Unvergessen

Treffsicher wie kein Zweiter: Alan Shearer führt die ewige Rangliste der besten Premier-League-Skorer an. Bild: PA

Ausgerechnet der Erzrivale beendet Alan Shearers glorreiche Karriere

22. April 2006: Wenige Tage, nachdem Newcastle-Legende Alan Shearer gegen Erzrivale Sunderland trifft und sich dabei einen Bänderriss holt, geht eine der aussergewöhnlichsten Fussballerkarrieren Englands zu Ende.

22.04.17, 00:01
Tobias Wüst
Tobias Wüst

Alan Shearer ist in Newcastle ein Gott. Dabei gehört der Stürmer gar nicht in die Kategorie der Treueformate wie ein Francesco Totti, der seine Klubfarben seit jeher auf den Platz trägt.

Begonnen hat Shearers Karriere nämlich in Southampton. Von seiner zweiten Premier-League-Station Blackburn wurde er dann 1996 für die damalige Rekordsumme von 20 Millionen Franken zu Newcastle transferiert. Für den waschechten «Geordie» ein Weg zurück zu den Wurzeln. Und zu seinem «Herzensklub».

Der Begriff «Geordie»

Unter «Geordie» versteht man sowohl einen Angehörigen der Bevölkerung der Umgebung von Newcastle upon Tyne in Nordengland als auch den dort vorherrschenden Dialekt des Englischen. Herrlich präsentiert von der MTV-Reality-Soap «Geordie Shore», in der junge Erwachsene – man kann es nicht anders ausdrücken – saufen, raufen und vögeln.

Kein Topklub – kein Titel

In seiner Heimat mausert sich Shearer zum erfolgreichsten Torschützen der Premier League: Mit sagenhaften 260 Toren liegt er beruhigende 65 Tore vor Wayne Rooney, dem besten noch aktiven Spieler in der ewigen Tabelle. Die Schattenseite: Mit Newcastle hat der Starstürmer keinen absoluten Topklub im Rücken, in zehn Jahren gewinnt er keinen einzigen Titel.

Der typische Jubel der Newcastle-Legende. Hier kannst du ihn Schritt für Schritt selber lernen. Bild: AP

Dennoch hat es Shearer alles bedeutet, für seine «Magpies» zu spielen: «Ausserhalb von Newcastle wird das niemand verstehen. Aber wenn du einen ‹Geordie› fragst, der in Newcastle aufgewachsen ist und sein ganzes Leben lang im schwarz-weissen Trikot einen Ball herumgekickt hat – wenn du ihn fragst, was es bedeutet, für diesen Verein zu spielen, wird er es verstehen.»

Auch in seiner Blütezeit hat der heute 44-Jährige seine Wurzeln nie verraten, trotz zahlreicher Angebote von grösseren Klubs. Vor allem ein Transfer zu Manchester United stand lange im Raum, doch für Shearer war immer klar: «Als ich ein kleiner Junge war, träumte ich davon, bei Newcastle zu spielen, die Nummer 9 zu tragen und im St.James' Park Tore zu schiessen. Ich habe meinen Traum gelebt.»

Die besten Tore einer eindrücklichen Karriere. Video: YouTube/North East Now

Das Ende: «Ich wusste, etwas war verloren gegangen»

Am 17. April 2006 läuft Shearer ahnungslos zum letzten Ernstkampf seiner Karriere auf. Die Rücktrittsgedanken geistern dem 35-jährigen Shearer bereits durch den Kopf, die Saison will er aber unbedingt noch beenden.

Doch wie so oft im Fussball kommt alles anders: Gegen Lokalrivale Sunderland trifft er beim 4:1-Sieg, prallt keine zehn Minuten später unglücklich mit einem Gegenspieler zusammen und holt sich einen Bänderriss im linken Knie. Das «Stadium of Light» wird für Shearer zur Alptraum-Stätte.

Shearers 206. Tor für Newcastle ist gleichzeitig sein letztes. Video: YouTube/The Narrator

«Als ich am Montag vom Platz lief, wusste ich tief in mir, dass etwas verloren gegangen war», gesteht Shearer vier Tage und eine Untersuchung später. Tags darauf, am 22. April 2006, verkündet die Newcastle-Legende offiziell seinen Rücktritt.

«Ich zahle dir alles, was du willst, wenn ich dieses Trikot nicht anziehen muss»: Der ultimative Beweis, wie Ernst die Rivalität zwischen Sunderland und Newcastle ist.  Video: YouTube/James Simpson

Ausgerechnet von Erzrivale Sunderland wird seine aussergewöhnliche Karriere abrupt beendet. Ein unwürdiger Abgang für den Weltklasse-Stürmer? Keineswegs, wie Alan Shearer festhält: «Gegen Sunderland treffen und das beste Resultat seit 50 Jahren erzielen? Kein schlechtes Ende!»

Unvergessen

In der Serie «Unvergessen» blicken wir jeweils am Jahrestag auf ein grosses Ereignis der Sportgeschichte zurück: Ob hervorragende sportliche Leistung, bewegendes Drama oder witzige Anekdote – alles ist dabei.

Alle Spieler mit mehr als 100 Toren in der Premier League

16.03.2002: Ein Knochenbrecher-Foul macht aus einem fast gewöhnlichen Fussballspiel die «Battle of Bramall Lane» 

11.11.2011: Der estnische Ersatzspieler, der hier den Ball weitergereicht hat, ist in Wahrheit ein cleverer irischer Fussballfan

28.04.1923: Ein weisses Pferd (das gar nicht weiss war) rettet die chaotische Wembley-Eröffnung – und ist dann angeblich auch noch Schuld am Resultat

02.01.1998: Paul Gascoigne erhält Morddrohungen, weil er einen Flötenspieler imitiert

22.04.2006: Newcastle-Legende Alan Shearer muss abtreten – ausgerechnet wegen Erzrivale Sunderland

14.10.2006: Petr Cech bangt nach einem üblen Zusammenprall um sein Leben und wird danach nie mehr ohne Helm im Tor stehen

14.04.1999: Ryan Giggs schiesst ein Wahnsinns-Tor und entblösst sein Brusthaar. Arsène Wenger hat davon noch immer Alpträume

23.08.2003: Nach dem Traumtor von Blackpools Neil Danns jubelt der Schiedsrichter kräftig mit – oder etwa doch nicht?

28.09.2004: «Der Messias kam nach Manchester» – Wayne Rooney skort in seinem ersten Spiel für die United gleich einen Hattrick

05.05.1956: «Traut the Kraut» spielt den FA-Cup-Final trotz Genickbruch zu Ende und wird vom Kriegsgefangenen zum besten City-Torhüter aller Zeiten

22.12.2007: Arsenal-Bad-Boy Nicklas Bendtner schiesst 1,8 Sekunden nach seiner Einwechslung das schnellste Joker-Tor aller Zeiten

25.11.1964: Dank Bill Shanklys Geistesblitz wird aus dem FC Liverpool ein für alle Mal die Reds

04.02.1997: Goalie Peter Schmeichel erzielt ein Fallrückzieher-Tor – aber es endet im Drama

23.03.2009: José «The Special One» Mourinho wird Doktor – und überrascht mit seiner Dankesrede die Fussballwelt

25.01.1995: King Cantona flippt aus – er setzt zum legendärsten Kick der Fussball-Geschichte an

Singen statt streiten – wie dieses magische Lied ein ganzes Stadion vereinte

Als der «Prinz des Dribblings» den allerersten Cupwettbewerb entschied 

12.02.2011: Wayne Rooneys perfekter Fallrückzieher gegen ManCity lässt sogar Sir Alex schwärmen

21.04.2001: Die späte Rache des Roy Keane – «Schitzo» begeht das böswilligste Foul der Fussball-Geschichte

12.05.2013: Der Wahnsinn von Watford: «Ja, Sie haben gerade die dramatischste Schlussminute aller Zeiten gesehen!»

23.12.2006: Paul Scholes zimmert das Leder mit einer Volley-Rakete unter die Latte – und Ferguson fordert danach eine Entschuldigung von Mourinho

09.11.1997: Der Windarsch kassiert in einem einzigen Fussball-Spiel gleich drei Rote Karten – und ist auch sonst ein liebenswerter Rüpel

15.05.1974: Im Suff stecken schottische Natifussballer ihren Star in ein Boot – das sofort von der Strömung weggetrieben wird

09.10.1996: Schottland spielt in Estland gegen sich selber und wird von der «Tartan Army» lautstark gefeiert

01.03.1980: Everton trauert um Dixie Dean – die Klublegende war so gut, dass ihm ein hässiger Verteidiger einen Hoden zerstörte

26.12.1963: 10 Spiele, 66 Tore – ein Hattrick in dreieinhalb Minuten krönt die unfassbare Torflut am Boxing Day

13.05.2012: Zu früh gefreut! City schnappt United den Titel im grössten Herzschlag-Finale der englischen Geschichte weg

Das berühmteste Mannschaftsfoto der Welt oder der Tag, an dem die Geschichte des Mannes mit den grössten Eiern beginnt

21.10.2013: Pajtim Kasami hämmert «einen der schönsten Volleys überhaupt» ins Crystal-Palace-Tor und verzückt sogar Andy Murray

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