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So waren die 10 Ecstasy-Pillen verpackt. Bild: !Mediengruppe Bitnik

Kommentar zur !Mediengruppe Bitnik

Ein Computerprogramm bestellt selbständig Ecstasy, jetzt bestraft St. Gallen dafür Künstler

Die Ausstellung «Darknet» in der Kunst Halle St. Gallen ist zwar zu Ende, doch für die !Mediengruppe Bitnik und ihr Kunstwerk «Random Darknet Shopper» geht der Ärger jetzt erst los. 



Das Darknet heisst Darknet, weil es dort dark ist. Weil man dort alles findet, vom Sexsklaven bis zum Auftragskiller und selbstverständlich auch Drogen. Die man in Zürich allerdings genausogut an jeder Strassenecke kaufen könnte.

Jetzt hat ein Computerprogramm also selbständig Ecstasy gekauft, nicht sonderlich viel, bloss 10 Pillen, und dafür wird nun das Künstlerkollektiv !Mediengruppe Bitnik bestraft. Denn das Programm, der Bot, hat im Auftrag der Künstler gehandelt. Hatte drei Monate lang in der Kunst Halle St. Gallen im Rahmen der Ausstellung «Darknet» per Zufallsgenerator und mit einem wöchentlichen Sackgeld von Bitcoin im Wert von 100 Dollar im Darknet geshoppt. 

Er hätte auch einen Auftragskiller bestellen können

Der Bot machte, was von einem guten Mitarbeiter erwartet wurde – er schaffte es, im Darknet eine Identität zu gewinnen und baute ein Vertrauensverhältnis zu den Anbietern auf. Dann kaufte er fröhlich billige Diesel-Jeans und Nike-Turnschuhe, einen gefälschten ungarischen Pass, Überwachungs-Gadgets für Privatdetektive, alle «Lord of the Rings»-Romane als E-Book für 0,99 Dollar, viele Zigaretten, ein Allzweck-Schlüsselset für die britische Feuerwehr, eine Platinum Visa Card und eine Louis-Vuitton-Tasche. Und – in Folie eingeschweisst und dann in eine DVD-Hülle gepackt – die Pillen des Anstosses. Mit einer herzigen Twittervogel-Prägung.

Gut, der Bot hätte auch einen Auftragskiller bestellen können oder Snuff-Pornos, hat er aber nicht. Sein schlimmstes Vergehen in der Zeit seiner unkontrollierter Bestelltätigkeit waren die 10 Pillen. All das war in der Kunst Halle in Vitrinen ausgestellt und dokumentiert, es war der transparenteste Blick ins Darknet, der einer grösseren Öffentlichkeit bisher gewährt war.

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Das hilfreiche Schlüsselset. Bild: Mediengruppe Bitnik

Es war kein gefährlicher Blick – dafür war das Budget am Ende wohl zu klein –, eher ein amüsierter, besonders was die Verpackungskünste der Anbieter angeht. Aber es waren durchaus Ansätze von Darkness zu erkennen. Neben günstiger Markenmode stiess der Bot doch immer wieder auf erschwingliche Möglichkeiten, einander gnadenlos zu überwachen.

Und die Ersetzbarkeit des Menschen durch ein Programm, das sich zudem verselbständigt, die ist in jedem Falle bedenkenswert. Robert Harris hat darüber den Thriller «The Fear Index» geschrieben, danach traut man seinem Computer nicht mehr. 

Die Schweiz und ihre Skandale

Am 11. Januar ging die Ausstellung zu Ende. Am Morgen des 12. Januars, so teilte Bitnik heute Donnerstag mit, «beschlagnahmte und versiegelte die Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen in der Kunst Halle unsere Arbeit. Mit der Beschlagnahme und der Vernichtung der Ecstasy-Pillen soll offenbar eine Drittgefährdung ausgeschlossen werden».  

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Der falsche Pass. Bild: Mediengruppe Bitnik

Die Schweiz hat also einen neuen kleinen Kunstskandal. Dazu braucht es in der Schweiz nie vieles. Der Sprayer von Zürich Harald Nägeli war einer. 1995 durfte im Zürcher Helmhaus die Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Ellen Cantor nicht eröffnen, weil sie mit Bleistift angeblich pornografische Figuren an die Wände gezeichnet hatte. 2004 liess Thomas Hirschhorn im Centre Culturel Suisse in Paris ein Blocher-Bild anpinkeln – und der Kulturstiftung Pro Helvetia wurde das Geld gekürzt. 

Die öffentliche Schweiz, die Geldschweiz, ist in solchen Fällen stets furchtbar pikiert, dabei ist in der Schweiz – abgesehen von ein paar Hauswänden – noch niemand im Namen der Kunst zu Schaden gekommen. Und was hat sich die Staatsanwaltschaft denn vorgestellt? Dass Bitnik die 10 Pillen als Kunstaktion an der HSG verteilen würde? Haben die nicht schon genug davon? Muss das jetzt wirklich sein?

Damien Hirst stoppt auch keiner

Die Pillen sind jetzt Teil eines Kunstwerks und wären damit auch potentieller Teil künftiger Ausstellungen. Was natürlich wiederum andere Fragen aufwerfen würde: Wie kämen die Kunst-Drogen zu einer Schau im Ausland durch den Zoll? Wie ein gefälschter Pass? Aber schliesslich reist Damien Hirsts vieltausendteilige Tabletten-Installation auch schon seit Jahren um die Welt und niemand hat sie bisher gestoppt.

Bevor Bitnik den «Random Darknet Shopper» losschickte, konsutierten sie Kunstexperten und Anwälte und auch das Museum selbst sicherte sich juristisch ab. Es hat nichts gebracht. Die Schweizer Bedenkenträgerei muss mal wieder ein Kunstwerk, das bis nach Amerika ausstrahlte, klein denken. Aber wenn das Künstlerkollektiv schlau ist – und es ist aktuell das Schlauste, was wir haben – integriert es dies ganz einfach in sein nächstes Werk. Wir bleiben gerne dran.

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • FlohEinstein 16.01.2015 08:16
    Highlight Highlight Merke: Es ist noch niemand "bestraft" worden, es fand erst eine Beschlagnahme und Versiegelung statt. Ob und inwiefern Anklage erhoben oder Strafbefehl erlassen wird ist noch völlig offen.
  • Thanatos 16.01.2015 02:53
    Highlight Highlight Also 100 Bitcoins pro Woche als Sackgeld sind ja auch nicht wenig. Nur etwa 40'000-20'000 CHF. Da könnte man ja fast den halben Evolutionmarket zusammenkaufen ;)
    • Simone M. 16.01.2015 08:38
      Highlight Highlight sorry, ist korrigiert... (siehe oben).
  • saukaibli 15.01.2015 21:34
    Highlight Highlight Hahaha, zu geil, Scheissbot, ich würde das Ding mit dem übelsten Virus infizieren den ich finden kann und es dann mit einem Beil zerhacken. Zum Glück leben wir in einem Land wo man wegen ein paar Pillen nicht in den Knast geht.
  • Citation Needed 15.01.2015 19:48
    Highlight Highlight Ich war mal an einer Polizeiausstellung zum Thema Drogen. Da haben sie ECHTES!! Koks und so ausgestellt. Diente der Prävention, hiess es, didaktisch und so. Dabei hätten die genausogut Backpulver hintun können. Aber nein, zum Schutz der Ware standen finster dreinblickende Beamte vor jedem Exponat, damit es ja keiner, an... äh, entwende. Reine Selbstinszenierung, und geredet hat keiner, man will sich ja nicht verdächtig machen - sehr beklemmend. Und irgendwie sinnlos und absurd. Im Gegensatz zu Bitnik, wie ich finde..
    • Don Huber 16.01.2015 06:17
      Highlight Highlight Ja war ich auch schon, als ich die Wirteprüfung gemacht hatte. Zwei Tische haben die Polizei bereitgestellt mit allen möglichen echten Drogen. Gleich Kiloweise Koks war da auf dem Tisch zu sehen. :-) :-)
  • Nyi Phy 15.01.2015 18:35
    Highlight Highlight Genau wie Satire kein Freipass ist, ist auch Kunst keiner. Jeder muss sich an die Gesetze halten und sollte ein gesundes Mass an Empathie aufrecht erhalten.

    Da gibt es keine Ausreden und keine Ausnahmen.
    • Citation Needed 15.01.2015 19:34
      Highlight Highlight Der Fall erinnert mich an das Affenselfie von wegen Urheberrecht. Per Gesetz ist der Computer, wie auch der Affe, keine natürliche Person. Da stellt sich schon die Frage nach der Verantwortung - die Museum und Künstler ja zu klären versuchten. Wenn die Profis sogar nicht wissen, dass man sich mit sowas straffällig macht, wie soll denn "jeder" ohne Ausreden und Ausnahmen durchkommen? Am besten nie etwas neues probieren, immer ducken, immer abwarten, am besten totale Unterwerfung. Dagegen ist meine Omi (89) ja eine richtige Revoluzzerin!!!
    • philipp meier 15.01.2015 20:20
      Highlight Highlight wenn eine pissoir-schüssel ein (bekanntes) kunstwerk sein kann (duchamp /freytag-loringhoven), wieso sollen dann drogen nicht (teil) ein(es) kunstwerk(s) sein?
    • SCBDude 15.01.2015 20:50
      Highlight Highlight Weil Drogen illegal sind, Pissoirs nicht ;)
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