Türkei
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Eine Flüchtlingsfamilie in Nordsyrien versucht, ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Bild: EPA/EPA

«Menschenleben zählen nichts» – so erleben Zivilisten die türkischen Angriffe auf Afrin

Das türkische Militär hat die syrische Stadt Afrin eingekesselt. Die Bewohner haben kein Wasser, keinen Strom, kaum Medikamente - und Flucht ist ihnen kaum möglich. Sie werden von kurdischen Milizen aufgehalten.

17.03.18, 16:24 17.03.18, 18:03

Maximilian Popp, Istanbul



Ein Artikel von

Abo Halbja hat bis zuletzt gehofft, dass der Krieg an seiner Heimatstadt Afrin vorüberziehen würde. Er harrte gemeinsam mit seiner Familie in der Wohnung aus, lebte von Vorräten, die er angehäuft hatte.

Das türkische Militär war am 20. Januar in die Provinz Afrin im Nordwesten Syriens einmarschiert, um die kurdische Miliz YPG zu bekämpfen. Stück für Stück waren die Soldaten von den Rändern ins Zentrum der Provinz vorgerückt. Seit Beginn dieser Woche belagern sie nun Afrin, wo sich nach Schätzungen zwischen 300'000 und 500'000 Menschen aufhalten, darunter viele Flüchtlinge aus umliegenden Dörfern und Gemeinden.

Die Angriffe durch die türkische Luftwaffe hätten beständig zugenommen, berichtet Halbja am Telefon. Explosionen erschüttern die Innenstadt. Kurdische Aktivisten vermuten, die Türkei wolle Zivilisten durch die Bombardements vertreiben. Etwa 150'000 Menschen sollen Afrin in den vergangenen Tagen verlassen haben. Im arabischen Fernsehen sind Kolonnen von Flüchtlingen zu sehen.

Der Politologe und Türkei-Kenner Ismail Küpeli im watson-Interview

Auch Halbja entschied sich am frühen Freitagmorgen zur Flucht. Er packte das Nötigste in sein Auto und fuhr los. Aber am Stadtrand wurde er von YPG-Soldaten aufgehalten. Die Uno kritisiert, die YPG würde Zivilisten an der Flucht aus Afrin hindern. Halbja sagt, er musste umgerechnet 700 Euro an die Miliz zahlen, bevor er den Checkpoint passieren durfte. Er versteckt sich nun in einem Dorf, in einem Gebiet, das von Syriens Diktator Baschar al-Assad kontrolliert wird. «Wir wissen nicht, wie es weitergeht», klagt er. «Wir denken nur noch von Tag zu Tag.»

In Afrin spitzt sich die Lage für Zivilisten zu. Schon seit eineinhalb Wochen gibt es in dem Ort kein Wasser mehr und keinen Strom. Vor den Bäckereien betteln die Menschen vergeblich um Brot. In den Krankenhäusern gehen die Medikamente aus.

Kurden wollen Afrin «um jeden Preis verteidigen»

Die Türkei, so berichtet ein westlicher Diplomat, der mit dem Kriegsgeschehen vertraut ist, habe der YPG angeboten, über einen Korridor aus Afrin in den Südosten abzuziehen. Die Miliz hätte dies jedoch abgelehnt. «Wir werden Afrin um jeden Preis verteidigen», sagte ein YPG-Kommandant zu kurdischen Medien. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wies Forderungen des Europaparlaments nach einem Ende der Kampfhandlungen ebenfalls zurück. «Wir werden in Syrien bleiben, bis unser Job erledigt ist», sagte er. «Was sie (die Europäer) sagen, geht bei uns ins eine Ohr rein und aus dem anderen wieder heraus.»

Die Regierung in Ankara behauptet, bei der Operation «Olivenzweig» Rücksicht auf Zivilisten zu nehmen. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte, einer Nichtregierungsorganisation mit Sitz in London, seien seit Mitte Januar bereits mehrere hundert Menschen bei den Gefechten ums Leben gekommen. Menschenrechtler warnen vor einem Massaker, sollte es nun, wie von beiden Kriegsparteien angekündigt, zu einem Häuserkampf in Afrin kommen.

Das türkische Militär hat die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, die von der EU und den USA als Terrororganisation eingestuft wird, bereits im Winter 2015/2016 im Südosten der Türkei bekämpft. Der Militäreinsatz erstreckte sich in manchen Städten über mehr als hundert Tage. Ganze Nachbarschaften wurden dem Erdboden gleichgemacht, hunderte Zivilisten wurden getötet, hunderttausende mussten fliehen. Beobachter rechnen damit, dass der Krieg gegen die YPG, den syrischen Ableger der PKK, mindestens genauso lange andauern wird - und noch blutiger werden könnte.

Bei den Menschen in Afrin wächst die Wut gegen das türkische Militär - aber auch gegen die YPG. «Hier in Syrien führt jeder seinen eigenen Krieg», sagt ein Bewohner, der sich noch in Afrin aufhält und anonym bleiben möchte. «Menschenleben zählen nichts.»

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Brikne, 20.7.2017
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    Alle Leser-Kommentare
  • Malthael 18.03.2018 10:06
    Highlight Afrin um jeden Preis verteidigen... 2 Stunden haben Sie gebraucht um die Stadt einzunehmen... Da wurde gar nichts verteidigt. Und studiert bitte mal die Taktik mit der die Türkei und ihre Verbündeten vorgegangen sind während der ganzen Operation. Die hätten alles Plattmachen können aber da ist ein Gedanke dahinter weshalb es die Paar Wochen gedauert hat um dieses Gebiet einzunehmen. Hat auch nichts mit den Dessertierten oder der fehlender Erfahrung wegen den Verhafteten vom Putsch zu tun. Objektive Berichterstattung wäre auch mal erfrischen in dieser Sache.
    4 1 Melden
  • domimi 18.03.2018 01:02
    Highlight Und im Artikel vorher lesen wir über Auschwitz. Klingt leider irgendwie allzu ähnlich. Menschen sterben.
    0 2 Melden
  • kuwi 18.03.2018 00:42
    Highlight Es ist eine Schande, was die EU, die UNO und die NATO hier zulassen. Die Deutschen liefern Waffen, die Russen und die USA schauen weg.
    Was ist los mit dieser Welt?
    1 1 Melden
  • azoui 17.03.2018 19:12
    Highlight Aber die Welt echaufiert sich über die Scharade des vergifteten Russen und seiner Tochter.
    30 17 Melden
  • Maya Eldorado 17.03.2018 17:33
    Highlight Warum warum warum......
    warum muss das sein?
    Lasst doch die Menschen leben!
    66 4 Melden
  • N. Y. P. 17.03.2018 17:19
    Highlight Die Uno kritisiert, die YPG würde Zivilisten an der Flucht aus Afrin hindern.

    Habe ich es überlesen ? Wieso lässt die YPG die Zivilisten nicht passieren ?
    24 10 Melden
    • manhunt 17.03.2018 17:48
      Highlight sind erst einmal keine zivilisten mehr in der stadt, wird sich die türkische militärführung dazu legitimiert sehen, afrin dem erdboden gleichzumachen.
      62 3 Melden
    • Skip Bo 17.03.2018 17:51
      Highlight In dieser Gegend ist es üblich Zivilisten als Schutzschschild zu benutzen, in der Hoffnung, zivile Opfer würden die Angreifer abschrecken. Es ist leider auch eine Tradition, dass das den Angreifern egal ist.
      40 10 Melden
    • N. Y. P. 17.03.2018 17:54
      Highlight Die YPG nimmt die eigene Bevölkerung als Geiseln ?
      Dann wären sie keinen Deut besser als Erdogan.
      38 17 Melden
  • Knety 17.03.2018 16:37
    Highlight Und die Türkei war einmal ein so cooles Land.
    94 16 Melden
    • blobb 17.03.2018 17:38
      Highlight Wann war das genau? Muss vor 1915 gewesen sein. Dann muss du wohl das Osmanische Reich meinen.
      34 22 Melden
    • Alnothur 17.03.2018 19:05
      Highlight Das Osmanische Reich als cooles Land zu bezeichnen ist ziemlich gewagt...
      21 7 Melden
    • me myself 17.03.2018 19:57
      Highlight Wann war die Türkei cool? Wirklich modern war es nie, obwohl Atatürk sehr fortschrittich war. Leider sind sie wieder rückständiger geworden! Er dreht sich im Grab
      21 4 Melden
    • blobb 17.03.2018 23:56
      Highlight Ich hoffe ihr denkt jetzt nicht, dass ich das Osmanische Reich cool finde ;)
      0 0 Melden
    • Restseele 18.03.2018 11:33
      Highlight @me myself, @Alnothur, @blobb
      Ja, die Türkei war wirklich jahrzehntelang in grossen Teilen ein cooles Land. Auch der Iran und Afghanistan waren 'cool'. Man konnte ohne Probleme herumreisen und die Toleranz und Gastfreundschaft der Menschen war sehr gross.
      Nur weil die heutigen Regierungen ein anderes Bild vermitteln, kann man nicht auf alle Menschen schliessen.
      Es gibt übrigens sehr viele Menschen auf der Welt, welche die Schweizer als 'uncool' empfinden.
      0 3 Melden
    • me myself 18.03.2018 14:05
      Highlight "Uncool" und rückständing sind ja auch das selbe gell......
      1 1 Melden

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