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epa09117334 A man receives the second dose of the Pfizer vaccine against covid-19, at the Republica de Colombia school, in San Miguelito, Panama, 05 April 2021. Panama, with 356,377 cases of covid-19 and 6,135 deaths from the disease, has contracted the purchase of 7.2 million doses of vaccine, 5 million from Pfizer and the rest of AstraZeneca, the Covax mechanism, and has entered into conversations with Russian and Chinese developers to access Sputik V and Sinovac preparations.  EPA/Bienvenido Velasco

Corona-Impfstoffe wie jene von Pfizer oder Moderna haben eine hohe Wirksamkeit. Bild: keystone

Was die Wirksamkeitsrate der Covid-Impfstoffe aussagt – und warum sie nebensächlich ist

Moderna und Pfizer haben Ende letzten Jahres verkündet, dass ihre Vakzine zu 94, respektive 95 Prozent vor einer Covid-19-Infektion schützen. Doch diese Zahlen zeichnen ein unvollständiges Bild.



Der Impfstoff von Astrazeneca hat derzeit nicht den besten Ruf. Deutschland stoppte die Verabreichung des Vakzins bereits zum zweiten Mal wegen Fällen von Sinusvenenthrombosen. Mittlerweile dürfen sich nur noch Menschen über 60 damit impfen lassen.

Doch der Astrazeneca-Impfstoff wurde nicht erst seit Bekanntwerden dieser Fälle argwöhnisch beäugt. Im Februar häuften sich Berichte, wonach Leute ihren Impftermin stornierten oder sogar schwänzten, als sie erfuhren, dass sie mit dem Astrazeneca-Vakzin geimpft werden sollten.

Grund dafür waren Studienergebnisse zu der Wirksamkeit des Impfstoffes. In einer ersten Studie bescheinigte man dem Vakzin eine Wirksamkeit von 63 Prozent. Nur wenige Teilnehmende der Studie waren allerdings über 65 Jahre alt. Eine neue, im März durchgeführte Studie ergab, dass Astrazenecas Impfstoff bei Menschen über 65 eine Wirksamkeit von 85 Prozent hat.

Viel besser sind da die Zahlen der mRNA-Impfstoffe von Pfizer und Biontech sowie Moderna. Pfizers Impfstoff soll zu 95 Prozent vor einer Corona-Infektion schützen, Modernas zu 94 Prozent. Dank diesen Zahlen gelten sie als Superstars unter den Impfstoffen.

Doch ganz so einfach ist es nicht. Die Aussagekraft dieser Zahl ist begrenzt und auch bei weitem nicht die wichtigste Kennzahl. Um ein ganzheitliches Bild der Situation zu bekommen, muss man sich folgende Fragen genauer anschauen:

  1. Wie kamen diese Zahlen zur Wirksamkeit überhaupt zustande?
  2. Warum gibt es so grosse Unterschiede zwischen den Impfstoffen?
  3. Was sagen sie genau aus?
  4. Was soll ein Impfstoff eigentlich bewirken?

Wie kamen diese Zahlen zur Wirksamkeit überhaupt zustande?

Das haben sich auch die Kollegen des US-Newsportals «Vox» auch gefragt. Wer die Erklärung also lieber im Bewegtbild sehen will, kann dies hier tun:

abspielen

Video: YouTube/Vox

Die Zahlen zur Wirksamkeit der Vakzine stammen allesamt aus grossen Phase-3-Studien. Bei Pfizers Studie haben knapp 44'000 Probanden teilgenommen, bei Moderna 30'000 und bei Astrazeneca ebenfalls knapp 44'000 Personen.

In diesen Studien wird so vorgegangen, dass man der Hälfte der Probanden den richtigen Impfstoff verabreicht, die andere Hälfte kriegt ein Placebo. Nach einer bestimmten Zeit wird untersucht, wie viele Personen aus beiden Gruppen an Covid-19 erkrankt sind.

Die Mathematik hinter der Wirksamkeitsrate ist folgende: Wenn sich bei einer Testgruppe auf beiden Seiten zehn Leute mit Covid-19 infizieren, dann hat der Impfstoff eine Wirksamkeit von null Prozent. Denn bei gleich hohen Infektionszahlen auf beiden Seiten hat das Vakzin ja offensichtlich keine Rolle gespielt. Gab es jedoch 20 Infektionen auf der Seite der Placebo-Empfänger und null bei den tatsächlich Geimpften, so hat das Vakzin eine Wirksamkeit von 100 Prozent.

Von den knapp 44'000 Probanden bei der Pfizer-Studie erkrankten 170 Personen während des Untersuchungszeitraums an Covid-19. 162 davon erhielten ein Placebo. Lediglich acht Personen waren tatsächlich geimpft. Daraus ergibt sich eine Wirksamkeit von 95 Prozent.

Das heisst nicht, dass sich von 100 geimpften Personen immer fünf anstecken werden. Die Wirksamkeitsrate bezieht sich auf das Individuum. Ist man also mit dem Pfizer-Vakzin geimpft, so hat man gegenüber Ungeimpften eine um 95 Prozent geringere Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu erkranken.

Warum gibt es so grosse Unterschiede zwischen den Impfstoffen?

Wir wissen also, dass die mRNA-Impfstoffe von Pfizer und Moderna extrem effektiv sind. Auch der russische Sputnik-V-Impfstoff oder das Novavax-Vakzin haben Wirksamkeitsraten um die 90 Prozent.

Bei den Impfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson sieht es jedoch anders aus. Die beiden kommen lediglich auf eine Wirksamkeit von 67, beziehungsweise 66 Prozent.

Natürlich sind alle Impfstoffe verschieden und bauen auf anderen Grundlagen auf. Es ist also legitim, dass nicht alle gleich gut wirken. Doch damit allein lassen sich die Unterschiede nicht erklären.

Ein wichtiger Punkt sind die Umstände, unter denen die Phase-3-Studien durchgeführt wurden. So fand sowohl die Moderna-, wie auch die Pfizer-Studie in den USA statt, und zwar von August bis November, als die Infektionszahlen auf einem relativ niedrigem Niveau waren. Auch spielten zu dieser Zeit die verschiedenen Mutationen aus Brasilien, Grossbritannien und Südafrika noch keine Rolle.

Anders sieht es zum Beispiel bei Johnson & Johnson aus. Ihre Phase-3-Studie wurde grösstenteils in Südafrika und Brasilien durchgeführt, von Oktober bis Ende Januar. Sowohl Brasilien als auch Südafrika hatten in dieser Zeit mit sehr hohen Infektionszahlen zu kämpfen, ausserdem hatten sich die meisten der Probanden, die sich ansteckten, mit den neu aufgekeimten Mutationen aus den jeweiligen Ländern infiziert.

Das heisst: Die Probanden waren generell einem höheren Risiko ausgesetzt sich zu infizieren, da mehr Fälle mit ansteckenderen Varianten existierten.

Diese Umstände dürften erheblich dazu beigetragen haben, dass die Wirksamkeit von Johnson & Johnson so viel tiefer ausgefallen ist. Um ein realistischeres Bild der Wirksamkeit zu erhalten, hätten alle Impfstoffe zur selben Zeit, am selben Ort getestet werden müssen. Auch müsste man sich darauf einigen, was genau eine Infektion ist. Denn gewisse Studien zählten Menschen mit keinen oder sehr milden Symptomen nicht zur Gruppe der Infizierten. Andere schon.

Was sagen die Zahlen zur Wirksamkeit genau aus?

Hier kommen wir zu einer Definitionsfrage. Denn die «Wirksamkeit», von welcher gemeinhin die Rede ist, beziffert nur die Wahrscheinlichkeit, sich überhaupt mit Covid-19 anzustecken.

Doch es gibt Abstufungen zwischen tödlicher Covid-19-Infektion und gar keiner Infektion. Es gibt Fälle, in denen Leute hospitalisiert und beatmet werden müssen, jedoch überleben. Dann gibt es solche, welche eine Infektion wie eine sehr starke Grippe erleben, aber keine medizinische Hilfe benötigen. Und dann gibt es natürlich noch asymptomatische Infektionen oder solche, welche nur geringe Symptome hervorrufen. Dies führt direkt zu Punkt Nummer vier:

Was soll ein Impfstoff eigentlich bewirken?

Dass die mRNA-Impfstoffe von Pfizer und Moderna einen so hohen Schutz vor einer Infektion bieten, ist toll. Doch eigentlich wurden sie gar nicht zu diesem Zweck hergestellt.

Das Ziel dieser Impfungen war und ist, dass Menschen nicht mehr an Covid-19 sterben oder deswegen hospitalisiert werden müssen. Und das machen alle Impfungen gleich gut.

Egal welche Studie zu welchem Vakzin, keiner der geimpften Probanden musste sterben oder hospitalisiert werden. Alle Impfungen bieten also einen 100-prozentigen Schutz vor einem schweren Verlauf. Und genau dafür wurden sie hergestellt.

Klinische Studien sind also wichtig, um die Sicherheit eines Impfstoffes zu prüfen. Auch ist es wichtig zu sehen, wie wirksam sie sind. Die Wirksamkeit, vor allem die absolute, ist jedoch nicht alles. In der realen Welt können unterschiedliche Wirksamkeitsraten gleich nützlich sein.

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie

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Das Coronavirus in der Schweiz – eine Chronologie
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