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Christian Karl Gerhartsreiter alias Clark Rockefeller während des Prozesses im Superior Court in Los Angeles, 15. August 2013. Bild: EPA

Charmeur, Hochstapler, Killer – der «falsche Rockefeller» vom Chiemsee

Er kam als deutscher Austauschschüler, narrte jahrzehntelang mit Tarnidentitäten die US-Society und wurde zum Mörder. Wie Christian Gerhartsreiters Kartenhaus einstürzte: eine Parabel vom Lügen – und vom Belogenwerden.

17.11.17, 20:15 18.11.17, 13:27

Marc Pitzke, New York

Ein Artikel von

Zum Verhängnis wurde ihm seine kleine Tochter. Clark Rockefeller hatte das Sorgerecht für die Siebenjährige verloren, mit der er ein neues, stilles Leben anfangen wollte. Er sah nur noch einen bizarren Ausweg – sie zu entführen.

Dabei war das nicht mal seine verrückteste Entscheidung. Doch sie brachte seine gesamte Existenz zum Einsturz: ein Kartenhaus, das Rockefeller über Jahrzehnte aufgetürmt hatte. Denn er war ja weder ein Rockefeller noch reich, sondern ein Lügner, Hochstapler und zudem ein kaltblütiger Killer.

Rockefeller lebte unter fünf verschiedenen Identitäten in den USA. bild: my friend rockefeller / youtube

Dies ist die morbide Saga von Christian Karl Gerhartsreiter, 56, den man in den USA unter wechselnden Identitäten kannte, zuletzt als Clark Rockefeller, einen vermeintlichen Milliardenerben aus der Öldynastie. Der Deutsche, der derzeit in Kalifornien eine 27-jährige Haftstrafe absitzt, erflunkerte sich eine illustre Karriere in der US-Society, mit falschen Namen, falschen Biografien und dem Talent, stets zu sagen, was alle hören wollten.

Geboren wurde Gerhartsreiter 1961 im oberbayerischen Siegsdorf als Sohn eines Malers und einer Schneiderin. Er wollte schon immer jemand anders sein. Die enge Provinz am Chiemsee, die Allüren der Mutter, das Stammtischgerede des Vaters: «Da will man nur noch weg», sagte er der Dokumentarfilmerin Steffi Kammerer in einem seltenen Interview.

In diesem Haus in Bergen, Chiemgau (aufgenommen im August 2008) sollen die Mutter und der Bruder von Rockefeller gewohnt haben. Bild: EPA

Mit 17 schaffte er es als Austauschschüler nach Connecticut, aber schon das fusste auf Lügen. Die reichen Eltern, die Einladung einer kalifornischen Gastfamilie: alles ausgedacht. Als das aufflog, wanderte er weiter nach Wisconsin, wo er, jetzt als Chris Gerhart, Film studierte. Er tat so, als wäre er mit Steven Spielberg und Harrison Ford befreundet, und sicherte sich eine Green Card – per Heirat mit einer ahnungslosen 22-jährigen Amerikanerin, die er bereits am Tag nach der Hochzeit verliess.

Nächste Station: San Marino, ein feiner Vorort von Hollywood. Jetzt hiess er Christopher Chichester und war ein britischer Aristokrat. Er spielte in der Theatergruppe mit und träumte von einer Schauspielkarriere. Er engagierte sich in der Kirchengemeinde, glänzte mit royalem Englisch, schrillen Storys und Blazern mit goldenen Knöpfen.

Rockefeller während eines Prozesses im September 2008 im Suffolk Superior Court in Boston. Bild: EPA

Wer einmal drin ist, ist drin

Tatsächlich hatte Gerhartsreiter keine Ausbildung, war aber belesen und häufte grosses Wissen an. Er war intelligent, charmant, trat gewinnend statt übertrieben prahlerisch auf. Damit narrte er alle – zu einer Zeit, als man Biografien und Identitäten noch nicht googeln konnte.

Wer genau hinhörte, stiess auf Widersprüche. Doch Chichester/Gerhartsreiter passte prima in die protzige Gegend. «Der Inbegriff der Eleganz», erinnerte sich ein Bekannter später. Und eine andere: «Warum sollte ich daran zweifeln?»

Rockefeller schmiss Cocktailpartys und sammelte gefälschte Kunst. bild: my friend rockefeller / youtube

Dass er über einer Garage wohnte, wussten nur wenige. Im Haupthaus, einer dieser stuckbesetzten Villen, wie sie Kalifornien prägen, lebte ein schrilles Dreigestirn: Ruth Sohus, eine dem Alkohol zugeneigte Eigenbrötlerin, ihr Adoptivsohn John, ein Computer-Geek, und dessen künstlerisch bewanderte Ehefrau Linda.

Im Februar 1985 verschwanden John und Linda spurlos, angeblich waren sie in Europa unterwegs. Zur gleichen Zeit verschwand auch Christopher Chichester.

Die Maskerade ging weiter: In Connecticut tauchte er wieder auf, nun als Christopher Crowe, und fand Arbeit als Aktienbroker. «Er machte einen cleveren Eindruck», sagte sein damaliger Chef Stanford Phelps später. Doch Phelps feuerte ihn, als herauskam, dass er eine falsche Sozialversicherungsnummer benutzte – die eines berüchtigten Serienkillers.

Ein Skelett in Plastikbeuteln

Also erfand sich Gerhartsreiter abermals neu – als Bond-Trader an der Wall Street. Aber auch davon hatte er keine Ahnung. Dafür gab er sich den schlagkräftigsten Namen seiner langen Lügenlaufbahn: Clark Rockefeller. Ein Spross des legendären Öl-Clans? Die Möchtegerns Manhattans glaubten es nur zu gern. Fortan schmiss Gerhartsreiter Cocktailpartys, erzählte von seinen Eltern, die er bei einem Flugzeugabsturz verloren habe, sammelte – gefälschte – Kunst und betörte damit nicht nur seine Nachbarin, eine Galeristin. 1994 heiratete er Sandra Boss, eine reiche Unternehmensberaterin aus Boston.

Sandra Boss im Zeugenstand am Prozess gegen Rockefeller. Bild: EPA

Anfang Mai des selben Jahres machten Bauarbeiter am anderen Ende Amerikas, im Garten der inzwischen verstorbenen Ruth Sohus in San Marino, bei der Ausschachtung eines Swimmingpools einen grausigen Fund: drei Plastiktüten, darin ein zerstückeltes Skelett, ein Flanellhemd und Jeans. Der Fall blieb lange ungeklärt.

Gerhartsreiter und seine Frau waren 13 Jahre verheiratet, hatten eine Tochter, zogen nach New Hampshire und dann ins Bostoner Nobelviertel Beacon Hill. Doch 2007 liess sich Sandra scheiden. Als sie das alleinige Sorgerecht erhielt, plante Gerhartsreiter eine letzte Flucht – mit seiner Tochter, die er bei einem Boston-Besuch im Sommer 2008 auf offener Strasse entführte.

Es war diese absurde Verzweiflungstat, die ihn zu Fall brachte: Sechs Tage später fand die Polizei ihn in Baltimore, diesmal unter dem Namen Chip Smith. Gerhartsreiter landete in Untersuchungshaft und erhielt eine mehrjährige Gefängnisstrafe.

Damals Chichester: Rockefeller in der Zeitung. bild: my friend rockefeller / youtube

Die Macht der Einbildung

Den Verdacht eines Zusammenhangs zwischen dem «Fake-Rockefeller» und dem Verschwinden des Ehepaars Sohus gab es schon 2008. Dann löste sich in Kalifornien das Rätsel des Skeletts von San Marino. 2010 wurden die Knochen mit neuen DNA-Untersuchungsmethoden identifiziert – als die Überreste von John Sohus, getötet durch Schläge auf den Kopf. Schnell zog die US-Justiz die Verbindung zum früheren Untermieter seiner Mutter und klagte Gerhartsreiter an, Sohus erschlagen zu haben; von dessen Frau Linda Sohus fehlt bis heute jede Spur.

Gerhartsreiter bestritt die Tat stets, wurde aber 2013 des vorsätzlichen Mordes schuldig gesprochen und zu 27 Jahren Haft verurteilt. Auch im Revisionsverfahren 2015 blieb es wegen der zahlreichenden belastenden Indizien beim Schuldspruch.

Wie hatte es nur so weit kommen können? Wie konnte er alle foppen, dieser Mann, der sich mal als Mitglied der britischen Königsfamilie, mal als Freund von Helmut Kohl ausgab? Den sie jetzt mit dem Grossen Gatsby verglichen, dessen Lügengeflechte jedoch selten mehr waren als dünne Hirngespinste?

Aus der Agenda von Rockefeller. bild: my friend rockefeller / youtube

Dokumentarfilmerin Kammerer liess viele seiner Weggefährten reden, deren Worte sind Offenbarungen über die US-Gesellschaft. «Dass er seine Identität als Rockefeller so lange durchziehen konnte, hängt viel mit Autosuggestion zusammen», sagte Steffi Kammerer in einem «Stern»-Interview. «Viele fühlten sich und ihr Leben durch diesen Menschen bereichert.»

Er sorgte für ein bisschen Glamour, er schüttelte immer ein paar geistreiche Bemerkungen aus dem Ärmel. Ein Freund belügt einen nicht. Wie könnte man vom Namen Rockefeller nicht beeindruckt sein? Die Belogenen schienen plötzlich nicht weniger schuldig als der Lügner.

Rockefeller auf einem Boot. bild: my friend rockefeller / youtube

Schriftsteller Walter Kirn war mit ihm befreundet und schrieb das Buch «Blut will reden – eine wahre Geschichte von Mord und Maskerade». Nach dem Urteil fragte Kirn den Hochstapler, ob er für viele Menschen eine Fantasie erfülle. Gerhartsreiters lapidare Antwort: «Ich verstehe überhaupt nicht, warum mich jemand interessant findet.»

Dokfilm über Rockefeller:

Video: YouTube/Astra Film Festival

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    Alle Leser-Kommentare
  • Maria B. 18.11.2017 13:59
    Highlight In Europa, vorab der Schweiz, wäre es unmöglich soviele verschiedene Identitäten anzunehmen und sie auch mehr oder weniger öffentlich zu leben.

    Man muss sich an den meisten Orten in den zivilisierteren Industriestaaten ab- und wieder anmelden, dies mittels Ausweispapieren etc.etc.

    Mag ja sein, dass die USA ein grosses Land sind, wobei es gerade dort eingedenk der zahllosen Kriminellen mehr als sinnvoll wäre, diese Anmelderituale endlich zu optimieren....
    9 2 Melden
  • meliert 18.11.2017 09:30
    Highlight kaum vorstellbar, dass ein Deutscher akzentfreies British English sprechen kann, er schweint „ausgewöhnliche Talente“ zu haben
    40 9 Melden
    • ZH27 18.11.2017 17:15
      Highlight Seit wann ist eigentlich Deutschen-Bashing wieder in Mode? Ich kenne mehrere Deutsche die sehr gutes und nahezu akzentfreies Englisch sprechen. Der Durchschnittsschweizer kann überhaupt nicht besser Englisch als der Durschnittsdeutsche. Wahrscheinlich sogar eher schlechter, wenn man der letzten Studie von EF glauben will.
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  • sebi25 17.11.2017 23:24
    Highlight Tönt fast wie die live-Version von "Catch me if you can"
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