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Lebt von Surprise-Stadtführungen und Strassenverkäufen: Hans Peter Meier (63). bild: noah salvetti

Vom Topverdiener zum Randständigen: Warum dieser Zürcher mit wenig Geld zufriedener ist

Hans Peter Meier arbeitete ununterbrochen und verdiente gutes Geld. Dann wurde er obdachlos. Heute lebt der Zürcher nicht mehr auf der Strasse, aber noch immer in Armut. Wie er dorthin geriet und warum ihn dieses Leben glücklicher macht.

noah salvetti



«Du bisch dä vom Bellevue, gäll?», fragt ein Passant, während Tauben Brotkrümel vom Boden picken. Hans Peter Meier, Strassenverkäufer und Stadtführer beim Verein Surprise, sitzt auf der Parkbank vor der St.Jakobskirche beim Stauffacher und nickt. Der Wind wirbelt sein lichtes graues Haar auf. «Letztes Mal hattest du eine bessere Frisur», sagt der Unbekannte. Er beschwert sich über einen Bettler. «Ich hätte wirklich Lust, so einen mal richtig zu vermöbeln. Aber du bist ein Netter, dir mache ich nichts», sagt der Fussgänger, bevor er weitergeht.

Hans Peter Meier ist kein Unbekannter. Einst ein gefragter IT-Spezialist, lebt der 63-jährige heute vom Verkauf des Strassenmagazins Surprise und von den Rundgängen durch Zürichs Strassen, bei denen er interessierten Menschen die Stadt aus der Perspektive von Randständigen zeigt.

«Am Anfang war die Arbeit die Droge, dann kam der Alkohol dazu.»

Hans Peter Meier

In seiner grell roten Jacke mit dem Surprise-Schriftzug und der passenden Mütze erkennt man Meier bereits von weitem, wenn er vor der Bellevue-Apotheke – seinem Stammplatz – um Käufer*innen wirbt. «Wegen Corona ist der Hefteverkauf stark eingebrochen, weil die Leute weniger unterwegs sind», sagt er. Ausfälle, die sich bemerkbar machen, denn Hans Peter Meier führt ein Leben unter dem Existenzminimum.

Vom Topverdiener zum Randständigen

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Nach einer Fotografenlehre, die er aus Passion absolvierte, zog es Meier in die boomende IT-Branche, in der er 15 Jahre lang als Softwarespezialist arbeitete. «Ich musste 365 Tage im Jahr rund um die Uhr erreichbar sein», sagt er. «Das sind wahnsinnige Belastungen.»

Noah Salvetti studiert Kommunikation mit der Vertiefung Journalismus an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Werkstatt «Multimediales Storytelling». Für die ganze interaktive Story geht's hier lang.

Oft arbeitete er 16 Stunden pro Tag. Dann begann er, zu trinken. «Am Anfang war die Arbeit die Droge, dann kam der Alkohol dazu.» 2001 platzte die Dotcom-Blase, IT-Unternehmen bauten unzählige Stellen ab. Die Krise kostete schliesslich auch Hans Peter Meier seinen Job. «Doch ich war optimistisch und hatte einiges zu kompensieren. Ich kündigte meine Wohnung und verreiste. Ich dachte, die Krise würde vorbei sein, wenn ich zurückkehre.»

Was wie ein Ticket in die Freiheit schien, war für ihn das Ticket in die Armut. «Das RAV hatte natürlich keine Freude daran, dass ich mich neun Monate nicht um eine Stelle bemüht habe. Ich erhielt eine Zahlungssperre, und irgendwann war das Geld weg», sagt Meier. Die nächste Station war das Sozialamt. «Das war extrem hart. Vor allem, weil ich ein sehr freiheitsliebender Mensch bin und mich schnell eingeengt fühle.»

Das Areal der St.Jakobskirche zieht viele Randständige an. «Einer von drei Orten in Zürich, die Kirchenboden sind», erklärt Hans Peter Meier. «Hier kann einem die Polizei nichts anhaben», schildert er und zeigt auf den überdachten Hintereingang der Kirche. «Das hier ist ein beliebter Schlafplatz für Obdachlose, weil er wettergeschützt ist. Hier wird oft übernachtet.» Problematisch sei jedoch, dass der Ort von weitem sichtbar sei und dass es streitlustige Partygänger*innen aus dem Langstrassenviertel hierhin nicht weit hätten. «Hier wurden schon oft Leute verprügelt», erzählt Meier. «Im Schlafsack hast du keine Chance, dich zu wehren.» Woher er das alles weiss? Meier lebte selbst anderthalb Jahre lang auf der Strasse.

Er deutet auf die Tramstation am Stauffacher. «Hier fängt die Gentrifizierung an.» Wo früher normale Parkbänke standen, findet man heute futuristisch anmutende Stehbänke zum Anlehnen. «Damit die Obdachlosen hier nicht schlafen können».

Nach seiner Rückkehr hielt sich der 63-Jährige mit Gelegenheitsjobs über Wasser – bis er Ende 2008 begann, Surprise-Magazine zu verkaufen, arbeitete er unter anderem für die Stadtreinigung. Auf der Lutherwiese, auf der tagsüber Kinder fröhlich herumtollen, habe er früher haufenweise Spritzen und leere Flaschen aufgefunden.

«Die Stadt tut alles dafür, um den Menschen vorzuspielen, es gäbe hier keine Probleme und wir lebten im Paradies. Dabei sieht man die Problematik einfach nicht mehr.» Ohne festen Wohnsitz übernachtete er erst auf der Strasse, dann oft im Lager des Unterhaltsbetriebs, bei dem er tätig war.

«Die Stadt tut alles dafür, um den Menschen vorzuspielen, es gäbe hier keine Probleme.»

Hans Peter Meier

«Es ist viel schwerer, in einem reichen Land arm zu sein als in einem armen.» Ohnehin gehe man immer davon aus, dass es Armut in der Schweiz nicht gebe. Das habe man auch im ersten Shutdown bemerkt, als den gemeinnützigen Institutionen untersagt wurde, Mahlzeiten auszugeben, obwohl viele Bedürftige darauf angewiesen wären.

Die zwei Leben, die Hans Peter Meier führte, könnten unterschiedlicher nicht sein. So selbstverständlich, wie er sich früher ein Wochenende in Singapur gönnte – «Teuer, aber mit null Erholungswert» – lebt er heute in einem Mansardenzimmer für 600 Franken pro Monat. «Am Anfang haderte ich sehr mit der Situation», sagt Meier.

Heute sei er viel zufriedener als früher. Er müsse zwar schauen, dass er über die Runden komme. «Aber die Freiheiten, die ich heute habe – die Unabhängigkeit und die Möglichkeit, meinen Arbeitstag frei einzuteilen – sind mir viel mehr Wert als das viele Geld, das ich verdient habe.» Ohnehin werde Armut zu oft nur über Geld definiert. Dabei könne man auch geistig oder körperlich arm sein. «Rein finanziell bin ich arm, aber ich leide nicht darunter. Und wer nicht leidet, ist nicht arm – innerlich fühle ich mich eher reich.»

Was bedeutet Existenzminimum?

Im Zusammenhang mit Armut wird häufig vom sogenannten «Existenzminimum» gesprochen. Das Existenzminimum ist kein einheitlicher Begriff. So gibt es ein betreibungsrechtliches Existenzminimum, ein für die Ergänzungsleistungen relevantes und ein soziales Existenzminimum.

Letzteres ist für die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS), die die von den meisten Kantonen angewandten Richtlinien definiert, relevant und setzt sich aus situationsbedingten Leistungen und der materiellen Grundsicherung, also den Kosten fürs Wohnen und die medizinische Grundversorgung sowie dem Grundbedarf für den Lebensunterhalt (GBL) zusammen. Der Grundbedarf beträgt laut den aktuellen Richtlinien 997 Franken. Von diesem Geld müssen beispielsweise Lebensmittel, Verkehrsausgaben und persönliche Gegenstände bezahlt werden. Da es sich um eine Empfehlung handelt, schwankt das Existenzminimum je nach Wohnkanton, -Gemeinde und Einzelfall.

Die Facetten der Armut

Armut kann jeden und jede treffen − die Gründe dafür sind dabei so vielfältig wie die Menschen, die davon betroffen sind. Doch die Hemmschwelle, öffentlich über das persönliche Schicksal zu sprechen, ist gross.

«Es ist erfahrungsgemäss sehr schwierig, Menschen zu finden, die bereit sind, über ihre Armut zu sprechen …» So lauteten zahlreiche Antworten auf Gesprächsanfragen.

Andrea (47)*, Cornelia (39)* und Sandra (43)* waren neben Hans Peter Meier ebenfalls bereit, ihre Geschichte zu erzählen. Sie alle mussten am eigenen Leib erfahren, wie schnell man in den Strudel der Armut geraten kann.

*Namen geändert

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Von arm bis reich: Die Lieblingsspielzeuge von Kindern

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quelle: zoriah miller for dollar street
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Ab wann gilt man in der Schweiz eigentlich als arm?

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