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Gefährliche Poesie

Früherer Miss Türkei droht Knast, weil sie ein Gedicht über den türkischen Präsidenten Erdogan verbreitet hat

Wer sich kritisch über den türkischen Präsidenten Erdogan äussert, muss mit einem Gerichtsprozess rechnen. Die ehemalige Miss Türkei soll von der Staatsanwaltschaft wegen eines harmlosen Instagram-Posts angeklagt werden.

Hasnain Kazim, Istanbul

Ein Artikel von

Spiegel Online

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan scheint nicht amüsiert zu sein: Weil Merve Büyüksarac im Internet ein Gedicht verbreitete, in dem der Staatschef verspottet wird, droht ihr nun ein Prozess. Ein Staatsanwalt in Istanbul wolle die junge Frau anklagen, teilte der Anwalt von Büyüksarac mit. Das zuständige Gericht habe aber noch nicht entschieden, ob es die Klage zulasse.

Büyüksarac, die 2006 zur Miss Türkei gewählt wurde und jetzt als Designerin und Autorin arbeitet, hatte nach eigenen Angaben per Instagram ein Gedicht aus der Satirezeitschrift «Uykusuz» (Schlaflos) gepostet. In dem Text mit dem Titel «Ustanin Siiri» (Das Gedicht des Meisters) geht es um Bestechung. Im Dezember 2013 war gegen Vertraute Erdogans wegen Korruptionsvorwürfen ermittelt worden. Unter Verdacht geriet auch Erdogans Sohn Bilal, der in dem Gedicht namentlich erwähnt wird.

Nachdem Freunde sie aber gewarnt hatten, dass das Verbreiten des Gedichts Probleme mit sich bringen könnte, habe sie es wieder gelöscht. «Ich habe es geteilt, weil ich es lustig fand», wird sie in der Zeitung «Hürriyet» zitiert. «Ich hatte nicht die Absicht, Erdogan zu beleidigen.»

Dennoch wurde sie bereits Mitte Januar kurzzeitig festgenommen und verhört. Sollte sie verurteilt werden, drohen ihr bis zu zwei Jahren Gefängnis wegen Beleidigung einer öffentlichen Person. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft lägen die Worte, die die Frau verbreitet hat, «jenseits der Grenzen der Meinungsfreiheit», wie es in der Klageschrift heisst.

Die ehemalige Schönheitskönigin ist nur eine von vielen Personen, gegen die in den vergangenen Tagen wegen Beleidigung des Präsidenten vorgegangen wurde.



Wegen der Beteiligung an Korruptionsermittlungen gegen Erdogan und mehrere Minister wurden am heutigen Mittwoch in einer landesweiten Razzia mehrere Polizisten festgenommen. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete, es seien Haftbefehle für 54 Beamte ausgestellt worden. Davon seien 40 bereits festgenommen worden.

Schon im vergangenen Jahr hatte es mehrere Festnahmen von Personen gegeben, die an Korruptionsermittlungen gegen die Regierung beteiligt waren. Erdogan wirft den betroffenen Staatsanwälten und Polizisten vor, Teil des mächtigen Gülen-Netzwerks zu sein, das seinem Erzfeind Fethullah Gülen untersteht.

Gülen, ein islamischer Prediger, der seit Jahren im selbst auferlegten Exil in den USA lebt, wolle die staatlichen Strukturen in der Türkei unterwandern und ihn stürzen, behauptet Erdogan. Dazu habe er einen «parallelen Staat» geschaffen. Die Korruptionsvorwürfe waren im Dezember 2013 bekannt geworden, woraufhin Erdogan, damals noch Premierminister, sein halbes Kabinett austauschen musste.

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