich verdiente 5:3-Sieg nach Verlängerung der Spanier war an Spektakel aber wohl nicht zu überbieten.

Allein das Eigentor des spanischen Supertalents Pedri wird auch noch in vielen Jahren in jedem EM-Rückblick zu sehen sein. Einen Rückpass von Höhe der Mittellinie konnte sein Torhüter Unaí Símon nicht annehmen und der Ball trudelte ins Tor.

Ähnlich wie die Schweiz drehten die Kroaten innerhalb der letzten Minuten einen 1:3-Rückstand in ein 3:3, hatten dann in der Verlängerung jedoch einfach keine Kraft mehr.

«Spielerisch sind sie sehr dominant. Die Strafraumbesetzung war in den ersten Spielen nicht gut, gegen Kroatien war sie aber besser», findet Hyballa. Bezeichnend dafür stand der Ausgleich der Spanier, bei dem gleich sechs Spieler der «La Roja» im Strafraum stehen. Ein abgefälschter Schuss von Sarabia führte schliesslich zum Ausgleich.

«Der Trend bei der EM, der auch nach dem Turnier bleiben wird, sind ganz klar hässliche Tore – seien es abgefälschte Schüsse oder Eigentore.»

Trainer-Experte Peter Hyballa

«Der Trend bei der EM, der auch nach dem Turnier bleiben wird, sind ganz klar hässliche Tore – seien es abgefälschte Schüsse oder Eigentore», erklärt der Trainerexperte, der das jedoch gar nicht so schlimm findet. «Es muss nicht immer die perfekte Lösung und ein schönes Spielen sein. Ich sage meinen Spielern auch immer, dass sie den Ball ins Tor prügeln müssen», sagt der Coach des dänischen Vereins Esbjerg fB.

Alle Teams wollen Fussball spielen

Die Niederlande schoss nicht nur hässliche Tore, begeisterte in der Gruppenphase mit acht Treffern und zog ohne Niederlage ins Achtelfinale ein. Anschliessend folgte das 0:2-Aus gegen Tschechien, die als bester Gruppendritter weiterkamen. Mit klassischer Manndeckung über den ganzen Platz nervten sie die Niederländer, die kein vernünftiges Passspiel aufziehen konnten.

«Sie haben oft den langen Ball provoziert, um in die Mann-gegen-Mann-Duelle zu kommen und dort sind sie gut. Und vorne haben sie mit Schick einfach einen guten Stürmer.»

Was dennoch auffällig war: Keines der vermeintlich kleineren Teams stand nur tief in der eigenen Hälfte, verteidigte und wollte durch Standardsituationen zum Tor kommen. «Die Standards aller Teams sind extrem schlecht. Da sieht man als Trainer und Spieler noch viel Potenzial nach oben.»

26.06.92 Dänemark - Deutschland Schweden, Göteborg, 26.06.1992, Fussball, UEFA EM Europameisterschaft 1992 in Schweden, Finale, Dänemark DFB Deutschland 2:0: Flemming Povlsen Dänemark mit dem EM Pokal. *** 26 06 92 Denmark Germany Sweden, Gothenburg, 26 06 1992, Football, UEFA European Championship 1992 in Sweden, Final, Denmark DFB Germany 2 0 Flemming Povlsen Denmark with the European Cup

Auch einen Überraschungseuropameister wie Dänemark 1992 schliesst Hyballa nicht aus. Bild: IMAGO / Sportfoto Rudel

Vielmehr ist es für Hyballa auffällig, dass viele Teams sehr geordnet verteidigen, auch mit einem Rückstand gut umgehen können und dann das System wechseln. «Aber wenn sie müssen, dann rennen sie auch nach vorn.»

Zwar setzt der ZDF-Experte auf Belgien als Europameister, da sie alle Facetten bedienen können, dennoch schliesst er auch einen Überraschungseuropameister wie Dänemark nicht aus.

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Das Schweizer Frankreich-Märchen in 41 Wahnsinns-Bildern

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Das Schweizer Frankreich-Märchen in 41 Wahnsinns-Bildern
quelle: keystone / jean-christophe bott
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