Afrika
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Warum Afrika einen Trumpf im Kampf gegen Covid-19 hat

Im Frühjahr war die Sorge gross, Afrika könnte schon bald ein Hotspot der Corona-Pandemie werden. Doch bislang ist es auf dem Kontinent weniger schlimm gekommen als befürchtet. Warum?

David Ruch / t-online



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Bild: keystone

Ein Artikel von

T-Online

Vor knapp zwei Monaten warnte die Weltgesundheitsorganisation ( WHO ) vor einer hohen Zahl von Opfern durch die Corona- Pandemie in Afrika. Sollten Massnahmen der Eindämmung scheitern, könnten in diesem Jahr bis zu 190'000 Menschen an der Krankheit Covid-19 sterben, jeder vierte der 1.3 Milliarden Einwohner des Kontinents drohe sich zu infizieren, sagte die Afrika-Leiterin der WHO, Matshidiso Moeti.

Bislang scheint dieses Katastrophenszenario noch nicht einzutreten. Afrika meldete bis Mitte der Woche etwa 405'000 positive Tests auf das Coronavirus , rund 10'000 Menschen sind nach einer Infektion verstorben. Im Vergleich zu Europa, wo bisher über zwei Millionen Fälle registriert wurden und deutlich mehr als 150'000 Menschen starben, sind diese Zahlen überschaubar.

Was also sagen diese Zahlen aus? Geben sie das tatsächliche Ausmass der Pandemie in Afrika wieder? Bilden sie ab, was die oft schwachen Gesundheitssysteme nun an zusätzlicher Belastung tragen müssen?

Afrika hatte anfangs Glück

James Elder vom UN-Kinderhilfswerk Unicef in Nairobi warnt davor, den Blick allein auf Fall- und Opferzahlen zu richten. «Das eine sind die auf Covid-19 zurückgeführten Todesfälle. Das andere ist die gestiegene Sterblichkeit in vielen Ländern», sagt er zu t-online.de. «Das rührt daher, dass die Gesundheitssysteme überlastet sind, hat aber auch mit den Massnahmen gegen die Ausbreitung des Virus zu tun.»

FILE - In this Friday June 19, 2020, a woman wearing a face mask passes a coronavirus billboard carrying a message in a bid to prevent the spread of the virus.  South Africa's Health Minister Zwelini Mkhize said Sunday June 28, 2020 the country's current surge of COVID-19 cases is expected to dramatically increase in the coming weeks and press the country's hospitals to the limit. (AP Photo/Themba Hadebe/File)

Bild: keystone

Afrika hatte anfangs Glück: Das Coronavirus breitete sich später auf dem Kontinent aus als anderswo. Als SARS-CoV-2 im Frühjahr in Südeuropa wütete und über fast die gesamte EU strikte Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden, blieb das Infektionsgeschehen in den meisten afrikanischen Ländern noch überschaubar. Aus Sorge, bald selbst von einer Infektionswelle überrollt zu werden, reagierten die Regierungen rasch und verhängten teils strikte Massnahmen. Uganda machte die Schulen dicht, als noch kein einziger bestätigter Corona-Fall im Land bekannt war. Andere zogen nach, stoppten den Flugverkehr, oder verboten wie Südafrika den Verkauf von Alkohol und das Joggen.

«Viele Länder haben unmittelbar die Mobilität eingeschränkt, grossflächig und nah an der Bevölkerung mit Gesundheitsaufklärung begonnen, nach Möglichkeiten gesucht, die Laborkapazitäten zu erweitern, Screening-Stellen eingerichtet, und Kontakte nachverfolgt», erläutert Anna Kühne, die als epidemiologische Beraterin für Ärzte ohne Grenzen tätig ist, gegenüber t-online.de. «Das sind alles Bausteine, die für eine gute Reaktion auf einen Ausbruch wichtig sind.» Zusammengenommen, so Kühne, könnten sie zu der Verschnaufpause, die Afrika gerade erlebe, beigetragen haben.

Ausgangsbeschränkungen bedrohen Existenzen

Das heisst allerdings nicht, dass die Krise in Afrika nicht da wäre. Im Gegenteil: Die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen sind schon jetzt erheblich. Weil über 80 Prozent der Menschen im informellen Sektor, also ohne staatliche Regulierung und Schutz, meist aber für eine schlechte Bezahlung arbeiten und auf jedes noch so kleine Einkommen angewiesen sind, treffen sie die Ausgangsbeschränkungen besonders hart. Und das Gesundheitswesen der meisten Länder ist kaum imstande, eine zusätzliche Belastung wie aktuell zu schultern.

«Wir wissen von Fällen, dass kranke Menschen keine Behandlung in den Kliniken bekommen haben. Wir wissen auch von schwangeren Müttern, die wegen der strikten Auflagen ihre Häuser nicht verlassen durften, und verstorben sind. Anderen fehlte schlicht das Geld für die Fahrt in die Klinik», schildert Elder die Lage in Ostafrika.

Impfprogramme gegen Masern gestoppt

Aber nicht nur für die Erwachsenen, auch für die Kinder sei die Lage sehr belastend, hebt der Unicef-Mitarbeiter hervor. «Rund 120 Millionen Kinder können derzeit nicht zur Schule gehen, weil diese geschlossen sind. Damit fehlt ihnen nicht nur der Unterricht, sondern auch die gesundheitliche Aufklärung, die jetzt besonders wichtig wäre.» Erschwerend komme hinzu, dass Impfprogramme gegen Masern gestoppt worden seien, weil die Mittel für den Kampf gegen Covid-19 gebraucht würden.

epa08505898 One of the first South African vaccine trialists gets injected during the clinical trial for a potential vaccine against the Covid-19 Corona virus at the Baragwanath hospital in Soweto, South Africa, 24 June 2020. 2000 South African volunteers are set to be given the Wits and Oxford Universities vaccine for COVID-19 over the next two months. 7,000 more people in the UK and 10,000 in the US would also take part in the trial.  EPA/SIPHIWE SIBEKO / POOL

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Auch das Rote Kreuz beobachtet die Situation mit grosser Sorge. Die meisten Familien hätten wegen der Einschränkungen des öffentlichen Lebens empfindliche Einkommensverluste zu tragen und bräuchten nun ihre Reserven auf. «Schwierig ist die Lage insbesondere für die Menschen, die in beengten Unterkünften leben, die Hygienevorgaben wie Händewaschen nicht einhalten können, da sie ungenügend Wasser haben, oder das 'social distancing' nicht einhalten können, da der Wohnraum sehr knapp ist», erklärt die Organisation gegenüber t-online.de.

Die Zahlen steigen

In den letzten Tagen zog das Tempo der Virusausbreitung in Afrika deutlich an. Es hatte 98 Tage gedauert, bis 100'000 Menschen nachweislich infiziert waren. Weitere 18 Tage später wurde die 200'000-Marke geknackt. Zwölf Tage später, am 21. Juni, waren es schon über 300'000 Fälle. Am Mittwoch, noch einmal zehn Tage später, waren es dann mehr als 400'000.

epa08493509 (25/28) Mother Sharon Jacobs holds her newly born 'corona baby' in her tiny house in Nieu Bethesda, South Africa, 11 June 2020. Sharon and other mothers in the town are struggling to feed their newborn children.  NGO Gift of the Givers visited the town to give the local mothers who gave birth during the lockdown children's food, nappies, and blankets. .In the barren expanses of the Karoo (Great dry land) in the Eastern Cape province of South Africa, a perfect storm of circumstances has had a major and devastating effect on the local people. Three months of Covid-19 coronavirus lockdown, a harsh seven-year drought, and the ongoing impact of the general economic slowdown over the past years along with an ill-prepared local and provincial government have left the vast majority of the local people under financial, physical and spiritual pressure.  EPA/KIM LUDBROOK      ATTENTION: For the full PHOTO ESSAY text please see Advisory Notice  epa08493494

Bild: keystone

Am stärksten betroffen ist Südafrika mit rund 150'000 Infektionen und 2'600 Toten. Allerdings testet auch kaum ein Land in Afrika dichter. Die Aussagekraft der Zahlen aus den anderen Ländern darf zumindest angezweifelt werden. Epidemiologin Anna Kühne weist auf die eingeschränkte Gesundheitsversorgung in vielen Ländern hin und auf die oft mangelnden Testkapazitäten. «Es kann sein, dass wir bisher noch nicht das volle Ausmass der Pandemie in den afrikanischen Ländern sehen», sagt sie deshalb.

Erfahrung im Kampf gegen Epidemien

Viele Länder unternehmen nun grosse Anstrengungen, die Testungen auszubauen. Ihnen kommt dabei zugute, dass sie in den zurückliegenden Jahren viel Erfahrung im Kampf gegen hochinfektiöse Krankheiten sammeln konnten. Das haben sie den Ländern Europas oder Nordamerikas voraus.

Kühne erläutert, viele afrikanische Staaten könnten auf Strukturen zurückgreifen, die bereits bei anderen Ausbrüchen zum Einsatz kamen. Es gebe ein Überwachungssystem für Infektionskrankheiten, mit dem Fälle identifiziert und zusammengetragen werden können. Zudem gebe es Laborkapazitäten und Logistik für den Probentransport, die nun den Anforderungen der Corona-Pandemie angepasst würden, darüber hinaus erfahrenes Personal.

Ein weiterer wichtiger Baustein seien die Community Health Worker, also Gesundheitsbeauftragte in den Gemeinden, die es in vielen afrikanischen Ländern gebe. Diese Helfer, erläutert Kühne, bieten auf lokaler Ebene einfache Gesundheitsleistungen an, überweisen Patienten in die Kliniken, leisten gesundheitliche Aufklärung und halten vor allem den Dialog mit den starken Gemeindestrukturen aufrecht. Kenia etwa, so erklärt James Elder von Unicef, schult derzeit 60'000 zusätzliche Helfer für den Einsatz in der Corona-Krise .

Die internationale Hilfe läuft weiter

FILE - In this Sunday, May 3, 2020 file photo, Margaret Andeya takes her daughter Gettrueth Ambio, 12, right, and her neighbor's daughter Jane Mbone, 7, left, back home after having their hair styled in the shape of the new coronavirus at the Mama Brayo Beauty Salon in the Kibera slum, or informal settlement, of Nairobi, Kenya Sunday, May 3, 2020. The coronavirus has revived a hairstyle in East Africa, one with braided spikes that echo the virus' distinctive shape, with the growing popularity in part due to economic hardships linked to virus restrictions. (AP Photo/Brian Inganga, File)

Bild: AP

Bei aller Dramatik bedeutet die aktuelle Notsituation für die Hilfsorganisationen auch so etwas wie Routine. Die Herausforderungen mögen wegen des hohen Infektionsschutzes diesmal schwierig sein. Doch die Versorgung läuft weiter – teilweise sogar noch intensiver als vor der Pandemie, erklärt das Rote Kreuz. Das Hauptaugenmerk der Mitarbeiter, die allesamt vor Ort geblieben seien, sei nun auf die Eindämmung der Pandemie gerichtet. In Äthiopien würden Handwascheinrichtungen an öffentlichen Plätzen zur Verfügung gestellt, in Uganda werde der Zugang zu Trinkwasser für die Flüchtlinge gewährleistet.

«Wir erreichen immer noch Millionen Menschen mit unserer Hilfe», betont auch James Elder von Unicef. «Die Versorgungsnetzwerke funktionieren, die Kommunikation mit den Behörden klappt. Wir können so eine Grundversorgung für viele Menschen sicherstellen. Und oft reicht es auch schon, den Menschen etwas Geld zu überbringen. Mit zehn Euro kommt eine Mutter durch den ganzen Juli.»

Eher Langstreckenlauf als Sprint

Afrika verfügt also über Ressourcen und Know-how, und hat auch die internationale Unterstützung, um diese Krise meistern zu können. Doch der Kampf wird ein zäher und langwieriger sein, erwartet Anna Kühne von Ärzte ohne Grenzen: «Die Tatsache, dass bisher weniger Fälle als erwartet auf einmal aufgetreten sind, heisst nicht, dass nicht sehr viele Fälle über einen langen Zeitraum zu erwarten sein können. Wir stellen uns deshalb eher auf einen Langstreckenlauf als auf einen Sprint ein.»

Dass die Krise noch länger anhalten könnte, bereitet auch James Elder von Unicef Sorgen. «Das Leben der Menschen ist definitiv noch einmal härter geworden», sagt er. Er meint damit nicht allein die Armen, sondern auch die afrikanische Mittelschicht, die in den vergangenen Jahren stets gewachsen ist. Mit den wirtschaftlichen Folgen wachse auch auf sie der Druck. «Die grosse Gefahr, die sich sehe, ist einfach, dass die Krise Millionen weiterer Kinder in die Armut treibt.»

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    Alle Leser-Kommentare
  • murrayB 02.07.2020 17:56
    Highlight Highlight Wieso ist der Coronavirus in Afrika so was von schnuppe? Weil es zig hundert schlimmere Dinge gibt - allen voran der Hunger und der Durst... Corona ist da ein Witz dagegen...
  • Randalf 02.07.2020 15:57
    Highlight Highlight
    In Ghana wurden die Grenzen ziemlich schnell geschlossen und bald darauf ein lockdown verordnet. Mittlerweile ist Maskenpflicht.
    Die Anweisungen von Behörden werden genau befolgt (alles andere wäre unschön für die Betroffenen).
    Die meisten Infizierten leben in den Ballungszentren Accra und Kumasi und ja, es wird getestet.
    • Maracuja 02.07.2020 16:22
      Highlight Highlight @Randalf: Die Anweisungen von Behörden werden genau befolgt

      Die Behörden sind im Übrigen auch bereit, Anweisungen durchzusetzen: Wer auf Maske verzichtet, wird zu einem Arbeitseinsatz (Strassen putzen, jäten u.Ä.) verpflichtet.
    • Randalf 02.07.2020 16:37
      Highlight Highlight
      @ Maracuja
      Ja, das weiss ich. Ich habe es halt nur schöner formuliert.
      Löcher in der Strasse flicken gehört übrigens auch dazu. Auch wenn die Maske nicht korrekt getragen wird.😎
  • Mätse 02.07.2020 13:28
    Highlight Highlight Danke! Guter und ausführlicher Artikel, welcher die Herausforderungen, Vor- und Nachteile und Zusammenhänge afrikanischer Länder gut beschreibt.
    Wir haben das in Madagaskar ziemlich genau so erlebt.

    PS: Mundschutz war von Tag 1 im ÖV und Auto Pflicht! Später auch auf der Strasse. Und die Leute dort haben sich daran gehalten.
  • Theo Rehtisch 02.07.2020 13:18
    Highlight Highlight Naja

    Afrika hat tendenziell eine jüngere Gesellschaft.
    Der Anteil an über 60 jährigen ist also geringer.
    Der Anteil der Risikogruppen an der Gesellschaft ist also kleiner.

    Ergo ist die Anzahl Personen, bei welchen Covid-19 zum Tod führen kann kleiner.
    • smartash 02.07.2020 14:49
      Highlight Highlight Naja

      Schon richtig. Aber du vergisst noch ein paar Faktoren in deiner Gleichung. Mangelernährung (was das Immunsystem auch bei Jungen schwächt) und geringere Medizinische Versorgung
    • Kruk 02.07.2020 17:02
      Highlight Highlight Ja, nur gehört man z. B. mit Mangelernährung, HIV und anderen Krankheiten welche dort weiterverbreitet sind vielleicht auch zur Risikogruppe.

      Die Risikogruppe wird anders sein ob sie grösser oder kleiner ist, ist schwierig zim sagen.
  • fools garden 02.07.2020 12:58
    Highlight Highlight Große, speziell die ländliche Bevölkerung hört hin.
    Wir stellen zuerst vieles in Frage.
  • Shisha 02.07.2020 12:00
    Highlight Highlight Afrika hat ein warmes Klima und eine sehr junge Bevölkerung. Das sind wie wahren Trümpfe. Massgebend für die tiefen Fallzahlen dürfte aber auch ganz einfach die geringe Testkapazität sein. In den Städten wird evt. getestet, auf dem Land ganz sicher nicht.
    • Hans Jürg 02.07.2020 12:32
      Highlight Highlight Ja, Afrika hat ein sehr warmes und feuchtes Klima (zumindest in Zentralafrika) und eine sehr junge Bevölkerung. Das warme Klima mag ja gegen Corona ein Vorteil sein. Dafür begünstigt dieses Klima andere, sehr schlimme Krankheiten: z.B. Malaria.

      Und vielleicht ist ja gerade Malaria daran "schuld" (neben zu wenigen Tests) daran, dass es so wenige offizielle Covid-19-Fälle gibt. In Afrika ist es leider normal, dass man dauernd krank ist und wahrscheinlich wird eine Covid-19-Erkrankung gar nicht als solche erkannt, sondern man hält die Infektion für einen Malaria-Anfall.
    • fools garden 02.07.2020 13:00
      Highlight Highlight Auf die Infektionszahlen hat das Alter nicht wirklich Einfluss, auf den Verlauf natürlich dann schon.
    • pamayer 02.07.2020 16:45
      Highlight Highlight und im relativ dicht bewohnten südafrika entsprechend mehr infiszierte gemeldet.
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Warum trifft die Corona-Pandemie Afrika so viel weniger hart?

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